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Jörg Maywald: Kinderschutz in der Kita

Cover Jörg Maywald: Kinderschutz in der Kita. Ein praktischer Leitfaden für Erzieherinnen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2009. 176 Seiten. ISBN 978-3-451-32307-2. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,50 sFr.
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Thema

Das Kindeswohl zu schützen ist eine der grundlegenden Aufgaben jeder Kindertagesstätte. Da die meisten Kinder (zumindest zwischen drei und sechs Jahren – aber auch immer jüngere) regelmäßig viele Stunden am Tag und viele Tage im Jahr in einer Kindertagesstätte betreut und gefördert werden, tragen auch die dort arbeitenden die Verantwortung dafür, Gefahren für Kinder früh wahrzunehmen und geeignete Maßnahmen einzuleiten. Gerade die Frage aber, welche Maßnahme wann geeignet sein kann versetzt viele pädagogischen Fachkräfte in den Einrichtungen in Ratlosigkeit.

Autor

Dr. Jörg Maywald ist als Soziologe Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind und Sprecher der National Coalition für die Umsetzung der der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. Er ist Mitbegründer des Berliner Kinderschutz-Zentrums und war viele Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe und im Kinder- und Jugendgesundheitsbereich tätig.

Aufbau

  1. Nach einer Einführung startet das Buch mit einem Einblick in die Geschichte der Kinderrechte weltweit und in Deutschland.
  2. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen, die für den Schutz von Kindern zur Verfügung stehen.
  3. Anschließend wird eine Begriffsklärung versucht um festzustellen, was das Kindeswohl überhaupt ausmacht.
  4. Im vierten Kapitel geht es um mögliche Formen von Kindeswohlgefährdung und wie diese von Erzieherinnen frühzeitig erkannt werden können.
  5. Kapitel fünf erläutert, welche Ursachen und Folgen Gefährdungen für Kinder haben können.
  6. Das sechste Kapitel widmet sich der Frage, wie Erzieherinnen in Situationen reagieren sollen, wenn sie das Kindeswohl gefährdet sehen.
  7. Vor dem Schlusswort wird im siebten Kapitel ein Interview mit Elke Nowotny, Diplom-Psychologin und Vorstandsvorsitzende des Kinderschutz-Zentrums Berlin e.V., veröffentlicht.

Inhalt

Jörg Maywald möchte mit seiner Veröffentlichung den speziellen Schutzauftrag zum Kindeswohl von Kindertageseinrichtungen darstellen und für die Praxis handhabbar machen. Seiner Meinung nach helfen nur fundiertes Wissen und eine gute Vernetzung mit anderen Hilfsangeboten bei einer wirkungsvollen Prävention und konkreter Hilfe im akuten Fall.

Das erste Kapitel macht deutlich, dass Kinder über viele Jahrtausende hinweg als nicht vollwertige Menschen betrachtet wurden. Erst nach und nach wurden spezielle Rechte von Kindern in Deutschland und weltweit durchgesetzt. Kinder haben in unserem Land erst seit dem Jahr 2000 ein gesetzlich verankertes Recht auf gewaltfreie Erziehung und dieses Recht ist eine historisch neue Errungenschaft im Vergleich zu den vielen Jahren davor.

Kapitel zwei beschäftigt sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen und zeigt auf, wie das Kindeswohl in der UN-Kinderrechtskonvention, in der EU-Grundrechtecharta und im deutschen Recht verankert ist. Im § 8a SGB VIII wird der Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung erläutert. Im Absatz 2 ist deutlich formuliert, dass insbesondere Tageseinrichtungen für Kinder und die dort tätigen Mitarbeiter/innen „den Schutzauftrag nach Absatz 1 in entsprechender Weise wahrnehmen und bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos eine insofern erfahrene Fachkraft hinzuziehen“. Es wird erläutert, worin genau dieses Schutzauftrag besteht und das Kinderschutz im akuten Fall immer Vorrang vor einem Datenschutz haben muss.

Mit einem Versuch, den abstrakten Begriff des Kindeswohls konkret zu füllen, beschäftigt sich das dritte Kapitel, denn rechtlich ist nirgendwo genau benannt, was darunter zu verstehen ist. Einigkeit besteht darin, dass sich das Kindeswohl an den Grundrechten und Grundbedürfnissen von Kindern orientieren muss. Der eigene Wille des betroffenen Kindes muss dabei eine wichtige Rolle spielen – wobei auch deutlich gemacht wird, dass Kindeswille und Kindeswohl nicht immer identisch sind.

Im vierten Kapitel werden Formen von Kindeswohlgefährdung erläutert und jeweils auch Hinweise darauf gegeben, wie Erzieherinnen diese frühzeitig erkennen und einschreiten können. Behandelt werden die Bereiche der körperlichen Misshandlungen, der Vernachlässigung, der seelischen Misshandlung, des sexuellen Missbrauchs, der Suchtabhängigkeit der Eltern, der psychisch kranken Eltern, der hochkonflikthaften Trennung von Eltern, der häuslichen (Partner)Gewalt und weitere.

Das fünfte Kapitel führt aus, welche Risikofaktoren Gewalt gegen Kinder begünstigen und dass die häufigsten Auslöser bei Erwachsenen Stress- und Krisensituationen sind. Die Folgen, die für die Kinder aus solchen Erfahrungen resultieren sind vielfältig und können ein ganzes Leben lang den Menschen beeinflussen.

Was tun, wenn ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung vorliegt? Diese Frage soll im sechsten Kapitel beantwortet werden. Hier wird noch einmal betont, dass eine Kooperation mit anderen Diensten und Einrichtungen dringend notwendig ist, um die richtige Maßnahme zum Schutz des Kindes einleiten zu können. Es gibt Hinweise darauf, wie Elterngespräche bei Verdachtsmomenten sensibel geführt werden können und dass eine sorgfältige Dokumentation sehr wichtig ist. Auch den präventiven Möglichkeiten wird Raum gegeben, in dem erläutert wird welches Klima in einer Kindertageseinrichtung hilfreich für vorbeugende Maßnahmen sein kann.

Unter dem Titel „Kinderschutz braucht Kinderschützer – und die notwendigen Ressourcen“ wird im Kapitel sieben ein Gespräch mit Elke Nowotny, Vorstandsvorsitzende des Kinderschutz-Zentrums Berlin e.V, abgedruckt, in dem es um die praktische Arbeit und die fachpolitische Diskussion zum Thema Kinderschutz geht. Aus langjähriger Praxis heraus werden Antworten auf Fragen gegeben, die Erzieherinnen in ihrem Alltag häufig begegnen und sie vor schwierige Entscheidungen stellen.

Im Anhang hat der Autor eine Mustervereinbarung zur Sicherstellung des Schutzauftrags gemäß § 8a Abs. 2 SGB VIII, Leitfragen zur Dokumentation einer Kindeswohlgefährdung, sowie aktuelle Adressen und Literatur aufgeführt.

Diskussion

Das Buch ist meiner Meinung sehr gut dazu geeignet, sich intensiver mit dem Thema des Kinderschutzes in Kindertageseinrichtungen zu befassen. Durch einen allumfassenden Überblick werden wichtige Grundlagen gelegt, um zunächst einmal die Situation von Kindern in der Vergangenheit und heute besser einschätzen zu können. Nur wer sich mit diesen Fragen befasst hat, kann den Hintergrund vieler Entscheidungen verstehen und richtig einordnen.

Die dringende Notwendigkeit für Erzieherinnen in Kindertageseinrichtungen die Grenzen der eigenen Handlungsfähigkeit zu erkennen und sich professionelle Unterstützung zu suchen wird sehr deutlich formuliert. Die Kindertagesstätte alleine, oder (noch unvorstellbarer) eine Erzieherin alleine, werden das Problem nicht sinnvoll und zielführend angehen können. Die Kooperation mit anderen Einrichtungen und Diensten ist dringend notwendig um für das betroffene Kind (und dessen Familie) möglichst schnell, aber vor allem die passende Hilfsmaßnahme einleiten zu können.

Bemerkenswert finde ich die guten Hinweise auf den praktischen Umgang mit konflikthaften Situationen. Erzieherinnen stehen in ihrem alltäglichem Umgang mit vielen Kindern und deren Familien häufig der Frage: „Wie verhalte ich mich am sinnvollsten?“ Gerade wenn ein Verdacht sich ausweitet, dass ein einzelnes Kind Schutz vor der eigenen Familie benötigt sind Hilflosigkeit, Entsetzen, Ungläubigkeit und Unsicherheit häufig anzutreffen. Jörg Maywald zeigt hierfür konkrete Handlungsmöglichkeiten auf.

Der Blick auf rechtliche Rahmenbedingungen, den gesellschaftlichen Wandel in der Wahrnehmung von Kindern und die Bedürfnisse und Rechte von Kindern ist ebenfalls enorm wichtig und gut gelungen. Die erwähnten präventiven Maßnahmen im Kapitel sechs der Veröffentlichung beleuchten sehr gut eine bisher häufig zu wenig beachtete Möglichkeit.

Der Autor schildert ausdrücklich, wie wichtig die Kooperation der Kindertagesstätte mit anderen Diensten und Einrichtungen ist, um dem betroffenen Kind die richtige Hilfestellung möglichst bald zur Verfügung zu stellen. Hierbei ergeben sich in der alltäglichen Arbeit aber durchaus immer wieder auftretende Schwierigkeiten:

  • Erfahrungsgemäß scheitert eine enge Zusammenarbeit, vor allem mit dem örtlich zuständigen Jugendamt, häufig an wenig kompetenten und entscheidungsfreudigen Mitarbeiter/innen dort. Ich habe in eigener Praxis schon oft erlebt, dass Hinweise aus der Kindertagesstätte nicht genügend ernst genommen oder zeitlich verschleppt werden.
  • Die nach § 8a Abs. 2 SGB VIII vom Gesetzgeber geforderten Vereinbarungen zwischen dem Jugendamt und den Trägern von Einrichtungen und Diensten der Kinder- und Jugendhilfe liegen tatsächlich in vielen Jugendamtsbezirken (immer) noch nicht vor. Auch die „insoweit erfahrenen Fachkräfte“ sind noch lange nicht überall vor Ort benannt und können als den Kindertageseinrichtungen vertraute Personen die Erzieherinnen unterstützen.
  • In der Praxis haben Erzieherinnen immer wieder mit unklaren Fällen zu tun. Wenn ein Kind z.B. über einen sexuellen Missbrauch der Erzieherin berichtet (Fallbeispiel aus dem Buch), ist die Handlungslinie für die meisten Erzieherinnen klar. Wie aber umgehen mit vagen Vermutungen, undeutlichen Hinweisen des Kindes und keinerlei beweisbaren Gefährdungen?

Es wäre für Erzieherinnen sicherlich auch sehr hilfreich zu erfahren, wie in solchen Situationen vorgegangen werden kann.

Fazit

Kindertageseinrichtungen sind gesetzlich dazu verpflichtet, die ihnen anvertrauten Kinder und deren seelisches, körperliches und geistiges Wohl permanent im Blick zu haben. Durch den meist täglichen, engen Umgang mit den Kindern können Erzieherinnen häufig sehr früh Veränderungen im Verhalten der Kinder und andere Auffälligkeiten wahrnehmen. Frühzeitig die richtigen Schritte einzuleiten kann ein Kind vor langer Qual schützen.

Es ist enorm wichtig, dass Erzieherinnen weiterhin diese Verantwortung verdeutlicht wird und dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzen, bevor der akute Fall eintritt. Nur so kann ein gewisses Maß an Handlungssicherheit gewährleistet werden. Wohlüberlegt die richtigen Schritte zu machen ist umso wichtiger, je fassungsloser und erschrockener wir zumeist in solchen Fällen reagieren.

Das Buch sollte in jeder Tageseinrichtung für Kinder – aber auch in Kindertagespflegestellen – gelesen werden.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd Sonja Hees
Leiterin einer integrativen Kindertagesstätte, Fortbildnerin für Erzieher/innen und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Koblenz im Studiengang „Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit“.


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Zitiervorschlag
Sonja Hees. Rezension vom 24.05.2010 zu: Jörg Maywald: Kinderschutz in der Kita. Ein praktischer Leitfaden für Erzieherinnen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2009. ISBN 978-3-451-32307-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8608.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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