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Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 1

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 10.12.2009

Cover Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 1 ISBN 978-3-406-59235-5

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 1. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck (München) 2009. 1343 Seiten. ISBN 978-3-406-59235-5. 38,00 EUR.
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Gibt es die Wertegemeinschaft des Westens?

Was ist der Westen? Eine Himmelsrichtung? Oder ein Non plus ultra? Das Maß aller Dinge? Oder das Machtzentrum der Welt? Das Entdecker-, Erfinder- und kapitale Imperium? Je nach Ideologie, hegemonialem Machtanspruch oder imperialem Gehabe wird der Westen als das Gute, Erstrebenswerte und Unwiderstehliche auf der Erde betrachtet und formuliert. Die Verhältnisse zu den Akteuren der anderen Himmelsrichtungen werden überwiegend als Konflikte, wie etwa im Ost-West-Konflikt, definiert; oder als Gefälle, ordnen wir den Westen geographisch als dem Norden zu, als Nord-Süd-Gefälle. Eine „Geschichte des Westens“ lässt sich sowohl historisch, als auch anthropologisch schreiben. Bei letzterem Versuch freilich, gehen wir davon aus, dass der Mensch in seinem Ursprung nicht im Westen entstanden ist, sondern in Afrika, ist die Meinungsführerschaft des Westens bald dahin. Also schreiben wir die Geschichte des Westens historisch.

Entstehungshintergrund

Wenn wir den Begriff „Westen“ politisch und kulturell betrachten, so lässt sich feststellen, dass sich ein Bewusstsein zum „Westsein“ dadurch gebildet hat, dass dem „Wir“, den Griechen etwa, die „Anderen“, die Barbaren entgegengesetzt wurden; und zwar bemerkenswerter Weise auch im Vergleich von „Gut“ und „Böse“, wohl auch von „Gerecht“ zu „Ungerecht“, und als „Freund-Feind“ – Denken. Schauen wir noch etwas genauer hin, wird deutlich, dass die Differenzierungen mit den Begriffen „Abendland“ und „Morgenland“, Okzident und Orient, belegt wurden – und mit den rassistischen Hegemonial- und Kampfbegriffen „Weiß“ und „Schwarz“. Die unterschiedlichen und wertebelegten Benennungen etablierten den Begriff der „westlichen Zivilisation“, im Gegensatz zu unzivilisierten Horden und lebensunwerten Existenzen. Spätestens seit der Wertegleichsetzung Europa – Nordamerika, bezogen auf materialistische, aber auch freiheitlich-demokratische Ideen und Wirklichkeiten, erhielt das Etikett „Westen“ eine ethisch-moralische Bedeutung, die freilich in der Geschichte des Westens immer wieder durch barbarische Politik und Macht verraten wurde. Die Vorstellungen von Ethik und Moral wurden verstärkt durch die gemeinsamen Prägungen, die von der christlichen Religion und Weltanschauung des Monotheismus ausgingen. Von den römischen Rechtsauffassungen bis zu der von den Vereinten Nationen (damals westlich dominiert?) am 10. Dezember 1948 proklamierten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, zieht sich das normative Selbstverständnis von den „westlichen Werten“; wobei allerdings in der vorliegenden „Geschichte des Westens“ die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die sich mit der Gründung der Vereinten Nationen (1945) vollziehenden „globalen“ Aspekte nicht mehr Bestandteil des ersten Bandes sind.

Autor

Damit sind wir bei dem Projekt, eine „Geschichte des Westens“ zu schreiben. Der 1938 im damaligen Königsberg geborene, von 1991 bis zu seiner Emeritierung im Wintersemester 2006/07 als Lehrstuhlinhaber für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin tätige Historiker Heinrich August Winkler legt beim C. H. Beck Verlag den ersten Band von zwei vorgesehenen Büchern vor. Winkler hat unter anderem bereits 2000 eine Richtungsweisung mit seinem zweibändigen Werk „Der lange Weg nach Westen“ vorgegeben. In seiner Abschiedsvorlesung an der HU, im Februar 2007, hat er die Spur seines Denkens und Forschens angedeutet mit dem Thema: „Was heißt westliche Wertegemeinschaft?“. Mit dem ersten Band, mit dem er in der Antike beginnt und mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs abschließt, will der Autor die Entstehung und Entwicklung des Westens aufzeigen, indem er „die Ungleichzeitigkeit seiner Verwirklichung, die Widersprüche zwischen Projekt und Praxis“ aufzeigt. Er beansprucht dabei nicht, eine „histoire totale“, also eine gesamte Geschichte des Westens zu schreiben, sondern eine Problem- und Diskursgeschichte darzustellen. Gewissermaßen bereits als Vorgriff auf die Analyse – „Was ist der Westen heute?“ – formuliert Winkler in der Einleitung seines ersten Bandes seine aktuelle Einschätzung über die Bedeutung des Westens für die Welt(gemeinschaft): „… der Westen hat längst aufgehört, die Welt zu dominieren. Er vertritt eine Lebensform und eine politische Kultur unter vielen, und wenn man die Nationen zusammenzählt, die sich als ’westlich’ verstehen, bilden sie zusammen nur eine Minderheit der Weltbevölkerung“.

Inhalt

Heinrich August Winkler geht in seiner „Geschichte des Westens“ chronologisch und ideengeschichtlich vor. Er beginnt damit, dass er im ersten Teil die geschichtlichen und kulturellen Ereignisse darstellt, wie der „Westen“ entstanden ist. Die Prägungen, die sich bei der Bildung dieses Weltteils entwickelt haben, sind mit dem Begriff „Monotheismus“ zu fassen. Denn der Glaube an einen Schöpfer, im Gegensatz zu den Vorstellungen von der „Götterwelt“, kommt einem Kulturfortschritt, ja einer Kulturrevolution gleich. Die Ursprünge dieser Weltanschauung sind deshalb im 14. vorchristlichen Jahrhundert Ägyptens zu suchen, unter dem Pharao Amenophis IV., der dem Sonnengott Aton zum alleinigen Gott bestimmte. Sie bilden sich weiter in der mosaischen Religion mit dem jüdischen Monotheismus und dem frühen Christentum mit (noch) hellenistischen Zügen. Mit der Vorstellung – „Gott will, dass alle Menschen selig werden“ (Hegel) – kommt das Element der Welthaftigkeit der Menschen hinzu. Mit der Formel – „Ein Gott, ein Kaiser“ – entstand das „römische Prinzip“, das damit die freilich sich erst rund eintausend Jahre später realisierende Auffassung von der Trennung von geistlicher und weltlicher Macht einläutete. Mit der Schaffung des Römischen Reichs, als das geschichtlich entstandene „vierte Weltreich“, nach dem ersten, babylonischen, dem zweiten, medisch-persischen und dritten, makedonischen Weltreich, entstand eine weitere Frontstellung, die den Okzident – Orient – Gegensatz verdeutlichte¨. Es waren die christlichen Kreuzzüge, die zur Befreiung des Heiligen Landes aufbrachen. Es waren die Kriege der „Gläubigen“ gegen die „Ungläubigen“. Als im 11. Jahrhundert durch die Handelsbeziehungen innerhalb des Weltreichs und darüber hinaus sich Städte entwickelten, war es das sich rasch entwickelnde, wohlhabende Bürgertum, die den (späteren) Slogan „Stadtluft macht frei“ als Antrieb für ein individuelles und Rechtsbewusstsein sah und zur Nationalstaatsbildung führte; damit freilich auch zu Jahrhunderte langen Konflikten und Kriegen zwischen den Staaten. In den italienischen Städten entwickelte sich ein intellektuelles und humanistisches Streben nach einer modernen Staatlichkeit, die ein zunehmendes radikales Verständnis von Politik und Macht schuf.

Im zweiten Kapitel thematisiert Winkler die Entwicklung, wie sie sich vom „alten“ zum „neuen“ Westen vollzogen: Von Wittenberg nach Washington, nennt er diese Geschichtsentwicklung. Mit dem Luthertum und dem Calvinismus entsteht ein neues Staatskirchentum, das den seinerzeit ungeheuerlichen Gedanken ausspricht: „Mögen die Menschen im Verhältnis zueinander ungleich sein, so sind sie doch, weil sie allesamt Sünder und alle in gleicher Weise zum Gehorsam verpflichtet sind, vor Gott alle gleich“. Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges und der daraufhin geschlossene Westfälische Friede (1648) legte den Grund für ein das nationale Recht übergreifendes Völkerrecht; Russland entwickelte sich zu einer europäischen Großmacht. Der englische Philosoph John Locke (1632-1704) brachte die Prämisse ins Spiel, die für die späteren Jahrzehnte und Jahrhunderte leitend für eine individuelle, gesellschaftliche und politische Aufklärung sein sollte: … dass niemand einem anderen, da alle gleich und unabhängig sind, an seinem Leben, seiner Gesundheit, seiner Freiheit oder seinem Besitz Schaden zufügen soll“.

Im dritten Teil wird die Zeit von 1789 bis 1850 thematisiert. Die Auswirkungen der Französischen Revolution erschütterten das monarchische Gerüst und bereiteten republikanische Sehnsüchte vor, dämpfte aber gleichzeitig durch die Schreckensherrschaft der Revolutionäre die „revolutionäre Utopie“. Die (europäische) napoleonische Zeit mit dem französischen Grand Empire, Napoleons Aufstieg und Untergang, Preußens Auf und Ab; aber auch die aus der Niederlage sich entwickelnden Preußischen Reformen, lassen den deutschen Nationalismus entstehen. Mit den Freiheitsbewegungen, die sich in den europäischen Kolonien in Lateinamerika bildeten, entstand in Nordamerika eine weitere westliche Großmacht: USA. Und in Europa führten Kriege zu Armut und Elend bei großen Teilen der Bevölkerung; die industrielle Produktionsweise zu Reichtum auf der einen und zu Ausbeutung bei den abhängig Beschäftigten. Die alte Ordnung geriet mit den Revolution in den europäischen Ländern in den Jahren von 1948 und 1849 aus den Fugen. Doch die revolutionären Gedanken konnten sich angesichts der etablierten Mächte in Europa nicht durchsetzen. Auf die Revolution folgte die Reaktion. Nordamerikas Expansion in den Westen der Territorien („Go West“) ist gleichzeitig eine Entscheidung für den Westen.

Im vierten, letzten Kapitel des ersten Bandes der „Geschichte des Westens“, den mit rund 500 Seiten umfangreichsten Teil, geht es um die Zeitspanne von 1850 bis 1914, überschrieben mit: „Nationalstaaten und Imperien“. In der Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog sich, so der Autor, eine geistige Wende, in der sich die Konzepte und Lebensentwürfe des Materialismus und des Idealismus gegenüber standen. Die einzelnen Phasen dieses Widerstreits werden von Winkler wieder in der zeitlichen Abfolge, wie auch in der phänomenologischen Bedeutung dargestellt: Der Krimkrieg 1854, der in der historischen Analyse als ein Krieg zwischen West und Ost bezeichnet werden kann; die Hinwendung des Westens zu den asiatischen Mächten: Indien, China, Japan; das Pochen der europäischen Großmächte Österreich und Preußen an das Tor der imperialen Bestrebungen und Aktivititäten der anderen europäischen Staaten; die Entstehung des Nationalstaates Italien; Russlands Expansion; der amerikanische Bürgerkrieg; Frankreichs Zweites Kaiserreich; Reformen in Großbritannien. Durch die politische Entwicklung, die sich im Norddeutschen Bund als konstitutionellen Bundesstaat in den Jahren von 1867 bis zur Reichsgründung 1871vollzog, mitten drin der deutsch-französische Krieg von 1870/71, wurden Deutschland und Italien durch deren Nationenbildung „westlicher“. Der Einfluss von Karl Marx mit seinen Forderungen nach der „Diktatur des Proletariats“ und einer „Regierung der Arbeiterklasse“, musste zwangsläufig zu kulturkampfähnlichen Formen in der Auseinandersetzung zwischen geistlicher und weltlicher Macht und zwischen konservativen und liberalen Kräften und in Deutschland zwischen großdeutschen und sozialistischen Programmen. Die Staatsmacht reagierte martialisch mit den Sozialistengesetzen von 1878 bis 1890; im Volk breitete sich eine antisemitische Stimmung aus. Der Übergang von einer Freihandels- zu einer Schutzzollpolitik war ein Ergebnis der nationalistischen Gedanken in der Gesellschaft. Die europäische, imperialistische Phase erreichte mit der Besitznahme von außereuropäischen Territorien, insbesondere in Afrika, ihren Höhepunkt in der Aufteilung des afrikanischen Kontinents durch die europäischen Kolonialmächte bei der Berliner Konferenz, der so genannten Kongo-Konferenz von 1884/85. Die politischen Entwicklungen in Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und Russland, wie auch in Nordamerika vor und nach der Jahrhundertwende, wurden zum einen von nationalen Stabilisierungs- und politischen Selbstfindungsprozessen bestimmt, zum anderen aber, insbesondere in den USA, entstand ein populistisches „Sowohl-als-auch“ – Denken, das Winkler mit dem Begriff der „Ungleichzeitigkeit des Fortschritts“ belegt. Der „American way of life“ dominierte und ließ für sozialistische oder sozialdemokratische Ideen kaum Raum. Gleichzeitig aber schufen auch die Ideen, wie sie in der „Klassischen Moderne“ die westliche Welt bestimmte: Die Ablösung der Agrar-, durch die Industriegesellschaft; die Forderungen nach Gleichberechtigung der Geschlechter; Säkularisierung; der Naturalismus in der Literatur; die Suche nach Authentizität in der Kunst; die Präsenz der neuen Technik im Leben der Menschen…, und in zunehmendem Maße auch die Welt insgesamt. Das wirtschaftlich erstarkende Deutschland, das in der industriellen Produktion um die Jahrhundertwende nur hinter der in den USA lag, aber vor der Großbritanniens, drängte auch in der Heeres- und Militärpolitik nach vorn. Denn dort hatte England in Europa die Vormachtstellung. Mit der Flottenpolitik sollte dies gelingen; und damit auch ein Gegengewicht zu Englands Traum, eine Landbrücke „vom Kap bis Kairo“ zu bilden, zu schaffen.

Die Ungleichzeitigkeit des Fortschritts

Italien war zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Vergleich mit den Entwicklungen in Großbritannien, Frankreich und Deutschland, nach wie vor ein relativ rückständiges Land. Doch noch wesentlich weiter zurück lag Spanien, wo sich die Industrialisierung lediglich in Teilen des Baskenlandes und in Katalonien vollzog und die Mehrheit der Bevölkerung in der zunehmenden verarmten Landwirtschaft beschäftigt war; ein Nährboden für anarchosyndikalistische und anarchistische Ideen. Die Abschaffung der monarchistischen, von Großgrundbesitzern dominierten und kirchlich-katholischen Macht, das stand auf den Fahnen der Aufständischen, die am 26. Juli 1909 in Barcelona den Generalstreik ausriefen und mit „Vorwärts! Vorwärts!“ eine Republik zu schaffen. Die Ergebnisse des Versuchs, ein parlamentarisches System einzuführen, scheiterten sowohl an den anarchistischen und nihilistischen Aktivitäten, als auch an der Macht der Monarchie, der Kapitaleigner und der Kirche. Auch die skandinavischen Länder galten als „Nachzügler des Industrialisierungsprozesses“. Doch die politischen Kräfte entwickelten sich hier nicht aus dem Widerstand gegen Monarchie und Kirche; vielmehr bot das gebildete „freie Bauerntum“ die Chance, dass in der Landwirtschaft und Fischerei Methoden entstanden, die eine exportorientierte Veredelungswirtschaft ermöglichte und so einen gewissen Wohlstand schuf. Bereits 1915 erhielten die dänischen Frauen die volle politische Gleichberechtigung. Von 1814 bis 1905 bildeten Schweden und Norwegen eine Union, bei der das Regierungssystem der parlamentarischen Monarchie herrschte. Dieser föderalistische Gedanke wurde am deutlichsten in der ältesten Republik Europas, der viersprachigen Schweiz, verwirklicht.

Im wilhelminischen Deutschland von 1909 bis 1914 gewann die Sozialdemokratie ein deutliches Gewicht gegenüber den Monarchisten und radikalen Nationalisten. Sie konnte jedoch die steigenden Tendenzen zur Nationalisierung und zum „Großdeutschtum“, , ebenso wenig die Radikalisierung und den Antisemitismus verhindern. Die ideologische Frontstellung „Germanen gegen Slawen“ säte die Konflikte, die sich in den zunehmenden Drohgebärden gegen Russland und aus Russland zusammen brauten.

Ein weiteres Konfliktfeld entstand durch die labilen Verhältnisse, die den Zusammenhalt der Österreich-Ungarischen Monarchie im Balkan betrafen. Vor allem die Ausweitungs-, Freiheits- und Selbständigkeitsbestrebungen der Serben waren es, die am 28. Juni 1914 zum Mord an dem Thronfolgerpaar, Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau durch Attentäter aus der groß-serbischen Szene in Sarajewo führten. Die verschiedenen Bündnisse, Österreich-Ungarn und Deutschland auf der einen, die serbisch-russischen Verträge auf der anderen Seite, die „neutralen“ Positionen der Engländer und Franzosen (jedoch mit der Vermutung, dass sich England und Frankreich auf die Seite des russischen Zaren schlagen würde), führten zum „Europäischen Krieg“. Der historischen Einschätzung, die der amerikanische Historiker und Diplomat George F. Kennan 1979 tätigte, dass der Erste Weltkrieg „die Urkatastrophe dieses Jahrhunderts“ gewesen sei, der mit dem Zweiten Weltkrieg die nächste Katastrophe folgte, könne man, so gibt Winkler zu bedenken, auch so lesen: Aus diesem Krieg seien die baltischen Völker, die Polen und Tschechen, als unabhängige Staaten hervor gegangen. Sicherlich will der Autor mit diesem Einwand nicht den Krieg relativieren; er macht aber deutlich, dass es auch hier „Ungleichzeitigkeiten“ gibt.

Im Schlusskapitel, in dem Heinrich August Winkler einen Rückblick auf das Projekt Westen formuliert und gleichzeitig einen Ausblick auf die Zeit während des Ersten Weltkriegs und danach wagt und damit die Richtungen andeutet, nach denen der zweite Band sich orientieren könnte. Er müsse beginnen mit den „Auseinandersetzungen zwischen westlicher Demokratie, Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus“. Obwohl in der Geschichtsschreibung dem „langen 19. Jahrhundert“ das „kurze 20. Jahrhundert“ gegenübergestellt würde, sei die „westliche“ Geschichte nicht zu Ende.

Fazit

Die Anfangsfeststellung lautete: Eine Geschichte des Westens ist noch nicht geschrieben. Heinrich August Winkler hat zwar keine histoire totale verfasst, aber eine Meistererzählung abgeliefert, die das begonnene Werk in ihrer historischen Gliederung und situations-politischen Darstellung ganz sicher zu einem unverzichtbaren Fundus für Historiker und geschichtlich und politisch Interessierte macht. Die rund 80 Seiten umfassenden Anmerkungen, die auf die Vielzahl der Quellenmaterialien und Analysen verweisen, wie auch die sorgfältig verfassten Personen- und Ortsregister machen das Buch zu einer Fundgrube bei der Frage, wer wir sind und wie wir geworden sind, was wir sind, wir Westler! Man darf gespannt sein auf den zweiten Band, der hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1554 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.12.2009 zu: Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 1. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck (München) 2009. ISBN 978-3-406-59235-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8678.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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