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Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. , Joachim Bothe (Hrsg.): Wie kommen Analphabeten zu Wort?

Rezensiert von Dorothea Dohms, 15.01.2010

Cover  Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. , Joachim Bothe (Hrsg.): Wie kommen Analphabeten zu Wort? ISBN 978-3-8309-2159-2

Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. , Joachim Bothe (Hrsg.): Wie kommen Analphabeten zu Wort? Analysen und Perspektiven. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. 299 Seiten. ISBN 978-3-8309-2159-2. 14,90 EUR.
Reihe: Alphabetisierung und Grundbildung - Band 3
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Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband vereint in seinen Vorträgen Analysen, Workshop- und Erfahrungsberichte der 6. Fachtagung Alphabetisierung im Rahmen der UN-Weltalphabetisierungsdekade, die unter dem Titel „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Analphabeten kommen zu Wort“ im Oktober 2008 in Leipzig stattfand. 340 Teilnehmer – zu nennen sind hier vor allem Vertreter der Projekte PROFESS und Alpha-Team Hamburg, von GRAWiRA und „Chancen erarbeiten“ (beide BMBF) und nicht zuletzt der Pädagogischen Hochschule Weingarten – verzeichnete der Veranstalter, davon über 50 Lernende (ehemalige Analphabeten), die, auch wenn sie in Begleitung von Vertrauenspersonen anreisten, als selbstbewusste Akteure in zum Teil sogar tragenden Rollen auftraten.

Thema

Die Frage nach den Strukturen und Mechanismen innerhalb unserer Gesellschaft, die verhindern, dass Menschen mit eingeschränkter Lese- und Schreibfähigkeit im Bildungssystem Benachteiligung und Ausgrenzung erfahren, wird anhand kultureller Alltagspraktiken ebenso thematisiert, wie sie auf individueller Ebene beschrieben wird. Die Überwindung von Blockaden und Alltagsängsten, Erfolgserfahrungen während des Lernprozesses sowie die Darstellung von funktionalem Analphabetismus in der medialen Öffentlichkeit sind weitere Tagungsschwerpunkte. Vor allem aber widmen sich die Teilnehmer den vielfältigen Methoden, Strategien und Konzepten zur Überwindung des Analphabetismus in der Forschung ebenso wie in der alltäglichen Praxis. Die offene Methode der mutter- und zweitsprachlichen Alphabetisierung, die Werbung und Beratung der Lernenden fanden neben der Rolle der Lehrenden im Kursgeschehen das größte Interesse der Teilnehmer. Erfrischend schnörkellose Vorträge wie etwa „Das Menschenrecht auf Bildung und Alphabetisierung“ machten allerdings den datengespickten Vorträgen zur „Bildung in Deutschland 2008“ und zur „Beteiligungsförderung für Lebenslanges Lernen“ den Rang streitig.

Doch lassen wir, gemäß dem Titel der Fachtagung, die Lernenden selbst in ihrer Einschätzung des Tagungsgeschehens zu Wort kommen. Neben den vielen Gesprächen und persönlichen Erfahrungsberichten fanden vor allem zwei Veranstaltungen die lebhafte Zustimmung der Lernenden: Jutta Stobbe: „Menschen ohne Schrift, Menschen ohne Zukunft?“ und Werner Stein: „Schöne Wildheit und prekäres Außenseitertum. Zur medialen Darstellung und Inszenierung von Analphabetismus in Film und Fernsehen“. Und daran anschließend Interviews mit dem Regisseur der SAT1-Dokumentation „Gemeinsam sind wir stark: Lesen und Lernen mit 48 Jahren“ und seinem Protagonisten Uwe Boldt. Neben den eher für die lehrenden Fachleute interessanten Vorträgen, Workshops und Erfahrungsberichten, die sich vor allem mit Themen wie der Exklusion von Analphabeten, den Ängsten und Erfolgen in der täglichen Alphabetisierungsarbeit, der Werbung, Beratung und Motivierung von Lernenden und der Professionalisierung von Alphabetisierung und Grundbildung beschäftigten, machten vor allem diese Veranstaltungen – wie auch die Berichte über offensive Aktionen zur Information über Analphabeten und ihre Biographien – augenfällig, wie wichtig es für die Betroffenen ist, Öffentlichkeit herzustellen, um Verständnis zu werben für die schwierige Lernsituation erwachsener Analphabeten.

Menschen ohne Schrift, Menschen ohne Zukunft

Die Autorin Jutta Stobbe, einstmals unkundig des Schreibens und Lesens, spricht hier aus der eigenen Erfahrung, spricht von der späten Wut: auf die Eltern, die keine Zeit hatten, auf die Lehrer, die nicht merkten, welche Schwierigkeiten sich vor dem Kind auftürmten oder diese einfach übergingen, auf die Mitschüler, die „nur gegen Schokolade“ mit ihr spielen wollten. Die Verheimlichungstaktiken während ihrer Ausbildung zur Köchin werden erst im 3. Lehrjahr brüchig. Sie schafft den Abschluss dennoch dank ihres hilfsbereiten, einfallsreichen Küchenchefs. Heirat und Kinder folgen, und damit fängt alles wieder von vorne an: die Wut auf gedankenlose Lehrer, die, da Hilfe bei den Hausaufgaben der Kinder ausgeschlossen ist, die vielen Fehler in den Diktaten bemängeln. Die schier unerträgliche Sorge um die Kinder macht die Überwindung schließlich doch möglich: Sie meldet sich in der VHS zu einem Alphabetisierungskurs an, lernt dort Menschen mit gleichen Problemen kennen. Vor allem aber vermittelt ihr der Kurs Mut zum und Lust und Freude am Lernen. Es folgt die Ausbildung zur Hauswirtschafterin mit glänzender Meisterprüfung und schließlich sogar eine Arbeit im Ausbildungsbereich. Und es folgt nach Jahren der Entschluss, mit der eigenen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, um anderen, denen es ähnlich ergangen ist wie ihr, zu helfen, aus der eigenen Isolation herauszukommen, zu erfahren, wie viel bunter die Welt, wie viel größer die Zukunftsaussichten sind, wenn man schreiben und lesen kann.

Schöne Wildheit und prekäres Außenseitertum

Werner Stein beginnt seinen Vortrag über die Darstellung von Analphabetismus in Film und Fernsehen mit einer kurzen Analyse von Jean-Luc Godards Film-Fabel „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (1965), in der ein von außen kommender Spion, gewissermaßen ein funktionaler Analphabet, sich einlässt auf den Kampf gegen das als feindlich empfundene Sprach-, Schrift- und Zeichensystem einer Stadt, deren Sprache „gleichgeschaltet“ wurde vom Supercomputer Alpha 60 und den vorgegebenen Codes eines totalitären Regimes.

Auch in François Truffauts „Fahrenheit 451“ (1966) sieht sich das Individuum bedroht durch die totalitären Ansprüche von Schrift und Literatur, von umfassender Zensur, die den Einzelnen in seiner Entfaltung und seinem Anspruch auf Bildung hindert. Ein weiterer Film des oben genannten Regisseurs – „Wolfsjunge“ (1969/70) – beschäftigt sich mit einer etwas anderen Facette von Analphabetismus, der reduzierten Identität eines „jungen Wilden“ trotz seines Kontaktes mit Sprache und Schrift und der Frage, ob dieser Junge durch den Kontakt mit der Zivilisation nicht mehr verloren als gewonnen hat.

Auch in Peter Greenaways „Die Bettlektüre“ (1995/96) ist die Bedrohung des Individuums durch Schrift das beherrschende Thema: Lesen und Schreiben werden hier in einer ungewöhnlichen Interpretation zu einer Frage auf Leben und Tod.

In den neueren Filmproduktionen zeichnet sich ein Wechsel der öffentlichen Wahrnehmung von Analphabeten ab, die nicht mehr als reduzierte Persönlichkeiten auftreten, sondern als vielschichtige Charaktere. Kritisch betrachtet der Autor dabei jenen Filmklassiker von Martin Ritt – „Stanley & Iris“ (1989) - , an dem niemand vorbeikommt, der sich mit dem Thema Analphabetismus beschäftigt. Trotz darstellerischer Brillanz bediene auch er in seiner Erzählweise die bekannten stigmatisierenden Klischees in hohem Maße.

Während in „Stanley & Iris“ eine Frau (Jane Fonda) dem Kantinenkoch (Robert de Niro) Lesen und Schreiben beibringt, sind es in den bundesdeutschen Fernsehproduktionen die Männer, die den Frauen, die nicht lesen und schreiben können, erst das Alphabet und dann die Welt erklären. Zum Beispiel Susanne von Borsody in der romantischen Komödie „Wie buchstabiert man Liebe?“ von Christine Hartmann (HR 2001). Sozialkitsch, so die Einschätzung des Autors, sei auch die Produktion „In Liebe eine Eins“ mit Anna Loos in der Hauptrolle (MDR 2005), in der die Darstellung einer naiven, aber liebevollen Mutter, der das Jugendamt den kleinen Sohn „entreißen“ will mit der Begründung, dass eine Analphabetin per se auch eine schlechte Mutter sein müsse, einen eher befremdlichen Eindruck hinterlässt, während Alexander Wiedls Familienunterhaltung „Ein Ferienhaus in Marrakesch“ (ARD 2008) vor allem Gutmenschentum, Reisekulisse und Trivialromantik zu Wort kommen lässt: ein Tiefpunkt in der bundesdeutschen Darstellung von Analphabetismus in Film und Fernsehen.

1993 opfert der Regisseur Detlef Buck in seinem Film „Wir können auch anders“ die Komplexität des Phänomens Analphabetismus einer Kalauerparade und führt seine beiden Protagonisten als skurrile Witzfiguren vor. Ganz anders hingegen die französische Komödie „Saint Jacques – Pilgern auf Französisch“ (2005) von Coline Serreau, in der die Existenzängste eines Analphabeten eine sehr emotionale bildhafte Interpretation erfahren.

Aus der Vielzahl von Fernsehdokumentationen, die in ihrer reißerischen und oftmals voyeuristischen Darstellung von Analphabeten hauptsächlich den Boulevardjournalismus bedienen, ragt der Film „Das G muss weg“ (2005) von Renate Günther-Greene heraus, der drei Betroffene in ihrem Alltag begleitet und den anstrengenden Kampf dokumentiert, den funktionale Analphabeten mit sich selbst und mit ihrer Umgebung führen müssen.

Für die gelungene SAT1-Doku-Soap „Gemeinsam stark“ dreht Christian Cull 2008 den Beitrag „Lesen lernen mit 48 Jahren“, in dem seinem Protagonisten Uwe Boldt der Spagat gelingt zwischen dem Lernen und den gleichzeitigen Ansprüchen seines Berufs- und Privatlebens. (Den Tagungsteilnehmern standen Uwe Boldt und sein Regisseur in einem späteren Interview „Guckt mal: Ich hab‘s geschafft, dann schafft ihr das auch!“ Rede und Antwort.) Von ähnlicher Güte ist auch die gemeinsam erstellte Videoproduktion „Du bist nicht allein“ (2008) von Kursteilnehmern des Vereins „Lesen und Schreiben“ in Berlin Neukölln. Die Geschichte von Salvatores Odyssee bei der Suche nach der Adresse seines Alphabetisierungskurses macht auf beeindruckende Weise das kreative Potential und pragmatische Leistungsvermögen von Analphabeten deutlich und trägt so vielleicht dazu bei, dass weitere vergleichbare Projekte der unverfälschten, subjektiven Darstellung der Lebenswelten von Analphabeten möglich werden.

Fazit

Das Symposion ist in seiner Zusammenstellung eine gelungene Mischung von Außenwirkung und Innenwirkung. Die Forschungsergebnisse und Berichte aus dem schwierigen Alltag der Experten und – in der Thematik und dem persönlich gefärbten Tenor zu bewerten als ein durchaus stimmiges Kontrastprogramm, das die wissenschaftlich formulierten Artikel lebendig zu ergänzen vermag – die biographischen Berichte, tagebuchartigen Notizen und Erzählungen ehemaliger Analphabeten und am Ende, nicht zu vergessen, deren persönliche Einschätzung des Tagungsgeschehens vermitteln einen rundum gelungenen Einblick in die oftmals bedrückende und unbequeme Thematik dieser 6. Fachtagung Alphabetisierung. Es ist dem Buch zu wünschen, dass es das Interesse einer breiten Öffentlichkeit wecken kann. Daher auch die Entscheidung der Rezensentin, neben der Erwähnung all der anderen vorzüglichen Artikel das Augenmerk vor allem zu richten auf jene Abschnitte, die sich mit der medialen und biographischen Darstellung von Analphabetismus befassen und deren vordringliches Ziel es ist, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für ein schwieriges Thema zu erzeugen, statt Ausgrenzung und Diskriminierung entstehen zu lassen.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 15.01.2010 zu: Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. , Joachim Bothe (Hrsg.): Wie kommen Analphabeten zu Wort? Analysen und Perspektiven. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. ISBN 978-3-8309-2159-2. Reihe: Alphabetisierung und Grundbildung - Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8655.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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