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Björn Kraus, Marianne Baier-Hartmann u.a. (Hrsg.): Lebensphasen [...] aus interdisziplinärer Perspektive

Cover Björn Kraus, Marianne Baier-Hartmann, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Isolde Geißler-Frank, Dirk Oesselmann (Hrsg.): Lebensphasen. Anforderungen, Bewältigung und Unterstützung aus interdisziplinärer Perspektive. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2012. 2., vollst. überarb. Auflage. 336 Seiten. ISBN 978-3-932650-53-6. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.

Reihe: Unterrichtsmaterialien und Lehrbücher - Band 3.
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Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund für das Modullehrbuch ist der Bachelor-Studiengang „Soziale Arbeit und Religionspädagogik/Gemeindediakonie“ an der Evangelischen Hochschule Freiburg, und zwar für das Modul „Lebensphasen – Entwicklung im Lebenslauf aus interdisziplinärer Perspektive“. Das Modul gestalteten zuerst die Soziale Arbeit, die Rechtswissenschaft, die Gesundheitswissenschaft (oder besser: Gesundheitswissenschaften, wie es dann später auch heißt) und Psychologie. Hinzu kam später die Religionspädagogik/Gemeindediakonie.

Wichtiger Entstehungshintergrund für das Modullehrbuch ist für die Modulverantwortlichen gewesen, dass es wenig Literatur gibt, die das Thema Lebensphasen interdisziplinär sichtbar werden lässt.

Zielsetzung und Aufbau

Anliegen der Herausgeber ist es deshalb gewesen, interdisziplinäre Bezüge herzustellen, aber andererseits die einzelnen Disziplinen in ihrer Substanz zu erhalten. Daraus leitet sich der Aufbau des Bandes ab.

In einem ersten Teil werden deshalb zuerst Grundlagen der fünf Disziplinen dargestellt. Daran schließen sich die jeweiligen Aspektierungen der fünf Disziplinen zu den Lebensphasen Geburt und frühe Kindheit, Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Alter und hohes Alter an. Im Vorwort betonen die Herausgeber (S. 9), dass immer wieder versucht worden ist, „systematisch Bezüge zwischen den Wissenschaftsdisziplinen herzustellen“. Dies sei längst noch nicht in gewünschtem Ausmaß gelungen, wird selbstkritisch angemerkt. Gleichwohl würden die Beiträge einen Annäherungsprozess schaffen, die „den Studierenden eine Grundlage in der eigenständigen Auseinandersetzung mit disziplinübergreifenden und vernetzten Fragestellungen sowie Erkenntnissen bieten“. An anderer Stelle (S. 14) wird der Anspruch formuliert, dass der Einblick in theoretische Konzepte und Erklärungsmodelle der einzelnen Disziplinen und ihrer interdisziplinären Bezogenheit dazu diene, den „Nutzen für eine professionelle Soziale Arbeit und Gemeinwesendiakonie zu verdeutlichen“. Der Schwerpunkt liegt aber auf der Ebene der Vermittlung von Theorien. Das erste Kapitel zur Entstehungsgeschichte und zum Hintergrund des Buches schließt mit der Bemerkung, dass es im weiteren Verlauf des Bachelor-Studiums darum gehen werde, „Verzahnungen auf der Ebene von Praxisprozessen herzustellen“ (S. 16).

Inhalt

Nach der Einführung, in der die Perspektive der interdisziplinären Herangehensweise verdeutlicht wird, werden durch die fünf Modulverantwortlichen die disziplinären Zugänge in grundlegender Sicht vorgestellt:

  • seitens der Sozialen Arbeit durch Björn Kraus:Lebenswelt in sozialpädagogischer und erkenntnistheoretischer Perspektive,
  • seitens der Rechtswissenschaft durch Isolde Geissler-Frank: Entwicklung, Mündigkeit, Autonomie und Grenzen der Freiheit,
  • seitens der Gesundheitswissenschaften durch Marianne Baier-Hartmann: Grundkonzepte der Entwicklung aus gesundheitswissenschaftlicher Perspektive,
  • seitens der Psychologie durch Klaus Fröhlich-Gildhoff: Entwicklungstheorien, Entwicklungsaufgaben, Bewältigung, Risiko- und Schutzfaktoren, Resilienz,
  • seitens der Religions- und Gemeindepädagogik durch Dirk Oesselmann: Sinngebungen des Lebens und religiöse Suche.

Es folgen anschließend wiederum in den fünf disziplinären Zugängen die Darstellungen zu den Lebensphasen von der frühen Kindheit (0-4 Jahre) bis ins Alter und ins hohe Alter (ab ca. 60 bzw. ab 80 Jahre). Die AutorInnen greifen dabei für die jeweilige Altersphase spezifische Sachverhalte und Herausforderungen auf.

In Bezug auf frühe Kindheit thematisiert Dörte Weltzien in der Sicht der Sozialen Arbeit die außerfamiliale Betreuung, Isolde Geissler-Frank in der Sicht der Rechtswissenschaft den Schutz des ungeborenen Lebens, Marianne Baier-Hartmann in der Sicht der Gesundheitswissenschaften das Modell der Grundbedürfnisse des Menschen sowie Gesundheitsförderung und Prävention in der frühen Kindheit, Klaus Fröhlich-Gildhoff in der Sicht der Psychologie die Entstehung des Selbst als innerer handlungsleitender Struktur und Dirk Oesselmann das Primat des Lebens aus religionspädagogischer Sicht. Für das Alter und hohe Alter sind es schließlich dann im Segment der Sozialen Arbeit (Birgit Schuhmacher) , Pflege, Engagement und Bildung, für die Rechtswissenschaft Recht und Alter (Thomas Klie), für die Gesundheitswissenschaften das Health-Belief-Modell sowie Gesundheitsförderung und Prävention im Alter ((Marianne Baier-Hartmann), für die Psychologie Lebensqualität im Alter, Umgehen mit der Endlichkeit (Klaus-Fröhlich-Gildhoff) und für die Religions- und Gemeindepädagogik Würde im Alter, zwischen Aufarbeitung und Angst, zwischen Leben und Sterben (Dirk Oesselmann).

Die jeweiligen disziplinären Darstellungen in den einzelnen Lebensphasen sind um einen roten Faden der Darstellung bemüht. Besonders gut sichtbar wird dies bei den Gesundheitswissenschaften. Orientiert am salutogenetischen Ansatz stellt Isolde Baier-Hartmann jeweils die Frage, was Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder, für die Lebensphase der Kindheit, was Kinder, für die Lebensphase der Jugend, was Jugendliche gesund erhält. Ebenso wird jeweils auf Gesundheitsförderung und Prävention eingegangen. Überdies wird zum Beginn des Beitrages ein theoretisches Modell in den Vordergrund der Erörterung gestellt, im Bereich der frühen Kindheit das Modell der Grundbedürfnisse, in der Kindheit das Salutogenese-Modell, in der Jugend der Public-Health Aktionszyklus, im Erwachsenenalter das multifaktorielle Krankheitsmodell und für das Alter/hohe Alter das Health-Belief-Modell. Dies gelingt ebenso für die Rechtswissenschaften, die Psychologie und die Religions- und Gemeindepädagogik. Einzig für die Soziale Arbeit wird es schwierig. Gelingt eine entsprechende Darstellung für die drei ersten Lebensphasen, so entsteht ein erhebliches Problem für das Erwachsenenalter. Erwachsene per se sind immer noch keine Bezugsgruppe für die Soziale Arbeit. Als Männer und Frauen und im Kontext von Familie werden sie dies erst in spezifischen Problemlagen (bei Schwierigkeiten in der Berufsfindung bzw. -gestaltung., Scheidungskonflikten bzw. Erziehungsproblemen als Mütter und Väter). Björn Kraus hilft sich über diese Hürde hinweg, indem er in der Lebensphase Erwachsene die Debatten zum Konstruktivismus und zur Postmoderne und ihre Konsequenzen für die Standards methodischen Handelns behandelt. Entsprechend spricht der Autor nur von Menschen und Individuen. In Bezug auf die Lebensphase Alter/hohes Alter werden Pflege, Engagement und Bildung in den Blick genommen, sie werden aber kaum als Sinnfacetten einer Sozialen Arbeit des Alters thematisiert. Tendenziell hätten sich diese herausarbeiten lassen (siehe z. B. Arbeiten von Cornelia Schweppe, Ute Karl, Kirsten Aner und auch Ulrich Otto).

Diskussion

Die letzten Sätze des vorangegangenen Abschnittes leiten bereits zur Diskussion über.

Insgesamt halten die Ausführungen überwiegend, was die Einführung verspricht, nämlich den Studierenden einen disziplinären, „aber auch integrierenden, disziplinübergreifenden Blick auf die verschiedenen Lebensalter zu ermöglichen“ (S. 15). Die einzelnen Beiträge sind überdies verständlich und deshalb auch studierendenfreundlich geschrieben.

Wie aber steht es mit dem formulierten Anspruch, systematisch Bezüge zwischen den Wissenschaftsdisziplinen herzustellen? Die HerausgeberInnen schränken selber ein, dass dies nicht im gewünschten Ausmaß gelungen ist. Aber gleichwohl plagt den Rezensenten die Frage: Was hat die HerausgeberInnen gehindert, in einer „vollständig überarbeiteten Auflage“ über das im Band nur in allerersten Ansätzen Vorfindbare hinauszugehen? Möglich wäre dies doch an vielen Stellen gewesen. So hätte für die Lebensphase frühe Kindheit der von Isolde Geissler- Frank angesprochene Schutz des ungeborenen Lebens so aufgegriffen werden können, dass problembezogen der Frage nachgegangen wird, wie dies auch der 13. Kinder- und Jugendbericht von 2009 thematisiert, nicht zuletzt auch auf der Grundlage der Erkenntnisse einer pränatalen Psychologie, Überlegungen zu einer Sozialen Arbeit des ungeborenen Lebens mit Konsequenzen für das SGB VIII anzustellen. Nach der jeweiligen Darstellung der einzelnen Disziplinen (1.1. bis 1.5) hätte in einem Punkt 1.6 im Sinne einer offenen Diskussion ein „gemeinsames Sechstes“ angesprochen werden können. Gleiches wäre auch für die weiteren Lebensphasen möglich gewesen. Auch hätten am Ende der Darstellungen zu den jeweiligen Lebensphasen gemeinsame Fragen und Übungsaufgaben gestellt werden können.

Wenn das Modul „Lebensphasen“ im Bachelor-Studiengang „Soziale Arbeit und Religionspädagogik/Gemeindepädagogik“ angesiedelt ist, ist es doch naheliegend, dass beiden federführenden Disziplinen eine Leitaufgabe zukommt. Dies ist von den HerausgeberInnen aber offenbar nicht beabsichtigt gewesen, hätte möglicherweise jedoch die Zielsetzung hin zur Überwindung disziplinärer Grenzen erleichtern können. Um Leitdisziplin zu sein, hätte in den Beiträgen der Sozialen Arbeit die sozial- und gesellschaftspolitische Fundierung stärker herausgearbeitet werden müssen. Fragen sozialer Ungleichheit und im Kontext dazu gesundheitlicher Ungleichheit, ebenso Fragen der Übergänge sowie Zugangsverweigerungen (insbesondere bei Jugendlichen und Erwachsenen) werden in der Folge nur peripher angesprochen. Obwohl der einführende Beitrag von Björn Kraus die Unterscheidung zwischen Lebenslage und Lebenswelt sehr pointiert herausarbeitet, beschränken sich die Beiträge zu den einzelnen Lebensphasen weitgehend auf lebensstilbezogene Fragen.

Nun könnten diese Hinweise den Eindruck erwecken, der Band sei nur in Ansätzen geglückt. Dem sei an dieser Stelle widersprochen. Dem Rezensenten geht es einzig darum herauszustellen, dass die in der Überschrift angekündigte „interdisziplinäre Perspektive“ doch die Chance geboten hätte, die fachwissenschaftlichen Darstellungen stärker als hier umgesetzt, als Plattform für interdisziplinäre Bemühungen zu nutzen, z. B. zur interprofessionellen Gestaltung von Übergängen oder zu einführenden Überlegungen interprofessioneller Kooperation sozialer Dienste (etwa des Öffentlichen Gesundheitsdienstes mit dem Jugendamt).

Fazit

Insgesamt ist der Band eine geeignete Studiengrundlage für ein Modul „Lebensphasen im Bachelor-Studiengang „Soziale Arbeit und Religionspädagogik/Gemeindepädagogik“. Die Studierenden erhalten eine verständlich geschriebene Grundlegung an die Hand. Allerdings wird ihnen die Aufgabe, die disziplinären Darstellungen zu den einzelnen Lebensphasen zu verknüpfen, kaum abgenommen. Hier hätten die HerausgeberInnnen noch mehr tun können.

Eine dritte vollständig überarbeitete Auflage sollte dies angehen.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 09.01.2013 zu: Björn Kraus, Marianne Baier-Hartmann, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Isolde Geißler-Frank, Dirk Oesselmann (Hrsg.): Lebensphasen. Anforderungen, Bewältigung und Unterstützung aus interdisziplinärer Perspektive. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2012. 2., vollst. überarb. Auflage. ISBN 978-3-932650-53-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8689.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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