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Luise Reddemann: Imagination als heilsame Kraft

Cover Luise Reddemann: Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 14., durchges. Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-608-89034-1. 22,90 EUR.

Reihe: Leben lernen - 141.
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Thema

„Imagination als heilsame Kraft“. Der traumatherapeutische Ansatz PITT (psychodynamisch imaginative Traumatherapie) von Luise Reddemann ist in der Behandlung von traumatisierten Menschen ein Begriff. In diesem Buch beschreibt sie in erster Linie aufeinander aufbauende Imaginationsübungen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Luise Reddemann wurde 1943 in Württemberg geboren. Sie ist Ärztin und Psychoanalytikerin und entwickelte bereits bis 2003 als Leiterin einer Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie ihre Traumatherapie (PITT). Sie bildete sich stetig in imaginativen und körpertherapeutischen Verfahren fort und versteht ihre Therapie als angewandte Psychoanalyse. Seit 2007 ist sie Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und psychologische Medizin an der Universität Klagenfurt.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich hier bereits um die vierzehnte, durchgesehene Auflage. Nach dem Vorwort, das noch aus der sechsten Auflage stammt, weist Reddemann im Kapitel „Warum dieses Buch?“ auf ihre Praxis hin. Durch die langjährige Arbeit mit zum Teil schwerst traumatisierten Frauen und Männern und Begegnungen mit der Burn-out-Problematik suchte sie nach anderen Möglichkeiten. Vor allen Dingen das Zuhören bei ihren Patienten eröffnete neue Perspektiven über Selbstheilungskräfte. Aus diesen Erfahrungen und Weiterentwicklungen entstand das o.g. Konzept der Traumatherapie. In diesem Buch werden die Phasen der Traumatherapie (extra im Anhang im Überblick) nicht ausführlich erläutert, sondern vielmehr die dabei hilfreichen Imaginationsübungen. Das Buch ist für Therapeuten und Therapeutinnen, die es an ihre Patientinnen und Patienten weiter empfehlen können, gedacht.

Aufbau und Einstieg

  • Vorwort aus der 6. Auflage
  • Warum dieses Buch?
  • 1. Teil: Innere Stabilität finden
  • 2. Teil: Heilsamen Umgang mit dem Körper lernen
  • 3. Teil: Dem Schrecken begegnen
  • 4. Teil: Kunst- und Gestaltungstherapie im Prozess der Traumaheilung von Susanne Lücke
  • 5. Teil: Die eigene Geschichte annehmen und integrieren
  • 6. Teil: Zur psychodynamisch-imaginativen Traumatherapie mit Kindern und Jugendlichen von Cornelia Appel-Ramb
  • Anhang: Phasen der Traumatherapie.
  • Verzeichnis der Übungen

Zu Beginn des Buches gibt Reddemann einen Einblick in ihr Gedankengebäude und ihr Menschenbild. Ausgehend von einer psychoanalytischen Ausbildung revidierte sie einige Inhalte dieser Schule im Laufe ihrer Arbeit. Inspiriert wurde sie dabei von einer Vielzahl von Menschen, denen sie am Ende dankt. Um einige wichtige Ideengeber zu nennen: das „Tao Te King“, die Musik von Bach, Ulrich Sachsee, Dr. Verheyden, Prof. Dr. Rosin, Prof. Dr. Fürstenau, Dr. Schmidt, Verena Kast, Phylis Krystal, Steve de Shazer, Milton Erickson und viele, viele mehr. Die Abkehr von der immer wieder kehrenden und möglichst genauen Schilderung der traumatisierenden Erlebnisse hin zu einem Aufbau der Selbstheilungskräfte stellt die zentrale Aussage dar. Auch ein schwer beschädigter Mensch ist in der Lage sich selbst zu trösten bzw. dies zu erlernen und die Aufmerksamkeit auf angenehme Erlebnisse zu lenken. Diese Erkenntnis bezeichnet Reddemann als für manche Therapeuten „schwer verdaulich“ (S.13). Sie lernte von lösungsorientierten Schulen und körperorientierten Verfahren. Sie bezeichnet ihren Therapieansatz als „integrativ und theoretisch psychodynamisch begründet.“ Die Konzepte von Übertragung und Gegenübertragung der Psychoanalyse hält sie für eine „hilfreiche Verstehensgrundlage“, die Interventionen wurden allerdings modifiziert (S.15).

Teil 1 Innere Stabilität finden

Um innere Stabilität zu finden ist es wesentlich eine „Balance zwischen Schreckens- und guten Bildern“ (S.23) herzustellen. Vergleichbar ist dieser Vorgang mit dem „Utilisieren bei Milton Erickson“. Im eigenen Inneren gestaltet die Patientin auf ihrer „inneren Bühne“ eine eigene Welt, in der sie diese Stabilität finden kann. Empirische Untersuchungen zu diesem Vorgehen werden benannt. Um diese innere Stabilität aufzubauen beschreibt Reddemann folgende Arbeitsschritte:

  • Die therapeutische Beziehung
  • Ein Arbeitsbündnis etablieren
  • Die vorhandenen Ressourcen würdigen
  • Gegenbilder zu den Schreckensbildern finden
  • Achtsamkeit üben
  • Den inneren Beobachter kennen lernen
  • Ein Gegengewicht für die Schreckensbilder finden
  • Sich von den Schreckensbildern distanzieren lernen
  • Gefühle kennen lernen und den Umgang mit schwierigen Gefühlen steuern lernen
  • Dem unangenehmen Bild eine Gestalt geben
  • Dem Kind in sich oder den jüngeren Ichs begegnen
  • Die innere Bühne

In fast jedem Abschnitt wird eine Imaginationsübung beschrieben, die gleichzeitig als Anleitung dient, d.h. man kann diese als Therapeutin zum vorlesen nutzen. Beispiele hierfür sind: der Ressourcenkoffer, Übung zur Achtsamkeit, Übung des inneren sicheren Ortes und der inneren Helfer, die Baumübung und viele andere. Ergänzt wird der Teil mit Fallbeispielen, die das Vorgehen der Therapeutin deutlich machen und den Umgang der Patienten mit den Übungen verdeutlichen.

Teil 2 Heilsamen Umgang mit dem Körper lernen

Hier werden die drei Verfahren der Körperarbeit vorgestellt mit denen Reddemann in den letzten Jahren erfolgreich gearbeitet hat.

  • Julie Hendersons Übungen, die aus der tibetischen Heilkunde stammen (Embodying Well-Being).
  • Breema-Körperarbeit, persisch-kurdischer Ursprung von spielerischen Körperübungen.
  • Qigong, nach der Methode des Qigong-Yangsheng, in Deutschland von Jiao Guorui gelehrt.

Teil 3 Dem Schrecken begegnen

Auch hier wird mit Fallbeispielen das vorsichtige Vorgehen untermalt. Die Vorarbeit, dass der Patient ein für sich schützendes Inneres aufgebaut hat, bezeichnet Reddemann als etwas wozu man sich sehr viel Zeit lassen müsse, damit der Patient bei der Begegnung mit dem Schrecken nicht das ganze Leiden noch einmal durchleben müsse. Je gründlicher der Aufbau des sicheren Ortes sei, desto weniger schmerzhaft die Begegnung mit dem Trauma. Die Möglichkeiten der Traumakonfrontation:

  • Die Bildschirmtechnik
  • Die Beobachter-Technik

Teil 4 Kunst- und Gestaltungstherapie im Prozess der Traumaheilung von Susanne Lücke

In diesem Teil beschreibt Lücke welche Methoden sie zur Begleitung bzw. Unterstürzung der jeweiligen Phasen anwendet. Sie macht die Erfahrung, dass manche Geschehnisse „einem massiven inneren Schweigegebot, nicht aber einem Malverbot“ unterliegen (S.134). In der Stabilisierung empfehlen sich Kreisbilder, das Bergen von Schätzen, etc. Der Umgang mit autoaggressivem Verhalten wird ebenso thematisiert wie die Arbeit mit Täterintrojektion und der Abschied.

Ergänzt wird dieses Kapitel mit 29 farbigen Bildern von Objekten und Gemälden die im Rahmen der Therapie von Patientinnen gestaltet wurden.

Teil 5 Die eigene Geschichte annehmen und integrieren

Im kurz gehaltenen fünften Teil werden Möglichkeiten aufgezeigt,wie man durch Imagination den Trauerprozess unterstützen kann:

  • Der Trauer eine Gestalt und Raum geben
  • Briefe schreiben (und diese keinesfalls abschicken!)
  • Dem ganz alten Menschen, der man sein wird, begegnen
  • Rituale
  • Geschichte(n) neu erfinden und erzählen
  • Schuld und Sühne
  • Sinnfragen
  • Dankbarkeit und Versöhnung
  • Neu beginnen

Teil 6 Zur psychodynamisch-imaginativen Traumatherapie mit Kindern und Jugendlichen von Cornelia Appel-Ramb

Appel-Ramb schildert hier u.a. anhand eines ausführlichen Fallbeispiels ihre Erfahrungen mit der Methode Reddemanns in der Traumatherapie mit Kindern und Jugendlichen. Sie hält die Methode auch mit diesem Personenkreis für geeignet und vor allen Dingen für alle Beteiligten entlastend und nicht so leidvoll, wie Verfahren in denen immer wieder das traumatische Erlebnis geschildert wird. Das jeweilige Symptom des Kindes stellt die „Eintrittskarte“ in die Klinik dar und die Entstehungsgeschichte eine „kreative Anpassungsleistung“, an der das Familiensystem beteiligt ist. Mit Kindern unter 10 Jahren wird in erster Linie stabilisierend gearbeitet, währen für ältere Kinder das ganze Verfahren geeignet erscheint. Die Stabilisierungsphase und ihre Funktion wird von Kindern in der Regel auch sofort verstanden.

Anhang Phasen der Traumatherapie im Überblick

  • Ein Arbeitsbündnis herstellen
  • Stabilisierung erarbeiten
  • Traumakonfrontation
  • Integration und Neubeginn
  • Umgang mit der therapeutischen Beziehung
  • Stabilisierungsphase
  • Psychotherapie auf der inneren Bühne
  • Allgemeine Elemente der Traumakonfrontationsphase
  • Beobachter-Technik
  • Trauern und Neuorientierung (Integrieren)

Diskussion

Für Alle, die mit Imaginationsübungen arbeiten eine wunderbare Ergänzung mit guten Anregungen. Für Menschen die sich bereits mit lösungsorientierten Therapietechniken beschäftigt haben, eine Anregung auch für sogenannte „schwierige“ Situationen mit Klienten. Die Fallbeispiele verdeutlichen, dass auch schwerst traumatisierte Menschen mit dieser Methode ihren ganz persönlichen Weg finden und alles was sie zu einer Genesung brauchen in sich selbst tragen.

Fazit

Ein wichtiges und immer wieder auch selbstkritisches Buch mit vielen Hinweisen auf andere hilfreiche Literatur und Darlegung aller Quellen, aus denen man sich inspirieren lässt. Es entsteht kein einziges Mal ein unangenehmer esoterischer Unterton. Dass Patienten durch diese Art von Therapie und das zugrunde liegende Menschenbild das Gefühl zurück bekommen, wieder Regie im eigenen Leben zu führen und nicht mehr von den eigenen Erinnerungen davon geschwemmt werden ist glaubwürdig und nachvollziehbar. Das Buch verknüpft auf eine sehr angenehme, undogmatische Weise das Wissen verschiedenster Schulen und Denkrichtungen.

Tolle Übungen, die gut umzusetzen sind und für Jeden eine Möglichkeit bieten, damit zu arbeiten und dies nicht nur mit traumatisierten Patienten, sondern auch einfach für die eigene Psychohygiene und das eigene Wohlbefinden.


Rezension von
Diplom Sozialpädagogin Sabine Stahl
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Zitiervorschlag
Sabine Stahl. Rezension vom 11.11.2009 zu: Luise Reddemann: Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 14., durchges. Auflage. ISBN 978-3-608-89034-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8635.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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