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Silke Birgitta Gahleitner, Connie Lee Gunderson (Hrsg.): Gender, Trauma, Sucht

Cover Silke Birgitta Gahleitner, Connie Lee Gunderson (Hrsg.): Gender, Trauma, Sucht. Neues aus Forschung, Diagnostik und Praxis. Asanger Verlag (Kröning) 2009. 326 Seiten. ISBN 978-3-89334-542-7. 34,50 EUR.

Reihe: Psychotraumatologie, Psychotherapie, Psychoanalyse - Band 22.
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Thema

Wie Menschen traumatische Erfahrungen erleben und bewältigen, ist untrennbar verbunden mit ihrer Selbstverortung als Junge/Mann bzw. Mädchen/Frau. Gewalterfahrungen in ihren vielfältigen Facetten stellen die Geschlechtsidentität unterschiedlich in Frage und werden nach Geschlecht unterschiedlich verarbeitet. Kompetenzen zum Selbstschutz vor Traumatisierungen und ebenso Hilfebedarfe und -angebote werden gesamtgesellschaftlich nach Geschlecht unterschiedlich zugeschrieben und definiert mit der Konsequenz, dass die Betroffenen beiderlei Geschlechts häufig nicht oder nur eingeschränkt die Hilfe bekommen, die sie benötigen. Diese Erkenntnis schlägt sich in der jüngsten Vergangenheit auch in der Sozialen Arbeit nieder. Geschlechtersensibilität wird in Wissenschaft, Forschung und Praxis zunehmend eine Kategorie, die quer zu den Inhalten diskutiert und im Rahmen der bestehenden Anforderungen und Möglichkeiten immer häufiger auch konzeptionell mitgedacht wird. Das vorliegende Buch unterstreicht die Notwendigkeit der Fortführung dieses Prozesses.

Herausgeberinnen und Autor/innen

Herausgeberinnen des Buches sind Silke Birgitta Gahleitner, Professorin für Sozialarbeit und Klinische Psychologie an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und Connie Lee Gunderson, Sozialarbeiterin (M.A.), Suchtberaterin in den USA und Gründerin von „newbeginnings“, einer Einrichtung für ganzheitliche Fort- und Weiterbildung sowie Genesung von Trauma und Sucht. Insgesamt 19 Fachkräfte aus den USA und Deutschland konnten als Autor/innen für das Werk gewonnen werden.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist Ergebnis einer langfristigen Kooperation von Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen aus Deutschland und den USA, die darauf abzielt, bestmögliche Hilfeangebote für Männer und Frauen zur Verarbeitung von Traumatisierungen zu entwickeln und umzusetzen. Vorausgegangen ist 2008 die Veröffentlichung „Frauen –Trauma - Sucht“. Das jetzige Buch versucht im Sinne einer Erweiterung des ersten Bandes, Trauma und Sucht bezogen auf beide Geschlechter analytisch zu durchdringen und entsprechend geschlechtsspezifische Bedarfe in der Behandlung ins Bewusstsein zu bringen.

Aufbau

Der Band ist in drei Abschnitte unterteilt.

Ihnen vorangestellt ist zunächst ein Geleitwort von Michaela Huber, die kurz und bündig geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Gewalterfahrungen, Verarbeitungsmustern und Auswirkungen auf das Suchtverhalten diskutiert. Im Anschluss erläutert Silke Birgitta Gahleitner unter dem Titel „das Dreieck Gender / Trauma / Sucht“ die Entstehungsgeschichte der Publikation und führt in die nachfolgenden Artikel ein.

1. Gendersensible Behandlung von Trauma und Sucht

Silke Birgitta Gahleitner macht im ersten Abschnitt, welcher Abhandlungen zum Themendreieck aus übergeordneter Perspektive umfasst, den Aufschlag mit einem Beitrag, der treffend das relevante benennt: „Gender matters“. Einer Erläuterung geschlechtspezifischer Sozialisation, einem Einblick in Erklärungsmodelle und die dekonstruktivistische Debatte folgt abschließend eine Beschreibung der aktuellen Herausforderungen im Hinblick auf Geschlechtsidentität und Geschlechtsdarstellung.

Ruth Großmaß befasst sich nachfolgend mit „Achtung, Differenzsensibilität, Beziehungsverantwortung – Ansatzpunkte einer Ethik psychosozialer Arbeit“. Sie begrüßt die zunehmende Verankerung von Ethik in Ausbildungs- und Studiengängen als Schritt weiterer Professionalisierung der Sozialen Arbeit, beleuchtet Momente ethischer Reflexion in der Vergangenheit (insbesondere auch in der feministischen Diskussion) und zieht Schlussfolgerungen für die zukünftige Entwicklung.

Luise Reddemann behandelt „Gleichwertigkeit und Würde (als) Voraussetzung jeder Behandlung in der Suchtkrankenhilfe“ und zieht zur Veranschaulichung verschiedene Fallbeispiele heran.

Connie Lee Gunderson gibt in die „beziehungssensible Kulturtheorie: Eine Einführung“. Sie erläutert die Gründung des theoretischen Modells, das in den USA in vielen Behandlungsprogrammen für Sucht und Trauma zur Anwendung gelangt, in seinem historischen und geografischen Kontext und verweist auf empirisches Datenmaterial zur Stützung des Modells.

Sabine Scheffler formuliert bezogen auf „Trauma und Gender: Kritische Anmerkungen aus der Geschlechterforschung“ zum Abschluss des ersten Abschnitts. Sie will verdeutlichen, dass die Geschichte der Traumaarbeit aufgrund der Inhalte und der ständigen Konfrontation mit Vernichtung eng mit Macht und Dominanz verknüpft ist und Traumatisierungen eng mit den Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit verwoben sind.

2. Aus der Forschung für die Praxis

Stefanie S. Covington eröffnet den zweiten Abschnitt mit einer Abhandlung über „trauma- und gendersensible Interventionen für Frauen in der Suchtbehandlung“. Sie setzt sich zunächst kritisch mit dem Mangel an integrierter Versorgung bei Komorbidität auseinander, verweist auf Forschungen über die positiven Effekte der Integration von Traumatherapie und Suchtbehandlung, und stellt dann zwei Behandlungsmodelle vor, die diesen Erkenntnissen Rechnung tragen.

Rudolf Schmitt lenkt anschließend den Blick auf „starke Trinker und arme Würstchen: Methapern der alkoholvermittelten Konstruktion von Männlichkeit“. Nach einer Erläuterung von Sinn und Zweck der Methaphernanalyse folgt eine kurze Einführung in Connels Konzept hegemonialer Männlichkeit als Hilfestellung für die Analyse der nachfolgend vorgestellten alkoholbezogenen Methapern.

Nathalie Eppler gibt in ihrem Artikel „‘Leiden zieht mich an‘ – Trauma und Sucht aus lebensgeschichtlicher Perspektive“ einen Einblick in die Zusammenhänge zwischen kritischen Lebensereignissen, der subjektiven Wahrnehmung dieser Erfahrungen und der Entwicklung einer Drogenabhängigkeit. Zur Veranschaulichung wird eine Fallanalyse vorgestellt, die im Rahmen einer Studie mit elf Proband/-innen erhoben wurde.

Dima Zito lenkt den Blick auf „Kindersoldaten als Flüchtlinge in Deutschland“. Nach einer kurzen Erklärung des Begriffs Kindersoldat formuliert sie die zentralen Problemlagen der Betroffenen, die als Flüchtlinge in unser Land kommen und illustriert diese ebenfalls anhand eines ausgewählten Fallbeispiels.

Kaja Swanhilt Haeger schließt den zweiten Abschnitt ab mit einem Beitrag über „das Ritual der männlichen Beschneidung – Überlegungen im Rahmen von Gender und Trauma“. Um die Vielschichtigkeit des Rituals zu veranschaulichen, zieht auch sie exemplarisch ein Fallbeispiel aus einer qualitativen Studie heran, in der Männer über ihr subjektives Erleben der Beschneidung und ihre Deutung des Rituals für ihren Lebenszusammenhang befragt wurden.

3. Aus der Praxis für die Praxis

Silke Birgitta Gahleitner fokussiert die „gendersensible Diagnostik“ zu Beginn des dritten Abschnitts. Sie thematisiert das Ineinandergreifen von Suchtverhalten, Geschlecht und Traumatisierung in seiner destruktiven Form anhand der Ergebnisse einer Studie zur geschlechtsspezifischen Bewältigung sexualisierter Gewalt und zieht daraus Schlussfolgerungen für eine bedarfsgerechte Diagnostik.

Sybille Teunißen und Michael Engels schildern eine „Gender-Praxis in einer Klinik für Drogenabhängige mit Traumafolgestörungen“. Konkret geben sie einen Einblick in die Praxis der Fachklinik Beusingser Mühle. Sie veranschaulichen an zwei dort verankerten therapeutischen Leistungen, wie integrative Therapie von Drogenabhängigkeit und Traumafolgestörungen unter einer geschlechterbezogenen Perspektive praktiziert werden kann.

Steffen Boldt diskutiert „Suchtarbeit mit Männern vor dem Hintergrund von Trauma“. Der Auseinandersetzung mit tradierten Vorstellungen von Männlichkeit und ihrer Wirkung auf die Verarbeitung von lebensgeschichtlichen Erfahrungen und Traumatisierungen folgt die Herausstellung notwendiger Themenschwerpunkte und Rahmenbedingungen für die Suchtarbeit mit gewalterfahrenen Männern.

Der nachfolgende Artikel von Klaus Dieter Horlacher trägt die Überschrift „‘bin ich denn gar nichts wert?‘ Zur strukturellen Benachteiligung von Menschen mit Traumatisierungsstörungen und Suchtmittelabhängigkeit“. Der Autor prangert offensichtlich nicht selten vorkommende Behandlungsfehler und Problem manifestierende Zuschreibungsprozesse im derzeit vorherrschenden Gesundheits- und Rehabilitationssystem an, deutet abschließend aber auch Lösungswege an bzw. formuliert strukturelle Eckpunkte für Problem angemessene Alternativen in der Hilfestellung für Betroffene.

Paul Kivel und Connie Lee Gunderson denken gemeinsam laut über „die Männer von Morgen: Jungen mit Mut, Mitgefühl und Gemeinschaftssinn“ nach, d.h. über Anforderungen an eine Soziale Arbeit, die solche jungen Männer hervorbringen will. Insbesondere gehen sie der Frage nach, was Jungen von erwachsenen Bezugspersonen, Eltern wie Fachkräften brauchen, um sich zu selbstbewussten und gleichsam sozial kompetenten Persönlichkeiten entwickeln zu können.

Thomas Schlingmann beleuchtet die Zusammenhänge von „Männlichkeit, sexuelle Gewalterfahrung und Drogenkonsum“ auf der Basis seiner langjährigen Praxis bei Tauwetter, einer Anlaufstelle für Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden. Anhand verschiedener Fallbeispiele sensibilisiert er zunächst für die Vielfalt möglicher Zusammenhänge. Anschließend skizziert er theoretische Erklärungsmodelle und praktische Veränderungen in der Beratungsstelle im Umgang mit Männern mit einer Drogenproblematik, die aus der fortlaufenden Reflexion der eigenen Praxis erwachsen sind.

Dorothea Zimmermann schreibt über „jugendliche Mädchen als Täterinnen. Zur parteilichen Arbeit in der stationären Jugendhilfe von Wildwasser e.V.“ Konkret schildert sie den langen Weg der Praxis, Frauen und weibliche Jugendliche als Gewalttätige zu akzeptieren, gibt einen groben Einblick in die Handlungen jugendlicher Täterinnen und formuliert zentrale Aspekte in der Intervention.

Der letzte Beitrag von Sabine Bode und Georg Bode trägt den Titel „die ‚Kriegsenkel‘ melden sich zu Wort: Lange Schatten der deutschen Vergangenheit“. Darin richten die Autor/innen den Blick auf Erfahrungen von Männern und Frauen, die der so genannten ‚Generation Golf‘ angehören und also etwa zwischen 1965 und 1975 geboren sind. Gezielt herausgestellt wird das Aufwachsen dieser Generation in einem Klima des Vergessens und Verdrängens – des Krieges, der eigenen Kriegstraumata, der eigenen Beteiligung an Gewalt etc. – und der Einfluss dessen auf die Erziehung und Beziehung der Kriegskinder zu der nachfolgenden Generation.

Diskussion

Die vorliegende Publikation beleuchtet das Themendreieck Gender/Trauma/Sucht aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und vermittelt unmissverständlich, dass einerseits Gendersensibilität in der Arbeit mit traumatisierten Menschen eine zentrale Rolle spielen muss, andererseits Trauma und Sucht als vielfach eng miteinander verwobene Problematiken anerkannt und bedacht werden müssen bei der Entwicklung bedarfsgerechter Hilfeangebote. Die umfängliche Verflechtung von Theorie und Praxis versperrt im Positiven jeden Ausweg aus dieser Erkenntnis. Nicht ganz nachvollziehbar bleibt mir die Aufnahme des letzten Beitrags in das Buch. Wenngleich es sich hier zweifelsohne um ein spannendes Thema handelt, so ist der Bezug zum Themendreieck des Buches eher schwerlich zu finden.

Fazit

Das Buch ist zweifelsohne empfehlenswert für Fachkräfte, die mit traumatisierten Menschen bzw. Menschen mit einer Drogenproblematik arbeiten. Wenngleich die Vielzahl der Artikel keine detaillierte Darstellung einzelner Aspekte erlaubt, so gibt es jedoch einen sehr guten Überblick über die verschiedenen Faktoren, die notwendig vertieft werden sollten, um Jungen und Männern, Mädchen und Frauen in entsprechenden Problemlagen wirkungsvolle Hilfestellung zu gewähren.


Rezension von
Dr. Claudia Bundschuh
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Claudia Bundschuh. Rezension vom 14.05.2010 zu: Silke Birgitta Gahleitner, Connie Lee Gunderson (Hrsg.): Gender, Trauma, Sucht. Neues aus Forschung, Diagnostik und Praxis. Asanger Verlag (Kröning) 2009. ISBN 978-3-89334-542-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8594.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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