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Dialog Ethik (Hrsg.): Handbuch Ethik im Gesundheitswesen

Cover Dialog Ethik (Hrsg.): Handbuch Ethik im Gesundheitswesen. Schwabe Verlag (Basel) 2009. ISBN 978-3-7965-2560-5. 173,60 EUR.

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Thema

Heutzutage ist es leider nicht mehr ganz natürlich, dass im Gesundheitswesen das Arzteethos und die Fürsorglichkeit an erster Stelle stehen. Die Behandlungsqualität hat nicht mehr oberste Priorität, sondern wurde durch die Ökonomie weitestgehend verdrängt. Die Institutionen des Gesundheitswesens müssen heute versuchen, die Anforderungen, die Ethik und Wirtschaftlichkeit an sie stellen, in Einklang zu bringen. Dieser Konflikt ergibt sich daraus, dass zwei ganz unterschiedliche Moralvorstellungen aufeinandertreffen. Patientennahe Berufsgruppen, die direkt mit den Patienten Kontakt haben, wie Ärzte und Pflegepersonen, sind meistens Vertreter der deontologischen Moralvorstellung. Die fürsorgliche Pflege und das Arztethos stellt den einzelnen Patienten, das Individuum in den Vordergrund.

Die Deontologie, abgeleitet vom Griechischen „todeon“ für das Erforderliche, die Pflicht, ist ein Theorieansatz, der die strikte Beachtung von Normen, Pflichten und Rechten als Grundlage moralischen Handelns sieht. In diesem Zusammenhang prägte Immanuel Kant, der bedeutendste Vertreter dieses Theorieansatzes, den Begriff des kategorischen Imperativs: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Patientenferne Berufsgruppen, wie Betriebsleiter im Krankenhaus, Mitarbeiter von Krankenkassen oder Politiker vertreten im Allgemeinen eine teleologische bzw. utilitaristische Moralvorstellung. Dabei ist nicht die Handlung selbst moralisch oder unmoralisch, sondern die Folgen, die sich darau für die Allgemeinheit ergeben. Das Individuum selbst wird also zugunsten der Grüppe in den Hintergrund gestellt. Zugunsten des Wohlergehens der Mehrheit können nach dem utilitaristischen Prinzip also auf Kosten von einzelnen getroffen werden.

Den Sozialwissenschaften ist es bis heute nicht gelungen beide Moralvorstellungen in einer Moraltheorie zu vereinen. Der Grundkonflikt ergibt sich daraus, dass bei der deontologischen Sichtweise nur Einzelbeziehungen betrachtet werden. Dies bedeutet, wenn auf Grund einer getroffenen Entscheidung jemand zu Schaden kommt, ist es unmoralisch und nicht vertretbar, da moralische Handeln oberste Priorität hat. Deontologisch moralisches Handeln wird im Gesundheitswesen durch die utilitaristisch geprägten Normen und Gesetze eingeschränkt, wenn nicht gar unmöglich.

Das die zwei Moralvorstellungen nicht kombinierbar sind, bedeutet aber nicht, dass Ethik und Wirtschaftlichkeit nicht vereinbar wären. Man könnte sogar sagen, sie bedingen einander. Verschwendung von Ressourcen ist in diesem Sinne unethisch, da andere Individuen davon profitieren könnten. Gleichzeitig muss die Erfüllung gewisser ethischer Standards gegeben sein, um dem Wettbewerb um eine hohe Behandlungsqualität standhalten zu können.

AutorIn oder HerausgeberIn

Der Herausgeber des fünfbändigen „Handbuches“ ist Dialog Ethik, ein interdisziplinäres Institut für Ethik im Gesundheitswesen. Dort arbeiten Menschen aus verschiedenen Fach- und Lebensbereichen zusammen. Sie engagieren sich für ein Gesundheitswesen, das sich durch Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit auszeichnet. Das interdisziplinäre Team, das am Institut Dialog Ethik arbeitet, setzt sich aus Fachpersonen aus den Bereichen Ethik, Medizin, Psychologie, Pflege, Jurisprudenz, Ökonomie, Philosophie, Theologie und anderen zusammen. Im Nachfolgenden werden die Herausgeber der einzelnen Bände, die alle Mitarbeiter des Instituts Dialog Ethik sind, vorgestellt.

  • Frau Dr. theol.Ruth Baumann-Hölzle, ist Mitbegründerin und Leiterin des Interdisziplinären Instituts für Ethik im Gesundheitswesen, Dialog Ethik, Leitung des Fachbereichs „Ethik-Foren und ethische Unterstützungssysteme“. Sie war und ist an interdisziplinären Nationalfond-Forschungsprojekten im Bereich Medizin, Pflege und Ethik beteiligt. Schwerpunkt ihrer Arbeit heute ist die Interdisziplinäre ethische Entscheidungsfindung in der angewandten klinischen Ethik, im Speziellen die Entwicklung von ethischen Entscheidungsfindungsverfahren.
  • Dr. phil., Dr. theol. Christof Arn ist Leiter des Fachbereichs „Bildung“ von Dialog Ethik. Als Ethiker engagiert in verschiedenen Spitälern. Sein aktueller Forschungs-Schwerpunkt ist «Ethiktransfer». Er beschäftigt sich dabei mit der Frage: Wie kommt ethische Reflexion aus der universitären Wissenschaft in die Strukturen von Organisationen.
  • Dr. sc. ETH Markus Christen ist Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalist, und als Leiter des Fachbereichs Publikationen tätig.
  • Prof. Dr. iur. Max Baumann ist auch einGründungsmitglied des Interdisziplinären Institutes für Ethik im Gesundheitswesen, Dialog Ethik, und Verbindungsmann zwischen Vorstand und Institutsteam. Er ist als Rechtsanwalt tätig und hat die Titularprofessur an der Universität Zürich für Privatrecht, Rechtstheorie und Rechtsphilosophie inne.
  • Frau Dr. med., lic. Theol. Diana Meier-Allmendinger ist bei Dialog Ethik Leiterin des Ethik-Forums Psychiatriezentrum Schaffhausen/ Psychiatriezentrum Rheinau und der Ethik-Foren am Spital Aarau und der Schlössli Gruppe.
  • Frau M.Sc., M.A.Tatjana Weidmann-Hügle ist als Dozentin tätig an Spitälern und Fachhochschulen für Medizin- und Pflegeethik, Leitung des Ethik-Forums am Schweizerischen Epilepsie Zentrum in Zürich, Leitung des Ethik-Forums am Kantonsspital Liestal. Ausserdem ist sie Leiterin des Medizin-ethischen Arbeitskreises „Stammzelltransplantation“ am Universitätsspital Zürich (USZ).

Entstehungshintergrund

Um das Projekt „Handbuch Ethik im Gesundheitswesen“ realisieren zu können, war die Zusammenarbeit der drei folgenen Partner nötig: das Institut Dialog Ethik, das sich als Herausgeber mit den beiden Verlagen Verlag Schwabe und der EMH Schweizerischer Ärzteverlag AG zusammengetan hat. Das Institut bring im vorliegenden Buch seine Arbeitsweise zum Ausdruck, die Vielfalt an Ansätzen und Perspektiven, sowie Aktivitäten im Gesundheitswesen vor dem Hintergrund seines enormen Engagements für die Entwicklung von Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit in diesem Gesundheitswesen. Das Werk hat eine grosse Reichweite, was die Zielgruppen und Interdisziplinarität betrifft, daher engagierten sich auch gleich zwei Verlage für die Veröffentlichung, einerseits der geisteswissenschaftliche Verlag Schwabe und andererseits der Ärzteverlag.

Das Projekt wurde von der Stiftung Cerebral begleitet und finanziell unterstützt. Ohne die Unterstützung dieser und anderer Organisationen, die das Handbuch mitfinanziert haben, wäre es nicht möglich gewesen, dieses Projekt zu realisieren.

Aufbau

Das Handbuch ist modular aufgebaut und setzt sich aus fünf Einzelbänden zusammen. Dies ermöglicht zielgruppengerecht auf die Bedürfnisse einzugehen je nach Belieben weiterführende Ergänzungen vorzunehmen. Die ersten vier Bände stellen Modelle vor und geben theoretische Lösungsansätze, sei es als Ratgeber für Patienten (Band 1), als Lehrbuch für Fachpersonen (Band 2), als Führungsinstrument für Führungskräfte (Band 3) oder als Ideengeber für Politiker und Ökomomen (Band 4). Der fünfte Band hingegen lässt sich als optimale Ergänzung der ersten vier verstehen, in dem er die vorgestellten Überlegungen, Ansätze und Modelle kritisch hinterfragt und einer wissenschaftlichen Diskussion stellt.

Jeder Band ist in drei grosse Hauptteile gegliedert, wovon der erste sich generell mit den Grundlagen und Grundbegriffen befasst bzw. grundlegende Werte vermittelt. Der zweite Teil dient der Bestandsaufnahme, bestehende Modelle und Erfahrungen werden vorgestellt. Im dritten Teil finden sich Lösungsansätze, Praxisbeispiele und Ausblicke in die Zukunft.

Inhalt

Das „Handbuch Ethik im Gesundheitswesen“ bietet einen umfassenden Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven, Ansätze, Möglichkeiten, Rechte und Pflichten aller im Gesundheitswesen Beteiligten, Aktiven, Passiven, Beschäftigen und Betroffenen,

Der erste Band, mit dem Titel „Der selbstbestimmte Patient“ thematisiert, inwieweit Selbstbestimmung und krankheitsbedingte Abhängigkeiten in Einklang gebracht werden können. Für unterschiedliche Gruppen, wie zum Beispiel Kinder, psychisch Kranke, oder alte Menschen , wird aufgezeigt, wie „Patienten-Autonomie“ im Alltag umgesetzt werden kann. Selbstbestimmung und Eigenverantwortung sind wichtige Themen für die Patienten. Diese sind häufig durch ihre Erkrankung auch abhängige Menschen, eingebunden in ein Beziehungsnetz mit Fachpersonen und Angehörigen. In dem ersten Band wird den Menschen, die sich in der Rolle als Patienten wieder finden, eine Hilfestellung bzw. eine Anleitung gegeben, ihre Fähigkeit zur Selbstbestimmung zu stärken und ihre vielfältigen Abhängigkeiten aktiv mitgestalten zu können. Es handelt sich um einen Ratgeber für Patienten.

Ethikwissen für Fachpersonen“ lautet der Titel des zweiten Bandes. Er bietet den unterschiedlichen Berufsgruppen im Gesundheitswesen (Medizin, Therapie, Pflege, Spitalseelsorge, Soziale Arbeit) didaktisch aufbereitetes ethisches Fach- und Methodenwissen. Es eignet sich als Lehrbuch für das Selbststudium ebenso wies als Begleitbuch für Kurse. Alle Mitglieder des grossen interdisziplinären Teams des modernen Gesundheitswesens sind angehalten, ein Bewusstsein für Werte und ihre Anwendung in konkreten ethischen Fragestellungen zu entwickeln. Dieser Band liefert dazu in gut verständlicher Form umfangreiches Material und Wissen. Er ist auf alltägliche Entscheidungssituationen zugeschnitten und damit sehr praxisnah.

Der dritte Band, der „Ethiktransfer in Organisationen“ heisst, geht von der Einsicht aus, dass Ethik im Gesundheitswesen in hohem Masse eine Frage der Strukturen und Abläufe in Organisationen ist. Hier eine bewusste Kultur und definierte Strukturen ethischer Entscheidungsfindung aufzubauen, ohne Ethik an externe Stellen zu delegieren stellt hohe Anforderungen an die Organisationen. Der Band liefert das Grundwissen über das Verhältnis von Ethik und Strukturen, stellt Modelle ethischer Unterstützungssysteme in Organisationen vor, reflektiert deren Vor- und Nachteile und gibt Hinweise für die konkrete Realisierung. Er bietet Führungspersonen in Krankenhäusern, Heimen und anderen Organisationen Konzepte und Erfahrungen an für die strukturelle Umsetzung von Ethik in der Praxis.

Im Band vier wird unter dem Thema „Verantwortung im politischen Diskurs“ der Frage nach der politischen Verantwortung für das Gesundheitswesen nachgegangen. Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sehen sich mit einem komplexer werdenden Gesundheitssystem konfrontiert. Dieser Band widmet sich den ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens und diskutiert Vorschläge, wie politische Verantwortung durch die Akteure des Gesundheitswesens besser wahrgenommen wird. Dabei wird der politisch-ökonomische Fokus um historische und philosophische Anmerkungen ergänzt. Es werden neue Ideen und Lösungsansätze skizziert und die damit verbundenen Konfliktfelder thematisiert. Ein Hauptaugenmerk wird dabei auf die Veränderung des Anreizsystems für alle Beteiligten gelegt. Der Band lässt sich als Ideengeber bezeichnen.

Der „Ethikdialog der Wissenschaft“ (fünfter Band) liefert einen Überblick über den Stand der Diskussion zu wichtigen theoretischen Konzepten der (Medizin-) Ethik. Die wissenschaftliche Diskussion über Ethik im Gesundheitswesen umfasst heute ein kaum mehr überschaubares Spektrum. Dieser Band geht auf die Frage ein, wie die in den anderen Bänden praxisorientiert entfalteten Konzepte und Theorien in den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs einzuordnen sind. Zu diesem Zweck werden zentrale Begriffe der medizinischen Ethik reflektiert. Die theoretischen Modelle „integrative Verantwortungsethik“ und „Ethiktransfer“ werden kritisch diskutiert und der wissenschaftlichen Reflexion unterworfen.

Diskussion

Das Handbuch Ethik zeichnet sich durch hochwertige didaktische Bearbeitung aus, indem es unterschiedliche sprachliche Formen und Darstellungsmittel einsetzt. Fachtexte werden mit Definitionen und Exkursen ergänzt um sie anschaulicher zu gestallten. Interviews vermitteln praxisnah die Betroffenenperspektive. Thesen und Repliken verweisen auf den Fluss der Argumente welcher die Analyse ethischer Fragen im Gesundheitswesen begleitet.

Fazit

  • Ich weiss, es ist nur zu meinem Besten … Aber habe ich überhaupt noch eine Mitspracherecht?
  • Ich muss Entscheidungen treffen und ringe mit meinem Gewissen … Wie kann ich mit ethischen Konfliktsituationen umgehen?
  • Wir brauchen Strukturen zur ethischen Entscheidungsfindung … Wie können wir sie schaffen?
  • Politische Verantwortung übernehmen … Was heisst das konkret für mich?
  • Ethik im Gesundheitswesen im wissenschaftlichen Diskurs … Wie verschaffe ich mir einen Überblick?

Zu diesen und anderen Überlegungen und Fragen gibt das Handbuch Ethik reichlich Informationen, Antworten und Vorschläge. Alle Ansätze und Möglichkeiten werden diskutiert und Vor- und Nachteile mithilfe wissenschaftlicher Argumentation abgewogen.


Rezensentin
Dr. med. Sandra Krüger
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Zitiervorschlag
Sandra Krüger. Rezension vom 22.12.2009 zu: Dialog Ethik (Hrsg.): Handbuch Ethik im Gesundheitswesen. Schwabe Verlag (Basel) 2009. ISBN 978-3-7965-2560-5. Alle 5 Bände im Schuber. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8676.php, Datum des Zugriffs 23.06.2017.


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