Karin Altgeld, Sybille Stöbe-Blossey (Hrsg.): Qualitätsmanagement in der frühkindlichen Bildung [...]
Rezensiert von Prof. Dr. Bernhard Kalicki, 29.03.2010
Karin Altgeld, Sybille Stöbe-Blossey (Hrsg.): Qualitätsmanagement in der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung. Perspektiven für eine öffentliche Qualitätspolitik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 264 Seiten. ISBN 978-3-531-16008-5. 29,90 EUR.
Thema
Bemühungen zur Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung im System der Kindertagesbetreuung haben in Deutschland eine über zehnjährige Tradition. In der Zwischenzeit liegt eine Reihe unterschiedlicher Qualitätskonzepte und QM-Verfahren vor; ein verbindliches und einheitliches Gütesiegel konnte sich – nicht zuletzt wegen der Funktionslogik der Jugendhilfe (Stichwort: „Trägerautonomie“) und der Fraktionierung der Zuständigkeiten (Stichwort: „Föderalismus“) nicht durchsetzen. Der vorliegende Band plädiert in vielen der Einzelbeiträge wiederkehrend für den verbindlichen Einsatz von Verfahren des Qualitätsmanagements in der Frühpädagogik, für die Anwendung einheitlicher Qualitätskriterien und für die Zertifizierung von Kindertageseinrichtungen, etwa anhand der „Kindergarten-Einschätz-Skala“ (KES-R).
Herausgeberinnen und AutorInnen
Die beiden Herausgeberinnen dieses Bandes, Karin Altgelt und Sybille Stöbe-Blossey, forschen am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, Abteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“ (BEST). Sybille Stöbe-Blossey ist zudem freie Mitarbeiterin der Pädagogische Qualitäts-Informations-Systeme gGmbH (PädQuis) – eine Information, die sich leider nicht im Autorenverzeichnis findet.
Mehrere Autoren vertreten einen Zertifizierungsansatz zur Qualitätssteuerung in Kindertageseinrichtungen und bieten entsprechende Dienstleistungen an: Wolfgang Tietze ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin, Urheber der „Kindergarten-Einschätz-Skala“ (KES-R) sowie ihrer Varianten (z. B. KRIPS, TAS) und Geschäftsführer der Pädagogische Qualitäts-Informations-Systeme gGmbH (PädQuis) und der EduCert GmbH. Katia Tödt arbeitet als Organisationsberaterin bei der ArtSet Forschung Bildung Beratung GmbH und stellt in dem Buch das von diesem Unternehmen entwickelte und angebotene Qualitätskonzept „Lernerorientierte Qualitätstestierung für Kindertagesstätten“ (LQK) vor.
Antje Bostelmann ist Geschäftsführerin der KLAX gGmbH, eines Anbieters von Kindertagesbetreuung. Dieter Dohmen ist Gründer, Inhaber und Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS).
Die übrigen Autoren bzw. Autorengruppen aus Deutschland lassen sich durchweg als Kunden der Unternehmen PädQuis/EduCert identifizieren: Bernt-Michael Breuksch ist als Ministerialrat im nordrhein-westfälischen Familienministerium zuständig für die Kindertagesbetreuung und beauftragte das PädQuis-Institut mit der wissenschaftlichen Begleitung des Landesprojekts „Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren“ einschließlich der Entwicklung eines „Gütesiegels Familienzentrum NRW“. Ulrich Braun ist als Abteilungsleiter im Jugendamt der Stadt Recklinghausen zuständig für Kindertageseinrichtungen und ließ im Jahr 2001 sämtliche kommunale Tageseinrichtungen für Kinder mit der Kindergarten-Einschätz-Skala (KES) fremdevaluieren; in den Folgejahren kamen weitere Aufträge an PädQuis/Educert hinzu (vgl. Braun 2005b). Ilse Wehrmann war bis 2007 Geschäftsführerin des Landesverbands Evangelischer Tagereinrichtungen für Kinder in Bremen. Der Bremische Landesverband ließ im Zuge der im Jahr 2000 gestarteten Qualitätsoffensive die pädagogische Qualität der ihm angeschlossenen Einrichtungen durch das PädQuis-Institut untersuchen.
Die Autoren der internationalen Beiträge repräsentieren Wohlfahrtsverbände (Manuel Achten, Nicole Horn und Danielle Schonen/Caritas Luxemburg), universitäre Forschungsinstitute (Tony Bertram und Christine Pascal/Universität Worcester; Jan Peeters/Universität Gent) sowie die Ministerialbürokratie (Rolf Grafwallner/Bildungsministerium des US-Bundesstaats Maryland). André Menke schließlich war in früherer Zeit freier Mitarbeiter des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, Abteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“ (BEST) und besuchte im Rahmen der Projektarbeit Schweden.
Entstehungshintergrund
Nachdem eine Forschungsgruppe der Abteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“ (BEST) am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der Hans Böckler Stiftung mit einer sog. „Transparenzstudie“ die vorliegenden Qualitätskonzepte für die Frühpädagogik gesichtet und systematisiert hatte (Esch et al. 2006), will der vorliegende Band die Qualitätsdiskussion durch Überlegungen zur politisch-administrativen Steuerung des Systems der Kindertagesbetreuung („Qualitätspolitik“), durch praktische Beispiele eines frühpädagogischen Qualitätsmanagement sowie durch die Sichtung internationaler Entwicklungen und Erfahrungen vorantreiben (S. 13).
Aufbau und Inhalt
In einem einführenden Kapitel erläutern die Herausgeberinnen Karin Altgeld und Sybille Stöbe-Blossey den Aufbau des Buches und legen dabei eine Taxonomie von QM-Ansätzen zugrunde. Demnach lassen sich die vorliegenden frühpädagogischen Qualitätskonzepte unterscheiden in …
- allgemeine Steuerungsverfahren mit definierten Qualitätskriterien, die fachlich begründete und ggf. nach oben geöffnete Mindeststandards vorgeben und mit einer externen Zertifizierung verbunden sind (z. B. die „Kindergarten-Einschätz-Skala“ [KES-R], eine deutsche Adaptation der US-amerikanischen „Early Childhood Enviroment Rating Scale“ [ECERS]);
- konzeptgebundene Verfahren mit definierten Qualitätskriterien, die trägerspezifische Priorisierungen oder aber die Handlungsprinzipien eines bestimmten pädagogischen Ansatzes abbilden;
- normierte Organisationsentwicklungsverfahren, die sich an branchen- oder praxisfeld-übergreifenden Verfahren des Qualitätsmanagement wie der DIN EN ISO 9000 orientieren, diese u. U. trägerspezifisch konkretisieren und die eine externe Qualitätsfeststellung oder Zertifizierung zwar nicht zwingend erfordern, häufig jedoch zulassen;
- fachspezifische Organisationsentwicklungsverfahren, die einzelne Aufgabenbereiche fokussieren, die Beteiligten stark einbeziehen in die Qualitätsfeststellung und -entwicklung und die typischerweise keine externe Evaluation oder Zertifizierung vorsehen.
In Dieter Dohmens Beitrag „Kosten und Nutzen eines Gütesiegels für Qualität“ sollen in einer weitgehend als Gedankenspiel angelegten Analyse „die möglichen Wirkungsketten aufgezeigt werden, die bessere Qualität haben würden bzw. haben könnten“ (S. 21). Kosten und Nutzen werden „exemplarisch“ (Abb. 3, S. 36) systematisiert, da eine Quanifizierung der Parameter und damit der Bilanzierung nicht möglich ist, beruht das Fazit auf reinen Mutmaßungen.
Wolfgang Tietze und Hee-Jeong Lee stellen „Ein System der Evaluation, Verbesserung und Zertifizierung pädagogischer Qualität von Kindertageseinrichtungen in Deutschland“ vor. Ausgehend von einem Modell, das zentrale Qualitätsaspekte unterscheidet und die Funktionalität der Tagesbetreuung sowohl für die kindliche Entwicklung als auch für die Familie fokussiert, werden die Qualitätsfeststellung anhand der Kindergarten-Einschätz-Skala (KES-R) und der Zertifizierungsprozess anschaulich illustriert.
Bernt-Michael Breuksch und Katja Engelberg schildern die Chronologie der Bemühungen des Landes Nordrhein-Westfalen bei der „Qualitätsentwicklung in der institutionellen Kindertagesbetreuung“ und stellen dabei die jüngste Entwicklung, die Einführung eines Gütesiegels für Familienzentren, besonders heraus.
Ulrich Braun geht aus der Sicht einer Kommune auf die aktuelle Qualitätsdebatte ein, nimmt die entsprechenden Maßnahmen des Landes Nordrhein-Westfalen kritisch in den Blick und endet mit einer Reihe von Ideen und Vorschlägen für die Qualitätssteuerung durch die Landespolitik.
Antje Borstelmann gibt mit ihrem Beitrag einen Einblick in die Einführung eines Qualitätssystems in den KLAX-Kindergärten. Der Beitrag von Katja Tödt stellt die „Lernerorientierte Qualitätstestierung für Kindertagesstätten“ entsprechend dar. Ilse Wehrmann liefert einen Erfahrungsbericht aus der Perspektive eines großen kirchlichen Trägerverbands.
Die internationalen Beiträge behandeln landesspezifische Anstrengungen zur Qualitätssicherung in den entsprechenden Bildungs- und Betreuungssystemen und liefern die für ein Verständnis nötigen Hintergrundinformationen. Berücksichtigung finden dabei Erfahrungen aus…
- Luxemburg (Manuel Achten, Nicole Horn & Daneille Schronen);
- England (Tony Bertram & Chris Pascal);
- Flandern (Jan Peeters)
- Maryland, USA (Rolf Grafwallner);
- Schweden (André Menke).
Das Schlusskapitel der Herausgeberinnen geht nicht mehr auf die Kernaussagen der Einzelbeiträge ein, diskutiert auch nicht mehr das Für und Wider der Zertifizierung, sondern kommt zu dem Schluss: „Es erscheint somit sinnvoll, politisch-administrativ verbindliche Akkreditierungsverfahren einzuführen, an denen sich alle Träger und Einrichtungen orientieren müssen.“ (S. 258)
Diskussion
Der vorwiegend spekulative Beitrag von Dohmen überrascht durch eine Kosten-Nutzen-Analyse mit unbekannten bzw. unbegründeten Kostenparametern. Zwar kann der Autor den relativen Anteil der Kosten für die Qualitätssteuerung durch ein verbindliches und einheitliches Gütesiegel auf unter 0,5 Prozent der entsprechenden Jugendhilfekosten quantifizieren, die angesetzten Kostenwerte für die Entwicklung und Einführung eines Gütesiegels (1,6 bis 4,0 Mio €) sowie die jährlichen Kosten für die flächendeckende Durchführung der Evaluationen (30 bis 60 Mio €) werden jedoch nicht hergeleitet (S. 26). Nicht weniger vage und ebenso unbegründet sind die vermuteten Nutzenaspekte eines solchen Gütesiegels. In der differenzierten Auflistung der kurzfristigen Effekte besserer Kita-Qualität auf das Kind entlarven zwei Anhänge die Beliebigkeit des gesamten Gedankenspiels (Punkt 5: „höheres Selbstwertgefühl etc.“, Punkt 8: „verbesserte Eltern-Kind-, insbesondere auch Mutter-Kind-Beziehung etc.“; vgl. Abb. 1., S. 27). Geärgert wird der Leser darüber hinaus durch die vielen fehlenden Quellenangaben zur zitierten Literatur.
Die landes- und kommunalpolitischen Erfahrungsberichte nehmen ausschließlich die Situation in Nordrhein-Westfalen in den Blick. Ulrich Braun verlässt dabei mit manchen polemischen Urteilen den Rahmen eines fachlich-akademischen Diskurses.
Die Praxisbeispiele von Antje Borstelmann und von Katja Tödt nutzen das Buchforum, das eigene Konzept darzustellen. Diese Kapitel erinnern an Werbematerialien, wenn etwa ausgestellte Zertifikate (S. 121) oder ein Produkt-Logo (S. 136) abgebildet werden. Wie solche Beiträge Eingang finden in das Programm eines Wissenschaftsverlages, bleibt unverständlich.
Die Erkenntnisse, die aus den internationalen Beiträgen gewonnen werden können, sind begrenzt. So würdigen die Autoren in den Schlussteilen ihrer Erfahrungsberichte den Erfolg der landesspezifischen Maßnahmen, verzichten jedoch – mit Ausnahme des Beitrags von André Menke – auf generalisierende, über die eigenen Landesgrenzen hinausweisende Schlussfolgerungen oder Empfehlungen. Das Abschlusskapitel der Herausgeberinnen fängt dieses Manko nicht auf.
Fazit
Das Buch stellt ein Plädoyer für die Einführung verbindlicher und einheitlicher Verfahren des Qualitätsmanagements im deutschen System der Kindertagesbetreuung dar. Es ist nicht allein für den Leser von Interesse; Herausgeber und einige Mitautoren verfolgen mit diesem Buch eigene wirtschaftliche Interessen.
Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Kalicki
Diplom-Psychologe
Forscht am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München und lehrt an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH).
Website
Es gibt 5 Rezensionen von Bernhard Kalicki.





