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Bernd Reimann: Im Dialog von Anfang an

Rezensiert von Dr. Anke Werani, 14.01.2010

Cover Bernd Reimann: Im Dialog von Anfang an ISBN 978-3-589-24672-4

Bernd Reimann: Im Dialog von Anfang an. Die Entwicklung der Kommunikations- und Sprachfähigkeit in den ersten drei Lebensjahren. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2009. 192 Seiten. ISBN 978-3-589-24672-4. 17,95 EUR. CH: 32,70 sFr.
Reihe: Frühe Kindheit - Sprache & Literacy.

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Thema

Zu Sprechen bedeutet sich in einen Dialog zu begeben, denn Sprechen ist immer ein gerichteter Prozess – Sprechen beruht auf Wechselrede. Der Sprecher wendet sich an andere oder an sich selbst. Die Fähigkeit, sein Sprechen an andere und schließlich an sich selbst richten zu können ist ein langer Erwerbsprozess. Die Fähigkeit mit anderen in Dialog zu treten bringt das Kind von Geburt an mit. Zunächst liegt es an den Bezugspersonen, diesen Dialog zu führen und zu unterstützen. Gelingender Spracherwerb basiert auf vorsprachlichen dialogischen Formen zwischen Bezugsperson und Kind. Bernd Reimann beschreibt in seinem Buch genau diese sensible Phase – die ersten drei Lebensjahre – in welcher die Entwicklung von Kommunikations- und Sprachfähigkeit grundgelegt wird.

Aufbau und Inhalt

Das sehr übersichtlich gestaltete Buch gliedert sich in drei Kapitel – entsprechend der ersten drei beschriebenen Jahre. Jedes Jahr ist wiederum in drei Abschnitte unterteilt, die jeweils 4 Monate umfassen. Auch wenn Bernd Reimann darauf hinweist, dass lediglich Durchschnitte bei den Altersangaben genannt werden, erhält der Leser eine gute Orientierung über die Darstellung entwicklungspsychologischer Altersrahmen, welche Normen enthalten aber vor allem auch auf Prozesse hinweisen.

Das erste Kapitel – Vom ersten Blickkontakt zum ersten Wort – das erste Lebensjahr – befasst sich mit kommunikativen Verhaltensweisen, Wahrnehmungs- und Denkfähigkeiten sowie motorischen Aktivitäten. Deutlich wird, dass die Entwicklung von Dialogfähigkeit nicht an Wörter gebunden ist, sondern in der gemeinsamen Tätigkeit entsteht. Hervorgehoben wird die Rolle des Blickkontaktes, die frühe Aufmerksamkeitslenkung sowie der Einfluss der motorischen Entwicklung auf die Erweiterung des Aktionsradius‘ des Kindes. Die gemeinsame Ausrichtung der Aufmerksamkeit ist eine zentrale Funktion für den Spracherwerb. Anhand vieler Beispiele wird der Leser dafür sensibilisiert, die gemeinsame Tätigkeit mit dem Kind als Dialog wahrzunehmen. Ferner wird mit vielen praktischen Anregungen die Umsetzung in das tägliche Tun initiiert.

Im zweiten Kapitel – Vom ersten Wort zum Zweiwortsatz – das zweite Lebensjahr – kommt die mündliche Kommunikation zum Dialog hinzu. Interaktion und Kommunikation wird durch das Wechselspiel des Sprechens bereichert. Besonders im 2. Lebensjahr entwickeln sich die sprachlichen Fähigkeiten schnell. Wesentliche Aspekte sind hier das Voranschreiten des Sprachverständnisses, aber auch der so genannte Wortschatzspurt Mitte des zweiten Lebensjahres. Auch hier ist die dialogische Form maßgeblich, zum einen in der Interpretation der Erwachsenen – indem Einwortäußerungen beispielsweise als Sätze interpretiert werden - aber auch in der lehrenden Funktion der Bezugspersonen. Erwachsene fragen, fordern, bezeichnen und bestätigen. Der Variantenreichtum des Sprechens zum Ende des 2. Lebensjahres wird wiederum mit vielen Beispielen illustriert.

Vom Zweiwortsatz zu einer einfachen, verständlichen Kindersprache – das dritte Lebensjahr – lautet das dritte Kapitel. Hier wird beschrieben, wie sich das Kind im 3. Lebensjahr zu einem aktiven Dialogpartner entwickelt und wie sprachliche Mittel ausdifferenziert werden. Betont wird die Rolle von Fragen, die zentral bleiben, da mit ihnen sprachliche Dialoge direkt initiiert werden. Dies ist ein weiterer Punkt, denn es wird in diesem 3. Lebensjahr deutlich, dass Kinder viel Gesprächsinitiative zeigen, die es unbedingt zu erhalten gilt. Deutlich wird hier nochmals, dass der Dialog als Form den Spracherwerb einbettet und diesem viele Möglichkeiten bietet; dies wird am Beispiel des gemeinsamen Erinnerns gezeigt.

Diskussion

Gerade in heutiger Zeit, in welcher der Einfluss der neuen Medien auf die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder immer stärker diskutiert wird, in der zunehmend Mängel der Sprachkompetenz festgestellt werden, ist es umso wichtiger, aufzuzeigen, wie wichtig Dialoge für den Entwicklungsprozess sind. Die personale Zuwendung – die Wechselrede - ist das Wesentliche. Das Kind muss sich für einen gelingenden Spracherwerb adressieren können, es muss erfahren, dass es mit seinem Sprechen etwas bewirken kann; ebenso muss es sich als Adressaten erfahren und lernen, dass Sprechen auch bei ihm selbst etwas bewirken kann. Durch kooperative Erfahrung mit anderen Menschen und durch geteiltes Sprechen wird eine gesunde Entwicklung befördert und Kinder wachsen zu handlungsfähigen Individuen heran.

Fazit

Das Buch von Bernd Reimann thematisiert die Rolle des Dialogs in der kindlichen Entwicklung insbesondere seiner Sprachentwicklung. Er greift damit einen wesentlichen Aspekt der Entwicklung von Kommunikations- und Sprachfähigkeit auf. Die praxisnahe Darstellung mit vielen Beispielen und Anwendungshinweisen machen die theoretischen Vorgaben verständlich und umsetzbar. Es handelt sich um ein Buch, das sich an Erzieherinnen, Sozialpädagogen, Sonderpädagogen und interessierte Eltern richtet. Es adressiert sich genau genommen an alle, denn es muss stärker in unser Bewusstsein rücken, dass wir über Dialoge verbunden sind, durch Dialogen handlungsfähig werden und sich mit Dialogen die Gesellschaft bildet, die wir sind und in welcher wir leben.

Rezension von
Dr. Anke Werani
Psycholinguistin Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung Ludwig-Maximilians-Universität München
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Es gibt 2 Rezensionen von Anke Werani.

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ISSN 2190-9245