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Eckart Voland: Soziobiologie

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 09.12.2010

Cover Eckart Voland: Soziobiologie ISBN 978-3-8274-1814-2

Eckart Voland: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Spektrum Verlag (Heidelberg) 2009. 3. Auflage. 248 Seiten. ISBN 978-3-8274-1814-2. 24,95 EUR.

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Thema

Der Begriff Soziobiologie wurde 1975 von dem US-amerikanischen Ameisenforscher Edward O. Wilson geprägt, der in seinem Werk „Sociobiology - The New Synthese“ das Sozialverhalten der Tiere unter evolutionsbiologischen Gesichtspunkten analysierte. Bereits Jahrzehnte zuvor hatte die Forschung des Soziallebens verschiedener tierischer Populationen mit dem Ziel eingesetzt, Regelmäßigkeiten wenn nicht sogar Gesetzmäßigkeiten gemäß den evolutionsbiologischen Postulaten herauszuarbeiten. Altruismus versus Egoismus, Kooperation versus Konkurrenz sind in diesem Kontext Gegensatzpaare, die sich nicht so leicht unter einem Hut bringen lassen. Fest stand damals schon, dass die Untersuchung nicht bei dem einzelnen Exemplar einer Specie verbleiben durfte. Es galt und gilt, die sozialen und physikalischen Umweltfaktoren ebenfalls als Wirkkräfte der Entwicklung der Arten mit zu berücksichtigen. Genetik und Ökologie entfalteten somit zusehends die Bezugsrahmen in diesem Forschungszweig.

Es bedarf des Hinweises, dass gegenwärtig die Evolutionsbiologie, der darwinistische Ansatz, auf der Ebene einer allgemeinen Theoriebildung sich noch in einem Status nascendi befindet. Zu irrational und teils auch zu dogmatisch verlaufen gegenwärtig die einschlägigen Kontroversen. Dies ist deutlich an seltsam wirkenden Kategorien wie das „egoistische Gen“ oder die so genannten „Meme“, die als Produkte einer so genannten „kulturellen Evolution“ im Gegensatz zu den Genen der biologischen Evolution bezeichnet werden, abzulesen. Sieht man jedoch von der abstrakten Ebene der Welterfassung einmal ab, so kann konstatiert werden, dass auf der Ebene der konkreten Forschung einzelner Populationen verschiedener Species (Feldforschung u. a.) ein immenser Reichtum an Erkenntnissen vorliegt, der bereits wertvolle Aufschlüsse über verschiedene Verhaltens- und Reaktionsweisen der Arten einschließlich des Menschen in sich birgt.

Die vorliegende Publikation versteht sich vordringlich als ein einführendes Lehrbuch zur Soziobiologie für Studierende und Lehrende der Biologie, Anthropologie, Psychologie und Sozialwissenschaften.

Autor

Eckart Voland ist Professor für Philosophie der Biowissenschaften am Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Human-Soziobiologie und die Biophilosophie (u. a. die evolutionäre Ethik, Ästhetik und Religionswissenschaft).

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit ist in insgesamt vier Kapiteln unterteilt, die wesentliche Bereiche dieses Forschungsfeldes umfassen.

In Kapitel 1 (Paradigma, Konzepte und Modelle der Soziobiologie – Seite 1- 25) werden einführend die wesentliche theoretischen Grundlagen dieser Disziplin angeführt. So wird zu Beginn die Soziobiologie als „die Wissenschaft von der biologischen Angepasstheit des tierischen und menschlichen Sozialverhaltens“ definiert (Seite 2). Anschließend werden die verschiedenen Selektionsmechanismen (Verwandtenselektion, Gruppenselektion u. a.) im Blickfeld der so genannten „Gesamtfitness“ (Summe aus „direkter und indirekter Fitness“) beschrieben. Das Problem „Kultur“ im evolutionären Kontext wird auch angedeutet, ohne jedoch hier eine Perspektive anzubieten. Des Weiteren werden noch kurz methodische und wissenschaftstheoretische Inhalte expliziert.

Kapitel 2 (Kooperation und Konflikt in sozialen Gruppen – Seite 27-101) besteht aus den Abschnitten der Evolution sozialer Lebensformen und soziale Strategien. So werden u. a. die Vorteile des Gruppenlebens (Verringerung des Raubdrucks, Schutz gegen infantizidale Männchen, effizienterer Nahrungserwerb und Kooperationsgewinne bei der Fortpflanzung) den Nachteilen des Gruppenlebens (erhöhtes Infektionsrisiko, erhöhte Ressourcen- und reproduktive Konkurrenz) gegenübergestellt. Im Abschnitt soziale Strategien werden die verschiedenen Verhaltensweisen wie Kampf, Dominanz und Despotismus an Beispielen aus dem Tier- und Menschenreich beschrieben. Des Weiteren werden die verschiedenen Facetten von Kooperation und Altruismus im sozialen Leben verschiedener Arten erläutert. Darüber hinaus werden Territorialität, Zwischengruppenkonflikte und Ausschlussreaktionen als typische Gruppenphänomene angeführt.

In Kapitel 3 (Geschlechterbeziehungen – Seite 103-161) geht es um die reproduktiven Dimensionen des Lebens: geschlechtliche Konkurrenz und Partnerwahl (u. a. Wettbewerb durch Zurschaustellung Fitnesssteigernder Merkmale, Spermienkonkurrenz und Partnerwahl und Ehe) und Fortpflanzungssysteme (Polygynie, Polyandrie und Monogamie).

Kapitel 4 (Fortpflanzungsstrategien – Seite 163-217) beinhaltet die vielfältigen Strategien des so genannten Elterninvestments (elterliche Aufwendungen für die Aufzucht des Nachwuchses) bei verschiedenen Arten. Hierbei wird auch auf die Bevorzugung eigener Nachkommen, gemeinschaftliche Kinderaufzucht und Adoptionen eingegangen. Auch die Strategien der Großeltern und anderer Verwandten als Helfer in verschiedenen Phasen (vor- und nachgeburtliche Hilfen) sind Inhalte dieses Kapitels. Den Schluss bilden Ausführungen zu den Eltern/Kind-Konflikten.

Diskussion

Das Werk zeichnet sich durch eine klar gegliederte und recht allgemeinverständliche Darstellung der wesentlichen Inhalte der Soziobiologie aus, die durch eine Vielzahl an Abbildungen, Tabellen und Grafiken unterstützt wird. Es kann festgestellt werden, dass hier ein auch für Laien lesbares Lehrbuch vorliegt.

Folgende Aspekte hätten nach Einschätzung des Rezensenten noch in dieses Lehrbuch mit aufgenommen werden sollen, um die Komplexität aller Lebenszusammenhänge und die Grenzen des evolutionären Ansatzes deutlicher hervortreten zu lassen

  • Der von Dawkins eingeführte Begriff des so genannten „erweiterten Phänotypus“ als Ausgangspunkt zur Überwindung der Natur-Kultur-Dichothomie in der Biologie. So wie Dawkins diesen Begriff vordringlich u. a. zur Erläuterung bestimmter genetischer Verhaltensweisen wie den Biberbau oder das Spinnennetz verwendet, so könnte zugleich mit dieser Begrifflichkeit jedwede Kulturleistung des Menschen bis hin zur Zivilisation des 21. Jahrhunderts letztlich biologisch erklärt werden.
  • Eine kritische Darstellung der Specie Homo sapiens, die sich eben nicht als „angepasste Art“ der Soziobiologie erweist, sondern im Gegenteil durch rücksichtslose Zerstörung der Umwelt auf ihren eigenen Untergang hinsteuert. Durch dieses unangepasste menschliche Verhalten der letzten Jahrhunderte wird der positivistische Entwicklungsbegriff des 19. Jahrhunderts und somit auch der Darwinismus ad absurdum geführt (Falsifikation).

Fazit

Die vorliegende Arbeit kann aufgrund des reichen Datenmaterials und der sehr verständlichen Darstellungsweise allen Lesern, die sich mit den Grundzügen der Verhaltensbiologie vertraut machen wollen, zur Lektüre empfohlen werden.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Es gibt 236 Rezensionen von Sven Lind.

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ISSN 2190-9245