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Jürgen Margraf: Kosten und Nutzen der Psychotherapie

Cover Jürgen Margraf: Kosten und Nutzen der Psychotherapie. Eine kritische Literaturauswertung. Springer (Berlin) 2009. 168 Seiten. ISBN 978-3-540-68312-4. 44,95 EUR, CH: 81,50 sFr.
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Autor und Entstehungshintergrund

Im Jahre 2004 gab das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan), das den Auftrag hat, politikbezogene Analysen im Bereich des Gesundheitswesens durchzuführen, dem Autor den Auftrag für eine aktuelle Literaturauswertung zu Kosten und Nutzen der Psychotherapie; ein Forschungsprotokoll wurde vom Obsan im Jahre 2008 veröffentlicht und ergänzt die hier vorliegende Publikation. Mit Jürgen Margraf, damals Ordinarius für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Basel (ab 2010 in gleicher Funktion an der Ruhr-Universität Bochum) hat das Obsan eine Person beauftragt, die wie wohl kein zweiter im deutschsprachigen Bereich für die anstehende Aufgabe qualifiziert war und ist: Langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie, Verfechter von auf Wirksamkeit, Effektivität und Effizienz geprüften psychotherapeutischen Behandlungsformen und einer der bedeutendsten deutschsprachigen Klinischen Psychologen, im Jahre 2009 ausgezeichnet als Alexander von Humbolt-Professor. Kosten-Nutzen-Rechnungen für das Gebiet der Psychotherapie sind, und das gilt für Deutschland und den gesamten deutschsprachigen Bereich weitaus stärker als etwa für die USA, selten. Für deutsch(sprachig)e Leser könnte es daher – und weil Kosten-Nutzen-Analysen im Bereich der Gesundheit insgesamt eher verpönt sind - etwas Befremdliches haben, wenn sie eine Rechnung lesen, wie sie etwa das Washington State Institute for Public Policy 1998 aufmachte: durch eine Investition in Multisystemische Therapie in Höhe von $ 4.500 konnten binnen zehn Jahren bald $ 22.000 eingespart werden (Heekerens, 2006). Hier ist Erinnerungsarbeit angezeigt. Im Jahre 1967 wurde in Deutschland die psychodynamische – ab 1980 dann auch die verhaltenstherapeutische – Behandlung in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen. Diese Entwicklung verdankt sich nicht nur dem „Neurosenurteil“ des Bundessozialgerichts von 1964 (Anerkennung von neurotischen Störungen im Erwachsenenalter als „Krankheit“), sondern auch der wenige Jahre zuvor durchgeführten Therapienutzenstudie von Annemarie Dührssen (1962).

Aufbau und Inhalt

Das Kernstück des vorliegenden Buches in Kapitel 4 „Ergebnisse zu Kosten und Nutzen der Psychotherapie“ bildet eine detaillierte Auswertung aller im Jahrzehnt um die Jahrtausendwende in Englisch, Französisch oder Deutsch publizierten Originalarbeiten zu Kosten und Nutzen ambulanter Psychotherapie. Eingebettet ist dieses Kernstück in einen dreifachen Rahmen. Dein äußeren bilden ein Vorwort und das Inhaltsverzeichnis am Anfang und ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie eine Liste der zur Literatursuche kontaktierten Experten am Ende. Der mittlere Rahmen wird gebildet durch das knappe Kapitel 1 „Ausgangslage und Fragestellung“, das kurze, aber prägnante Kapitel 2 „Methodik“ sowie das ausführliche Kapitel 6 „Diskussion“, aus dessen abschließendem Fazit nachfolgend zitiert wird, weil damit die zentrale Botschaft des Buches sehr prägnant dargestellt wird:

„Die vorliegende Auswertung der empirischen Literatur zeigt, dass

  • Psychische Störungen zu den größten Kostenverursachen unseres Gesundheitswesens gehören,
  • Psychotherapie bei geeigneten Indikationen im Durchschnitt zu dauerhaften und klinisch relevanten Verbesserungen fuhrt,
  • Die aktuelle Forschung der letzten 10 Jahre die Ergebnisse früherer Arbeiten in eindrucksvoller Weise bestätigt.
  • Psychotherapie führt demnach in der großen Mehrheit der Fälle zu Kosteneinsparungen bei medizinischen Maßnahmen, die in der Regel bereits in den ersten zwei Jahren nach Therapieende die Therapiekosten wieder ausgleichen. Kontrollanalysen zeigen, dass diese Ergebnisse nicht durch Publikationsverzerrungen erklärt werden können.
  • Im Vergleich zu medikamentösen Alternativbehandlungen führt vor allem die bessere Dauerhaftigkeit der Psychotherapiewirkungen zu einem günstigeren Kosten-Effektivitäts-Grad.
  • Durch eine hohe Zahl von Studien unter Praxisbedingungen bzw. so genannter Effectiveness-Studien können die Forschungsbefunde gut auf die klinische Routinepraxis übertragen werden.

Diese Befunde dürfen nicht unbesehen auf alle Arten von Psychotherapien und alle Indikationen übertragen werden.“ (S. 143)

Zu diesem letzten Satz zwei klärende Anmerkungen: Das vorstehende Fazit gründet zum überwiegenden Teil auf die Kognitive Verhaltenstherapie mit Behandlungsdauer von maximal 50 Stunden und es ist für die Erwachsenenpsychotherapie weitaus mehr fundiert als für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Zu dem vorgenannten Fazit tragen Ergebnisse bei, die im Kernstück Kapitel 4 sowie im inneren Rahmen, gebildet aus Kapitel 3 „Zum Stand der Forschung“ und Kapitel 5 „Übertragbarkeit der Forschungsergebnisse auf die Routinepraxis“, gefunden wurden.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch steht im deutschsprachigen Bereich einzigartig da und gehört, international betrachtet, zum Besten, was es zur behandelten Thematik gibt. Indem es die Grenze von der Wirksamkeits-/Effektivitätsforschung zur Effizienz hin überschreitet, leistet es einen Beitrag zum Transfer psychologischer Erkenntnisse in Gesellschaft und Politik; das ist ein hochaktuelles Thema der deutschsprachigen Psychologie, wie das einschlägige Themenheft 4/2009 der Psychologischen Rundschau zeigt. Als Manko des Buches ist Zweierlei (und völlig Verschiedenes) anzumerken. Zum einen fehlt ein Stichwortverzeichnis ebenso wie ein Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen. Zum anderen ist, was wohl dem doch schon einige Zeit zurück liegenden Abschluss des Berichtszeitraums zuzuschreiben ist, die Darstellung der Forschungslage zur Systemischen Therapie, welcher der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (erst) Ende 2008 die wissenschaftliche Anerkennung aussprach, nicht auf dem aktuellsten Stand.

Das Buch richtet sich in erster Linie an alle Leser, die in Praxis, Lehre und Forschung mit Psychotherapie zu tun haben oder zu tun haben werden (Studierende, Ausbildungskandidaten etc.). Mit „Psychotherapie“ sind in diesem Zusammenhang auch solche psychosozialen Interventionen gemeint, die nicht bloß im Rahmen der Krankenversorgung, sondern etwa auch im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe erbracht werden. Nicht nur für Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten ist daher das Buch von großem Interesse, sondern auch für Sozialpädagogen – und nicht zuletzt für Entscheidungsträger im Gesundheits- wie im Sozialwesen.

Ergänzende Literaturnachweise:

Dührssen, A. (1962). Katamnestische Ergebnisse bei 1004 Patienten nach analytischer Psychotherapie. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin, 8, 94-113.

Heekerens, H.-P. (2006). Die Multisystemische Therapie. Ein evidenz-basiertes Verfahren zur Rückfallprophylaxe bei Kinder- und Jugendlichendelinquenz. Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 2006, 17(2), 163-171.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 17.12.2009 zu: Jürgen Margraf: Kosten und Nutzen der Psychotherapie. Eine kritische Literaturauswertung. Springer (Berlin) 2009. ISBN 978-3-540-68312-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8664.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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