socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Janet Merkel (Hrsg.): Kreativquartiere

Cover Janet Merkel (Hrsg.): Kreativquartiere. Urbane Milieus zwischen Inspiration und Prekarität. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2008. 178 Seiten. ISBN 978-3-89404-252-3. 16,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Allenthalben beobachten wir vor allem in den Metropolen - aber auch ganz allgemein in urbanen Kontexten - eine Veränderung der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit. Für die klassische Industriegesellschaft war der Fokus der Produktion die Fabrik, später auch das Büro, die Verwaltung - getrennt von den Sphären der Reproduktion, des Wohnens, des Konsums, der Freizeit etc. Deindustrialisierungsprozesse, neue Informationstechnologien und ihre Möglichkeiten flexibler Arbeitsplatzgestaltung, die Entstehung neuer Berufsgruppen in der Informationsverarbeitung und des Dienstleistungsgewerbes und andere gesellschaftliche Veränderungen lassen dieses Bild des arbeitenden Menschen allmählich Geschichte werden. Und wenn die Produktionsverhältnisse sich verändern, verändern sich auch die Bedingungen gesellschaftlicher Reproduktion.

So entwickeln sich über diese Veränderungen in der Arbeitswelt neue Milieus, die nicht nur die sozialstrukturellen Bedingungen verändern, unter denen Menschen sich über Arbeit gesellschaftlich verorten und reproduzieren können, sondern inzwischen auch die städtebauliche Gestaltung und ihre Funktionalität ganzer Quartiere beeinflussen.

Entstehungsgeschichte

Das vorliegende Buch ist die konzeptionell und empirisch erweitere Fassung der vom Autor eingereichten Diplomarbeit "Kreativindustrien, Produktionscluster, Stadt: Berlin. Zur sozialen Konstruktion eines kreativen urbanen Milieus" am Fachbereich Stadt- und Regionalplanung des Instituts für Sozialwissenschaften der Humboldt Universität Berlin.

Autorin

Janet Merkel ist Diplomandin am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt Universität Berlin

Aufbau und Inhalt

In den Metropolen der Welt werden die Kreativen zu einem entscheidenden Faktor für Wachstum und wirtschaftliche Prosperität und gleichzeitig sind die Kreativen auf die urbanen Strukturen dieser Metropolen angewiesen, um ihre Kreativität zu entfalten und produktiv einzusetzen. In ganz bestimmten prädestinierten Quartieren entwickeln sich Milieus, innerhalb derer diese Menschen produktiv und kreativ ihre Arbeit verrichten und im Kontext der dort vorhandenen Strukturen die Rahmenbedingungen finden, die diese Kreativität befördern. Eingebettet in ein solches sozialräumlich Milieus mit seinen spezifischen Orten entwickeln sich spezifische Arbeits- und Lebensformen von "Solo-Selbstständigen", der geprägt ist von gemeinsam geteilten Erfahrungen, Werthaltungen und Lebensstilführungen, die wiederum geprägt sind von kreativen Tätigkeiten und der jeweiligen sozioökonomischen Lage der Akteure. Das ist die Ausgangsthese der Autorin.

Diese These wird in den ersten Kapiteln theoretisch entfaltet und begründet. In einem zweiten großen Teil werden das Konzept und die Ergebnisse einer empirischen Studie vorgestellt, in der die Autorin ihre These empirisch abzusichern versucht.

In den ersten vier Kapiteln wird beleuchtet, was Kreativwirtschaft sein kann und wie kreative Milieus in Städten entstehen bzw. welche Auswirkungen kreative Milieus auf das Image und die Gestaltung der Städte haben. Kreativwirtschaft als eine neue Form der Ökonomie prägt die Stadt in einer postfordistischen Ökonomie. Orte der Innovation und Integration werden zu Kristallisationspunkten gesellschaftlicher Entwicklung und sozialer Probleme; die Stadt als verkleinerter Makrokosmos der Gesellschaft. Nicht tayloristische Massenproduktion, sondern Massenkonsum auf der Basis sozialstaatlicher Absicherungen prägt die heutige urbane Gesellschaft, Flexibilisierung der Arbeit und Entkoppelung der Arbeit von Arbeitsstätten, Dezentralisierung der Arbeitsorganisation und individualisierte Arbeitsplatzstrukturen sind die hier relevanten Kennzeichnen der Moderne. In Kombination von Kultur als Element der Tourismus- und Imageentwicklung mit Marktstrategien wird Stadtkultur zu einem Markenzeichen und zu einem Marktelement der Städte. Die Revitalisierung brachliegender und funktionslos gewordener Flächen und Gebäude und die Erschließung dieser Flächen wird zur Chance für eine kreative Szene, die zugleich sozioökonomisch in einer prekären Situation ist, aber auch für die, die solche Szenenorte brauchen, obwohl sie sich auch in etablierten Quartieren befinden könnten. Weitere Revitalisierungsformen werden von der Autorin beschrieben, etwa ein themen- und markenbezogener Einzelhandel etabliert sich oder spezifische Kulturorte werden geschaffen wie Museen, Theater, Kinos mit dem entsprechenden Umfeld.

Jetzt erst - im 3. Kapitel - werden zentrale Kategorien der Stadt eingeführt wie Zentralität und Urbanität. Urbanität wird für die Kreativen zu einem Wirtschaftsfaktor und immer noch sind das Zentrum der Metropolen - oder auch die Zentren der Metropolen - die entscheidenden, weil wesensprägenden und die Eigenlogik der Städte bestimmenden Orte. Auch Lokalität, also die Eigendynamik der Städte, die jede Stadt von einer anderen unterscheidet, rückt ins Blickfeld; vor allem der Symbolwert der Städte drückt sich auch in ihrer Ökonomie und ihrer Kreativität aus.

Was sind denn nun kreative urbane Milieus? fragt Merkel im 4. Kapitel. Zur Entfaltung von Kreativität bedarf es einer spezifischen Umgebung, die dazu anregt, Leben und Arbeit unkompliziert im Alltag zu verbinden, was zu einer spezifischen Produktion einer Lebensweise führt. Geeignete Anregungsstrukturen verbinden sich mit kreativem Schaffen und erzeugen so eine bestimmte Lebensform. Das soziologische Milieukonzept wird bemüht, um daran anknüpfend das Verständnis eines regional bezogenen innovativen Milieus zu entwickeln. Auch das Verhältnis von Raum und Milieu, von spezifischen Orten und Milieubildung spricht die Autorin an, um deutlich zu machen, dass Kreativität kontextabhängig ist, also auch auf das in einem spezifischen Raum vorhandene Potential kollektiver Akteure angewiesen ist.

In den weiteren Kapiteln wird eine Untersuchung und deren Ergebnisse vorgestellt, die der Autor in Berlin durchgeführt hat. Am Beispiel der Kastanienallee (Prenzlauer Berg) wollte Merkel herausfinden,

  • wie die Erwerbssituation von selbstständigen Kreativen aussieht und
  • warum sich diese in der Kastanienallee derart konzentrieren, dass daraus auch ein spezifisches urbanes Kreativmilieu entstehen konnte.

Die Grundannahme der Untersuchung ist, "dass sich die Kreativen gezielt an bestimmten Orten konzentrieren, an denen sie ihre individuellen Ressourcen mit denen des Ortes verbinden können, um sich für ihre selbstständige Tätigkeit ein begünstigendes Umfeld zunutze zu machen, in dem ihnen eine erfolgreiche Marktbehauptung gelingen kann" (84). In Anschluss an Pierre Bourdieu, der hier auch von Lokalisierungsprofiten spricht, reflektiert die Autorin die unterschiedlichen Kapitalformen, die als Ressourcen benötigt werden, um sich zu "verorten".

In einem weiteren Kapitel (Kapitel 6) setzt sich Merkel mit der Berliner Kreativwirtschaft empirisch auseinander, um dann in einem darauf folgenden Kapitel die "soziale Konstruktion eines „kreativen Milieus“ in Berlin" zum Gegenstand von Interviews zu machen, deren Ergebnisse hier vorgestellt werden.

So fragt sie nach den Motiven für die Selbstständigkeit, nach Qualifizierung und Nebentätigkeiten und nach dem individuellen Umgang mit Unsicherheiten. Fast alle Befragten geben an, von ihren Tätigkeiten leben zu können, wenngleich auch immer in einer prekären Situation.

Merkel fragte aber auch nach dem Grad der sozialen Vernetzung, wobei vor allem Freunde eine wichtige Rolle spielen. Die Strukturierung von Arbeit und Leben ist geprägt vom Verschwimmen von Arbeit und Freizeit, Arbeit und Privatem.

Welche Faktoren des Ortes, Bedingungen des Raums - die Kastanienallee - prägen das Arbeiten und Leben der Akteure? Gibt es Quartierseffekte, die als Ressourcen und Erfahrungsquellen wahrgenommen werden? Bei allem Wandel zeigen die Akteure einen hohen Identifikationsgrad mit dem Ort, an dem sie ihre Interessen realisieren können und ihre Bedürfnisse artikulieren können. Die Kastanienallee ist ein sozialer Raum, in dem man wohnt und durch den man auch wohnt.

Im Rahmen ihrer Schlussfolgerung kommt die Autorin zu drei zentralen Aussagen:

  1. Die Kastanienallee ist Kristallisationspunkt eines kreativen Milieus. Verdichtete Kommunikation, das Zurückgreifen auf gemeinsam geteilte Vorstellungen einer Lebensstilführung und die starke Verortung sind Indikatoren dieses Phänomens.
  2. Räumliche Nähe ist hauptsächlich eine Bedingung für Kommunikation im Privaten und außerhalb der Arbeit, weniger im professionellen Kontext.
  3. Die Veränderung der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit führt zu einem Arbeitsmilieu, in der Kreativität zunehmend zu einem Hoffnungsträger für ökonomisches Wachstum wird.

Das Buch schließt mit einer umfangreichen Literaturliste und einem Anhang, der eine Charakterisierung der Interviewpartner enthält und Tabellen, die einen Überblick über das Potential der Kreativwirtschaft in Berlin bieten.

Diskussion

Die Frage, wie sich Metropolen und Großstädte angesichts des strukturellen Wandels von der klassischen Industriegesellschaft zur postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft verändern, auch wie sie sich verändern auf Grund zunehmender kultureller Heterogenität - diese Frage beschäftigt seit längerem Stadtsoziologen und -planer. Hier wird noch einmal eine andere Facette dieser Diskussion angesprochen, nämlich wie verändern sich auf Grund strukturellen Wandels des Arbeitens und der Arbeit auch der urbane Habitus einer spezifischen gesellschaftlichen Gruppe, deren Arbeit mit dem Privaten verschmilzt, deren Reproduktion viel unmittelbarer mit ihrer Stellung im Produktionsprozess zusammenhängt als es dies für den klassischen Industriearbeiter galt.

Das Buch eröffnet hier den Blick auf eine neue Form der Ökonomie, die sich in den Metropolen immer deutlicher herausbildet und auch zu einem Wachstumsimpuls wird. Dies hängt sehr stark mit der Eigenlogik und den sozialen, kulturellen und ökonomischen Kerndynamiken der Städte zusammen - dies wird auch hier deutlich.

Um als Stadt attraktiv zu bleiben, bedarf es solcher Bereiche und die Analyse, die Merkel hier vorlegt, ist sicher ein wichtiger Beitrag zu der Frage, wie Städte sich künftig auch aufstellen müssen, wenn sie ihre Attraktivität behalten wollen für eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, die auch auf eine derartige Stadt angewiesen ist. Diese Dialektik tritt in diesem Buch besonders hervor.

Fazit

Das Buch empfiehlt sich allen, die sich mit der Stadtentwicklung beschäftigen, die sich also mit der Philosophie beschäftigen, wie eine Großstadt oder Metropole heute aussehen soll, um eine "gutes Leben" zu ermöglichen - sowohl in Abgrenzung zu vielen "Provinzgroßstädten" als auch in Abgrenzung zu den so genannten Megacities, die zunehmend ins Zentrum der Diskurse rücken.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
E-Mail Mailformular


Alle 169 Rezensionen von Detlef Baum anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 03.03.2010 zu: Janet Merkel (Hrsg.): Kreativquartiere. Urbane Milieus zwischen Inspiration und Prekarität. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2008. ISBN 978-3-89404-252-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8631.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung