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Michael Tomasello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation

Cover Michael Tomasello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2009. 409 Seiten. ISBN 978-3-518-58538-2. D: 39,80 EUR, A: 40,70 EUR, CH: 64,00 sFr.

Originaltitel: Origins of human communication.
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Thema

Eine der grundlegenden Fragen, die die Menschen seit Menschengedenken beschäftigt, ist die Frage der so genannten menschlichen Natur und ihrer Entstehung. Was macht den Menschen aus, worin unterscheidet er sich von anderen Tieren? Das Wissen über die eigene Specie ist teils noch sehr brüchig. Es wurde in der Vergangenheit je nach gesellschaftlichem Entwicklungsstand von Mythen, Religionen und philosophischen Überlegungen gespeist. Doch nun treten zunehmend auch die Naturwissenschaften als Erkenntnisinstrumente in den Mittelpunkt, die Biologie mit ihren Teildisziplinen Verhaltens- und Hirnforschung markieren gegenwärtig die Pfade der Wissensaneignung. Besonders die Evolutionskonzepte von Darwin und seinen Schülern werden als Ausgangspunkt und Bezugsrahmen verwendet. In diesem Kontext der Genese der Menschwerdung werden verstärkt vergleichende Forschungen im Bereich Mensch – Menschenaffen betrieben, um die Gemeinsamkeiten und auch die Unterschiede im Verhalten und der mentalen Erfassung der Umwelt herauszuarbeiten.

Die vorliegende Abhandlung befasst sich mit den Ursprüngen der menschlichen Kommunikation innerhalb der Phylogenese der Menschwerdung der Specie Homo sapiens.

Autor

Der Autor, der aus den USA stammt, ist Anthropologe, der als Direktor der Abteilung für „Vergleichende und Entwicklungspsychologie“ des Leipziger „Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie“ tätig ist.

Inhalt

Der Autor möchte eine Theorie der Ursprünge der menschlichen Kommunikation entwickeln, da er den Ansatz von Noam Chomsky, dass Menschen über eine angeborene Universalgrammatik als Disposition verfügen, nicht zu teilen vermag. Da eine direkte empirische Erfassung des Gegenstandsbereiches aufgrund der Vorgeschichtlichkeit der Genese nicht möglich ist, versucht der Autor auf indirekten Wegen eine Erklärung dieses Sachverhaltes herbeizuführen.

Folgende Argumentationsmuster wurden für die Fundierung seiner Thesen entwickelt.

  • Die Ontogenese der Kommunikation bei Kleinkindern
  • Die Kommunikation bei Primaten (vor allem Schimpansen)
  • Die Ableitung der Kommunikation aus der sozialen Struktur der Kooperation der Menschen bei der Reproduktion ihres Lebens

Tomasello stellt in diesem Zusammenhang die These auf, dass die menschliche Kommunikation in ihren Anfängen aus verschiedenen Gesten (Zeigegesten, Gebärden u. a.) bestand und dass erst später die Sprache als zentrale Kommunikationsform das Miteinander bestimmte. Gesten haben in dieser Phase nur eine unterstützende und verstärkende Wirkung.

Schimpansen sind nur zu einfachen Zeige- oder Hinweisgesten fähig, da ihnen laut Tomasello das nötige Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen fehlen würde. Sie könnten somit auch kein Kollektiv- oder Wir-Bewusstsein entwickeln. Belegt werden diese Annahmen durch Laborversuche mit Primaten in Leipzig. Die umfangreiche Feldforschung mehrerer Jahrzehnte über das komplexe und reflektierte Sozialverhalten der Schimpansen werden erstaunlicher Weise in dieser Studie nicht als Referenzrahmen angeführt.

Diskussion

Die vorliegenden Thesen der Autors verweisen auf den Tatbestand, dass in der Anthropologie gegenwärtig noch viele Thesen und Kontroversen den Forschungsalltag bestimmen, denn die Dispostion-Umwelt-Relation (genetisch bedingtes Verhalten im Kontext der Plastizität durch die verschiedenen Einwirkungsmechanismen der unmittelbaren Umgebung) ist noch nicht ausreichend erforscht worden. Bis zu einer quantifizierbaren Gleichung im Sinne einer naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit ist es noch ein weiter Weg, der vielleicht nie erreicht werden kann, denn allein schon die Hirnforschung weist die menschlichen Grenzen in der Wissenserfassung eklatant auf. Auch die Relation Natur und Kultur wird noch kontrovers diskutiert, denn Kultur ist für viele Anthropologen noch keine biologische Kategorie, sondern immer noch etwas Eigenständiges, das als Entität in einem noch nicht geklärten Spannungsverhältnis zur Natur steht.

In diesem Umfeld besitzen alle Thesen das Attribut des Vorläufigen und Unfertigen. Spekulationen haben hierbei Konjunktur. Nach Einschätzung des Rezensenten wird nur eine empirisch ausgerichtete Forschung im Rahmen der Biologie einen besseren Erkenntnisstand herbeiführen, der jedoch nie den Status von Naturgesetzen erreichen wird, denn die Specie Homo sapiens wird nie zur absoluten Selbsterkenntnis ihres Daseins vordringen.

Fazit

Die vorliegende Arbeit enthält umfangreiche Wissensbestände, die in einschlägigen Fachkreisen der Verhaltensbiologie rezipiert werden sollten.


Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.svenlind.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 03.02.2011 zu: Michael Tomasello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2009. ISBN 978-3-518-58538-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8668.php, Datum des Zugriffs 16.06.2021.


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