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Lernen Fördern (Hrsg.): Teilhabe ist Zukunft. Berufliche Integration [...]

Cover Lernen Fördern (Hrsg.): Teilhabe ist Zukunft. Berufliche Integration junger Menschen mit Behinderung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2009. 264 Seiten. ISBN 978-3-7841-1865-9. 12,50 EUR, CH: 23,50 sFr.
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Thema

Möglichkeiten, Probleme und Grenzen beruflicher Integration sind schon seit längerer Zeit ein besonders drängendes sonderpädagogisches Themen- und Aufgabengebiet. Auch wenn mit dem SGB mittlerweile ein im Wesentlichen einheitlicher rechtlicher Rahmen vorliegt, ist das Spektrum der Maßnahmen mittlerweile schier unübersehbar. Das vorliegende Buch ist der Tagungsband einer großen Veranstaltung „teilhaben2008.de“ an der Humboldt-Universität Berlin, die gemeinsam durch verschiedene Fachverbände und Bundesarbeitsgemeinschaften ausgerichtet wurde. Er bietet ein aktuelles Bild der Maßnahmen und Bemühungen um die arbeits- und berufsbezogene Integration von jungen Menschen mit Behinderungen.

Aufbau

Nach Vorwort, Grußworten und einer knappen Einleitung ist der Band in vier große Teile gegliedert:

  1. moderne schulische Unterstützung des besonderen Förderbedarfes
  2. Übergänge an der ersten Schwelle: von der Schule in Berufsvorbereitung und Ausbildung
  3. Ausbildung mit besonderen Hilfen in ambulanter, teilstationärer, stationärer oder verzahnter Ausgestaltung
  4. Förderung von Übergängen in den Arbeitsmarkt: Qualifizierung und Begleitung, Betriebspraktika, Integrationsberatung, Integrationsfachdienst

Diesen vier Hauptteilen sind insgesamt 36 Beiträge zugeordnet.

Ausgewählte Inhalte

Aus dem breiten Beitragsspektrum soll im Folgenden je Themenblock ein Beitrag kurz exemplarisch beschrieben werden, in einem Falle noch ein zweiter:

Neben Themen wie Förderdiagnostik, Berufsorientierung und Netzwerkarbeit wird in zwei Beiträgen des ersten Themenblockes auch die in den letzten Jahren aufgekommene Idee der Patenschaften für Förder- oder auch Berufsschüler erörtert. Beispielhaft soll hier jedoch die Vorstellung eines „Screeningverfahrens zur Erhebung der Lernausgangslage für die Berufswahlreife ab Klasse 7“ (SELB) durch Bernd Scheungrab und Friedrich Schulze besondere Erwähnung finden. Bei dezidiertem Bezug auf einen breiteren Literaturfundus stellen die Verfasser die Struktur des Verfahrens, seine Durchführung, Auswertungsmöglichkeiten und Nutzen recht praxisnah dar. Im Eröffnungsbeitrag des zweiten Blocks betrachtet Lisa Griesehop das SGB IX als Leistungsgesetz unter der Fragestellung, wie von Behinderung Betroffene zu Angeboten kommen. Die Fachanwältin für Sozialrecht analysiert differenziert die gesetzlichen Möglichkeiten, bezogen auf behinderte Arbeitnehmer sowie auf Schwerbehinderte.

Auch wenn dem Verfasser dieser Rezension Lokalpatriotismus vorgeworfen werden könnte, sollen aus dem dritten Themenblock zwei bayerische Beiträge erwähnt werden: Im ersten dieser Beiträge stellen Konrad Fath und Jürgen Walter die Ansätze des bayerischen Netzwerks der Berufsbildungswerke zur Integration von Absolventen in den ersten Arbeitsmarkt dar. Hier werden Vermittlungsquoten angesprochen und das Spektrum der Maßnahmen, Möglichkeiten und Strategien zugunsten optimierter Vermittlungserfolge aufgezeigt. Im zweiten hier ausgewählten Beitrag widmet sich Walter Krug der Frage besonderer Notwendigkeiten der Ausbildungsgestaltung für Menschen mit psychischen Störungen, mithin ein Thema, das angesichts der hohen Prävalenzraten psychischer Störungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zunehmend eine der drängenden Fragen zukünftiger Beruflicher Rehabilitation werden dürfte. Das BBW Abensberg, über dessen Arbeit hier berichtet wird, hat sich seit Anfang der 1990er Jahre auf diesen Personenkreis spezialisiert.

Im Rahmen des vierten Themenblocks finden sich lediglich zwei Beiträge. In einem dieser Beiträge stellt Kirsten Hohn einen Handlungsleitfaden zu Qualitätskriterien für die Begleitung von Betriebspraktika vor, der Fachkräften in der beruflichen Integration eine Unterstützung bieten soll. Die empirisch gestützte Entwicklung des Leitfadens wird ebenso erörtert wie Aspekte seiner Umsetzung.

Zielgruppen

Der Band könnte für all diejenigen interessant sein, die selbst in der Beruflichen Rehabilitation, in Maßnahmen der Benachteiligtenförderung oder auch in Förderschulen tätig sind. Darüber hinaus wendet er sich an Forscherinnen und Forscher, die einen aktuellen Überblick laufender Praxisprojekte bekommen möchten.

Diskussion

Der vorliegende Band beinhaltet eine große Fülle von knapp 40 kurzen Beiträgen. Damit handelt es sich um einen typischen Tagungsband mit allem Für und Wider: Auf der einen Seite steht ein großes und inhaltlich sehr breites Spektrum von Beiträgen, die fast durchweg direkt aus der Praxis stammen. Der Leser kann einen recht guten, wenn auch nicht direkt intendierten, denn doch relativ repräsentativen Überblick zu den Bemühungen und arbeits- und berufsbezogene Teilhabe erhalten. Die Beiträge sind fast durchweg sehr konsequent praxisorientiert und stellen die jeweiligen Konzepte und Maßnahmen in Form von sehr knappen Einblicken dar. Hier besteht für den Leser auch die Möglichkeit, bei Projekten, die ihn interessieren oder Ähnlichkeit zu seinen eigenen aufweisen, direkt Kontakt mit anderen Pädagogen in der Praxis aufzunehmen, da die jeweiligen Projektdurchführenden mit Kontaktadressen genannt sind.

Auf der anderen Seite sind die Beiträge durch die vier gebildeten Hauptkapitel nur sehr rudimentär geordnet, und sie wurden nicht für diese Systematik geschrieben. Die meisten Texte weisen recht wenig Theoriebezug auf; leider fehlen auch zu vielen Beiträgen Literaturhinweise. Das qualitative Spektrum erweist sich ebenfalls als sehr breit. Manche Beiträge wurden leider offenbar nur sehr knapp um die offenbar für die Vorträge verwendeten Folien „herumgeschrieben“; hier hätte sich der Leser deutlich mehr inhaltliche Informationen und auch mehr Engagement bei der Textabfassung gewünscht. Auch entstehen durch die Aneinanderreihung der aus Vorträgen entstandenen Manuskripte erhebliche Redundanzen (Was ist ein Berufsbildungswerk?), die seitens der Herausgeber hätten vermieden werden können.

Damit bietet der Band gerade das nicht, was derzeit dringend wünschenswert wäre: eine systematische, überblicksartige Ordnung des Flickenteppichs einzelner Maßnahmen, der in diesem Sektor in den letzten Jahrzehnten entstanden ist.

Am Rande sei mit Bedauern erwähnt, dass nur wenige Beiträge, genau zwei, dem Themenkomplex des Überganges in den Arbeitsmarkt zugeordnet werden konnten. Dabei handelt es sich ja um den entscheidenden Bereich. Zwar können zuvor Bildungsbemühungen angebahnt werden, aber der erfolgreichen Verankerung in Arbeit und Beruf kommt ein ganz besonderer Stellenwert zu. Es scheint symptomatisch für die Ausrichtung der Bemühungen des gesamten Fördersystems in den letzten Jahrzehnten, dass gerade diesem Bereich die geringste Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Fazit

Der vorgelegte Band beinhaltet knapp 40 kurze Beiträge einer Fachtagung. Sie bieten ein interessantes, aktuelles und sehr praxisnahes Spektrum einzelner Bemühungen, Ideen, Konzepte und Reflexionen zum Kontext Beruflicher Rehabilitation. Allerdings erweist sich das qualitative Spektrum der Beiträge und die Sorgfalt der Aufbereitung für einen Textband als recht breit und die Systematisierung nicht immer als ausreichend klar.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 30.12.2009 zu: Lernen Fördern (Hrsg.): Teilhabe ist Zukunft. Berufliche Integration junger Menschen mit Behinderung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2009. ISBN 978-3-7841-1865-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8575.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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