Wolfgang Klein (Hrsg.): "Freiheit. Ich verstehe das Wort nicht, weil [...]"
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 31.12.2009
Wolfgang Klein (Hrsg.): "Freiheit. Ich verstehe das Wort nicht, weil ich sie nie entbehren musste". Junge Autoren auf der Suche nach Europa und seinen Werten. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-89574-705-2. 9,80 EUR.
Freiheit, die ich meine
Der viel zitierte und bis heute in allen Variationen und bei feierlichen Anlässen, wie auch in der kontroversen politischen Diskussion benutzte Anfangssatz „Freiheit, die ich meine“, stammt ja aus dem Lied des Dichters Gottlob Ferdinand Maximilian Gottfried von Schenkendorf, der 1813 damit seine und der Menschen Sehnsucht nach Frieden und Freiheit in der Zeit der Befreiungskriege zum Ausdruck brachte. Weil der Satzteil immer auch einer Fortsetzung bedarf und eines Bekenntnisses – „Wie haltet ihr es mit der Freiheit?“ – deshalb lässt sich das Fragment auch für alle möglichen Befindlichkeiten überall auf der Welt benutzen. Gibt man in die Suchmaschine die vier Worte ein, mit oder ohne Komma, werden einem dazu mehr als viereinhalb Millionen Eintragungen angeboten.
Entstehungshintergrund und Herausgeber
„Freiheit, die ich meine…“ in meiner persönlichen Umgebung, in meiner Nachbarschaft, an meinem Wohnort, in meinem Land, in Europa, in der Welt …; die Antworten darauf sind so vielfältig, tiefgründig, oberflächlich, egoistisch, philosophisch…, wie der Begriff „Freiheit“ im Alltags- und politischen Leben der Menschen. Die Definition, was Freiheit sein soll, erfordert immer den Bezug auf etwas und von etwas: Freiheit von … Sklaverei, Abhängigkeit, Unterdrückung, Krieg, und Freiheit für … Menschlichkeit, Frieden, ein selbstbestimmtes Leben. Wenn in der von den Vereinten Nationen 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ganz oben der Satz steht: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, dann wird damit auch ausgedrückt, dass Freiheit sowohl ein angeborenes Menschenrecht ist, als auch gleichzeitig erkämpft werden muss. Bereits in den Philosophien Platons, Sokrates und Aristoteles ist grundgelegt, dass Freiheit eben nicht bedeutet, alles Mögliche und Beliebige tun zu können, sondern, wie dies in der Ethik Immanuel Kants, dem Kategorischen Imperativ, formuliert wird: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.
Wie sieht es mit der „Freiheit“ in Europa aus? Die 2005 als politisch-literarische Ergänzung zu dem erfolgreichen Musikfestival Young Euro Classic gegründete Initiative Young Euro Connect e.V., hat in den Jahren 2005 bis 2008 junge Europäerinnen und Europäer gebeten, über ein Thema nachzudenken, „worüber sie freiwillig nicht unbedingt nachdenken würden: Über Europa und seine Werte“. Das Echo des Preisausschreibens war so positiv, dass daraus Veranstaltungen entstanden, die in Berlin, Leipzig, München, Stuttgart und Essen durchgeführt wurden. Die Themen der musikalischen und literarischen, öffentlichen Präsentationen, an denen namhafte SchauspielerInnen, WissenschaftlerInnen und SchriftstellerInnen teilnahmen, lesen sich wie das Programm, das sich Young Euro Connect vorgenommen hat, nämlich das Gespräch über Europa zu befruchten: „Wir möchten die Chancen Europas erlebbar und emotional spürbar machen. Es ist unser Wunsch, dass Europa wieder als lebendiges, uns alle betreffendes und motivierendes Thema wahrgenommen, diskutiert und visioniert wird“: Vision Europa 2025 (2005), Europa – Die große Freiheit? (2006), Europa – grenzenlos gleich? /2007, und Europa – brüderlich geeint? (2008).
Der Initiator und Vorsitzende von Young Euro Connect, Wolfgang Klein, hat über mehrere Jahrzehnte für die ARD Berichte und Analysen über Europa geliefert und ist derzeit für das Politik-Magazin des ZDF zuständig. Er hat die preisgekrönten Beiträge der jungen Autorinnen und Autoren aus Europa heraus gegeben, gesponsert und begleitet von den Projektpartnern: BMW Group, BMW Stiftung Herbert Quandt und Robert Bosch Stiftung. Die Vorstellungen, Hoffnungen, Wünsche, aber auch die Frustrationen und Enttäuschungen der „jungen Europäer“, korrespondieren jeweils mit den Themen aus den Veranstaltungen der Jahre 2006 bis 2008, gefolgt von den von der Redaktion zusammengestellten Beiträgen aus der Anfangsaktivität von 2005.
Aufbau und Inhalt
Im ersten Teil äußert sich die 1983 in der Ukraine geborene und in Kiew lebende junge Schriftstellerin Tanja Maljartschuk zur Frage „Europa – die große Freiheit?“ (2006) 23 Jahre, ihr ganzes bisheriges Leben habe sie in Europa gelebt; aber dieses Europa habe sie bis dahin nie gesehen, obwohl sich in dem kleinen ukrainischen Ort Rachiw die „Mitte Europas“ befinden soll, die geographische Mitte. „Andererseits haben mich meine 23 Jahre gelehrt, dass auf die Geographie kein besonderer Verlass ist“. Denn der schwierige, unübersichtliche und ideologisch beeinflusste Alltag Tanjas und ihrer Familie ist es, der sie sagen lässt: „Ich weiß nicht, ob Europa Freiheit ist“; aber auch: Ich stelle mir Europa groß, bunt und glücklich vor! Deshalb möchte sie in ihren Geschichten gegen die Mythen und Metaphern anschreiben, die sich unglückliche Menschen ausgedacht haben.
Der Niederländer Rashid Novaire, geboren 1979 als Sohn eines marokkanischen Vaters und einer niederländischen Mutter in Amsterdam, spielt mit seiner multikulturellen Familiengeschichte. Irgendwie irritierend, aber gleichwohl nachvollziehbar, bekennt er: „Die große europäische Freiheit ist für mich die Freiheit geworden, zu lügen, worüber ich will“. Denn im Leben braucht der Tramper ab und zu einen Halt und Menschen, „mit denen du in freiwilliger Gebundenheit die Wahrheit lügen kannst – in Freiheit“. Dabei aber sind die Erfahrungen so lebendig, so schmerzhaft, aber auch irgendwie so selbstverständlich, „wie früh man uns im Laben Angst vor Freiheit machen kann“.
Petra Hulová, 1979 in Prag geboren, studierte Kulturwissenschaft und Mongolistik. Sie ist mittlerweile eine erfolgreiche Schriftstellerin. Zwei ihrer Bücher sind mittlerweile auch in deutscher Übersetzung erschienen. Auf dem ersten Blick „sieht sich … alles in Europa immer ähnlicher“; das ist die eine Wahrnehmung; die andere: „Das neue Europa ist nicht sehr sexy“ – und ein bisschen langweilig. „Was würde Kafka dazu sagen?“, und schon wird das Unbehagen laut. Darf es einer Schriftstellerin gut gehen?
Von dem 1976 in Kopenhagen geborenen Jonas T. Bengtsson stammt der Titelspruch der Essay-Sammlung. Bei seinen Frage-Litaneien an den Gemüseverkäufer, den Ex-Knacki, dem Bekannten von einem Bekannten… bekommt er immer die Antworten, die er erwartet. Und so ist es eigentlich selbstverständlich und vorhersehbar, was er auf die Frage nach der Freiheit in Europa antwortet: „Freiheit in Europa ist die Freiheit, seinen eigenen Käfig auszuwählen“. Was bleibt einem Schriftsteller anderes übrig, als darüber in Wut zu schreiben?
Atef Abu Saif wurde 1973 in einem Flüchtlingslager im Gaza-Streifen geboren. Er hat in Großbritannien Politikwissenschaft studiert und lebt und arbeitet in Gaza. Um nach Europa zu kommen, musste er Mauern, eiserne, elektrisch geladene Zäune und mit Selbstschussanlagen ausgestattete Grenzen überwinden. Er ist sich nicht sicher, ob er die Freiheit in seinem Heimatland je finden wird; aber auch nicht, was denn die Freiheit ist, die er in Europa suchen soll.
Der 1976 in Bratislava in der Slowakei geborene Michal Hvorecký gehört in seinem Land zu den erfolgreichen jungen Schriftstellern, die sich ganz selbstverständlich in den Veränderungen der globalisierten Welt zurecht finden. Bei dem Unternehmen Young.euro.connect ist der dafür ausersehen, die künstlerische Leitung zu übernehmen und die jungen Autorinnen und Autoren bei ihrem Deutschlandaufenthalt zu betreuen. Mit bissigen Tagebuchnotizen geht er auf den Spagat ein, einen silbernen BMW kaufen zu wollen und die Ideale der Aufklärung zu beachten.
Im zweiten Teil sind es fünf junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die zum Thema „Europa – grenzenlos gleich?“ (2007) nach den Freiheiten des Kontinents und den ihren suchen. Yiftach Ashkenazy wurde 1980 in Karmiel, einem Städtchen im Norden Israels geboren. Die überraschende Aussage des Israeli - „Ich bin ein Deutschland-Fan“ – bezieht sich freilich erst einmal nur das Fußballspielen. Doch seine Erfahrungen und Erlebnisse, die er in Deutschland und Polen machte, vergleicht er mit denen in seinem Land, und er wird neidisch über den Optimismus, den er in Europa erlebt.
Hassan Bahara, 1978 im Süden Marokkos geboren und mit seiner Familie in die Niederlande eingewandert, lebt in Amsterdam, und zwar in einem Stadtteil, den er „Schüsselcity“, auf Niederländisch „Schotelcity“ nennt, wegen der vielen TV-Schüsseln auf den Hausdächern. Aber diese nach außen hin aufragenden „Freiheits“-Symbole sind keine, sondern Zeichen von Ungleichheit in einer Gesellschaft, die sich immer öfter auseinander dividiert in Gleiche und Andere. Die Wut, die dabei hoch kocht, ist der Treibriemen für den Frust, dass „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bei den Menschen nicht ankommen.
Goce Smilevski, 1975 in Mazedonien geboren, sieht in dem Fragezeichen des Jahresthemas 2007 ein Zeichen der Solidarität; denn fehlte dieses, wäre das reine Heuchelei. Die Solidarität erhofft er sich, als junger und „neuer“ Europäer, von den etablierten und „alten“ Europäern. So sieht er im Europa weniger ein Land, als vielmehr einen Geist und eine Kultur. Diese Sehnsucht will er sich nicht nehmen lassen.
Die in Berlin lebende und 1979 in Stralsund geborene Ariane Grundies bekennt: „Die Wende hätte ich fast vergessen“. Als Kaleidoskop der Irrungen und Wirrungen, der Wünsche und Hoffnungen, der Selbstverständlichkeiten und Seltsamkeiten spielt sie ihre Gefühle und Eindrücke aus. „Bin ich hier nicht, bin ich da“, alles ist gleich, das ist gleich! Was bleibt: „Ich verstehe das alles nicht!“.
Jérôme Lambert, 1975 in Nantes geboren, lebt in Paris. Seine Eindrücke sind ambivalent. Während einem Notre-Dame erbeben lässt, Rom kolossal beeindruckt, sich London majestätisch breit macht, Amsterdam in den gepflasterten Gassen klappern lässt, Sevilla seine goldenen Schätze präsentiert, Lissabon provinziell erscheint – hat Berlin Zeit! Was für eine Liebeserklärung an die Stadt an der Spree. Zwar wird es ein grenzenloses und egalitäres Europa nicht geben; aber ein kulturelles Europa gibt es seit Jahrhunderten. Wann das kein guter Anfang ist!
Der dritte Teil “Europa – brüderlich geeint?“ (2008) beginnt mit Mihkel Kaevats, der 1983 im estländischen Tallin geboren wurde. Es ist der Wert „Brüderlichkeit“ aus dem Triangel der französischen Revolution, der es ihm angetan hat, angesichts der Erfahrungen mit dem sowjetischen obersten Wert der „Brudervölker“. Wie sind seine Parallelen zu werten, die er dabei zieht im Verhältnis der „alten“ zu den „neuen“ Europäern?
Narmin Kamal, 1981 in Baku in Aserbaidschan geboren. Die Zurechtweisungen der aserbaidschanischen Polizei an junge Menschen, die sich vielleicht auf der Straße küssen oder auch nur eng nebeneinander gehen – „Hier ist Aserbaidschan, unsere Mentalität ist anders, für euch ist hier kein Europa“ – nimmt sie zum Anlass, über Freiheitsrechte und Anerkennung der Vielfalt der Menschen nachzudenken. Den Europäern rät sie dabei, das zu bewahren und zu erhalten: Europas beste Eigenschaften sind der Wunsch und das Bemühen, seine Werte immer wieder neu zu bestimmen“.
Die 1981 in Wien geborene Ursula Knoll schreibt als fiktive Redeschreiberin und Kaffeekocherin des EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi an einer Rede, die am Tage der Osterweiterung der EU, dem 1.1.2004, höchst offiziell gehalten werden sollte: „Nur eine starke männliche Hand kann die Konflikte, die sich natürlich aus dem Zusammenführen so vieler Gesellschaften ergeben, die Jahrzehnte hermetisch voneinander getrennt leben mussten, friedvoll und nächstenliebend lösen und aus einem lockeren Staatenbund eine Bruderschaft im Geiste Christi entstehen lassen“. Es geht um das „Fundament des warmen Hauses Europa“. Eine „positive“ Persiflage?
Die Belgierin Annelies Verbeke (1976) fragt in ihrem Essay, ob sie, als Belgierin geeignet sei, über „Brüderlichkeit“ zu schreiben, angesichts der Trennlinien und unsichtbaren Mauern zwischen den Flamen und Wallonen in ihrem Land. Die Verschwisterung in einer Sauna in Estland lässt sie danach fragen, ob die „Gefühle europäischer Brüderlichkeit… am besten unter extremer Hitze zustande kommen und mit viel Schweiß verbunden sind“, eine schöne Metapher!
Der 1978 in Norwegen geborene Agnar Lirhus ist sich nicht sicher, ob er die Frage nach der „europäischen Brüderlichkeit“ richtig verstanden habe. Seine hintersinnige Antwort erfordert ein intensives Nachdenken: „In Norwegen sollte man besser nicht mit allzu lauter Stimme sprechen und ebenso wenig mit allzu großen Worten“.
Im vierten Teil „Vision Europa 2025“ werden vier Essays von jungen Schriftstellerinnen und Schriftstellern vorgestellt. Sukhedev Sandhu wurde 1970 in Großbritannien geboren, als Sohn von aus Indien eingewanderten Eltern. Seine hineingeborene Heimat „Großbritannien ist nicht mehr groß“. Und er vermag auch gar nicht zu sagen, wie sie 2025 aussehen würde. Bei einem aber ist er sich sicher: „Es ist ein alter Ort, der ständig erneuert wird – von Einwanderern“. Denn Einwanderer seien gezwungen, Geschichten zu erzählen; und weil sie sie immer perfekter und glaubwürdiger erzählen würden, deshalb werden auch 2025 Großbritannien und Europa weiter bestehen.
Miroslaw Nahacz, 1984 in den polnischen Beskiden geboren und 2007 in Warschau gestorben, reflektiert in seinem Essay „Der Dorftrinker und die drei Müllcontainer“ über die Erinnerung und die Zeit, die vergeht und doch zu bleiben scheint. „Ist das viel oder wenig?“ fragt er zum Schluss.
Die 1977 in Karl-Marx-Stadt geborene Kirsten Fuchs geht als „Volk“ zum Arzt und zum Psychiater… Sie jammert, auf hohem Niveau versteht sich! Aber zum Auskurieren hat sie keine Zeit, weil sie Geld verdienen muss. „Was macht das Volk eigentlich mit seiner Zeit, während es keine Zeit hat?“ – eine Parabel zum Nachdenken.
Michal Hvorecký kommt zum Schluss noch einmal zu Wort. Er gesteht, dass er lieber darüber schreiben würde, wie die Welt vor 25 Jahren war und nicht, wie Europa im Jahr 2025 sein wird. So bleibt ihm nur die Fantasy. Und was sieht er da? Nur Katastrophen und die Apokalypse; aber auch das kritische Denken – und die Hoffnung!
Fazit
Utopien sind Türen, die vielleicht nur einen Spalt offen stehen; zu schmal, um hindurch gehen zu können; aber groß genug, um einen Blick in den Raum zu riskieren. Wenn dann Begriffe wie „Freiheit“, „Brüderlichkeit“, „Solidarität“ und „Einheit“ aufleuchten, dann kann man neugierig sein und wagen, den Spalt etwas zu erweitern, vielleicht sogar einen Schritt durch die Tür zu tun – in die Zukunft. Denn bei der Suche nach Europa und seinen Werten muss man sich trauen! Wenn junge Europäer damit anfangen, besteht die Chance, dass wir die Tür zu Europa bald ganz öffnen können. Die Suche nach Europa braucht die Hoffnung, dass sich bei den Europäern eine europäische Identität einstellt. Die jungen europäischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller und das Projekt des young.euro.connect e.V. machen es uns vor! Die literarische Initiative bedarf der Komplementierung durch politische und gesellschaftliche Aktivitäten (vgl. dazu die Rezension zu Martin Große Hüttmann u.a., Hersg., Das neue Europa). Es wäre wünschenswert, wenn in der schulischen und außerschulischen politischen Bildung die Essaysammlung Diskussionsgrundlage für die Fragen nach Freiheit, Frieden, einem geeinten Europa und einer gerechteren Einen Welt sein würde.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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