socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Alexandra Senfft: Fremder Feind, so nah

Cover Alexandra Senfft: Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2009. 334 Seiten. ISBN 978-3-89684-075-2. 20,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Ist Frieden möglich? Frieden ist möglich!

Die Metaphern „Liebet eure Feinde“ und „Aug` um Auge, Zahn um Zahn“, hat in der Menschheitsgeschichte die Spannweite von Krieg und Frieden, von Gegeneinander und Miteinander, von Konflikt und Verständigung immer wieder vermessen und bestimmt. Überwiegend, betrachten wir etwa die Auseinandersetzungen zwischen den Israelis und den Palästinensern im Nahost-Konflikt, mit pessimistischen, ideologischen, ethnozentristischen, nationalistischen, fundamentalistischen und unversöhnlichen Standpunkt-Argumenten. Wenn ein friedliches Zusammenleben der Menschen nicht auf der Basis von Empathie und Toleranz, gewissermaßen auf „Augenhöhe“ aufgebaut ist, kann Frieden nicht zustande kommen.Vielmehr bedarf es einer utopischen Betrachtungsweise, die bestimmt ist von der Hoffnung, dass der Mensch als vernunftbegabtes, soziales Wesen erst einmal friedlich und verträglich und nicht des Menschen Wolf ist (vgl. dazu auch: Marcel M. Baumann, u.a. (Hrsg.), Friedensforschung und Friedenspraxis. Ermutigung zur Arbeit an der Utopie, Verlag Brandes & Apsel, 2009, siehe die Rezension).

Entstehungshintergrund

Wege hin zu einer solchen (konkreten) Utopie des Friedens werden in konkreten Konfliktsituationen, zumal wenn sie als nationale und ethnische Auseinandersetzungen stattfinden, selten beschritten. Die Erkenntnis, dass Frieden mit „Friedenskommunikation“ (vgl. dazu auch: Hannah Neumann, Friedenskommunikation. Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation in der Konflikttransformation, LIT-Verlag, 2009, siehe siehe die Rezension) und „Friedensproben“ (siehe dazu auch: Martin Kaiser, Friedensproben. Interkulturelle Begegnung und interreligiöser Dialog in der politischen Bildung, Wochenschau-Verlag, 2009) geschaffen werden kann, hat sich leider im internationalen Bewusstsein der Menschen noch nicht durchgesetzt. Viel öfter vollziehen sich die Konflikte mit Wort- und Waffengewalt auf der Grundlage: Wir sind stärker und machtvoller! – wie auf der: Wir sind schwächer und machtloser! Die Hamburger Körber-Stiftung unternimmt in den Bereichen „Internationale Politik, Bildung, Wissenschaft, Gesellschaft“ zahlreiche Anstrengungen, dass verfeindete Nachbarn und Gegner miteinander ins Gespräch kommen und von Angesicht zu Angesicht ihre eigenen Geschichten, Erfahrungen, ideologisch geprägten und erworbenen Einstellungen erzählen können: „Storytelling in Conflict“. Es war insbesondere der 2008 verstorbene israelische Psychologe Dan Bar-On, der in den letzten Jahrzehnten versucht hat, „Wege zur Dialogarbeit“ zu gehen und Modelle zur interkulturellen Konfliktbewältigung zu entwickeln (vgl. dazu: Erzähl dein Leben! und Die „Anderen“ in uns, 2003, 2004). Von 2006 bis 2008 leitete er im Rahmen der Körber-Stiftung das Projekt „Dan Bar On Dialogue Training - Storytelling in Conflict“, um Mediatoren und Friedensarbeiter im Bereich der interkulturellen Dialogarbeit in verschiedenen (Konflikt-)Teilen der Welt zu schulen.

Die Autorin und ihre Narrative

Die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft hat als Nahostreferentin im Deutschen Bundestag, als UNO-Mitarbeiterin in den palästinensischen Gebieten gearbeitet und sich als Vorstandsmitglied des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten engagiert. Sie, die Enkelin des 1947 in Bratislava zum Tode verurteilten Nationalsozialisten Hanns Ludin, hat sich mit ihrer Familiengeschichte schmerzhaft auseinandergesetzt (vgl. dazu: Alexandra Senfft, Schweigen tut weg – Eine deutsche Familiengeschichte, 2007); wie auch Hanns Ludins 1942 in Bratislava geborene Sohn Malte, einen Film über die „Geschichte meines Vaters, eines Kriegsverbrechers, meiner Mutter, meiner Geschwister, Nichten und Neffen“ gedreht hat (Malte Ludin: 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß, DVD, absolut medien 2007). Die Linien der eigenen Familiengeschichte mit denen der Konfliktparteien im Nahen Osten zu kreuzen und zu vergleichen, gewissermaßen „die Verwandtschaft zur Geschichte des Gegners durch das Erzählen der eigenen Lebens- und Familiengeschichte zu erkennen", um dafür eine Basis für Verständigung zu bauen, das dürfte die Besonderheit von Alexandra Senffts Dokumentation und Diskussion bei Begegnungen mit Palästinensern und Israelis sein.

Inhalt

Es sind die Gegensätze, die das Leben der Gegner in Israel und Palästina bestimmen: „Sicherheitszaun“ oder „Apartheidmauer“; aber auch empathische Pflänzchen, die zwischen den Stacheldrahtzäunen mit misstrauischen Blicken zaghaft wachsen. Die Natur macht es manchmal vor: Durch Betonritzen und winzige Öffnungen wachsen Pflanzen – Unkräuter und Blumen, nicht selten merkwürdige Gebilde, die aus der leblosen und feindlichen Umgebung herausragen; so als ob sie ein Zeichen setzen wollten: Trotzdem! Solche widerständige, trotzige Gestalten mit einem optimistischen Ausrufezeichen, sind auch die Menschen, über die Alexandra Senfft berichtet. Etwa der heute 36 Jahre alte Israeli Hanan Ohana, dessen Eltern als Mizrahim in den 1950er Jahren aus Marokko nach Israel einwanderten und von der seinerzeit von den Ashkenazim dominierten Gesellschaft als Bürger zweiter Klasse angesehen wurden. Nach seiner Militärdienstzeit und als Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Berlin lernte er Susanne kennen und heiratete die Nicht-Jüdin. Er studierte am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik und lernte dabei „Storytelling“ als Methode für Friedensgespräche kennen. 2007 ging Hanan Ohana mit seiner Familie nach Israel zurück und baute mit Hilfe von Bar-On und der Körber-Stiftung ein Verständigungs- und Begegnungsprojekt in einem der sensibelsten Konfliktsituationen auf, die in der Nahost-Region denkbar ist: Er will jüdische Siedler in Gebiet von Jerusalem mit Bewohnern einer nahegelegenen palästinensischen Kleinstadt und eines angrenzenden Beduinendorfs ins Gespräch bringen. Oder die Schilderung der Arbeit der israelischen Journalistin Amira Hass, die in den palästinensischen Gebieten lebt, misstrauisch beobachtet von beiden Seiten. Auch die Geschichte des Palästinensers Khaled Abu Awwad und des Israeli Rami Elhanan, die über die Trauer ihrer im israelisch-palästinensischen Konflikt ums Leben gekommenen Kinder zum Miteinanderreden gekommen sind. Ihre Erzählungen aus Aggressionen, Vorwürfen, Blockaden und Zweifeln münden tatsächlich in ein Zuhören und empathisches Öffnen füreinander, „damit das Leid nicht von Generation zu Generation weitergereicht wird und immer neues Unheil schafft“. Es sind immer wieder Szenen von Begegnungen, die – von außen betrachtet – niemals zustande kommen sollten, und doch zustande kommen; wie die des 1932 in der Schweiz geborenen und mit seinen Eltern 1947 nach Israel ausgewanderten Uri Bloch und seiner in Berlin ebenfalls 1932 geborenen Frau Hanna Ya`ari; oder des 30jährigen israelischen Beduinen Jamal Alkirnawi, der an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva studiert und mit anderen israelischen Studenten über das Storytelling zu einem Perspektivenwechsel gelangt. Es sind Frauen und Männer als Journalisten, Schriftsteller, Politiker, Fotografen, Lehrer, Schauspieler, Psychologen, Handwerker, Geschäftsleute und Bauern, die sich in der Friedensbewegung (ein großes Wort für ein kleines Pflänzchen) im Nahen Osten zusammen gefunden haben. Es sind zaghafte Dialogprozesse, die die verfeindeten und verminten Felder überwinden wollen; und dort, wo sie stattfinden, tatsächlich überwinden. Anfangs begleitet vom Staunen, dass es möglich ist, und mündend in das deutliche Glücksgefühl, dass Miteinanderreden besser ist als Aufeinanderschießen. Aus diesen Optimismus bilden sich Initiativen, wie etwa „Miftah“, die von der Literaturprofessorin Hanan Ashrawi gegründete „Palästinensische Initiative zur Förderung des Globalen Dialogs und der Demokratie“; in der Menschen wie die 76jährige Lily Feidy arbeiten. Und es entstehen Aktivitäten, die öffentliche Meinung in Israel und Palästina von „Feind“ – zu Menschenbildern zu wandeln; wie das Redaktionsteam des „Palestine-Israel-Journal“ es engagiert versucht. Und immer wieder die emotional und intellektuell geprägten Erkenntnisse, dass „die anerkannte Schuld ein bedeutender Teil meines Widerstands“ darstellt – und ausgesprochen werden muss, weil „die verschütteten, versteckten, unterdrückten Narrative ein Hindernis für Frieden sind“, wie Sheila Melzak es ausdrückt.

Fazit

Die Hoffnung stirbt zuletzt – diese optimistische und utopische Auffassung bestimmt das Denken und Handeln der israelischen und palästinensischen Protagonistinnen und Protagonisten. Sie bauen mit Storytelling und ihren Begegnungen nicht Mauern auf, sondern ebnen die Jahrzehnte alten Verkrustungen und unüberwindlich erscheinenden, ideologischen und tatsächlichen Stacheldrahtzäune, die in der Wirklichkeit der Auseinandersetzungen zwar noch nicht grundlegend bestimmend, aber merklich und in den Friedens-Personen sichtbaren und beeindruckenden Persönlichkeiten präsent sind. Friedensprozesse fallen nicht vom Himmel, sondern sie müssen von Menschen gemacht werden: „Erst wenn wir erkennen, dass es keine einfachen Lösungen und nicht auf jede Frage Antworten gibt, wenn wir lernen, die Ambivalenzen und Spannungen zuzulassen und auszuhalten, können wir dem Nahostkonflikt und den in ihm gefangenen Menschen angemessen begegnen und ihnen gerecht werden“. Alexandra Senfft ist mit ihrer glaubhaft und überzeugend geschriebenen Dokumentation ein Friedensdokument gelungen, das Aufmerksamkeit verdient, hier bei uns, im Nahen Osten und in den Konfliktregionen der Welt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1175 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 01.12.2009 zu: Alexandra Senfft: Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-89684-075-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8696.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Mehr zum Thema

Leider liegen aktuell keine passenden Rezensionen vor.

Literaturliste anzeigen

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!