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Birgit Schaffar: Allgemeine Pädagogik im Zwiespalt

Cover Birgit Schaffar: Allgemeine Pädagogik im Zwiespalt. Zwischen epistemologischer Neutralität und moralischer Einsicht. Ergon Verlag (Würzburg) 2009. 236 Seiten. ISBN 978-3-89913-713-2. 38,00 EUR.

Reihe: Erziehung, Schule, Gesellschaft - 54.
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Thema

Seit geraumer Zeit steht innerhalb der Erziehungswissenschaft die Teildisziplin der allgemeinen Pädagogik in der Diskussion. Soll sie Leitdisziplin der anderen pädagogischen Teildisziplinen oder gleichwertige Spezialdisziplin für diese Teildisziplinen übergreifende, d.h. allgemeine Fragen sein? Birgit Schaffar eröffnet, analog zur Philosophie, der die allgemeine Pädagogik von allen pädagogischen Teildisziplinen am nächsten steht, eine andere Alternative: Soll Philosophie „sowohl als eigene als auch als Teildisziplin innerhalb anderer akademischer Disziplinen“ (S. 217) und damit auch allgemeine Pädagogik als „philosophische Disziplin innerhalb der wissenschaftlichen Pädagogik“ zu „epistemologischer Neutralität bzw. Objektivität“ verpflichtet oder von der „Einsicht, in moralischen Fragen nicht neutral sein zu können und zu dürfen“ (S. 11), getragen sein. Die bisherige allgemeine Pädagogik, ob als Leit- oder als Spezialdisziplin verstanden, habe die allgemeine Pädagogik stets als Theorie (einer Praxis) aufgefasst und damit auch ein Verständnis von „Philosophie als Wissenschaft“ (Gernot Böhme) beerbt. Die Autorin erprobt in ihrem Buch dagegen, wie sich eine allgemeine Pädagogik als (Theorie in einer) Praxis darstellen kann, ähnlich der Idee der „Philosophie als Lebensform“ (Gernot Böhme). Sie plädiert für eine „Verschiebung der Blickrichtung von einem epistemologischen Verständnis der pädagogischen Reflexion zu einem moralischen“ (S. 16) bzw. „existentiellen“ (S. 17). Ausgangspunkt der Reflexion sei „die konkrete pädagogische Situation, in der Pädagogen über ihre Tätigkeit reflektieren und sich fragen „Was soll ich hier in dieser Situation tun?“ (S. 18) (Erziehung als Aufgabe). Wissenschaft sei für diese existentielle Reflexion nur eine „Reflexionshilfe“ für „breiteres Hintergrundwissen“ (S. 18) (Erziehung als Gegebenheit).

Damit teilt Schaffar, auf eine andere philosophische Tradition gestützt, ein Selbstverständnis der (allgemeinen) Pädagogik als praktischer Wissenschaft, wie es Wilhelm Flitner in seiner „Allgemeinen Pädagogik“ entwickelt hat: Pädagogik als „Reflexion am Standort der Verantwortung des Denkenden“ bzw. als „réflexion engagée“. Pädagogik als „hermeneutisch-pragmatische Wissenschaft“.

Entstehungshintergrund

Die Autorin ist nach einem zweiten Aufenthalt an der schwedischsprachigen Åbo Akademi Universität in Finnland von der dortigen pädagogischen Fakultät promoviert worden. Das vorliegende Buch stellt offensichtlich ihre Dissertation dar. Ob es ihr ganz entspricht oder zum Zweck der Buchveröffentlichung übersetzt und/oder überarbeitet worden ist, lässt sich dem Vorwort nicht entnehmen. Dort weist Schaffar aber darauf hin, dass und wie der im Untertitel des Buches anklingende Gegensatz auch mit den verschiedenen Traditionen zweier Institute der genannten Universität an zwei verschiedenen Standorten zusammenhängt: dem Institut für Allgemeine Pädagogik an der pädagogischen Fakultät in Vaasa und dem Institut für Philosophie an der philosophischen Fakultät in Turku. Die Autorin sei über diese beiden Institute mit „zwei unterschiedlichen philosophischen Selbstverständnissen konfrontiert“ worden, die auch für die Allgemeine Pädagogik virulent sind.

Aufbau

In der Einleitung (1.) greift Schaffar den „thematischen Ausgangspunkt“ (1.1) des Buches auf und bietet einen „kurzen inhaltlichen Überblick“ (1.2). Es folgt ein „Kommentar zur Herangehensweise“ (2.), in dem das „philosophische Selbstverständnis“ erläutert wird, das die Autorin teilt und in den nächsten Kapiteln erproben will: „Philosophie als eine Arbeit an sich selbst“, angelehnt an eine lebenspraktische Lesart des Werks des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. Das andere Selbstverständnis, Philosophie als theoretische Arbeit, wird indirekt mit abgehandelt.

Birgit Schaffar widmet sich sodann in drei Hauptteilen, aus der Sicht lebenspraktischer Philosophie, drei zentralen Begriffen wissenschaftlicher Pädagogik: Autonomie (I., 3.-5.), Entwicklung (II., 6.-8.) und Wissenschaft (III., 9.-11). Darin kritisiert sie „drei große moderne Themenkomplexe“: die „Vorstellungen eines autonom lebenden, denkenden und handelnden Subjekts“, die „Vorstellung einer gleichförmigen Entwicklung, die in der Regel als Fortschritt verstanden wird“ und das „Streben nach subjektunabhängigen (objektiven) Resultaten in Wissenschaft“ (21). Ihre von Wittgenstein inspirierte Modernitäts- und Rationalitätskritik findet sie auch in kritischen, feministischen und existentialistischen Diskursen. Jeder Hauptteil besteht wiederum aus drei Kapiteln, von denen die ersten beiden zwei Aspekte des zu behandelnden Begriffs diskutieren und das dritte als „Resümee“ tituliert wird. Das zwölfte und letzte Kapitel bietet eine Zusammenfassung des gesamten Inhalts.

Inhalt

1. Philosophie

In den ersten beiden Kapiteln des Buches eröffnet Schaffar für die Philosophie, mitgedacht für die allgemeine Pädagogik, die Alternative von Wissenschaft und Lebensform. Philosophie könne sich entweder als Wissenschaft oder „als grundsätzlich andere Tätigkeit“ (217), und zwar als theoretische Lebensform verstehen. Wissenschaft strebe in ihren Methoden und Resultaten subjektunabhängige Neutralität an, während die Lebensform der Theorie subjektabhängige Parteilichkeit nicht nur für unumgänglich, sondern auch für notwendig hält. Wahrheit sei aus Sicht der Wissenschaft zu entwickeln (Finden als Erfinden), aus Sicht der Lebensform aufzudecken (Finden als Entdecken). Wahrheit ist dort die mitzuteilende Neuigkeit, hier die Erinnerung an längst Bekanntes. Für die Wissenschaft ist das Sein, um einen naturalistischen Fehlschluss zu vermeiden, vom Sollen zu trennen, für die theoretische Lebensform beinhaltet das Sein schon ein Sollen.

2. Autonomie, Entwicklung und Wissenschaft

In den folgenden drei Hauptkapiteln erörtert die Autorin, ausgehend von ihrem besonderen theoretischen Selbstverständnis, drei Themenkomplexe, an denen sich die Pädagogik, als Wissenschaft aufgefasst, immer wieder von Neuem abgearbeitet hat und abarbeitet. Sie zeigt wiederholt, dass die entsprechenden theoretischen Probleme zumeist aus Fragestellungen resultieren, die von vornherein mit Prämissen belastet sind, die zufriedenstellende Antworten schon im Ansatz vereiteln. Sie versucht sich ihrerseits nicht an den möglichen Antworten auf grundlegende Fragen, sondern prüft die Fragen auf ihre stillschweigenden Voraussetzungen und kommt so zu erhellenden Einblicken. Welche Fragen Schaffar im Detail wie prüft, kann im gegebenen Rahmen der vorliegenden Besprechung leider nicht dargelegt werden.

Diskussion

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits zeigt die Autorin immer wieder auf, welche vielversprechenden Einsichten sich ihrem Ansatz entlocken lassen. Es wird deutlich, dass hier Fragen von grundsätzlicher Bedeutung aufgegriffen und Antworten von Gewicht gegeben werden. Andererseits verbleibt nach der Lektüre der Eindruck, dass Schaffars Gedankengänge oft beim vorletzten Schritt enden oder unklar ausgedrückt werden. „Allgemeine Pädagogik im Zwiespalt“ – das gilt auch für ihre Behandlung dieses Themas.

Fazit

Das Buch „Allgemeine Pädagogik im Zwiespalt“ ist ein spannender Wurf und lohnt die Lektüre für jeden philosophisch interessierten pädagogischen Leser. Wenn es diesen Lesern besser als dem Rezensenten gelingt, sich in Schaffers Gedanken hinein- oder sie gar weiterzudenken, umso mehr.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 04.06.2010 zu: Birgit Schaffar: Allgemeine Pädagogik im Zwiespalt. Zwischen epistemologischer Neutralität und moralischer Einsicht. Ergon Verlag (Würzburg) 2009. ISBN 978-3-89913-713-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8670.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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