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Heiko Kleve, Britta Haye u.a.: Systemisches Case Management

Rezensiert von Dipl.Soz.-Arb. Meinolf Westerkamp, 19.08.2003

Cover Heiko Kleve, Britta Haye u.a.: Systemisches Case Management ISBN 978-3-928047-41-8

Heiko Kleve, Britta Haye, Andreas Hampe-Grosser, Matthias Müller: Systemisches Case Management. Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit. Dr. Kersting Verlag (Aachen) 2003. 192 Seiten. ISBN 978-3-928047-41-8. 19,95 EUR. CH: 35,00 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-89670-560-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Das Thema

Die Autoren wollen "methodische Ansätze vorstellen, die von einer klassischen zu einer postmodernen Sozialarbeit führen könnten, einer Sozialarbeit, die sich bewußt ist, dass sie nicht mehr zu weiter machen kann, wie bisher". (S.9)

Während die moderne Sozialarbeit noch wusste, anhand welcher Normen die vermeintlichen abweichenden Klienten in die Gesellschaft reintegriert bzw. für die Gesellschaft normalisiert werden sollten, geht einer postmodernen Sozialarbeit dieses Wissen mehr und mehr verloren. Die Frage ist dann, durch welche Methoden, professionellen Haltungen und theoretischen Orientierungen dieses Nichtwissen kompensiert werden kann . Die Autoren möchten dies durch ein Case Management erreichen, das sich vor allem hinsichtlich der Falleinschätzung und Hilfeplanung systemisch-konstruktivistisch orientiert (S. 9), denn "das Soziale muß von der Sozialarbeit alltäglich neu hergestellt werden" (S. 10), kaum etwas ist noch selbstverständlich, fast alles ist hinterfragbar geworden, kann immer auch anders beschrieben, erklärt und bewertet werden.

Trotz dieser postmodernen Situation werde ein Bezug der Sozialarbeit - womöglich sogar radikaler als je zuvor - erhalten bleiben müssen, nämlich der Klientenbezug, der in der These deutlich gemacht wird, dass es in konkreten Hilfeprozessen die Klienten Sozialer Arbeit selbst (und nicht die Helfer) sind, die am ehesten wissen, was gut für sie ist. Systemisch-konstruktivistische Orientierung und das Case Management sind aktuelle sozialarbeiterische Ansätze, in denen zwei wesentliche Forderungen aufgenommen sind, nämlich einerseits Lebensweltorientierung und andererseits die Ökonomisiserung. Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, die mit diesen Forderungen arbeiten, gehen nicht klassisch normativ vor, sondern verstehen sich als Experten für die prozesshafte Konstruktion von Zielen und für das prozesshafte Anregen der Klienten hinsichtlich der Zielerreichung. In diesem Sinne sind sie Experten, die das kommunikative , das dialogische Erschließen von Zielen und Lösungen, die in der Lebenswelt der Klienten sinnvoll und sinnhaft sind, anregen, ja ermöglichen.

Die Autoren und Autorinnen

Die Autoren und Autorinnen sind entweder als hauptamtlich Lehrende oder als Lehrbeauftragte über die Alice-Salomon-Hochschule Berlin verbunden, haben mit den dargestellten Vorgehensweisen in eigener Praxis gearbeitet bzw. tun dies auch weiterhin.

Aufbau und Inhalte

Heiko Kleve stellt in einem ersten Beitrag in einer kurzen Skizze der methodischen Grundlagen Sozialer Arbeit die klassischen Arbeitsformen der Sozialarbeit dar, auf denen auch das Case Management aufbaut. In einem zweiten Beitrag: "Case Management - Eine methodische Perspektive zwischen Lebensweltorientierung und Ökonomisierung Sozialer Arbeit" vertritt er die These, dass das Case Management eine Methode ist, die die zwei gegensätzlichen Orientierungen der aktuellen Sozialarbeit, nämlich Lebensweltorientierung und Ökonomisierung zusammenbringen kann , weil sie den Sozialarbeitenden ermöglicht, beide Positionen gleichzeitig zu besetzen, also sowohl lebensweltorientiert wie auch ökonomisch reflektiert zu handeln.

Lebensweltorientierung meint, dass sich Sozialarbeitende und deren Institutionen, auf die eigensinnigen lebensweltlichen Erfahrungen ihrer Adressaten einlassen, dass sie in ihrer Arbeit von diesen Erfahrungen ausgehen und sich auf diese beziehen; eine Sozialarbeit also, die sich weniger als Durchsetzerin gesellschaftlicher Normen versteht, sondern vielmehr individuelle Hilfen aushandelt und arrangiert, was nur kommunikativ, dialogisch initiiert und erbracht werden kann

Durch die Ökonomisierung Sozialer Arbeit werden demgegenüber betriebswirtschaftliche Konzepte in die Praxis hinein getragen. Leitgrößen wie Effektivität und Effizienz sind hier zu benennen. Das ist nur möglich, wenn Soziale Arbeit an konkreten Zielvereinbarungen ausgerichtet ist, mit denen die erreichten Ergebnisse verglichen werden können. Ergebnisorientierung hat aber im Bereich humaner Dienstleistungen ihre Grenzen, weil autopoietische Systeme niemals direkt beeinflussbar sind, sondern immer nur zur Selbstveränderung angeregt werden können.

Case Management versteht er als eine an der klassischen sozialarbeiterischen Methode der Gemeinwesenarbeit orientierte Weiterentwicklung der traditionellen Sozialen Einzel(fall)hilfe. Es geht darum, die Menschen dabei zu unterstützen, die eigenen Ressourcen und lebensweltlichen Netzwerke so gut wie möglich zu nutzen und Defizite, die nicht selbständig oder durch andere privat-lebensweltliche Möglichkeiten kompensiert werden können, durch differenziert und planvoll eingesetzte professionelle Hilfe zu kompensieren.

Case Management bezieht sich also grundsätzlich auf die Lebenswelt der Klienten, sieht diese nicht als einen zu normalisierenden defizitären Bereich an, sondern als einen Pool von Ressourcen, die es für die Klienten und mit diesen zu aktivieren gilt. Deshalb kommt der Ressourcenanalyse und -aktivierung besondere Bedeutung zu. Hier werden insbesondere "Anleihen" gemacht bei verschiedenen Verfahren der Systemischen Beratung, Verfahren wie Genogramme, Umdeutung und Perspektivwechsel, Kontextklärung/-erweiterung können genutzt werden, um ein möglichst breiten Überblick über die Ressourcendimensionen des jeweiligen Klientsystems zu bekommen, die genutzt werden können. Die kurzen und knappen Fragestellungen, die zu dieser und den anderen Phasen des Case Management zusammengestellt sind machen den systemischen Hintergrund deutlich, ohne einen eng gesteckten Rahmen aufzuziehen. Erst in einem weiteren Beitrag, in dem es um die systemische Kontextklärung geht, werden konkrete praktische Schritte beschrieben und es wird geklärt, warum kontextualisierende Fragen in der Sozialen Arbeit ihre besondere Bedeutung haben, u.a. weil häufig soziale Kontrolle nicht eindeutig von Hilfe unterschieden werden kann und es deshalb zu Kontextvermischungen kommen kann. Deshalb hält er es für unverzichtbar, bei Beginn jeder Fallarbeit insgesamt acht vorgestellte kontextualisierende Fragen zu klären, die helfen können, die Ausgangslage näher zu bestimmen.

Britta Haye und Heiko Kleve stellen auf diesem Hintergrund in einem gemeinsamen Artikel unter dem Thema "Systemische Schritte helfender Kommunikation" ein Sechs-Phasen-Modell für die Falleinschätzung und die Hilfeplanung vor. Aufbauend auf dem klassischen methodischen Dreischritt: Anamnese, Diagnose, Behandlung werden für die Falleinschätzung die Schritte

  • Kontextualisierung (1) ,
  • Beschreibung der Probleme und Analyse der Ressourcen (2),
  • Bildung von Hypothesen (3),
  • und für die Hilfeplanung die Schritte
  • Zielfindung und Auftragsklärung (4) und
  • Handlung/Intervention (5), ergänzt und abgeschlossen durch die
  • Evaluation (6)

beschrieben.

Ressourcenorientierung, Hypthesenbildung, Zielfindung, Auftragsklärung und Handlungsplanung werden auf dem Hintergrund von systemischen und lösungsorientierten Beratungsansätzen und -methoden mit Inhalt gefüllt.

Matthias Müller steuert unter dem Titel "Verfahren/Techniken und Struktur im Case Management-Prozess" konkrete Handreichungen für die praktische Arbeit bei, indem Arbeitsbögen zur strukturierten Ausgestaltung des Prozesses vorgestellt werden.

Abschließend stellt Andreas Hampe-Grosser sein "Systemisches Case Management mit Multiproblemfamilien" vor, das sich auf den Praxisbereich der Familienberatung mit dieser Adressatengruppe aus der Sicht eines Allgemeinen Sozialpädagogischen Dienstes (ASD) im Jugendamt bezieht. Nach einer zunächst theoretischen Darstellung der Sozialen Arbeit mit Multiproblemfamilien wird an einem konkreten Fallbeispiel die Praxis des Sechs-Phasen-Modells aus der Perspektive eines Allgemeinen Sozialpädagogischen Dienstes dargestellt.

Das Buch bietet einige interessante neue Aspekte rund um das Case Management, die deutlich machen, dass diese Methode sich mit vielen verschiedenen theoretischen Ansätzen "verträgt" und so zu neuen Handlungsansätzen führen kann. Im vorliegenden Text sind es vor allem die ressourcen- und lösungsorientierten Ansätze, die mit Fokussierung auf die Lebenswelt der Klienten als eine Aktualisierung von klassischen Grundsätzen, Prinzipien und Methoden der Sozialarbeit verstanden werden können. Besonders hilfreich erscheinen mir auch die Ausführungen zur systemischen Kontextklärung, wird hier doch deutlich, wie wichtig die Klärung der Ausgangsposition in jedem einzeln Fall ist; hier sind eigentlich selbstverständliche Fragen formuliert, die aber in der praktischen Arbeit häufig unberücksichtigt bleiben.

Im letzten Beitrag über die Arbeit mit Multiproblemfamilien sind mir vor allem die Ausführungen über die Möglichkeiten der Arbeit mit "unfreiwilligen Klienten" und die Ausführungen zu einer "positiven" Handhabung des Themas "Zwangskontext" wichtig, spielen sie doch in vielen Arbeitsfeldern eine ganz entscheidende Rolle, auch wenn man sich lieber auf freiwillige, motivierte Klienten einlassen möchte.

Einen weiteren interessanten Diskussionsbeitrag liefern die Autoren zur "Kunden- / Klientenproblematik" im Rahmen der Ökonomisierung von Sozialer Arbeit, indem sie beide Begriffe nutzen, als Kunden verstehen sie die Geld- und Auftraggeber von/für Leistungen (also im weitesten Sinne Jugend-, Sozial- und Gesundheitsämter) und Klienten sind für sie nach wie vor die "Empfänger"/ die eigentlichen Adressaten der Leistung.

Zielgruppe

Praktiker werden in dem Buch viele interessante Ideen und Vorschläge finden, die sie so oder verändert auf ihre jeweiligen Arbeitssituationen anwenden können. Für das Studium bietet das Buch einen ersten Einblick in ein methodisches Verfahren, das in einen neuen, d.h. anderen theoretischen Zusammenhang gestellt worden ist. Aber ob denn diese Vorstellungen das sind, was Soziale Arbeit in der Postmoderne benötigt, vermögen auch die Autoren nicht zusagen. So bleibt der letzte Satz des Buches (Hampe-Grosser) Programm: "Glauben Sie keinem Text, es könnte auch ganz anders sein."

Fazit

Case Management kann sinnvoll nur umgesetzt werden, wenn es systemisch verstanden wird, schließlich wird im Laufe des Verfahrens mit immer neu zu konzipierenden Ziel- und Arbeitsgruppen(-systemen) gearbeitet. Insofern nicht Neues. Neu an diesem Buch ist der Versuch, Verfahren aus den ursprünglich eher therapeutisch orientierten Bereichen der systemischen, der lösungsorientierten Beratung und Therapie in das Case Management Modell zu übernehmen und das Vorgehen konkret an der Lebenswelt der Klienten zu orientieren. Wer aufmerksam liest wird viel Bekanntes entdecken, das in neue Zusammenhänge gestellt wurde und damit eine neue Bedeutung bekommt.

Rezension von
Dipl.Soz.-Arb. Meinolf Westerkamp
Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Sozialarbeit
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Es gibt 19 Rezensionen von Meinolf Westerkamp.

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Zitiervorschlag
Meinolf Westerkamp. Rezension vom 19.08.2003 zu: Heiko Kleve, Britta Haye, Andreas Hampe-Grosser, Matthias Müller: Systemisches Case Management. Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit. Dr. Kersting Verlag (Aachen) 2003. ISBN 978-3-928047-41-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/870.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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