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Susanne Gerull, Manfred Merckens u.a.: ´Erfolg´ in der Hilfe für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten

Cover Susanne Gerull, Manfred Merckens, Christin Dubrow: ´Erfolg´ in der Hilfe für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten. Eine empirische Studie über fördernde und hemmende Faktoren bei Maßnahmen nach § 67 ff. SGB XII. Schibri-Verlag (Uckerland) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-86863-036-7. 11,00 EUR.
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Besonderheiten personenbezogener sozialer Dienstleistungen

Personenbezogene soziale Dienstleistungen unterschieden sich maßgeblich von sächlichen Produkten. So kann man z.B. ein TV-Gerät vor dem Kauf auf seine Bild- und Tonqualität, seinen Stromverbrauch sowie seine optische Erscheinung hin überprüfen und einem Vergleich mit anderen Geräten unterziehen. Dies verhält sich bei personenbezogenen sozialen Dienstleistungen nicht im gleichen Maße: Die Dienstleistung ist intangibel und immateriell, Leistungserstellung und Leistungskonsum fallen zeitlich zusammen, der sog. externe Faktor, d.h. die Mitwirkung desjenigen, der die soziale Dienstleistung in Anspruch nimmt, muss integriert werden, die Dienstleistung ist an einen Standort, eben am Aufenthaltsort des Dienstleistungsempfängers gebunden, und schließlich ist die individuelle Lebenssituation des Dienstleistungsempfängers maßgeblich zu berücksichtigen, soll die soziale personenbezogene Dienstleistung erfolgreich sein. Daraus ergibt sich, dass gerade im Bereich des SGB II und SGB XII der Erfolg bestimmter Maßnahmen nicht so einfach zu messen sind, wie z.B. die Frage, ob z.B. ein Softwareproduzent ein Computerprogramm richtig entwickelt hat. Wegen dieser großen Unsicherheiten, die mit dem Zielerreichungsgrad sozialer personenbezogener Dienstleistungen einhergehen, ist es umso wichtiger, wenn es Forschungsprojekte gibt, die sich mit dem „Erfolg“ bestimmter sozialer Dienstleistungen beschäftigen. Um die schriftliche Darstellung eines solchen Forschungsprojektes handelt es sich bei dem hier vorzustellenden Buch.

Thema

Die §§ 67 ff. SGB XII dienen dem Zweck, Leistungsempfängern mit besonderen sozialen Schwierigkeiten bei der Überwindung dieser Schwierigkeiten zu helfen. Vornehmliche Zielgruppe dieser Normen sind wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen. Da bislang keine wirklich aussagekräftigen Untersuchungen zu der Frage vorlagen, inwiefern Maßnahmen nach §§ 67 ff. SGB XII hinsichtlich bestimmter Ziel- und Problemgruppen Erfolge bzw. Misserfolge mit sich brachten, hat die Senatsverwwaltung für Soziales, Integration und Arbeit die Alice Salomon Hochscule Berlin mit der Durchführung der vorliegenden empirischen Studie zur Überprüfung von „Erfolg“ und „Misserfolg“ in dieser Hilfeform beauftragt.

HerausgeberInnen und AutorInnen

Frau Professorin Dr. Susanne Gerull, Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit den Schwerpunkten Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und niedrigschwellige Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin, übernahm bei der Studie die wissenschaftliche Leitung. Darüber hinaus fungiert als weiterer Herausgeber der Studie Manfred Merckens. Er ist Fachbereichsleiter der Sozialen Wohnhilfe beim Bezirksamt Tempelhof-Schönerberg. Schließlich wirkte als weitere Herausgeberin und Autorin der einzelnen Beiträge Frau Christin Dubrow, Diplomsozialarbeiterin und –sozialpädagogin sowie aktuell Studierende des Masterstudienganges „Klinische Sozialarbeit“ an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit.

Aufbau

Der schmale Band ist in insgesamt folgende neun Abschnitte gegliedert:

  1. Einleitung (Susanne Gerull, Manfred Merckens)
  2. Gesetzliche Rahmenbedingungen (Manfred Merckens)
  3. Wirkungsforschung in der Sozialen Arbeit (Susanne Gerull)
  4. Forschungsstand: „Erfolg“ in der Hilfe nach §§ 67 ff. SGB XII (Manfred Merckens)
  5. Forschungsstand: „Erfolg in angrenzenden Arbeitsfeldern (Susanne Gerull)
  6. Exkurs: Gender und Interkulturalität (Christin Dubrow)
  7. „Wir backen hier kleine Brötchen.“ Ergebnisse der Interviews (Susanne Gerull)
  8. Diskussion der theoretischen und empirischen Ergebnisse (Susanne Gerull)
  9. Fazit und Empfehlungen (Susanne Gerull, Manfred Merckens, Christin Dubrow)

Ein Literaturverzeichnis, drei Leitfäden für Sozialhilfeträger, Leistungserbringer und Nutzer sowie ein Kodiergerüst beschließen den Band.

Inhalt

Nicht ohne Grund wird von den Herausgebern und Autoren der Studie das Wort „Erfolg“ im Titel der Arbeit in Anführungszeichen gesetzt. Gemeinhin versteht man unter einem Erfolg ein positives Ergebnis einer Bemühung. Was jedoch bei so individuellen Dienstleistungen wie personenbezogenen sozialen Dienstleistungen als Erfolg zu bewerten ist, unterfällt sehr subjektiven Parametern – wenn schon eine einfache Dienstleistungserbringung wie ein Haarschnitt von dem Dienstleistungempfänger einerseits und dem Dienstleistungserbringer andererseits höchst unterschiedlich und divergierend in der Wahrnehmung bewertet werden können. Dies muss selbstverständlich erst recht bei so komplexen Dienstleistungen wie Hilfen bei der Überwindung von Wohnungslosigkeit gelten. So verwundert es auch nicht, wenn Merckens in seinen Ausführungen in Abschnitt 4 der Arbeit ausführt, dass die Meinung Betroffener zu den Leistungen der Wohnungslosenhilfe durchgehend negativ sind. Sie empfanden ihre Wünsche und Bedürfnisse weder bei den Hilfeplanungen noch bei den Durchführungen und Angeboten zufriedenstellen berücksichtigt (S. 35). Vielmehr nahmen die Betroffenen die angebotenen Hilfen eher als Kontrolle und Fremdbestimmung wahr. Obgleich diese Aussagen sicherlich auf zahlreiche nachhaltige Defizite bei den Kostenträgern und Leistungserbringern hinweisen, so dass dort zukünftig wesentlich passgenauer die Dienstleistungen konzipiert und erbracht werden müssen, so bleibt aber dennoch festzuhalten, dass eine nahezu optimale und reibungslose Arbeit zwischen den Betroffenen einerseits und den Kostenträgern und Leistungserbringern andererseits wohl niemals zu erreichen sein dürfte. Dies ergibt sich schon aus den unterschiedlichen Lebenswelten und Denkmustern, denen die Beteiligten entstammen bzw. unterliegen. Reibungen und Probleme wird es somit immer geben, wenn Menschen, die seit geraumer Zeit keinen geregelten Tagesablauf mehr haben und sich als Parias der Gesellschaft empfinden, wieder in die Gesellschaft integriert werden wollen. Zu Recht weisen die Autoren daher auch in ihrem Fazit mit, dass es den Erfolg in der Hilfe nach §§ 67 ff. SGB XII nicht geben kann; vielmehr bemisst sich der Erfolg (oder auch Teilerfolg) immer nur am Beispiel des konkreten Einzelfalls (S. 106). Das Konzept oder den einzig gangbaren Weg zur Überwindung von Wohnungslosigkeit gibt es demnach nicht. Daraus ergibt sich aber sachlogisch die Notwendigkeit, auf die individuellen Befindlichkeiten, Lebenssituationen und Motivationen der Betroffenen ganz individuell und auf die jeweilige Person abgestimmt zu reagieren. Dies wird aber nicht ohne weitere Sensibilisierugen und Schulungen der Dienstleistungserbringer möglich sein. Gleichwohl treten aber auch immer wieder die gleichen oder zumindest ähnliche Problemlagen auf, so dass die Autoren gleichzeitig eine Flexibilisierung und Modularisierung der Hilfen vorschlagen (S. 110). Ebenso ist den Autoren in ihrer Forderung zuzustimmen, wonach eine wesentlich bessere externe Vernetzung und Kooperation der Schnittstellen erfolgen muss (S. 111). Die „Übergabe“ der Betroffenen von einer Behörde zur nächsten bzw. zwischen Behörde und Leistungserbringer muss reibungsloser, professioneller und schneller erfolgen.

Fazit

Das schmale Bändchen enthält vor allem für die Kostenträger und Leistungserbringer zahlreiche wertvolle Hinweise. Die Senatsverwaltung der Stadt Berlin hat insofern einen Teil ihres Budgets gut investiert, da für die tägliche praktische Arbeit Hilfestellungen und Verbesserungsvorschläge unterbreitet werden, die zwar in seltensten Fällen kostenneutral umgesetzt werden können, bei einer schlussendlichen Gesamtsaldierung, bei der auch weitere Kosten der Wohnungslosigkeit einzubeziehen sind, insgesamt aber wohl positiv enden wird. Der extrem günstige Preis von lediglich 11,00 EUR dürfte darüber hinaus bundesweit die Sozialbehörden und Leistungserbringer zusätzlich motivieren, das Buch anzuschaffen. Es ist auch und gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion der Sinnhaftigkeit des Umfangs und der Tiefe des deutschen Sozialstaats ein lohnende Investition.


Rezensent
Dr. iur. Marcus Kreutz
LL.M., Rechtsanwalt. Justiziar des Bundesverbandes Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. in Köln
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Zitiervorschlag
Marcus Kreutz. Rezension vom 27.03.2010 zu: Susanne Gerull, Manfred Merckens, Christin Dubrow: ´Erfolg´ in der Hilfe für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten. Eine empirische Studie über fördernde und hemmende Faktoren bei Maßnahmen nach § 67 ff. SGB XII. Schibri-Verlag (Uckerland) 2009. ISBN 978-3-86863-036-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8679.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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