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Marcel Hénaff: Der Preis der Wahrheit

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 30.11.2009

Cover Marcel Hénaff: Der Preis der Wahrheit ISBN 978-3-518-58518-4

Marcel Hénaff: Der Preis der Wahrheit. Gabe, Geld und Philosophie. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2009. 635 Seiten. ISBN 978-3-518-58518-4. D: 39,80 EUR, A: 41,00 EUR, CH: 64,50 sFr.
Originaltitel: Le prix de la vérité.

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Der Homo oeconomicus

Schon der griechische Philosoph Aristoteles hat beklagt, dass es für nomisma, Geld, keinerlei Grenzen zu geben scheint. Nachdem der Tauschhandel, der ja grundsätzlich darauf beruhte, dass Menschen Dinge, von denen sie mehr hatten, als sie selbst ge- und verbrauchen konnten, gegen andere Materialien eintauschten, die sie benötigten, verbunden mit der Einstellung, nicht mehr zu geben und zu nehmen, als man zum Leben brauchte, der Auffassung wich, dass man mit der Veräußerung einer Ware auch Gewinn machen und reich werden könne, also in die chrêmatistikê, die Gelderwerbskunst, übergegangen ist, seitdem ist, so sagen die einen, das Unglück in die Welt bekommen, während die anderen davon ausgehen, dass „alles seinen Preis“ hat. Der Homo oeconomicus, das egoistische, berechnende und rationale Individuum, ist gleichsam das „natürliche“ Wesen.

Entstehungshintergrund

Damit aber haben wir bereits das Problem im Visier: Der Preis des Geldes und der Preis der Wahrhaftigkeit, und – oder versus? Wir werden verwiesen auf die Werte Ethik und Moral oder Egoismus und Eigennutz, von Gnade und Gabe oder Profit und Gier. Das aber ist nicht in erster Linie eine ökonomische, sondern eine philosophische Frage. Der französische Literaturwissenschaftler und Kulturanthropologe Marcel Hénaff, der an der University of California lehrt, setzt sich in einer historischen Tour d’horizon mit der Frage auseinander, ob es eine Beziehung zwischen Wahrheit (Moral) und Geld gibt. Er geht davon aus, dass dabei die eine Schiene des Marktgeschehens, der Gütertausch, vom symbolischen Gabentausch unterschieden werden müsse. Während das eine der Vermehrung von Gütern und Werten diene, würde das andere die Schaffung und Festigung von Anerkennungs- und Machtverhältnissen bedeuten. Damit landet er genau im historischen wie aktuellen Diskurs über den Wert der Ware und den Sinn ökonomischen Denkens und Handelns. „Wir wissen, dass keine kaufmännische Gleichung den Preis des Lebens, der Freundschaft, der Liebe oder des Leidens wird ausdrücken können; oder den der Güter des gemeinsamen Gedächtnisses. Oder den der Wahrheit“. Und wie ein Menetekel (oder Replik auf die aktuelle Situation der Weltwirtschaftskrise) malt der Autor die Vorstellung an die Wand, „ob die riesige Bewegung der modernen Wirtschaft – die ganze inzwischen weltweite Produktionsmaschine – am Ende nicht das letzte und radikalste Mittel ist, Schluss zu machen (mit den moralischen Wertevorstellungen)…, mit der Gabe… mit der Schuld (und dafür zu) produzieren, tauschen konsumieren…“

Aufbau und Inhalt

Es ist klar, diesen Horrorvisionen will Hénaff etwas anderes entgegen setzen. Seine Argumentationslinien gliedert er in dem umfangreichen Buch in drei Teile.

Das erste Kapitel überschreibt er mit „Figuren und Käuflichkeit“. Dabei setzt er sich der platonischen Ablehnung des käuflichen Wissens auseinander, wie es im philosophischen Denken als „Leidenschaft des Wissens und … Suche nach der Wahrheit“ postuliert ist. Die Anklage Platons gegen die sophistische Käuflichkeit, die sich nicht verträgt mit dem Wert der Wahrheit und dem Pekuniären des Geldes, von Wissen und Ware. Damit wird der Sophist, der sich für seine Wissensvermittlung bezahlen lässt, stikum zum Jäger und (Wörter)Händler, der auf der Pirsch nach Kunden und Opfern ist, der schließlich als Warenhändler und Profiteur, gar als Wucherer, wie er in der biblischen Ethik zum Ausdruck kommt.

Im zweiten Teil wird die „Welt der Gabe“ thematisiert. Mit der Geschichte über das nicht zu bewertende Wissen legt der Autor die Grundlage der Reflexionen über das Geben und Nehmen: Sokrates erhielt eines Tages von seinen Schülern Geschenke. Aischines kam zu ihm und sagte: „Ich kann dir nichts schenken, was deiner würdig ist, und da habe ich begriffen, dass ich rein gar nichts hatte. Deshalb schenke ich dir das einzige, was ich besitze: mich selbst. Ich bitte dich, dieses Geschenk, so wie es ist, anzunehmen und dich daran zu erinnern, dass die anderen, auch wenn sie dir viel gegeben haben, doch einen großen Teil für sich behielten“. Sokrates erwiderte ihm: „Wie sollte dies kein großes Geschenk sein, es sei denn, du erkennst dir nur wenig Wert zu? Deshalb werde ich darauf achten, dir selbst einen besseren Menschen zurückzugeben als den, den ich erhalten habe“. Aus dieser Auffassung entwickelt sich das aristotelische Bewusstsein: „Wissen und Geld lassen sich nicht mit einem Maß messen“. Dem französischen Soziologen Marcel Mauss verdanken wir in dem Zusammenhang die Kennzeichnung als „zeremonielle Gabe“, die sich als gesellschaftsverbindende, wie auch als hierarchisierende Geste darstellt, und zwar sowohl als moralische Verpflichtung, wie auch als kalkulierte Machtdemonstration. Indem Hénaff ausführlich die verschiedenen Forschungsarbeiten und Beobachtungen bei indigenen Völkern, etwa von Malinowski, Boas und anderen referiert, wird die eine Seite der Gabenbeziehung deutlich: „Geben ist ruhmvoll und verschafft Ansehen“. In der anderen verdeutlicht sich die andersartige Auffassung vom Geben und Nehmen, etwa bei den als Jäger und Sammler existierenden Völkern, im Vergleich zu den Hirten und Ackerbauern, bei denen schließlich das spirituelle Opfer als Gabe erscheint, gewissermaßen als Entschädigung für die Wohltaten des Lebens und der Existenz. Dieser Zugang ist uns in der Moderne abhanden gekommen, und mit ihm Werte, wie Danksagung und Gnade – und die Anerkennung und das Bewusstsein von Schuld. Die Zeit des Kapitals ist hereingestürzt.: Sich verschulden, um zu investieren! Und: Mit Schulden leben und „die von gestern mit den Anleihen von morgen zurückzahlen“. Obwohl wir immer noch die Thematik an historischen Exempeln diskutieren, befinden wir uns flugs in unserer Wirklichkeit. Wie kommt das zustande? Es sind die Veränderungen, die in der Moderne sich vollzogen haben: Zum einen in dem radikalen Verlust vom Bewusstsein des Gleichgewichts; zum zweiten durch das Ersetzen von Gütern durch Geld; und schließlich durch den Austausch der Erfahrung der Beziehungen auf Gegenseitigkeit durch formale Vertragsbeziehungen. Es ist die „Entzauberung“ des Sozialen, die in den radikalen Individualismus mündet, den man auch als Egoismus und Egozentrismus bezeichnen kann.

Wie dieser Misswirtschaft begegnet werden kann, darüber reflektiert Marcel Hénaff im dritten Teil: „Die Gerechtigkeit beim Tausch und der Raum des Handels“. Es kommt der „Markt“ und die „Marktwirtschaft“ ins Spiel. Es sind die Probleme und Widersprüche des Geldes. Die Münzpräge- und Gelddruckmaschinen, die scheinbar immer noch nach dem „Greshamschen Gesetz“ aus dem 16. Jahrhundert funktionieren sollen, dass „schlechtes Geld gutes verdrängt“; dass das „wilde“ und „archaische“ Geld, als Muscheln, Kaurischnecken, Perlenketten, Metallgewichten oder geschliffenen Quarzkristallen in den Handel gebracht, zum Handelsgeld und neuerdings zum imaginären und virtuellen Flüchtigen und Spekulativen geworden ist. Wobei der Maßstab, der den Tausch tragen sollte, die Gerechtigkeit, längst auf der Strecke geblieben ist.

In diesem Dilemma bedarf es eines Überdenkens der traditionellen philosophischen Auffassungen, also einer Rückschau darauf, ob das Leben einen Preis, oder im Sinne der aristotelischen Auffassung vom eu zên, vom guten Leben, eine Bedeutung hat. Welchen, das lässt sich wiederum nur philosophisch (oder anthropologisch, religiös…), in jedem Fall human herausfinden, nicht kapitalistisch und materiell. Denn jede Ware, jede Tätigkeit oder jeden Zustand ökonomisch zu bewerten – und sie gewissermaßen der Sphäre des Marktes und des Handels zu unterwerfen – führt dazu, dass die Handelssphäre alle anderen Lebens- und Existenzformen kontaminiert. Das spricht nicht gegen das Prinzip des Tauschs als Warenverkehr und der Distribution von Gütern; es spricht aber gegen jede Form von Ausbeutung, Korruption, Übervorteilung und Erniedrigung. Damit sind wir zum Schluss schließlich an dem angelegt, was in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte unmissverständlich zuoberst steht: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“. Das bedeutet, den Anderen, den Nahen wie den Fernen, in seiner Würde anzuerkennen. „Die ethische Verpflichtung, die aus der Begegnung mit dem Anderen erwächst, eine bedingungslose Verpflichtung, von der die Unendlichkeit des Antlitzes zeugt, ist ein formales –’du sollst’, sondern ’du schuldest es dir’ oder ’du sollst geben’“.

Fazit

Die Lektüre des Buches von Marcel Hénaff fordert vom Leser eine gehörige Bereitschaft, sich in die philosophischen Fragen von Gut und Böse, von Wahrheit und Wissen einzulassen. Dies aber, so zeigen uns die Verhaltensweisen der Menschen durch die Zeiten hinweg, ist eine Herausforderung, die den Menschen zum Menschen macht, machen sollte. Weil Wahrheit kein Gut sein darf, das sich wie Güter herstellen lässt und gar verkauft werden kann, deshalb muss es im Zusammenleben der Menschen, lokal und global, Güter geben, die keinen Preis haben; es sei denn den der Anerkennung, der Würde, der Gleichheit. Um diese Einstellungen wieder zu gewinnen, bedarf es des philosophischen Nachdenkens. Das aber ist ja nichts anderes, als „die Liebe zur Weisheit“ – und, darauf weist Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik ausdrücklich hin, ohne ein politisches Denken und Handeln nicht möglich. So ist die philosophische Analyse über Gabe, Geld, Moral und Handel, die aus den philosophischen Ursprüngen und Diskursen über die Zeit hinweg schöpft, ein Werkzeug für heute. Für Politiker, Ökonomen, Händler und alle diejenigen, die miteinander handeln. Für uns alle also!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.11.2009 zu: Marcel Hénaff: Der Preis der Wahrheit. Gabe, Geld und Philosophie. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2009. ISBN 978-3-518-58518-4. Originaltitel: Le prix de la vérité. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8665.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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