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Horst Schäfer, Claudia Wegener (Hrsg.): Kindheit und Film

Cover Horst Schäfer, Claudia Wegener (Hrsg.): Kindheit und Film. Geschichte, Themen und Perspektiven des Kinderfilms in Deutschland. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. 271 Seiten. ISBN 978-3-86764-135-7. 29,00 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Alltag, Medien und Kultur - Band 5.
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Thema

Der Kinderfilm führte jahrzehntelang ein Schattendasein in den deutschen Kinos. Lediglich Eltern und Lehrer zog es mit ihren Sprösslingen in die frühen Nachmittagsvorstellungen vor die Leinwände. Dementsprechend sind theoretische Auseinandersetzungen mit dem Kinderfilm in der deutschen Fachliteratur rar.

Mit dem Sammelband „Kindheit und Film“ schaffen Horst Schäfer und Claudia Wegener einen Überblick zur Geschichte und zu aktuellen Tendenzen im Kinderfilm in Deutschland. Aufgeteilt in drei thematische Abschnitte, führen fünfzehn verschiedene Aufsätze von Autoren, die sich seit Jahren mit dem Kinderfilm beschäftigen, in die unterschiedlichen Aspekte dieser filmischen Gattung ein.

Aufbau

Im ersten Abschnitt zeichnen die Autoren eine Geschichte des deutschen Kinos mit einem Blick auf die Kindheit nach. Ausgehend von der Weimarer Republik, über die Zeiten des Nationalsozialismus, werden nachfolgend die unterschiedlichen Themen und Produktionsbedingungen in der DDR und BRD beschrieben.

Der zweite Abschnitt setzt sich mit aktuellen Themen im Kinderfilm auseinander und geht auf einzelne spezielle Bereiche ein, wie Kinder- und Jugendschutz, Gender und Erotik, Generationskonflikte oder auch dem Phänomen des Anime.

Im abschließenden Abschnitt befassen sich vier Aufsätze mit den Zukunftsaussichten des deutschen Kinderfilms und plädieren für die Weiterentwicklung der Ästhetik und Stoffe.

Inhalt

Nachdem die beiden Herausgeber eine kurze Einführung in das Thema gegeben haben, widmet sich der erste Abschnitt des Buches der filmhistorischen Entwicklung der Kinderfilme.
Andy Räder geht im ersten Aufsatz der Tradition des deutschen Kinderfilmes nach und sucht sie in der Weimarer Republik. Hier lassen sich jedoch in seiner Analyse lediglich Ansätze festmachen, die sich erst in den 1930er Jahren, unter anderem in der Kästner Verfilmung Emil und die Detektive, zu einer eigenen Gattung entwickelten. Dabei stellt er die Verunsicherung der Gesellschaft und der Distribution mit einem Kino für Kinder heraus, die sich in der frühen Diskussion um das Kino als Kunst schon abzeichnete.
Manfred Hobsch analysiert den Umgang der Nationalsozialisten mit dem Kinderfilm, der im Dritten Reich, trotz des Bewusstseins um die Bedeutung des Filmes zur Propaganda, ein Schattendasein führte. Es wurden nur wenige Filme gedreht, so dass die Kinos auch Filme, die für Kinder geeignet seien, mit ins Nachmittagsprogramm holten. Auch Importe wie das Dänische Komikerpaar Pat und Patachon mussten den Mangel ausgleichen.
Heidi Strobel schaut sich die Kinderfilme im Nationalsozialismus und der frühen Nachkriegszeit genauer an und blickt besonders auf die emotionale Steuerung der Filme wie Hitlerjunge Quax und seiner filmischen Antwort in der DDR (Irgendwo in Berlin).
Horst Schäfer beschreibt die Entwicklung des Kinderfilms in der Bundesrepublik Deutschland von den 1950er bis in die 1970er. Während anfangs hauptsächlich Märchenfilme und Literaturverfilmungen die Leinwände prägten, beziehungsweise die Kindheit ihren Platz in den Familien- und Heimatfilmen fand, setzte nach Schäfer die Immenhof Reihe neue Maßstäbe im deutschen Kinderfilm. In dieser Zeit kamen Kinderstars wie Romy Schneider, Hans Richter oder Cornelia Froboess hervor. Doch mit dem Einsetzen des Kinosterbens in den 1960ern begannen die mageren Jahre des Kinderfilms, der von nun an von Importen (u.a. Walt-Disney-Produktionen oder schwedische Filme) dominiert wurde. Schäfer geht dem Phänomen Fuzzy, einem albernen Cowboyhelden, auf den Grund und sieht in den 1970ern mit Filmen von Hark Blohm und Haro Senft erste zarte Blüten einer neuen Kinderfilmtradition wachsen.
Anders als in der Bundesrepublik war die Situation des Kinderfilms in der DDR. Dieter Wiedemann wirbt für ein Verständnis des DEFA-Kinderfilmes aus einer historischen Betrachtung heraus. Die Produktion in der DDR wurde bereits früh in die Wege geleitet. Ein wichtiger Produktionszweig waren besonders die Märchenfilme, die sowohl national als auch international der erfolgreichste Zweig des DEFA-Kinos waren. Der Gegenwartsfilm hingegen, musste sich zwischen politischen und ideologischen Grenzen und individuellen ästhetischen Ideen der Filmemacher einen eigenen Weg bahnen.

Der Zweite Abschnitt des Sammelbandes wirft seinen Blick auf ausgewählte Themen der Gegenwart.
Holger Twele schreibt in seinem Essay über das Aufgreifen von Zeitströmungen und gesellschaftlichen Diskursen im Kinderfilm und stellt im deutschen Film hierbei einen eklatanten Mangel fest, da wichtige Themen, wenn überhaupt, meist nur mit erheblicher Verspätung im Kinderfilm auftauchen.
Klaus-Dieter Felsmann betrachtet Aspekte des Kinder- und Jugendschutzes im Film und geht auf den Umgang mit Gewaltbildern im Film und der Realität ein. Aber er wirft auch einen Blick auf gesellschaftliche Diskurse und die Suche von Jugendlichen nach Grenzerfahrungen.
Christian Exner widmet sich den Aspekten der Genderfragen im Film und sucht besonders in Die Wilden Kerle und Die Wilden Hühner die Rollendefinitionen für Kinder und Jugendliche. Er beobachtet, neben einer zunehmenden Segmentierung der Filme in ein „Kino für Jungen“ und ein „Kino für Mädchen“, auch einen Mangel des deutschen Kinderfilms im Umgang mit Identität. Hier stellt er besonders den französisch-belgischen-britischen Film Ma Vie en Rose (Mein Leben in Rosarot) dem deutschem Film entgegen.
Auch Generationskonflikten geht der deutsche Kinderfilm laut dem Artikel von Katrin Hoffmann eher aus dem Weg. Anstatt einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Lebenswelten der Kinder und der Erwachsenen werden in Deutschland spannende Filme mit einer stereotypisierten Darstellung von Erwachsenen gedreht.
Einen Ausflug in die Welt des Anime/ Mangas gestaltet Ralf Vollbrecht in seinem Artikel. Er beschreibt die Kultur, die Formensprache und die spezielle Ästhetik dieser japanischen Zeichentrick und Comic Gattung und zeigt sie dem Leser anhand einer Analyse von Tenchi Muyo.
In seinem ersten von insgesamt zwei Artikeln im Buch geht Werner C. Barg den Kindheitsbildern und der Darstellung von Kindern in Spielfilmen für Erwachsenen nach und stellt verschiedene Aufgaben der Rolle von Kindern im Film fest. Sie können als Retrospektive in biografischen Filmen dienen, als eine Art Zeitmaschine für den Wandel in der filmischen Zeit genutzt werden, sie agieren in Familienfilmen, in Filmen mit der Thematik „Mann trifft Kind“ oder als Medium wie zum Beispiel in E.T.

Im letzten Abschnitt versuchen die Autoren einen Blick auf die Entwicklung und Perspektiven des deutschen Kinderfilms zu werfen.
Margret Albers sieht Literaturverfilmungen als die Erfolgsgaranten der letzten Jahre. Hier haben wiederkehrende Literaturklassiker (Erich Kästner), die Favoriten der Eltern (Paul Maar), sowie die Favoriten der Kinder (Die Wilden Kerle) den Kinderfilmmarkt in Deutschland wieder belebt. Aber auch Abseits von Bestsellern konnten gute Kinderfilme nach literarischen Vorlagen (wie Blöde Mütze von Thomas Schmid) entstehen.
Beate Völcker beschreibt die Unterschiede zwischen Kinderfilm und Family Entertainment und stellt fest, dass Filmbildung bildungswürdige Filme (mit der Sicht der Welt auf der Augenhöhe der Kinder) bedürfe.
Katharina Webersieke stellt sich die Frage, wie ein Dokumentarfilm für Kinder gestaltet werden müsse und analysiert anhand von Chaupi Mundi und Die Höhle des Gelben Hundes die Möglichkeiten des hybriden Doku-Kinderfilm zwischen Fiktion und Dokumentation.
Der abschließende Artikel ist der zweite von Werner C. Barg. Hier beschäftigt sich der Autor mit den technologischen Neuerungen im Bereich des Motion Capturings und der CGI (Computer Generated Images) für die Schaffung realistischer und glaubwürdiger Phantasielandschaften, die besonders für Literaturverfilmungen interessant seien, da hier die Lesephantasie auf die technische Umsetzbarkeit träfe.

Diskussion und Fazit

Im Mittelpunkt der einzelnen Kapitel stehen das Konzept und das Verständnis von Kindheit im Film. Die Autoren versuchen weniger eine Gattungsbestimmung anhand der filmischen Ästhetik oder Filmsprache vorzunehmen, sondern betrachten und analysieren die behandelten Filme anhand der Adressierung an ein bestimmtes Publikum (die Kinder), der Reflexion auf kindliche Welten und dem Umgang mit diesen von Seiten der Erwachsenenwelt. Das ist stimmig, da hier verschiedene Aspekte der Kindheit aufgegriffen werden.

Es ist sinnvoll, sich dem vorliegenden Sammelband anhand seiner Struktur zu nähern. Denn die einzelnen Aufsätze folgen einer inneren Logik. Es zeugt von einer guten Redaktion des Buches, dass nicht wahllos einzelne Aufsätze nach den Interessengebieten verschiedener Autoren zusammengewürfelt worden sind.

Die einzelnen Artikel sind in sich schlüssig und geben einen guten Gesamtüberblick zur Geschichte und Position des deutschen Kinderfilms. Besonders die historische Betrachtung im ersten Abschnitt des Buches ist sehr aufschlussreich und hilfreich in der Bewertung der Entwicklung des Kinderfilms bis zum heutigen Zeitpunkt. Die Analysen einzelner Themen aus dem zweiten Abschnitt geben interessante Einblicke und zeigen anhand des internationalen Vergleichs die Mängel im deutschen Kinderfilmwesen auf. Der letzte Abschnitt und die Perspektiven des Kinderfilms weisen einen Weg in die Zukunft der Gattung.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 26.01.2010 zu: Horst Schäfer, Claudia Wegener (Hrsg.): Kindheit und Film. Geschichte, Themen und Perspektiven des Kinderfilms in Deutschland. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. ISBN 978-3-86764-135-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8565.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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