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Ullrich Bauer (Hrsg.): Health inequalities

Rezensiert von Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen, 01.09.2010

Cover Ullrich Bauer (Hrsg.): Health inequalities ISBN 978-3-88619-824-5

Ullrich Bauer (Hrsg.): Health inequalities. Argument Verlag (Hamburg) 2009. 159 Seiten. ISBN 978-3-88619-824-5. 15,50 EUR.
Reihe: Jahrbuch für kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften ... - 45.

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Entstehungshintergrund und Thema

Der Band ist das Ergebnis eines konzeptionellen und personellen Neubeginns des früheren „Jahrbuchs für Kritische Medizin“, das in den frühen siebziger Jahren gegründet wurde und seit dieser Zeit (zunächst als „Kritik der bürgerlichen Medizin“) ein Diskussionsforum zum gesellschaftlichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit geboten hat. Hintergrund der Umstellung war „eine weit verbreitete Unzufriedenheit in der Redaktion mit der Entwicklung der eigenen Arbeit und mit dem Produkt ‚Jahrbuch‘ selbst“ (Editorial). Die Hinzufügung des Begriffs „Gesundheitswissenschaften“ im Titel trägt der von der Redaktion für notwendig erachteten Erweiterung des Themenspektrums Rechnung und soll der nach außen hin sichtbarste Ausdruck der Veränderung sein. Ein sichtbares Zeichen von Wandel liefert auch die Besetzung der Redaktion, der neben bewährten auch viele neue Mitglieder angehören („größer, jünger, weiblicher und insgesamt bunter“, ebd.). Eine weitere Neuerung kommt hinzu: Alle Beiträge des Jahrbuchs sollen künftig von Redaktionsmitgliedern und Außenstehenden ‚peer-reviewed‘ werden, so auch die Texte des vorliegenden Bandes.

Das neue Jahrbuch soll, ungeachtet der inhaltlichen und personellen Neuerungen, die Tradition der früheren Reihe fortführen: „Es soll ein Projekt der Linken im Gesundheitswesen sein; es soll ein Projekt der radikalen Analyse und Kritik an der bestehenden Wissenschaft und Praxis sein, das auf strategische Rücksichtsnahmen verzichtet; es soll strategisch wichtige Themen gegen den Mainstream bearbeiten und in seinen Analysen den Bezug zur Gesellschaft herstellen.“ (ebd.).

In der Konsequenz dieses Ziels befasst sich gleich das erste Heft des neuen Jahrbuchs mit einem zentralen Themenschwerpunkt der modernen Gesundheitswissenschaften, nämlich der Analyse sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheiten. ‚Health Inequalities‘ zeigt die Zusammenhänge von sozialen Ungleichheiten in den Bereichen Bildung, Einkommen, Vermögen etc. mit Ungleichheiten im Blick auf Erkrankungsrisiken, Heilungschancen und Sterberisiko auf. In Deutschland lassen sich, wie in anderen Nationen, sozial bedingte gesundheitliche Ungleichheiten in der Folge der insgesamt stark gestiegenen sozialen Ungleichheiten eindeutig nachweisen. Diese Erkenntnisse finden aber in Deutschland nach Meinung der Jahrbuch-Redaktion noch wenig Beachtung. Im internationalen Vergleich sei die gesellschaftliche und politische Diskussion über Health Inequalities in Deutschland nur sehr zögerlich in Gang gekommen. Das Jahrbuch will mit seinem vorliegenden Band diesen Diskurs anstoßen und mit wichtigen Informationen versehen.

Zielgruppen und Autoren

Der Band richtet sich an alle Personen und Gruppen, die im weitesten Sinne an den Themen soziale Ungleichheit und Gesundheit bzw. Gesundheitswesen interessiert sind. Alle Teilbereiche des Gesundheitswesens und der modernen Gesundheitswissenschaften werden angesprochen, von Medizin und Soziologie über Soziale Arbeit und Pflegewissenschaften bis hin zur Politikanalyse und praktischen Politik. Die Texte sind in der Mehrheit in einer fachlichen, aber dennoch auch für Laien der jeweiligen fremden Disziplinen gut lesbaren Sprache verfasst.

Entsprechend der thematischen Vielseitigkeit des Themas arbeiten WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichsten Disziplinen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Fragestellungen an der Analyse von Health Inequalities mit. Diese wissenschaftliche Breite des Themas spiegelt sich auch in den wissenschaftlichen und beruflichen Sozialisationen der sechs AutorInnen des vorliegenden Jahrbuchs. Ihre Beiträge widmen sich in erster Linie der theoretischen Herausforderung der Analyse von Health Inequalities. Neben vier deutschen Autoren kommen zwei der bekanntesten Autoren der internationalen Diskussion mit übersetzten Texten zu Wort. Ein siebter ‚Autor‘ ist nicht mit einem eigenen Text, sondern als Interviewpartner zweier Redaktionsmitglieder präsent.

Aufbau und Inhalt

Der Band beginnt mit einem ausführlichen Editorial, das die neue Konzeption des Jahrbuchs vorstellt und einen informativen und für die Lektüre hilfreichen Überblick über das Thema des Jahrbuchs und die einzelnen Beiträge gibt.

Daran schließt sich eine Würdigung des Ende 2008 verstorbenen Klaus Priester durch die Redaktion an. Priester war zuletzt Professor an der Ev. FH Ludwigshafen, wo er seit 1966 Sozialmedizin, Medizinsoziologie und Gesundheitswissenschaft lehrte. In zahlreichen Aufsätzen und Buchveröffentlichungen hatte er sich für „die menschengerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen“ und „ein auf Solidarität sowie sozial gleichen Teilhabechancen beruhendes System der Gesundheitssicherung“ (S. 11) engagiert. Priester war dem Jahrbuch für Kritische Medizin schon seit dessen Frühzeit eng verbunden gewesen. Auch am neu gestalteten Jahrbuch für Kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften hatte er mitwirken wollen.

Mit der Dokumentation eines langen Gesprächs zwischen Klaus Hurrelmann und zwei Mitgliedern der Redaktion beginnt die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Health Inequalities. Hurrelmann, einer der Mitbegründer der Gesundheitswissenschaften in Deutschland, gibt einen Rückblick auf die Entwicklung des Forschungsfeldes seit seiner ‚ersten Welle‘ in den 1920er Jahren, als die Erkenntnis aufkam, „dass Infektionskrankheiten nicht allein durch innerkörperliche Prozesse bekämpft werden können“ (S. 13). Während des Nationalsozialismus war das Thema in Vergessenheit geraten, bzw. wurde bewusst aus der öffentlichen Diskussion ausgeblendet („wegradiert“, S. 14). Eine ‚zweite Welle‘ sieht Hurrelmann in den 1970 und 80er Jahren: “Die Wiedergeburtsstunde für die Gesundheitswissenschaften bzw. Public Health war die – durch Bundes- und Landesförderung provozierte – Erkenntnis, dass die jetzt vorherrschenden gesundheitlichen Störungen, die chronischen Krankheiten, eine unheimliche starke Komponente in der Verursachung und Aufrechterhaltung durch Lebensgewohnheiten, Lebensstile, habituelle Muster haben.“ (ebd.) Für das gegenwärtige Deutschland konstatiert Hurrelmann zwar „dünne Anschlüsse“ der deutschen Gesundheitswissenschaften an die internationale Diskussion, beklagt aber unter anderem das Fehlen von Zentren für Public Health oder Zentren für interdisziplinäre Gesundheitsforschung an deutschen Hochschulen (S. 15). Hurrelmann, der gleichzeitig auch Bildungsforscher ist, macht insbesondere auf den Zusammenhang von Bildung und Gesundheit aufmerksam. Interventionsansätze sieht er einerseits – und darin dem autonomiezentrierten Gesundheitsbegriff der WHO folgend - in Empowerment-Strategien und der Förderung von ‚Selbstmanagement‘, andererseits in einer Veränderung der „makrostrukturellen Lebensbedingungen“: „Du kannst…mit den intensivsten Gesundheitserziehungen keine Effekte erzielen, wenn zugleich die Makroungleichheit im ökonomischen Bereich immer weiter auseinandergeht, weil sie hinter all diesen Prozessen dann doch die Triebkraft bleibt.“ (S. 35)

Michael Vesters Beitrag „Milieuspezifische Lebensführung und Gesundheit“ führt den Gedanken der Wechselwirkung zwischen Mikro- und Makrostrukturen anschließend weiter. Milieuspezifische Differenzen in der allgemeinen Lebensführung, die heute vielfach belegt sind, zeigen sich auch im Bereich Gesundheit und Krankheit. Sie liefern nach Vester eine Erklärungsfolie für sozial bedingte gesundheitliche Ungleichheiten. Wenn Health Inequalities reduziert werden sollen, so müssen Veränderungsvorschläge mit den Praktiken und Attributen der jeweiligen milieuspezifischen Lebensführung kompatibel sein.

Petra Kolip fragt nach „Gender als Determinante gesundheitlicher Ungleichheit“. Sie kritisiert ein biologistisches Verständnis von Gesundheit und Krankheit und die damit verbundenen biologistischen Kurzschlüsse sowohl bei der Analyse von gesundheitlicher Ungleichheit als auch bei der geschlechtsspezifischen Versorgungsungleichheit. Sie plädiert für ein Bio-psycho-soziales Gesundheitsverständnis, das das Zusammenwirken der unterschiedlichen Strukturvariablen Klasse und Geschlecht abzubilden vermag.

Auch Wolfgang Hien befasst sich mit Gender-Faktoren in der Analyse von Health Inequalities. Er untersucht die Frage „Arbeiten Männer gesundheitsriskanter als Frauen? Neuere empirische Daten und Hypothesen“. Hien referiert zunächst den gegenwärtigen Forschungsstand und stellt dann gender-relevante Ergebnisse eigener qualitativer Studien mit Werftarbeitern, IT-Beschäftigten und Pflegekräften vor. Daraus entwickelt er abschließend die These eines gesundheitsriskanten Männlichkeitsmusters, das nicht als biologisches, sondern als soziales Muster zu verstehen ist.

Im Beitrag von Diana Sahrai über das Thema „Healthy Migrants oder besondere Risikogruppe?“ wird nach Klasse, Milieu und Geschlecht noch ein weiterer Untersuchungsaspekt eingeführt, nämlich der Faktor Migration bzw. ethnische Zugehörigkeit. Sie schlägt für künftige Forschung eine integrative Analyse vor, die zwar auf dem Boden etablierter Ungleichheitstheorien (Klasse, Milieu) arbeitet, gleichzeitig aber sensibel ist für spezifische migrations- und ethnisch/kulturell bedingte Ungleichheiten, die in reinen Sozialstrukturanalysen nicht ausreichend Berücksichtigung finden.

Gesucht ist für die künftige analytische Forschung also eine methodisch vielseitige Vorgehensweise. Einen Vorschlag dafür entwickelt der Beitrag „Die Entwicklung der lebenslauforientierten Epidemiologie“ von David Blane, Gopal Netuveli und Juliet Stone. Sie plädieren für Längsschnittuntersuchungen, die Individuen über einen langen Zeitraum beobachten und aufzeichnen können, wie frühe Lebens- und Sozialisationsbedingungen sich im Laufe ihres Lebens in Form unterschiedlicher Erkrankungswahrscheinlichkeiten und Mortalitätsraten niederschlagen. Die Autoren stellen unterschiedliche Theorien und Methoden eines solchen Verfahrens dar.

Der Beitrag von Mel Bartley befasst sich unter dem Titel „Gesundheitliche Ungleichheit und Sozialpolitik“ mit den gesundheitspolitischen Konsequenzen aus den Erkenntnissen der Health-Inequalities-Forschung. Er wurde dem 2004 in London erschienenen Buch „Health Inequalities“ entnommen. Nach Bartley dürfen gesundheitliche keinesfalls von sozialpolitischen Konzepten und Maßnahmen getrennt werden. Beide zusammen gehören vielmehr in eine gesamtgesellschaftliche Strukturpolitik, weil nur im Rahmen einer Gesamtstrategie Probleme nachhaltig gelöst werden können.

Diskussion und Fazit

Der vorliegende Band liefert einen wichtigen Beitrag zum Untersuchungsgegenstand Health Inequalities. Es ist ihm große Verbreitung bei allen Personen und Gruppen zu wünschen, die sich mit im weitesten Sinn für Gesundheitswissenschaften, Gesundheitswesen und Sozialpolitik interessieren. Man darf auf den folgenden Band des neu konzipierten Jahrbuchs für Kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften sehr gespannt sein.

Rezension von
Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen
Die Rezensentin hat bis zu ihrer Pensionierung Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Sozial- und Gesundheitspolitik an der Evangelischen Hochschule Nürnberg im Fachbereich Soziale Arbeit gelehrt.

Es gibt 24 Rezensionen von Sylvia Greiffenhagen.

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Zitiervorschlag
Sylvia Greiffenhagen. Rezension vom 01.09.2010 zu: Ullrich Bauer (Hrsg.): Health inequalities. Argument Verlag (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-88619-824-5. Reihe: Jahrbuch für kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften ... - 45. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8585.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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