socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Helmke: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität

Cover Andreas Helmke: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2008. Neubearb., 1. Auflage. 436 Seiten. ISBN 978-3-7800-1009-4. 34,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Nach dem sog. TIMSS- oder PISA-Schock wurde die Bildungspolitik aktiv und hat innerhalb der Lehrerbildung eine empirische Wende vollzogen. Wichtig wurde die Expertise, inwieweit Unterricht überhaupt Wirkungen zeitigt; es geht um tatsächlich erreichte Effekte und Wirkungen von Unterricht, d.h. um messbare Wirkungen der Schule. Der Autor kritisiert an der deutschen Situation jedoch, dass es seiner Meinung nach noch zu wenig evidenzbasierte Unterrichstforschung gäbe oder solche Untersuchungen, die nicht bestehenden methodischen Standards genügten. Zudem sei die deutsche Situation von der eher didaktischen Frage nach dem guten Unterricht gekennzeichnet, wobei die Kriterien der Güte oft unscharf blieben. Adressaten des Buches sind Lehrkräfte, Lehrende und Studierende in Lehramtsstudiengängen oder Lehrerseminaren bzw. Referendare und Referendarinnen. Dabei will Helmke folgende Fragen beantworten:

  • Was ist guter Unterricht? Was macht die erfolgreiche Lehrperson aus?
  • Wie kann man die Qualität des Unterrichts erfassen und bewerten?
  • Wie lässt sich Unterricht verbessern?

Autor

Prof. Dr. Andreas Helmke war von 1977-1982 in verschiedenen Projekten der Bildungsforschung an der Universität Konstanz tätig; von 1982-1992 Mitarbeiter und Projektleiter am Max-Planck Institut für psychologische Forschung in München; 1991 Habilitation an der LMU München und seit 1993 ordentlicher Universitätsprofessor für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Koblen-Landau.

Entstehungshintergrund

Die Grundfrage des Buches in seinen verschiedenen Auflagen und Vorfassungen ist die nach der Messbarkeit, Verbesserung und Bewertung von Unterrichtsqualität. Schulischer Unterricht verfolge als Hauptziel die „Ermöglichung, Anregung und Aufrechterhaltung individueller Lernprozesse.“ (S. 20) Qualität von Unterricht müsse sich demnach zuerst daran bemessen lassen, ob auf der Seite des Lernenden Lernprozesse angestoßen wurden und wie nachhaltig sich diese Impulse auswirken. Unter Unterrichtsqualität versteht der Autor die Beschaffenheit von Unterricht im Sinn von ausweisbaren Merkmalen; die zweite Bedeutung ist eine Bewertung von Unterricht im Sinn von Güte. Messbarkeit von Unterricht bezieht sich auf den Unterrichtsprozess selbst, also auf das, was im Klassenzimmer geschieht und zum anderen auf auf den Ertrag des Unterrichts. Helmke versucht mit diesem doppelten Qualitätsbegriff sich der Skylla und Charybdis von Schematismus und didaktischem Dogmatismus zu entziehen. Ihm geht es vor allem darum, der Choreografie von beobachtetem Unterricht auf die Spur zu kommen, die Vielfäligkeit und Unberechenbarkeit von Unterricht als Überraschungsoffenheit einzuüben. Gegen eine reine Methodenorientierung, wie sie vielerorts in der didaktischen Theoriebildung favorisiert wird, geht es Helmke um Prozessorientierung: „Prozessorientiert in diesem Sinn ist jede Herangehensweise an die Beschreibung und Bewertung des Unterrichts, die nicht vom Produkt (den Wirkungen) ausgeht, sondern nach der Beschaffenheit der Unterrichtsprozesse fragt. „Gut“ ist aus dieser Perspektive ein Unterricht, der wissenschaftlich fundierten Qualitätsprinzipien entspricht, wie sie beispielsweise in Form von kategorienbasierten Unterrichtsbeobachtungs- und Unterrichtsbeurteilungsbögen zur Verfügung gestellt werden… Der Kontrapunkt zur prozessorientierten ist die wirkungsorientierte Sichtweise: Unterricht ist so gut wie die Wirkungen, die er erzielt. Dieser Blickwinkel wird von einer empirischen, evidenzbasierten Sichtweise, insbesondere von der Forschung zur Lehrerwirksamkeit (teacher effectiveness) nahegelegt und ist seit der empirischen Wende der Bildungspolitik in Deutschland nicht mehr wegzudenken.“ (S. 24) Wichtig für Helmke ist also die Verbindung zwischen Prozess- und Produktorientierung von Unterricht, um Kriterien für die Messbarkeit von Unterrichtsqualität zur Verfügung stellen zu können.

Aufbau

Das Buch ist in 8 Hauptkapitel wie folgt eingeteilt:

  1. Einleitung
  2. Lehren und Lernen: Theorien und Konzepte
  3. Lehrerpersönlichkeit und Professionsstandards
  4. Unterrichtsqualität: Bereiche, Merkmale, Prinzipien
  5. Diagnose und Evaluation des Unterrichts
  6. Unterrichtsentwicklung
  7. Videografie des Unterrichts
  8. Ausblick und Perspektiven

Autoren-, Stichwortregister, Autorenregister, Literaturverzeichnis.

Als besonders instruierend können die jedem Kapitel zugeordneten Reflexionsaufgaben gelten, die es allen Nutzern und Nutzerinnen ermöglichen sollte, Inhalte des jeweiligen Kapitels auf die eigene Lehr- oder Studienpraxis anzuwenden.

Inhalt

In der Einleitung wird die empirische Wende in der deutschen Bildungs- und Unterrichtsforschung beschrieben. Der Autor rekurriert hier auf die verschiedenen internationalen Untersuchungen wie z.B. die Untersuchung zur mathematischen Problemlösekompetenz (TIMSS) oder die erste PISA Untersuchung, die die sog. reading literacy fokussierte. Dabei werden Hürden, Hindernisse und Ärgernisse vorgestellt und vor allem, wohltuend für den Lesenden Begriffe geschärft. Im zweiten Kapitel werden eingangs die Probleme von klassischen Lern- und Instruktionstheorien skizziert und danach Strategien und Methoden der Unterrichtsforschung vorgestellt. In diesem Abschnitt legt Helmke Wert auf die Verbindung zwischen Prozess- und Produktorientierung. Helmke fokussiert hier einmal in der Didaktik die Wahl der Methoden, Sozialformen usw., die nach didaktischen Gesichtspunkten zu einem gelingenden Unterricht beitragen und andererseits die Qualitätsdimensionen empirischer Unterrichtsforschung wie z.B. Strukturiertheit, Verständlichkeit, Motivierungsstrategien. Wichtig sind hier auch weitere Merkmale wie der Unterrichtsstil, die sozialisationstheoretische Vernetzung von Unterricht (Zusammenhang zwischen Schule und Unterricht), Klassenführung, Zielkriterien des Unterrichts. Grundsätzliche Kritik übt der Autor an den verschiedenen taxonomischen Kriterienkatalogen zur Unterrichtsbeurteilung. Auch bezüglich der im Moment, vor allem durch Wolfgang Klafki evozierten Diskurse bezüglich Schlüsselqualifikationen, spart Helmke nicht mit Kritik: „Die wichtigste Voraussetzung für kumulative und anspruchsvolle Lernprozesse sind gerade nicht formale Schlüsselqualifikationen, sondern ist eine solide und gut organisierte Wissensbasis, das heißt ein in sich vernetztes, in verschiedenen Situationen erprobtes und flexibel anpassbares Wissen („intelligentes Wissen“), das Fakten, Konzepte, Theorien und Methoden gleichermaßen umfasst.“ (S. 41)

In Anlehnung an Weinert (2000) formuliert Helmke sechs fundamentale Bildungsziele der Schule:

  1. Vermittlung von intelligentem Wissen
  2. Vermittlung von anwendungsbezogenem Wissen und Können
  3. Abstrakte und konkrete Schlüsselqualifikationen; zu den abstrakten Schlüsselqualifikationen gehören z.B. Autonomie und Selbstmanagement; zu den konkreten Fremdsprachen und Umgang mit Medien.
  4. Erwerb von Lernkompetenzen und Lernstrategien
  5. Erwerb sozialer Kompetenzen
  6. Wertorientierungen

Abschied nehmen müsse man nach Helmke von naiven Vorstellungen, die idealen Eigenschaften von Lehrenden benennen zu können; empirisch sei der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen von Lehrenden und Schulleistungsunterschieden zu schwach ausgeprägt. Auch das Prozess-Produkt-Paradigma stehe aus ähnlichen Gründen in Frage; zudem stelle die Allgemeine Didaktik zwar eine Vielzahl von normativen Regulierungsstrategien vor, diese seien aber fast gar nicht empirisch überprüft oder gar überprüfbar. Ziel sei, so Helmke, die Tiefenschichten von nachhaltigem Unterricht anzuregen: „Die Tiefe der Verarbeitung lässt sich durch entsprechende Instruktionen, durch das Unterrichtsangebot und die Aufgabenstellung beeinflussen. Erhalten Schüler lediglich die Aufforderung, einen Text „langsam und sorgfältig“ zu lesen, dann wird dies eher zu einer oberflächlichen Verarbeitung führen. Werden sie dagegen aufgefordert, das Gelesene in eigenen Worten zu rekapitulieren oder in irgendeiner Weise mit der eigenen Person, den eigenen Erfahrungen in Beziehung zu setzen (Effekt des Selbstbezugs), dann ist die Wahrscheinlichkeit einer tiefen Verarbeitung höher). Als Alternative zu den gängigen Modellen stellt der Autor ein Angebots-Nutzungs-Modell vor, das Faktoren der Unterrichtsqualität und Wirkungen des Unterrichts zusammenfasst. Ausführlich werden im dritten Kapitel Lehrerpersönlichkeit und Professionsstandards an anhand der scheinbar einfachen Frage, was denn ein guter Lehrer sei, diskutiert. Klarheit in der Sprache, Wissen und Expertise, Selbstreflexion und Unterrichtskompetenz gehören als Kern verschiedener Umfragen unbedingt zur beruflichen Professionalität eines Lehrenden hinzu. Aufschlussreich ist die Zusammenstellung schweizerischer Professionsstandards für Lehrende (S. 145f.), wonach Lehrende Fachinhalte verstehen und vermitteln, Entwicklungsprozesse von Lernenden verstehen und unterstützen, Unterschiede im Lernen verstehen und berücksichtigen, Unterrichtsstrategien verwenden und entwerfen, motivieren und anleiten, kommunizieren und moderieren, planen und evaluieren, beobachten, beurteilen und fördern, eigene Erfahrungen reflektieren und im Umfeld kooperieren müssen. Die wichtigsten fachübergreifenden unterrichtsrelevanten Qualitätsbereiche werden im vierten Kapitel beschrieben. Es sind vor allem: Klassenführung als Reaktion auf Störungen und Schaffung von Lerngelegenheiten, Klarheit und Strukturiertheit, Konsolidierung und Sicherung, Aktivierung, Motivierung, lernförderliches Klima, Schülerorientierung, Kompetenzorientierung, Umgang mit Heterogenität, Angebotsvariation. Eine wirkungsvolle Klassenführung ist für Helmke „kein Selbstzweck, sondern unabdingbare Voraussetzung für die Sicherung anspruchsvollen Unterrichts, indem sie einen geordneten Rahmen für die eigentlichen Lehr- und Lernaktivitäten schafft und insbesondere die aktive Lernzeit steuert steuert, das heißt diejenige Zeit, in der sich die Schüler mit den zu lernenden Inhalten engagiert und konstruktiv auseinandersetzen können.“ (S. 174) Für das Klassenzimmer Management haben sich Regeln, Routinen und Rituale als sinnvoll erwiesen; sehr instruktiv ist hier das Interview auf S. 186f. Empirisch nachgewiesen sei, so Helmke, die Wirkung von klaren und verständlichen Äußerungen der Lehrkraft, was sich auf Verstehbarkeit, Prägnanz, Kohärenz und Fachlichkeit beziehen lässt. Auch die Kompetenzorientierung der Lehrkraft sei wesentlich für gelingenden Unterricht: „Ein wesentliches Ziel des Unterrichts ist der Erwerb von Kompetenzen, wie sie in den Bildungsstandards und Lehrplänen beschrieben sind. Bildungsstandards sind ja nichts anderes als erwartete Kompetenzen. Anders als die altbekannten Lehrpläne beschreiben sie nicht, was durchgenommen werden soll, sondern was Schüler am Ende können sollen. Grundlage eines kompetenzorientierten Unterrichts ist also eine an messbaren Ergebnissen des Unterrichts ausgerichtete empirische Orientierung. Diese empirische Orientierung setzt aber bei der Lehrkraft ein Wissen über Kompetenzerwerb voraus, was in den meisten Lehrerbildungsseminaren m.E. bislang marginalisiert ist. Im fünften Kapitel werden wichtige Hinweise zur Diagnose und Evaluation des Unterrichts gegeben. Vor allem stellt Andreas Helmke gängige Qualitätsuntersuchungsmodelle vor, wie z.B. das verbreitete Modell „Qualität in Schulen“ oder das SEIS Modell (Selbstevaluation in Schulen) der Bertelsmannstiftung. Dem Lesenden gibt der Autor in Bezug auf Evaluation folgende Fragen mit: Was wird evaluiert? Wozu wird evaluiert? Wer evaluiert? Wann wird evaluiert? Woran wird evaluiert? Allein diese Fragehorizonte schaffen bereits Klarheit und definieren Strategien und Prozesse; für den Unterricht sind auf S. 275f. in Form einer Checkliste sinnvolle Selbstevaluierungsfragen zusammengestellt. Die Fragebögen auf S. 292ff. können zur gezielten Unterrichtsbeobachtung verhelfen. Das sechste Kapitel reflektiert Unterrichtsentwicklung als „Gesamtheit der systematischen Anstrengungen, die darauf gerichtet sind, die Unterrichtspraxis … zu optimieren…“ (S. 304) Es geht vor allem um die Analyse eines Motors des Unterrichtsgeschehens und seiner Bedingungsfaktoren (vgl. Abb. 26 auf S. 309). Für die Lehrkraft ist wichtig zu unterscheiden, dass bestimmte Bedingungsfaktoren von außen auf den Unterricht einwirken und nicht in der Hand des Lehrenden liegen; eine Erkenntnis, die entlastend wirken kann. Das letzte Kapitel des Buches stellt verschiedene Methoden der videobasierten Unterrichtsforschung vor und plädiert ausdrücklich für diese Methodik.

Diskussion

Das Buch ist für den Lesenden sehr klar strukturiert und breitet eine Fülle von Informationen aus. Sehr nützlich sind die dazwischengestreuten Reflexionsaufgaben, die dem Lesenden Orientierung und Selbstreflexion abverlangen. Die These von der empirischen Absicherung dessen, was als Unterrichtsqualität dargestellt wird, provoziert Lehrkräfte, die in den traditionellen Bahnen von Didaktik und Methodik ausgebildet worden sind. Hilfreich wäre m.E. aber im Hinblick auf diese Leserschaft noch mehr Materialien der Selbstevaluation bereitzustellen und diese auf die konkrete Unterrichtspraxis auszurichten.

Fazit

Das Buch sollte unbedingt in den Ausbildungsstätten/Universitäten/Hochschulen dort eingesetzt werden, wo zukünftige Lehrer und Lehrerinnen auf ihre berufliche Professionalität vorbereitet oder weitergebildet werden.

Literatur

Weinert, F.E. (2000). Lehren und Lernen für die Zukunft – Ansprüche an das Lernen in der Schule, in: Pädagogische Nachrichten Rheinland-Pfalz, 2, S. 1-16.


Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
E-Mail Mailformular


Alle 63 Rezensionen von Wilhelm Schwendemann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 02.03.2010 zu: Andreas Helmke: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2008. Neubearb., 1. Auflage. ISBN 978-3-7800-1009-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8673.php, Datum des Zugriffs 05.12.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht