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Verena Kast: Vom Sinn des Ärgers

Rezensiert von Diplom Sozialpädagogin Sabine Stahl, 01.03.2010

Cover Verena Kast: Vom Sinn des Ärgers ISBN 978-3-451-06011-3

Verena Kast: Vom Sinn des Ärgers. Anreiz zu Selbstbehauptung und Selbstentfaltung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2010. 256 Seiten. ISBN 978-3-451-06011-3. D: 9,95 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 18,90 sFr.
Reihe: Herder Spektrum - 6011.

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Thema

Ärger stellt in der Gesellschaft ein Gefühl dar, dass man häufig zu verbergen versucht. Ärger ist unangenehm und meist Konsequenz aus unangenehmen Begegnungen. Kast zeigt auf, dass Ärger die Quelle von Veränderung, Grenzsetzungen und Energie sein kann. Sie beschreibt verschiedene Formen von Ärger und Möglichkeiten damit umzugehen. Am Ende des Buches plädiert Kast für eine positive Streitkultur und schließt mit einem Beitrag zur Gewaltdiskussion.

AutorIn oder HerausgeberIn

Verena Kast ist 1943 geboren und Psychologin und Psychotherapeutin, Dozentin am C.-G.-Jung-Institut in Zürich, Professorin an der Universität Zürich und Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie. Es sind zahlreiche Bücher von ihr veröffentlicht, u.a. „Abschied von der Opferrolle“, „ Konflikte anders sehen“, „Lebenskrisen werden Lebenschancen“, „Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses.“

Aufbau

  • Das Emotionsfeld Ärger
  • Die Funktion des Ärgers
  • Die Ärgerbiographie
  • Die Ärgerphantasien
  • Die Hemmung von Ärger und Aggression
  • Tiefenpsychologische Hintergründe für verschiedene Ärgerformen
  • Gerechtigkeitsgefühle
  • Schuldgefühle
  • Streiten
  • Die Macht der Worte
  • Unversöhnlichkeit
  • Vom konstruktiven Umgang mit Ärger und Aggression
  • Geschlechtsspezifische Unterschiede
  • Aggressionstheorien und Gewalt
  • Ein Beitrag zur Gewaltdiskussion

Das Emotionsfeld Ärger

Die Frage zu Beginn des Buches, wann man sich das letzte Mal geärgert hat, erstaunt einen wenig. Mehr überrascht die Frage, wann man zum letzten Mal jemand Anderen geärgert hat. Die Auseinandersetzung damit ist einem unangenehm und zeigt ein wesentliches Anliegen des Buches auf: die Notwendigkeit der Auseinandersetzung des eigenen Umgangs mit Ärger. Kast führt den Leser in leicht verständlicher Sprache durch das Thema. Ärger ist für sie Teil eines Emotionsfeldes, in dem sich vor allen Dingen dann etwas regt, wenn man den Eindruck gewinnt, dass etwas in feindseliger Absicht geschieht. Ärgermotivierte Aggression kann in Kasts Verständnis konstruktiv und destruktiv sein. Sie erläutert auch Lerschs Auffassung, Ärger als Gegenstück des Vergnügens zu begreifen. Die Unterbrechung der Reibungslosigkeit, im Sinne eines Gebremstwerdens führt in seinem Verständnis zu Ärger. Im heutigen Verständnis von Ärger, betont Kast, steht die Beeinträchtigung des Selbstwerts, der fehlende Respekt und Angriffe auf die Integrität der Person im Vordergrund. Werden Selbsterhaltung und Selbstentfaltung auf sozialer, psychischer oder physischer Ebene gestört oder beschränkt, ist dies der Auslöser für Ärger, der dazu dienen kann die richtige Distanz (wieder) herzustellen und Grenzen zu ziehen. Ärger kann auch energetisieren und dazu führen schnell und prompt zu handeln. Ärgerliche Stimmung sorgt dafür, dass weitere Begegnungen, eher als „gegen uns“ gerichtet interpretiert werden. Die Begriffsklärung von Ärger – Wut – Zorn – Hass beschreibt eine Steigerung der Emotionen. Ärger, Wut und Zorn haben laut Kast sog. „warme Anteile“, die uns z.B. veranlassen uns politisch zu engagieren. Der „kalte Anteil“ beinhaltet Ekel, Geringschätzung und Entwertung und äußert sich in Zynismus und Sarkasmus. Ist der Ärger an eine Person gebunden spricht sie von Hass. Den Wutanfall interpretiert der Mensch je nach Wertehierarchie als etwas Beschwingendes, Befreiendes oder als etwas wofür man sich schämen muss. Hier kommt auch die Emotionskontrolle ins Spiel, die im besten Fall verhindern soll, dass der Mensch ständig in Konflikte gerät, weil er ungefiltert seine Emotionen preisgibt. Kast empfiehlt als „fruchtbaren Gedanken“ sich damit zu befassen, wann wir bei Anderen Ärger produzieren.

Die Funktion des Ärgers

„Wer Ärger zulässt, glaubt daran, dass man das Leben noch verändern kann. Wer den Ärger nicht mehr zulässt, glaubt nicht mehr daran.“. Im Ärger steckt nach Kast die Energie, die notwendige Veränderungen in die Wege leitet. Ein wesentlicher Teil dieses Prozesses sind „Ärgerphantasien“. Aktion und Reaktion werden phantasiert und dann wird entschieden, ob diese in die Tat umgesetzt werden. Rache und Revanche sind anscheinend die ersten Reaktionen bei Ärger, bevor eine konstruktive Lösung angegangen werden kann. In diesem Zusammenhang geht es häufig um passive Aggressionen, wie z.B. nicht mehr Zuhören, die oft schwer zu erkennen sind. Bei niedrigem Ärgerniveau kann man eher verdrängen. Manche Menschen werden nicht ärgerlich sondern bekommen Kopfschmerzen, Juckreiz oder Kieferverspannungen. Permanenter Ärger ist nahe beim Neidausdruck angesiedelt und enthält häufig das reklamieren von Empathie.

Die Ärgerbiographie

In der Herkunftsfamilie lernt man einen bestimmten Umgang mit Ärger, der z.B. beim Wechsel der Schichtzugehörigkeit zu gewissen Problemen führen kann. Kast fordert auf, sich zu erinnern, wie man Ärger erlebt hat und wie verdeckte Formen von Ärger gewirkt haben. Ärgeräußerung und Ärgerempfang sind miteinander verbunden.

Die Ärgerphantasien

Das bewusst machen von Ärgerphantasien und die manchmal befreiende Wirkung sollte man versuchen, auch wenn einen die destruktiven Inhalte zunächst erschrecken. Kast erläutert im Folgenden Ärgerphantasien und Selbstwertgefühl, Ärgerphantasien mit Wechselwirkungen (Befürchtungsphantasien, Abwehr von Angst, Besorgnisphantasie), Ärgerphantasien zur Wiederherstellung der narzisstischenn Homöostase und destruktive Ärgerphantasien. Sie beschreibt teilweise auch Alltagsbeispiele, die gut erklären um welche Systematiken es im Umgang mit Ärger geht.

Die Hemmung von Ärger und Aggression

Kast beschreibt hier zunächst die Abwehrkonzepte Projektion, Projektion mit Reaktionsbildung (ständige Besorgnis über den Anderen), die masochistische Abwehr (Bestrafung als Schuldentlastung), Identifikation mit Angreifer oder Angreiferin, Verleugnen und Umdeuten und die verschobene Aggression. Kast unterscheidet zwischen einer wünschbaren und problematischen Aggressionshemmung (künstliche Einengung, gedrückte Stimmung, Missverständnisse der Aggressionsgehemmten). Die aufgeführten Beispiele zeigen die Folgen und Missverständnisse im Miteinander sehr gut auf. Die psychosomatischen Begleiterscheinungen von Ärger sind nicht wie lange vermutet die typischen Magenbeschwerden, sonder vielmehr Störungen des Herz-Kreislauf-Systems. Kast betont, dass keine Erkrankung auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist und dass auch Erkrankungen eine aggressive Kontrolle über eine Familie ausüben können (das kranke Herz darf nicht aufgeregt werden). Die passive Aggression wird anhand von zahlreichen Beispielen erläutert, die sicher jeder kennt und so oder ähnlich schon erlebt hat. Die Delegation von passiver Aggression an den Körper (Gähnen, Flatulenzen, Schweiß) verunsichern das Gegenüber und machen eine Reaktion darauf schwer. Die Urheber produzieren diese passive Aggression (wie alle) nicht absichtlich und bewusst. Schweigen als eine häufige passive Aggressionsform und ihre Folgen werden beschrieben. Ein Kommunikationsabbruch führt meist zu einem Ohnmachtserleben des Gegenübers und beinhaltet eine große Macht. Unter diesem Schweigen werden die Beteiligten kleiner und depressiver. Kast zeigt dann Möglichkeiten zum Enttarnen der passiven Aggression auf. Häufiger Hintergrund von passiver Aggression ist die Idee von „Richtig und Falsch“. Die Entwertung des Gegenübers geht mit dem Verlust von Respekt einher. Paare, die sich in dieser passiven Aggressivität eingerichtet haben wirken häufig nach Außen praktisch konfliktfrei. Ihnen fehlt allerdings „Wärme, Nähe und Lebendigkeit“. Die Bedeutung von Autoaggression bzw. Selbstaggression beschreibt Kast in den nächsten Abschnitten: alltägliche Selbstvorwürfe (angreifende Monologe mit sich selbst), die depressive Struktur (die nicht mit einer depressiven Erkrankung gleichgesetzt wird), das „Selbst“ und der „Andere“ Selbstlosigkeit und gleichzeitig hohe Ideale führen häufig zum Verlust des Selbstwertes und damit zu einer Spirale aus Angst, Ärger und Aggression. Selbstkritik als notwendige Entwicklung der Persönlichkeit wird in diesem Fall eher zu einem „Sich-Zerfleischen“. Die Idee, dass der sich selbst erniedrigt, erhöht werden wird, ist häufig Hintergrund dieses Verhaltens. Depressive Menschen halten sich in der Regel für nicht aggressiv, sie wirken aber ausgesprochen aggressiv. Kast beschreibt das Verständnis von Suizidalität von Ringel und Henseler. Gemeinsam ist ihnen, dass Menschen die suizidal sind, in ihrem Selbstgefühl zutiefst verunsichert sind. Zum Thema „selbst schädigendes Verhalten“ im Zusammenhang mit traumatischen Erlebnissen, verweist Kast auf Sachsse und Reddemann und die Annahme der Dissoziation. Dahinter steht der Versuch, über die Verletzungen wieder in Kontakt mit sich selber zu kommen.

Tiefenpsychologische Hintergründe für verschiedene Ärgerformen

Zunächst geht Kast auf das „Ich“ und das „Wir“ ein. Bei der Herstellung eines künstlichen „Wir“, d.h. wenn das Subjekt mit dem Angreifer identifiziert ist, geht es darum, das „Ich“ wieder zu entdecken. Es geht also immer um Autonomie und Beziehung. Autonomie um sich als Ich zu erleben und das soziale „Wir“, um Beziehungen zu erleben. „Die Kunst ist, so viel Autonomie wie möglich zuzulassen und so viel Grenze wie nötig zu setzen“. Der Zusammenstoß von Eigenwille und Fremdwille wird hier als Komplexprägung bezeichnet und unterschieden in: der projizierte Elternpol des Komplexes und der fehlende Ichpol des Komplexes.

Gerechtigkeitsgefühle

Gerechtigkeit als eine Kardinaltugend und Gegenstand der Philosophie (Aristoteles, Platon, Pascal) wird von Kast als prosoziales Gefühl beschrieben, dass durch die eigene Biographie bestimmt wird. Wiedergutmachung ist ein Motiv von Gerechtigkeitsstreben, etwas „wieder in Ordnung zu bringen“ wollen, als Handlungsantrieb. „Rache ist süß“ ist laut Kast solange akzeptabel, solange es sich um eine „kleine Rache“ handelt. Rachegedanken und -phantasien helfen eine Eskalation und eine Resignation zu vermeiden. Eine Überaktivierung des Gerechtigkeitsgefühls dagegen impliziert, dass wir uns als übermächtig, vergleichbar mit einem rächenden Gott, identifizieren. Hier wird das Beispiel von „Michael Kohlhaas“ von Kleist und dessen Interpretation von Emrich erläutert.

Schuldgefühle

Der Versuch in Kontrahenten Schuldgefühle zu wecken, ist meist relativ selbständig erfolgreich. Wenn nicht, reklamiert der Betroffene unter Umständen diese und macht auf den begangenen Fehler aufmerksam. Schuldgefühle resultieren aus dem Über-Ich oder dem Gewissen. Sie helfen im besten Fall die Ordnung wieder herzustellen und Unrecht wieder gut zu machen. Angetragene Schuldgefühle muss man allerdings nicht übernehmen. Der aggressive Umgang mit Schuldgefühlen funktioniert nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung“. Während der depressive Umgang damit dazu führt, dass die Schuld nur bei einem selbst liegt. Insofern hat auch dieser Umgang etwas Großartiges an sich. Sowohl beim aggressiven, als auch beim depressiven Umgang mit Schuldgefühlen nimmt sich der Betroffene nicht wirklich ernst, er entwertet sich. Der konfrontative Umgang mit Ärger und Schuldgefühlen würde mit anderen Worten eine positive Streitkultur beinhalten.

Streiten

Offen ausgedrückter Ärger beinhaltet im optimalen Fall Befürchtungen, Veränderungswünsche und somit die Chance auf echte Veränderung und Nähe. Streiten funktioniert nur bei ähnlicher Stärke und Status. Ansonsten besteht die Gefahr des Unterwerfens und Dominierens. Wesentliche Regeln für einen konstruktiven Streit sind: Ich-Botschaften, respektvoller Umgang, aktueller Bezug, keine „immer“ und „nie“ Botschaften, Recht und Unrecht sind irrelevant. Ein Beispiel veranschaulicht auch hier wie aus Ärger ein Streit wird.

Die Macht der Worte

Kast betont, dass verbale Gewalt oft in ihrer destruktiven Wirkung unterschätzt wird. Sie verweist auf die erste verbale Aggression in der Bibel bei der Aufforderung, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen.Verbale Geschliffenheit beeindruckt häufig eher, als dass sie als aggressiv empfunden wird. Dabei kann z.B. Fragen stellen durchaus aggressiv sein. Eine offene verbale Ärgeräußerungen kann z.B. auch das monologische Schimpfen sein, dass zu einer emotionellen Entlastung führt. Ebenso der Gebrauch von Schimpfwörtern, die Wörter aus dem Tabubereich durch eine Lockerung der Eigenkontrolle ermöglichen. Fluchen und verfluchen hängen eng zusammen und erhöhen uns wieder in übermächtige Positionen. Andere zu beschämen bzw. bloß zu stellen ist eine weitere Möglichkeit aggressiv zu sein. Bei allen genannten Aspekten geht es um Machtkämpfe. Man entwertet den Anderen und idealisiert sich damit selbst. Indirekte verbale Ärgeräußerungen sind z.B. das Gerücht, das häufig unbewusst in die Welt gesetzt wird und den Anderen denunziert. Der Klatsch stellt eine abgeschwächte Form des Gerüchts dar und kann bei manchen Menschen zu einem Lebensstil werden. Der eigene Ärger ist dann vermeintlich nicht von Bedeutung, sondern nur der der Anderen.

Unversöhnlichkeit

Unversöhnlichkeit beruht auf narzisstischer Wut. Verzeihen ist eine reife, authentische, akzeptierende Haltung und setzte einen gewissen Grad der Versöhnung mit sich selbst voraus. Menschen die auf Jahrzehnte unversöhnlich sind, sind in der Regel narzisstisch sehr bedürftig. Kast erläutert im Folgenden die narzisstische Persönlichkeitsstörung als weit gefächertes Beschwerdebild. Den meisten Menschen fehle es an Empathie, Humor, Weisheit und kreativer Distanz zu sich selbst. Narzisstische Wut oder Trennungsangst erläutert sie anhand von Modellen von Jung, Balint, Bowlby und heutigen Bindungstheoretikern. Unsicher gebundene Menschen erleben bei Trennungen sehr viel mehr Wut, als sicher gebundene Menschen. Das heißt, hinter Wutausbrüchen können sich Verlassenheits- und Trennungsangst verbergen. Aber auch lang andauernde Erfahrungen von Not (Hunger, Kälte, etc.) machen aggressiver.

Vom konstruktiven Umgang mit Ärger und Aggression

Versteht man Ärger als Anreiz zur Reflexion, zum Hinterfragen von bisherigen Grenzen, Gewohnheiten, Ordnungen, Nähe und Distanz und Konflikten, ist Ärger die Energie zur notwendigen Veränderung. Ärger drückt in diesem Verständnis Lebendigkeit aus. Nörgeln hingegen ist destruktiv und blockiert, da es zu keiner konkreten Handlung kommt. Das Erkennen von passivem und verbalem Ärger und Aggression hilft, einen konstruktiven Umgang damit zu finden. Autoaggression zu erkennen ist wesentlich, um gesund zu bleiben. In diesem Verständnis muss jeder Einzelne die Verantwortung für sein Selbstwertgefühl übernehmen und sich gegen ungerechtfertigte Angriffe schützen. Kast führt nun Steinerts Ausführungen für die gesunde Verarbeitung von Ärger an.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Kast erläutert Forschungen von Mazur, Rossi und Rossi, Kruse, Eron und Fibush. Vor allen Dingen Mazurs kritischer Umgang mit den Hormontheorien zeigt auf, dass es sich hier um ein Gebiet handelt, dass mit zahlreichen Vorurteilen behaftet ist. Anhand einer Lizensiatsarbeit von Sanfillippo wird letztlich aufgezeigt, dass weder Frauen noch Männer konstruktiv mit Aggressionen umgehen können. Frauen erleben mehr Ärger in Beziehungen, während Männer dies eher in sozialen Situationen der Öffentlichkeit tun. Frauen setzen kaum körperlichen Ausdruck ihrer Wut ein, im Gegensatz zu Männern.

Aggressionstheorien und Gewalt

Kast erläutert hier verschiedene Aggressionstheorien: Triebtheorie (Freud, Lorenz), Aggressions-Frustrations-Theorie (Dollard, Doob, Miller, Mowrer und Sears, Bandura, Browne), Motivationstheorie und die Ärger-Aggressionstheorie, die sie selbst vertritt. Diese besagt, dass die Emotion Ärger der Aggression vorausgeht. Diese Unterscheidung wurde in früheren Modellen nicht getroffen.

Ein Beitrag zur Gewaltdiskussion

In Kasts Verständnis stellt Gewalt die radikalste Form des „Nichtumgangs mit Ärger und Aggression“ dar. Je weniger Ressourcen (Perspektivlosigkeit, Armut) vorhanden sind, desto eher gibt es eine Neigung zu Gewalt. Gewalt geht deutlich stärker von Männern aus. Kast stellt nun eine Sicht auf Gewalt von Sigusch vor: „Die Verstofflichung des Menschen - die Entstofflichung der Dinge“. Sigusch gibt Beispiele für seine These in denen einerseits Menschen wie Sachen beschrieben werden („Die Strukturen verlangen das…“, „ Die Konzernspitze hat beschlossen…“) und andererseits Dingen wie Möbeln menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden („Dazu dieser aufregende Teint. Tendenz pfirsichfarben. Tara ist…“). Sigusch unterscheidet Nekrophilie und Biophilie, um deutlich zu machen dass die Zuwendung zu Totem zwar Gewissheit und Sicherheit vermittelt, aber eben Neues und Lebendiges verhindert. Kast verweist auf die Nähe zu Thesen von Fromm und Kant. Richter hat sich ebenfalls mit dem Thema Gewalt beschäftigt und problematisiert die versteckte Gewalt. Er analysiert die „paranoide Einstellung“ der heutigen Gesellschaft zur Gewalt. Er kritisiert, dass nur noch das Böse, Negative wahrgenommen wird. Als Beispiel wird der friedliche Umbau des ehemaligen Ostblocks, den Gorbatschow zugelassen hat angeführt. Man könne das als Erneuerungswillen interpretieren oder eben so, dass er nur kein Geld mehr gehabt hätte.

Diskussion

Kast sensibilisiert den Leser in einfacher Sprache für die verschiedenen Varianten des Ärgers. Sie zeigt eindeutig und logisch nachvollziehbar den Zusammenhang zwischen Ärger, Aggression und Gewalt auf. Ihre Argumentation und Darstellung der positiven Aspekte des Ärgerns ermuntern dazu, sich mit der eigenen Ärgerbiographie auseinanderzusetzen. Ihre Beispiele aus der Praxis helfen bei der eigenen Beratungstätigkeit z.B. passive Aggressionen schneller und deutlicher zu erkennen.

Fazit

Für Laien und Fachleute gut lesbares Buch mit nachvollziehbaren Beispielen aus der Praxis. Die Auseinandersetzung mit Ärger, als motivierende Energie zur Selbstbehauptung und Selbstentfaltung macht durchaus für beide Lesergruppen Sinn. Das Verständnis von Gewalt, als radikalste Form des Nichtumgangs mit Ärger kann in der Sozialen Arbeit in vielen Gebieten sinnvoll genutzt werden. Für Beratungstätigkeiten ist das Buch hilfreich, um einerseits mit dem Ärger von Klienten hilfreicher umzugehen und andererseits, um mit dem eigenen Ärger einen kreativeren Umgang zu finden.

Rezension von
Diplom Sozialpädagogin Sabine Stahl
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Es gibt 5 Rezensionen von Sabine Stahl.

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Zitiervorschlag
Sabine Stahl. Rezension vom 01.03.2010 zu: Verena Kast: Vom Sinn des Ärgers. Anreiz zu Selbstbehauptung und Selbstentfaltung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2010. ISBN 978-3-451-06011-3. Reihe: Herder Spektrum - 6011. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8637.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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