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Andreas Frewer, Berhard Bremberger u.a. (Hrsg.): Der "Ausländereinsatz" im Gesundheitswesen (1939 - 1945)

Cover Andreas Frewer, Berhard Bremberger, Günther Siedbürger (Hrsg.): Der "Ausländereinsatz" im Gesundheitswesen (1939 - 1945). Historische und ethische Probleme der NS-Medizin. Franz Steiner Verlag (Stuttgart) 2009. 284 Seiten. ISBN 978-3-515-09201-2. 49,00 EUR.

Reihe: Geschichte und Philosophie der Medizin - Band 8. Medizingeschichte.
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Thema

In der NS-Zeit wurden während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) zwischen sieben und elf Millionen Menschen zur Zwangsarbeit im Deutschen Reich gezwungen. Sie wurden vor allem in der Industrie sowie in vielen mittelständischen und landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt und stammten aus allen von der Wehrmacht besetzten Ländern Europas, die meisten aus Polen und der damaligen Sowjetunion, wobei letzte auch als „Ostarbeiter“ bezeichnet wurden. So waren im Spätsommer 1944 etwa ein Viertel der Arbeitskräfte – rund die Hälfte von ihnen Mädchen und Frauen – in der gesamten deutschen Wirtschaft Zwangsarbeiter; für gewöhnlich hatten sie unter einer unmenschlichen Lebenssituation, mangelnder Gesundheitsversorgung und Krankheiten oder Verletzungen aufgrund der extremen Arbeitsbedingungen zu leiden. Die politische Verantwortung für die Zwangsarbeiter trug ab 1942 Fritz Sauckel, Gauleiter von Thüringen und „Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz“ (GBA), der hierfür im Rahmen der Nürnberger Prozesse zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Während der Einsatz von Zwangsarbeitern in der Industrie mittlerweile recht gut erforscht ist, konnten erst in jüngerer Zeit im Rahmen der vertieften historischen Forschung auch für Felder, die auf den ersten Blick nicht primär an Zwangsarbeit denken lassen, wie Medizin und Gesundheitswesen, genaue Einblicke in die geschichtlichen Zusammenhänge erlangt werden. Hier setzt der vorliegende Sammelband an, dessen Beiträge die historische und moralische Dimensionen der Probleme von Zwangsarbeitenden im Gesundheitswesen im „Dritten Reich“ beschreiben und analysieren. Hierbei werden grundlegende Beiträge zur systematisch reduzierten medizinischen Versorgung in verschiedenen regionalen Krankenhäusern, Universitätskliniken oder Lagern beziehungsweise „Ausländerbaracken“ ergänzt durch eindrückliche Erfahrungsberichte von Zeitzeugen und Opfern der NS-Zeit.

Herausgeber und Autorenschaft

Herausgegeben wird das als Band 8 der Schriftenreihe „Geschichte und Philosophie der Medizin“ erschienene Buch von dem Medizinhistoriker Andreas Frewer vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Erlangen, dem Berliner Kulturhistoriker Bernhard Bremberger, Mitarbeiter im Entschädigungsamt Berlin (Berliner Koordinierungsstelle für Auskunftsersuchen von Zwangsarbeitern des NS-Staats und anderen Berechtigten), und dem Kulturwissenschaftler Günther Siedbürger, Vorstandsmitglied der Geschichtswerkstatt Duderstadt e.V. Neben den Herausgebern haben rund ein Dutzend Autorinnen und Autoren, die sich mit der Thematik zumeist auf regionaler Ebene intensiver beschäftigt haben, die einzelnen Beiträge beigesteuert.

Aufbau und Inhalte

Wie die Herausgeber in ihrer Einführung schreiben, ist der vorliegende Band „Ergebnis zahlreicher Projekte, um die geschichtlichen und moralischen Hintergründe des ‚Ausländereinsatzes‘ im Spiegel des Gesundheitswesens besser kennen zu lernen, zu dokumentieren und Perspektiven für den praktischen Umgang mit der eigenen Geschichte zu bekommen“ (S. 9). Dementsprechend beleuchten die einzelnen Beiträge historische und ethische Probleme der Medizin für den Zeitraum von 1939 bis 1945 an einer Reihe verschiedener Institutionen und Regionen.

Zunächst steht das persönliche Schicksal im Mittelpunkt: Giuseppe Chiampo, der mit den eindrucksvollen Aufzeichnungen seines Tagebuches ein besonderes Dokument hinterlassen hat. Günther Siedbürger hat in einem größeren Editionsprojekt die Erinnerungen des „Italienischen Militärinternierten“ Chiampo dokumentiert und für den vorliegenden Band ausgewählte Abschnitte mit Erfahrungen im Kontext von Medizin und ärztlicher Betreuung zusammengestellt und kommentiert. Thorsten Neubert-Preine stellt auf der Basis langjähriger Recherchen Aspekte von Fremd- und Zwangsarbeit für Norddeutschland vor. Am Beispiel des Landkreises Fallingbostel (Bomlitz) dokumentiert er den Einsatz und die medizinische Versorgung von Ausländern für die Zeit des Zweiten Weltkriegs und beleuchtet insbesondere die gesundheitsgefährdende Zwangsarbeit beim größten Militärpulverproduzenten Deutschlands, der Eibia GmbH, und ihre Auswirkungen auf die regionalen Strukturen des Gesundheitswesens.

Von der Zwangsarbeit, die der Staat in immer totalerem Ausmaß organisierte, profitierten auch kirchliche Einrichtungen, was Harald Jenner anhand kirchlicher Einrichtungen Norddeutschlands genauer vorstellt. Sein Beitrag zeigt speziell innerhalb der Diakonie und am Beispiel Hamburg, welche Personen beschäftigt und wie die Menschen in ihrem Arbeitsalltag behandelt wurden.

Mit ihrer detaillierten Studie für Dortmund beleuchtet Regina Menter die ärztliche Versorgung in den großen Stammlagern: Im heutigen Westfalenpark war mit dem „Stalag VI D“ ein sehr großes Lager für Zwangsarbeitende und Kriegsgefangene eingerichtet worden. Die erhaltenen Dokumente, etwa auch die Berichte der Beobachter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), zeichnen ein vielschichtiges Bild der schwierigen Bedingungen für die Zwangsarbeitenden, das die Auswirkungen der Nationalitätendiskriminierung durch die Nazis ebenso umfasst wie den Umgang mit psychischen Erkrankungen Kriegsgefangener.

Mit dem Schwerpunkt „Lebensbeginn“ setzen sich zwei Beiträge mit einem speziellen Bereich der Lebenswirklichkeit und dem Alltag für die im „Dritten Reich“ zur Arbeit gezwungenen Menschen auseinander: Während Wiebke Liesner, gestützt auf Berichte von Hebammen und anderen Zeitzeugen sowie Dokumenten aus relevanten Institutionen, am Beispiel des Landes Lippe die Rolle der Hebammen im Spektrum zwischen Unterstützung und Diskriminierung der Zwangsarbeitenden aufzeigt, beleuchtet Barbara Bayer die Situation von Zwangsarbeiterinnen und ihren Kindern als Patienten an der Gynäkologischen und Geburtshilflichen Klinik der Universität Tübingen.

Die Beiträge im letzten Abschnitt des Buches widmen sich der Situation von Zwangsarbeitenden im Großraum Berlin: Dabei erörtert Almuth Püschel den Einsatz und die medizinische Versorgung von Zwangsarbeitenden in Potsdam-Babelsberg, während Bernhard Bremberger und Andreas Frewer erstmalig übergreifend die verschiedenen Funktionen von Zwangsarbeitenden in der Berliner Universitätsmedizin beziehungsweise an der Charité beleuchten. Im Anschluss daran stellen Bernhard Bremberger, Frank Hummeltenberg und Manfred Stürzbecher die Ergebnisse langjähriger Recherchen und neuester Forschungen zu diesem besonderen „Ausländerkrankenhaus“ im Süden der Reichshauptstadt vor.

Am Ende des Buches haben wiederum die Betroffenen das letzte Wort. Die Situation von Zwangsarbeitenden im Süden von Berlin, im „Ausländerkrankenhaus Mahlow“, wird durch die Erfahrungsberichte – kurze, aber doch eindringliche Schlaglichter – von Maria Sawtschenko, Hanna Gryzak, Hanna Magola, Julianna Petrilka, Ivan Evtihievitsch Gladki und Maksimenko Wassilij Dmitriewitsch verdeutlicht. Ihre Erinnerungen zeigen plastisch Bedingungen, Sorgen und Nöte der jungen Menschen, die mit ernsthaften Erkrankungen in diesem großen Zentrum der Medizin für Zwangsarbeitende konzentriert und in verschiedener Weise behandelt wurden.

Diskussion

Wenngleich die zentrale Funktion von Fremd-, Zwangs- und Sklavenarbeitern in der gesamten Gesellschaft in den letzten zehn Jahren deutliche und immer wieder bedrückende Konturen erhalten hat, liegen über deren Einsatz im Gesundheitswesen für den Zeitraum von 1939 bis 1945 – im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen, insbesondere der Industrie – bislang wenige Studien vor. Insofern ist das Erscheinen des vorliegenden Sammelbandes sehr zu begrüßen, zumal die einzelnen Beiträge weitgehend neue Kenntnisse vermitteln, fundiert geschrieben sind und solide Anmerkungen aufweisen. Die Veröffentlichung des Buches in der von Andreas Frewer herausgegebenen Schriftenreihe „Geschichte und Philosophie der Medizin“ ist sehr passend, sind doch die rassenhygienischen Theorien und rassistischen Verfahrensweisen einer eigentlich auf Helfen und Heilen verpflichtenden Disziplin wie die Humanmedizin ein Gradmesser für die Unterminierung von ethischen Werten und die Durchdringung der menschenverachtenden Ideologie in allen Ebenen des NS-Staates.

Bleibt zu hoffen, dass der von den Herausgebern einführend geäußerte Wunsch, ihr Buch möge „sowohl die Erinnerung an die historischen Ereignisse differenziert wach halten als auch Anlass sein zu angemessener Gedenkkultur und weiteren Studien“ (S. 12), in allen Punkten in Erfüllung geht.

Fazit

Bei dem von Andreas Frewer, Bernhard Bremberger und Günther Siedbürger herausgegebenen Sammelband „Der ‚Ausländereinsatz‘ im Gesundheitswesen (1939-1945)“ handelt es sich um eine wichtige Neuerscheinung, die in keiner Bibliothek des Gesundheitswesens fehlen sollte.


Rezension von
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 05.11.2009 zu: Andreas Frewer, Berhard Bremberger, Günther Siedbürger (Hrsg.): Der "Ausländereinsatz" im Gesundheitswesen (1939 - 1945). Historische und ethische Probleme der NS-Medizin. Franz Steiner Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-515-09201-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8649.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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