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Fabienne Becker-Stoll, Renate Niesel u.a.: Handbuch Kinder in den ersten drei Lebensjahren

Cover Fabienne Becker-Stoll, Renate Niesel, Monika Wertfein: Handbuch Kinder in den ersten drei Lebensjahren. Theorie und Praxis für die Tagesbetreuung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2009. 192 Seiten. ISBN 978-3-451-30142-1. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Qualität für die Jüngsten in der Kindertagesbetreuung und Bildung steht in diesem Buch im Vordergrund. Beispiele aus dem pädagogischen Alltag sollen anschaulich die theoretisch-fachlichen Grundlagen aufzeigen. Neben Bindungstheoretischen Grundlagen thematisieren die Autorinnen die Lernentwicklung, räumliche und personelle Ausstattung sowie Beobachtungs- und Dokumentationsformen.

Autorinnen

Privatdozentin Fabienne Becker-Stoll, lehrt in München an der Ludwig-Maximilians-Universität und leitet das Staatsinstitut für Frühpädagogik. Renate Niesel und Dr. Monika Wertfein sind ebenfalls am IFP München tätig.

Aufbau und Inhalt

Dem Vorwort von Karin und Klaus E.Grossmann folgt eine kurze Einführung der drei Autorinnen, die unter anderem die Unterschiede zwischen Säuglingen, Toddlern und Kleinkindern bereithält.

Das erste der acht Kapitel lautet Kinder unter drei Jahren – aktive (Mit-)Gestalter ihrer Entwicklung. Es untergliedert sich in die folgenden vier Unterpunkte:

  • Das veränderte Bild vom Kind
  • Das Verständnis von Entwicklung
  • Frühkindliches Lernen – neue Erkenntnisse der Säuglings- und Hirnforschung
  • „Bildung – Erziehung – Betreuung“ in den ersten drei Lebensjahren

Einleitend wird das veränderte Bild vom Kind und damit einhergehend auch der gestiegene Anspruch an Erziehungsleistungen beschrieben. Der Bezug zu u.a. Pestalozzi, Fröbel, Montessori und Malaguzzi verdeutlicht eine neue Sicht auf das Kind, welche im gesellschaftlichen Vergleich zu der jeweiligen Zeit anspruchsvoller, reicher und vielfältiger scheint. Das Kind wird zunehmend und von Geburt an als aktiv lernendes Wesen gesehen. Damit einher geht eine veränderte Rolle der Pädagogen, unter anderem als Ko-Konstrukteure in Bildungsprozessen. Das erste Kapitel schließt mit dem Versuch der Definition der Begriffe: Bildung, Erziehung (S.33) und Betreuung (S.34).

Kapitel zwei, Bindung – früheste Voraussetzung für Entwicklung und Bildung setzt sich wie folgt zusammen:

  • Bindung und Exploration gehören zusammen
  • Wie entwickelt sich Bindung im ersten, zweiten und dritten Lebensjahr?
  • Von der Mutter-Kind-Bindung zur Erzieherin-Kind-Bindung
  • Feinfühligkeit, Stressreduktion und Explorationsunterstützung – Aufgaben der pädagogischen Fachkraft

Es wird zunächst mit John Bowlby eingeleitet, das Bindungs- und Explorationsverhalten erklärt und der Zusammenhang zwischen beiden erläutert. Kinder binden sich an Bezugspersonen und können erst dann explorieren wenn sie sich sicher gebunden fühlen. „Wenn das Bindungsverhaltenssystem aktiviert ist, kann das Explorationsverhaltenssystem nicht aktiviert werden.“ (S.37). Es werden die vier Phasen (nach Ainsworth) vorgestellt, in denen sich die Bindung in den ersten Lebensjahren entwickelt (S.39f). Desweiteren wird die Wichtigkeit der Feinfühligkeit von Bindungspersonen herausgestellt und die verschiedenen Bindungsverhaltensstrategien dargelegt. Beginnend mit der Eingewöhnung, über die Rolle der Bezugserzieherin und abschließend mit der Darstellung der pädagogischen Aufgaben der Fachkräfte, wird das Kapitel beendet.

Der Bildungsauftrag in Kindertageseinrichtungen heißt Kapitel drei. Folgende drei Unterpunkte finden hier Beachtung:

  • Der Anspruch auf Bildung in den ersten drei Lebensjahren
  • Schlüsselthemen auch für frühe Bildungsprozesse
  • Bildung im Alltag der Tageseinrichtung

Begonnen wird hier mit dem Beschluss „Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen“, der 2004 verabschiedet worden ist. Im Zuge dessen schrieben alle Bundesländer ihre Bildungspläne um die Arbeit in Kindertageseinrichtungen zu konkretisieren. Schlüsselthemen für frühe Bildungsprozesse wie Autonomieerleben, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit werden benannt (S.57). Wohlbefinden, interkulturelle Bildung, Identitätsentwicklung, Resilienz, Übergänge und Gender werden in ihrer Rolle für die Bildung für die Kleinsten erörtert.

Das vierte Kapitel Bildungsbegleitung – Voraussetzung für gelingende Entwicklung in den ersten drei Lebensjahren untergliedert sich wie folgt:

  • Entwicklungspsychologische Grundlagen
  • Bildungsbegleitung im Dialog mit dem Kind
  • Kindgerechte Tagesabläufe und anregende Lernumgebung

Auf ca. zehn Seiten wird hier ein entwicklungspsychlogischer Überblick gegeben, dem sich eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Bildungsbegleitung anschließt. Hierbei wird darauf verwiesen welchen Stellenwert die Engagiertheit des Kindes hat. Diese zeichnet sich u.a. durch folgendes aus: Ausdauer und Konzentration, Kreativität und Explorationsfreude, Freude und Befriedigung, Genauigkeit und Präzision und Energie (S.85). Weitere Themen sind der offene Dialog und feinfühliges Antwortverhalten (S.90), Kindzentrierung (S.92), Bildung und Bindung durch Rituale (S.94) und Beziehungsvolle Pflege (S.95). Als abschließendes Thema des vierten Kapitels werden funktionale Raumkonzepte und Anregende Bildungsräume gewählt (S.100f).

Die Bedeutung von Peers wird im fünften Kapitel Auch die Jüngsten lernen von und mit anderen Kindern beschrieben, hierbei wird folgendes betrachtet:

  • Kinder sind soziale Wesen – von Geburt an
  • Soziale Kontakte und Interaktion unter Kindern begleiten
  • Kinder „unter drei“ in Gruppen mit erweiterter Altersmischung

Argumente wie „Jüngere Kinder können noch nicht richtig miteinander spielen“ und „…sind nicht gruppenfähig“ (S.102) galten als Kontra früher Kinderbetreuung. Hier wird argumentiert, dass „Kontakte zwischen Kindern (.) freiwillig und partnerschaftlich“ sind (S.103) und durchaus positiv für junge Kinder. Es werden verschiedene Aspekte beleuchtet, u.a. die Spielpartnerbeziehung, Imitationsfähigkeit, Reziprozität und Perspektivübernahme. Anschließend werden soziale Kompetenzen in den ersten drei Lebensjahren genauer erläutert (S.209f). Geschlechtsspezifik und Konflikte zwischen Kindern und das Spielverhalten sind weitere Themen. Auch die „erweiterte Altersmischung“ bei den Unterdreijährigen wird diskutiert und vielseitig beleuchtet (S.122ff).

Mit welchen Mitteln der Beobachtung, Dokumentation und Entwicklungsbegleitung in den ersten drei Lebensjahre Rechnung getragen werden kann, soll das sechste Kapitel behandeln. Dabei werden folgende Unterpunkte benannt:

  • Warum beobachten? – Bildung und Beobachtung gehören zusammen
  • Wie beobachten? – Voraussetzungen und Merkmale professioneller Beobachtung
  • Was beobachten? – Beobachtung und Dokumentation von Bildungsprozessen und Entwicklungsschritten

Die Bedeutung von Beobachtungen und deren Verankerung in deutschen Bildungs- und Erziehungsplänen wird hier konstatiert. Der Zusammenhang von Bildung- und Beobachtung wird näher beleuchtet (S.133f).Weiterhin werden folgende Aspekte der Beobachtung bearbeitet: „Beobachtung ist Ausdruck einer pädagogischen Grundhaltung“ (S.134), „Beobachtung ist subjektiv“ (S.134), „Beobachtung ist ressourcenorientiert“ (S.135), „Beobachtung schließt Kommunikation ein“ (S.135) und „Beobachtung ermöglicht die Beschreibung individueller Entwicklungsverläufe“ (S.136). Abschließend wird als Beispiel eine Lerngeschichte vorgestellt. Neben Beobachtungsgrundsätzen werden unter anderem bewährte Methoden und der Zeitrahmen diskutiert. Systematische Beobachtungsverfahren (Grenzsteine der Entwicklung - Laewen, Screeningverfahren EBD3-48 – Petermann, Petermann und Koglin und Kuno Bellers Entwicklungstabelle – Beller & Beller) werden unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte, u.a. Ziele, Orientierung, Klassifikation, Vor- und Nachteile, miteinander verglichen.

Unverzichtbare Qualitätsmerkmale der Kindertagesbetreuung in den ersten Lebensjahren wird in Kapitel sieben beschrieben. Dabei wird unterteilt in

  • Qualität von Anfang an
  • Studie zur Bildungsqualität in Krippen – eine Untersuchung
  • Worauf kommt es an? – Eckpunkte zur Qualitätssicherung in der Praxis

An Hand eines Schaubildes werden Organisation-, Struktur-, Orientierungs- und Prozessqualität miteinander und mit Elternabstimmung/Vernetzung und Kindlichem Entwicklungsstand in Verbindung gebracht und die verschiedenen Ebenen dargestellt. Hierbei wird als „zentrale Anforderung zur Sicherung der qualitativ hochwertigen pädagogischen Arbeit“ (S.153) der Erzieherin-Kind-Schlüssel dargestellt. Eine kurze Zusammenfassung einer Studie zur Qualität in Krippen (S.156) sowie die Eckpunkte zur Qualitätssicherung in der Praxis (S.158) beenden das siebte Kapitel.

Kapitel acht heißt: So gelingt frühe Bildung – Erziehung – Betreuung in den ersten Lebensjahren

und unterteil sich in folgende Unterpunkte:

  • Verantwortung der Fachkräfte
  • Verantwortung von Familien und sozialem Umfeld
  • Verantwortung von Trägern, Ausbildung und Politik

Hierbei werden die verschiedenen Verantwortungsbereiche untergliedert und genauer beleuchtet.

Am Ende des Buches werden zu den jeweiligen Kapiteln „Vertiefende Leetipps“ gegeben (S.173f).

Diskussion

Im Zuge des Ausbaus der Krippenplätze in Deutschland ein lesenswertes Buch mit den wichtigsten Informationen auf einen Blick. Die bedeutendsten Themen bezüglich der Jüngsten in Deutschland werden behandelt und mit den Lesetipps weiterführende Literatur empfohlen, die das Bild komplettieren und jedem Interessenten dienlich sein können. Bei der Fülle der Thematik auch durchaus sinnvoll.

Fazit

Meines Erachtens ein gelungener Überblick zu einem spannenden Thema, dessen Stellenwert sicher in Zukunft steigen wird. Lesenswert!


Rezension von
Anne Kirchhoff
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Zitiervorschlag
Anne Kirchhoff. Rezension vom 17.05.2010 zu: Fabienne Becker-Stoll, Renate Niesel, Monika Wertfein: Handbuch Kinder in den ersten drei Lebensjahren. Theorie und Praxis für die Tagesbetreuung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2009. ISBN 978-3-451-30142-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8576.php, Datum des Zugriffs 05.08.2021.


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