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Imbke Behnken, Jana Mikota (Hrsg.): Sozialisation, Biografie und Lebenslauf

Cover Imbke Behnken, Jana Mikota (Hrsg.): Sozialisation, Biografie und Lebenslauf. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 295 Seiten. ISBN 978-3-7799-2231-5. 24,00 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Die Herausgeberinnen verstehen den Band als ein Studienbuch, das grundlegende Kenntnisse zu Sozialisation, Biografie und Lebenslauf vermitteln soll. Gedacht ist es als systematische Einführung, die sich sowohl auf Theorie als auch Forschung bezieht. Ein Augenmerk soll beobachtbaren Strategien der Bewältigung und Sinngebung gelten – vor dem Hintergrund der Modernisierung der heutigen Welt und der Risiken des lebensgeschichtlichen Scheiterns. Im Blick sind Subjekte wie betroffene Gruppen. Dabei geht es auch um die Frage, welche Unterstützung pädagogische Institutionen geben können.

Herausgeberinnen

Dr. Behnken ist Privatdozentin an der Universität Siegen – Mitbegründerin des dortigen Zentrums für Sozialisations-, Lebenslauf- und Biografieforschung und beteiligt an dessen Leitung. Dr. Mikota arbeitet ebenfalls an dieser Universität: Sie habilitiert mit einem geschichtlichen Projekt zum Deutschunterricht.

Entstehungshintergrund

Dem Band liegen die Vorträge einer Ringvorlesung „Sozialisation – Lebenslauf – Biografie“ zugrunde, die im Sommersemester 2008 an der Universität Siegen stattfand. Er wurde um weitere Beiträge ergänzt. Orientiert sind die Fragestellungen am Profil des betreffenden Fachbereichs. Dieses bestimmt sich einerseits durch die Zusammenarbeit von Schulpädagogik, Psychologie und Sozialpädagogik, andererseits durch das Konzept des Zentrums für Sozialisations-, Lebenslauf- und Biografieforschung. Die AutorInnen sollten ihre Beiträge jeweils aus der Sicht ihrer Fachdisziplin gestalten; erhofft wurde dadurch ein breites Spektrum.

Aufbau

Auf eine knapp vierseitige Einleitung (verfasst von den Herausgeberinnen zusammen mit Richard Huisinga, dem Dekan) folgen zwei Teile: „Sozialisation“ sowie „Lebenslauf und Biografie“. Jeder Teil enthält sieben Beiträge von im Durchschnitt etwa 20 Seiten.

Inhalt

Dieter Geulens Beitrag über „Subjektorientierte Sozialisationstheorie“, mit dem der erste Teil beginnt, soll eine Grundlage zum Teilthema Sozialisation schaffen. Hier wird ein bekannter Ansatz der Sozialisationstheorie von seinem Urheber vorgestellt. Die folgenden Artikel widmen sich spezifischen Fragen.

Den Anfang macht die Lesesozialisation – ein in der Sozialisationstheorie eher randständiges Thema (wenn auch bildungspolitisch aktuell sehr bedeutsam). Der nächste Beitrag betrachtet Prozesse beruflicher Bildung, besonders den Übergang von der Schule in den Beruf. Ein Klassiker ist das Thema Schule als Instanz der Sozialisation; hier wird sie in Bezug gesetzt zur latenten Sozialisation, die außerhalb von ihr stattfindet. Jugendkulturen seit den 1960er Jahren widmet sich der nächste Beitrag, wobei es unter anderem um die Bedeutung der Medien, Musik und Konsumindustrie geht. Der folgende Beitrag befasst sich mit politischer Sozialisation und deren Vorformen; er behandelt besonders die Demokratiebildung in Kindheit und Jugend. Beendet wird der erste Teil mit einem Beitrag zum Verhältnis der Generationen, das er auch von einer historisch-systematischen Pädagogik aus erörtert.

Der zweite Teil des Buches – zu Lebenslauf und Biografie – beginnt ebenfalls mit Grundlagen, diesmal mit zwei einführenden Beiträgen: Insa Fooken betrachtet die Lebensspanne aus Sicht der Entwicklungspsychologie. Ein besonderes Augenmerk gilt der Gender-Perspektive. – Gemeinsam mit Jürgen Zinnecker beleuchten die Herausgeberinnen das Thema Kinder als Träger von Biografie, womit die AutorInnen an die neuere Kindheitsforschung anschließen. Die weiteren Beiträge gelten auch im zweiten Teil Aspekten des Teilthemas.

So geht es zunächst um Statuspassagen und Initiationsrituale im Lebenslauf, und zwar besonders in der Jugend. Der nächste Beitrag widmet sich der Kategorie Zeit: In seinem Zentrum stehen die Zeitstrukturen in der Schule und deren Verbesserung – orientiert an den Kindern. – Wie wirken Lebenslauf (als die Sequenz der Ereignisse) und Biografie zusammen (als die Interpretation und Rekonstruktion der Ereignisse), wenn es um Fragen der Bildung geht? Dieser Beitrag weist empirisch auf Zugänge zu Institutionen und Abschlüssen hin, auf Bildungswünsche, Anschübe und Korrekturen eingeschlagener Wege.

Die beiden letzten Beiträge könnten LeserInnen aus der Sozialwirtschaft stärker interessieren:

  • So fragt Klaus Wolf, ob die Soziale Arbeit die Biografie ihrer KlientInnen beeinflussen kann. Er bezieht sich auf die Belastungen und Ressourcen der KlientInnen und untersucht, wie sich die Balance dazwischen durch die Aktivitäten Sozialer Dienste verändert. Beispielhaft werden Ergebnisse zweier narrativ-biografischer Interviews mit ehemaligen Pflegekindern – heutigen Erwachsenen – ausgewertet.
  • Michael Schumann und Ursula Knizia schließen an die Debatte um Sozialraum in der Sozialen Arbeit an. Anhand von Fallstudien behandelt der Beitrag Bilder, die Kinder von ihrer sozialräumlichen Umwelt zeichnen; diese Bilder werden biografisch gedeutet. Die beiden dazu befragten Kinder entstammen der Klientel von Erziehungsberatungsstellen.

Diskussion

Der Band rollt eine Vielfalt an Aspekten auf, die sich mit den Stichwörtern seines Titels verbinden lassen. Ich bezweifle aber, dass sich daraus den LeserInnen – zumal den AnfängerInnen – eine Systematik gleichsam von selbst erschließt. Zu wünschen wäre, dass eine wesentlich umfangreichere Einleitung der Entwicklung und Darstellung eines Zusammenhangs mehr Raum gibt. Eine Hilfe wäre zudem, wenn es zwischen den Beiträgen Überleitungen gäbe.

Deutlich ungleich sind zum Teil Qualität und Duktus der Beiträge. Das zeigt sich plakativ darin, dass in einem Fall das Literaturverzeichnis fast sechs Seiten umfasst, in einem anderen Fall aber nur sechs Zeilen! Eine Korrektur formaler Fehler wäre im Einzelfall noch nötig gewesen; aus dem Rahmen fällt ein Beitrag mit über 30 Fehlern.

Gewiss verhilft der Band zu wesentlichen Einsichten in das Themenfeld, und sicher darf man bei einer Einführung, auch wenn sie sich eine systematische nennt, nicht die Systematik erwarten wie bei einem Lehrbuch. Auch lebt eine Ringvorlesung davon, dass jede/r Vortragende – bei vorgegebenem Rahmen, der vielleicht weniger dem eigenen Arbeitsfeld entspricht – die Eigenart seiner Sicht bewahrt: Ich würde mir aber bei einem Buch, das mehr sein soll als eine Dokumentation, eine stärkere Verbindung der Beiträge zu einer Ganzheit wünschen.

Fazit

Man merkt dem Band an, dass er sich am Profil der Lehre und Forschung eines bestimmten universitären Fachbereichs orientiert: 15 der 19 AutorInnen gehören – oder gehörten – der Universität Siegen an. Für Studierende vor Ort bietet das Buch so sicherlich einen interessanten Einstieg. Eine Leserschaft, die darüber hinausreicht, mag diese Zentrierung dagegen als einschränkend erleben. Deshalb sollten Buchtitel oder Einbandrückentext auf den Entstehungszusammenhang hinweisen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 16.01.2010 zu: Imbke Behnken, Jana Mikota (Hrsg.): Sozialisation, Biografie und Lebenslauf. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-7799-2231-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8687.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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