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Elke Wild, Jens Möller (Hrsg.): Pädagogische Psychologie Medienkombination

Cover Elke Wild, Jens Möller (Hrsg.): Pädagogische Psychologie Medienkombination. Springer (Berlin) 2009. 495 Seiten. ISBN 978-3-540-88572-6. 44,95 EUR, CH: 70,00 sFr.
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Thema

Die Pädagogische Psychologie beschäftigt sich mit sämtlichen Themen aus den Bereichen des Lernens, Lehrens und Erziehens und ist damit relevant für schulischen wie hochschulischen Unterricht, Erziehung und Weiterbildung. Traditionsgemäß weist die Pädagogische Psychologie eine gewisse Überschneidung mit der Pädagogik auf und ist daher auch Bestandteil der universitären Ausbildung von Psychologen, Pädagogen und Lehrern. Gerade im Hinblick auf die Medienpräsenz von nationalen, wie auch internationalen Schulleistungsstudien – bspw. PISA (Programme for International Student Assessment) – und deren öffentlich ausgetragenes Diskussionspotential rückt die pädagogisch-psychologische Fundierung immer weiter in den Vordergrund, nicht zuletzt als Gegenpol zur oftmals kritisierten, rein fachlich orientierten Ausbildung. Aus diesem Grund wächst der Stellenwert der Pädagogischen Psychologie stetig und nimmt zumindest in der Lehrerausbildung einen größeren Raum im Studium ein, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Doch eine alleinige quantitative Aufstockung des Faches mit seinen unterschiedlichen Gegenstandsbereichen ist beileibe noch kein Kriterium für eine praxisrelevante und gelungene Umsetzung. Vielmehr steht und fällt die Nutzbarkeit mit der qualitativen Vermittlung des Wissens. Diese geschieht einerseits im Rahmen der universitären Lehre, andererseits durch eine eigenständige oder die Vorlesung begleitende Erarbeitung der Inhalte mittels didaktisch gut aufbereiteter Lehrbücher. Das Lehrbuch „Pädagogische Psychologie“ von Wild und Möller möchte genau dies leisten – nämlich die Pädagogische Psychologie komplett, anschaulich und prüfungsrelevant darzustellen und Wissen über Lehren und Lernen, Motivation, Diagnostik und Intervention, sowie Selbstregulation, Klassenführung oder den Einfluss von Lehrern, Eltern und Gleichaltrigen zu vermitteln.

Herausgeber

Das Lehrbuch wird von Prof. Dr. Elke Wild und Prof. Dr. Jens Möller herausgegeben. Wild promovierte 1993 in Mannheim, wo sie sich 1999 auch habilitierte. Seit 2000 arbeitet sie an der Universität Bielefeld und hat seit 2004 eine Professur für Pädagogische Psychologie inne. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Familien- und Motivationspsychologie sowie in der Beratung und der Jugendforschung.

Möller promovierte 1991 in Kiel und habilitierte sich dort fünf Jahre später. Seit 2003 hat er die Professur für Psychologie für Pädagogen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Selbstkonzept, diagnostische Kompetenzen und das kooperative Lehren.

Die Herausgeber werden von 29 weiteren Autoren unterstützt, die u.a. als Professoren, Promovenden oder wissenschaftliche Mitarbeiter in der Pädagogischen Psychologie tätig sind.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich in erster Linie an Psychologie-, Pädagogik und Lehramtsstudenten. Hierbei wird nicht zwischen Bachelor-, Master-, Magister- oder Diplomstudiengängen unterschieden. Außerdem werden auch in der Praxis tätige (Schul-)Psychologen, Lehrer und Erzieher angesprochen. Das Buch ist weiter für (Schul-)Sozialpädagogen geeignet.

Entstehungshintergrund

Das Buch versucht, dem sich stetig verändernden Gegenstandsbereich der Pädagogischen Psychologie gerecht zu werden und wesentlich Aspekte abzudecken. Es liegt aktuell in der ersten Auflage vor und kann daher noch auf keine Entwicklungsgeschichte zurückblicken.

Aufbau

Das Lehrbuch ist in sechs thematisch geordnete Überkapitel gegliedert:

  1. Lernen
  2. Lehren
  3. Motivieren
  4. Interagieren
  5. Diagnostizieren und Evaluieren
  6. Intervenieren

Diesen sind insgesamt 18 spezifischere Unterkapitel zugeordnet, welche unabhängig voneinander rezipiert werden können. Die Kapitel selbst sind zweispaltig verfasst und mit unterschiedlichen didaktischen Hilfsmitteln versehen. So weisen alle Kapitel einzelne Kästchen mit Exkursen zu weitergehenden Themen, Querverweise zu im Glossar erläuterten Fachbegriffen, Übersichten, Beispiele und Tabellen, Grafiken, etc. auf. Jedes Kapitel beginnt außerdem mit einem Trailer, der den Einstieg in das Kapitel erleichtern soll. Ein zusammenfassendes Fazit beschließt jedes Kapitel.

Teil I: Lernen

Das erste Kapitel, verfasst von Alexander Renkl setzt sich mit der Thematik des Wissenserwerbs aus einer kognitiven Perspektive heraus auseinander. Einführend definiert der Autor die wichtigsten Wissensarten wie Deklaratives und Prozedurales Wissen und fächert dieses Begriffe unter Hinzunahme des Metakognitiven Wissens weiter auf. Dabei stellt er klar, dass nicht nur die Quantität des aufgenommenen Wissens eine wichtige Rolle spielt, sondern auch dessen Qualität und der Grad der Vernetzung untereinander, im Sinne eines Schemas. In einem nächsten Abschnitt legt Renkl unterschiedliche theoretische Perspektiven des Wissenserwerbs ausführlich dar, welche sich je nach Aktivität und Fokus des Lernenden unterscheiden lassen. Unter anderem weist er in dieser Übersicht auf wesentliche Prozesse wie Organisieren, Elaborieren oder metakognitives Planen hin, die gerade als Lernstrategien praktische Relevanz aufweisen. Des Weiteren werden verschiedene solitäre Lernformen, wie Lernen aus Texten, Modelllernen, oder Wissenserwerb durch das Bearbeiten von Aufgaben, wie auch das Lernen im Rahmen einer Gruppenarbeit vorgestellt. Das Kapitel endet mit einer Zusammenfassung und dem Fazit, dass jegliche Prozesse des Wissenserwerbs nicht zwingend von jedem Lerner gezeigt werden.

Hans Gruber und Elena Stamouli knüpfen daran mit dem zweiten Kapitel über Intelligenz und Vorwissen an. In Anbetracht der nicht nur aus entsprechend vorgebildeten Psychologen bestehenden Leserschaft skizzieren die Verfasser die Grundlagen zur Intelligenzforschung von den traditionell eher globalen Intelligenzmodellen bis hin zu eher hierarchisch organisierten Herangehensweisen und beziehen auch neuere Theoriestränge wie die Forschung zur Emotionalen Intelligenz mit ein. Außerdem liefern Gruber und Stamouli Grundlagen der Wissenspsychologie und definieren damit zusammenhängende Faktoren wie das Vorwissen, oder die Prozeduralisierung von Wissen, unter Berücksichtigung der ACT*-Theorie, welche Lernen auf drei unterschiedlichen Stufen ansiedelt. Darauf aufbauend beschäftigen sich die Autoren mit dem praktisch notwendigen Zusammenspiel von Intelligenz und Wissen, da beide ohne dessen Komplementär unwirksam sind. Dies geschieht durch die praktische Veranschaulichung anhand der Modelle von Ackerman und Sternberg. Das Kapitel schließt mit Hinweisen auf die Messung von Intelligenz und Wissen sowie einer kritischen Auseinandersetzung über die Flexibilität des erlangten Wissens im Studium und dem damit verbundenen Einfluss von Überzeugungen der das Wissen vermittelnden Dozenten.

Das dritte Kapitel zum Thema Selbstregulation beschließt den ersten Themenkomplex. Die Autoren Meike Landmann, Franziska Perels, Barbara Otto und Bernhard Schmitz geben zu Beginn eine Begriffsbestimmung und definieren unterschiedliche Komponenten des Selbstregulierten Lernens. In einem zweiten Abschnitt stellen sie verschiedene klassische Modelle zur Selbstregulation vor, die sich in Prozessorientierte und Schichtenmodelle unterscheiden lassen. In einem zweiten Abschnitt werden unterschiedliche diagnostische Methoden vorgestellt, so klassische Selbstberichtverfahren, aber auch neuere Ansätze wie Lerntagebücher und Interviews werden vorgestellt und mit Exkursen versehen. Des Weiteren stellen die Verfasser des Kapitels Fördermaßnahmen vor und geben Hinweise zur effektiven Gestaltung von Trainingsprogrammen, bevor diese exemplarisch näher beleuchtet werden. Im abschließenden Ausblick wird noch darauf hingewiesen, dass das Alter des Lernenden eine große Rolle hinsichtlich dessen Selbstregulationskompetenzen spielt und auch bei entsprechenden Trainingsmaßnahmen Beachtung finden sollte.

Teil II: Lehren

Kapitel vier, verfasst von Frank Lipowsky setzt sich mit dem zentralen Thema Unterricht auseinander. Der Einstieg geschieht über eine funktionale Definition, bei der Unterricht als langfristig organisierte Abfolge von Lehr- und Lernsituationen verstanden wird, der durch geschultes Personal letztlich dem Erwerb von Fertigkeiten auf Seiten der Lernenden dient. Danach stellt Lipowsky verschiedene didaktische Theorien des Unterrichtens dar, so die kognitionspsychologische Herangehensweise von Aebli, Instructional-Design-Modelle, welche den Lernprozess stärker fokussieren, oder auch Angebots-Nutzen-Modelle, bei dem Schulerfolg aus unterschiedlichen Komponenten, bspw. emotionale und volitionale Voraussetzungen des Lernenden, oder der Klassenzusammensetzung resultiert. In einem zweiten Abschnitt geht es um die Merkmale eines erfolgreichen Unterrichts, die u.a. in der Strukturiertheit, inhaltlicher Klarheit, dem Geben von Feedback sowie durch kooperative Lernformen, aber auch durch Einbezug von Übungen und dem Setzen klarer Grenzen gesehen wird.

Der aktuellen Entwicklung Rechnung tragend, stellt das fünfte Kapitel den Einsatz von Medien vor. Holger Horz gibt einen umfassenden Überblick über das Themengebiet, beginnend mit historischen Entwicklungen und einer Darstellung relevanter und einsetzbarer Medien, wie bspw. Texte und Hypertexte, die eine netzwerkartige Aufbereitung und Verknüpfung verschiedener Textinhalte erlauben. Im mittleren Teil des Buches diskutiert der Verfasser den Einsatz von Medien in unterschiedlichen Bildungskontexten, wie Schule, Hochschule oder in der beruflichen Fortbildung. Hier weist er auf Lernformen wie „blended learning“, oder digitalisierte Präsenzlehre hin. Den Abschluss bildet ein Überblick über den Einsatz und Konsum von Medien in außerschulischen Kontexten. Horz beachtet dabei so unterschiedliche Gesichtspunkte, wie den Stimmungsgeleiteten Konsum von Musik, oder die Auswirkungen intensiven Fernsehkonsums unter Berücksichtigung gewalthaltiger Medieninhalte.

Tina Seidel stellt im folgenden Kapitel das Thema Klassenführung näher vor und beginnt ihren Aufsatz mit einer Begriffsklärung sowie der Darstellung der Thematik als aktueller und zentraler Forschungsgegenstand der Pädagogischen Psychologie. Nach einem Abriss der klassischen Technik der Klassenführung nach Kounin, welche Aspekte wie Disziplinierungsmaßnahmen und Gruppenmobilisierung beinhaltet, beleuchtet die Autorin Facetten wie den Umgang mit Störungen, oder die Klassenführung als ein Aspekt des Managements von Lernzeit. Das Kapitel endet mit einer prozessorientierten Perspektive auf die Klassenführung als Lernbegleitung der Schüler.

Teil III: Motivieren

Der dritte Hauptteil des Lehrbuches setzt sich mit zentralen Themen der Persönlichkeit des Lernenden auseinander.

Motivation ist das Thema des Beitrags von Ulrich Schiefele. Nach einer definitorischen Klärung beginnt er das Kapitel mit klassischen Theorien zur Motivation, wie der Erwartungs-Wert-Theorien nach Heckhausen oder Weiner, stellt wichtige Ansätze der extrinsischen und intrinsischen Motivation – hier wäre die Theorie nach Deci & Ryan zu nennen – vor und gibt eine Zusammenschau von relevanten überdauernden Persönlichkeitsmerkmalen wie Leistungsmotivation, Zielorientierung (goal orientation) und Interesse, welche er im Folgenden in Beziehung zu Lernen und Leistung setzt. Schiefele greift auch hier relevante psychologische Konstrukte wie das Flow-Erleben auf und arbeitet diese in den Text ein. Den Abschluss des Kapitels bilden Empfehlungen zu Fördermaßnahmen.

Dem Selbstkonzept, als ein Vorhandensein von Vorstellungen, Einschätzungen und Bewertungen der eigenen Person widmet sich der nächste Beitrag von Jens Möller und Ulrich Trautwein. Hier geht es insbesondere um das bereichsspezifische schulische Selbstkonzept, welches seine theoretischen Wurzeln in der Differenzierung zwischen I-Self und Me-Self nach William James hat und sich über den Symbolischen Interaktionismus bis hin zur heutigen sozialpsychologisch ausgerichteten Selbstkonzeptforschung entwickelt hat. Die Verfasser des Beitrages referieren über die Struktur und die Stabilität des Selbstkonzeptes und stellen dazu unterschiedliche Modellannahmen vor sowie Möglichkeiten der Erfassung. Außerdem berücksichtigen sie unterschiedliche Einflussfaktoren auf das Selbstkonzept, wie Attributions-, Bezugsgruppen- oder Geschlechtereffekte und diskutieren die Wirkung des Selbstkonzeptes auf Leistung. Den Abschluss bilden mögliche Interventionsmaßnahmen, bspw. zur realistischen Anspruchsetzung.

Emotionen haben einen großen Einfluss auf das Lernen und die Leistung, so dass diesen ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Anja Frenzel, Thomas Götz und Reinhard Pekrun übernehmen zu Beginn ihrer Übersicht die wichtige Aufgabe, Emotionen näher zu definieren und von ähnlichen Begrifflichkeiten wie Stimmungen, oder Wohlbefinden abzugrenzen. Weiters geben sie einen Überblick über dimensionale und kategoriale Ansätze der Emotionsforschung und beschreiben die wesentlichen Basisemotionen, basierend auf dem Modell von Ortony & Turner. Der Diagnostik widmen sich die Autoren in einem kurzen Abschnitt und stellen gebräuchliche Verfahren, wie die PANAS oder das FACS vor. Im Hauptteil beschäftigen sich die Verfasser mit den Leistungsemotionen, also jenen Emotionen, die in direkter positiver oder negativer Verbindung mit Aktivität und Ergebnis im Leistungskontext stehen. Hier werden unterschiedliche Aspekte, wie Entwicklungsverlauf und Ursachen von Emotionen, oder deren Wirkung betrachtet. Das Kapitel endet mit einer Empfehlung zur Gestaltung eines emotionsgünstigen Unterrichts, unter besonderer Berücksichtigung von Prüfungsangst.

Teil IV: Interagieren

Das vierte Hauptkapitel thematisiert das Interagieren zwischen einzelnen Subsystemen im Kontext der Pädagogischen Psychologie.

Elke Wild und Fiona Lorenz beginnen dabei mit der Familie. Einführend betrachten sie das System Familie in seinem Kontext und beziehen dabei Erkenntnisse über sozial abweichendes Verhalten ein, welche durch Interaktionen auf der Mikro- oder Makroebene der Familie entstehen können. In einem zweiten Abschnitt geht es um den Wandel der Erziehung hin zu mehr Selbständigkeit und Autonomie und es werden damit einhergehende Erziehungsstile vorgestellt, auf deren Grundlage das „beste“ Erziehungsverhalten postuliert wird. Die Familie als Lernumgebung und Förderer des Lernens eines Kindes ist ebenfalls Bestandteil des Kapitels, wie Bedrohungen des Systems durch Krisen und Krankheiten.

Einen weiteren wichtigen Stellenwert hat der Lehrer inne, dem sich Mareike Kunter und Britta Pohlmann im elften Kapitel widmen. Als Einstieg stellen sie die Merkmale des Lehrerberufs im Spannungsfeld zwischen Anforderungen und Erwartungen vor und charakterisieren den Typus eines „guten Lehrers“. Dies geschieht im Folgenden unter der Berücksichtigung kognitiver, motivationaler und emotionaler Merkmale. In den unterschiedlichen Absätzen geht es dabei um teilweise bereits bekannte Konstrukte wie Motive und Motivation, Enthusiasmus, Zielorientierungen, aber auch um Belastungen und Ressourcenbezogene Strategien zur Vermeidung von Beanspruchungs- und Belastungssymptome. Das Kapitel schließt mit der praktischen Veränderung von Lehrermerkmalen anhand von entwickelten Trainingsmodellen.

Kapitel 12 befasst sich mit den Gleichaltrigen, den „peers“ als wesentlicher Einflussfaktor auf den Lernenden. Ursula Kessels und Bettina Hannover stellen die Bedeutung und Funktion der Gleichaltrigengruppe heraus und beginnen ihre Übersicht mit den wichtigen Themen Beliebtheit und Freundschaft, nicht nur im Rahmen der Klassengemeinschaft. Diese Beschreibung dient als Grundlage für den nächsten Abschnitt, in dem Kessels und Hannover Beliebtheit weiter auffächern und in Beziehung zur Akzeptanz durch Andere und den eigenen Schulleistungen setzen, da sozial akzeptierte Kinder bessere Schulleistungen zeigen. Außerdem werden die Beziehungen zwischen Gleichaltrigengruppen näher beleuchtet, da sie u.a. die soziale Identität fördern und zum sog. „Ingroup-vs-Outgroup-Phänomen“ führen können. Besondere Berücksichtigung erfährt der Aspekt der Gruppenhomophilie (im Sinne von „gleich und gleich gesellt sich gern“), aufgefächert nach Geschlecht, ethnischer und kultureller Zugehörigkeit. Das Kapitel endet mit einer kurzen Diskussion kooperativer Lernformen, welche Gruppenkohäsion fördern sollen und abschließend wird abweichendes Gruppenverhalten wie Bullying als kollektives Geschehen vorgestellt.

Teil V: Diagnostizieren und Evaluieren

Kapitel dreizehn thematisiert die Pädagogisch-Psychologische Diagnostik und läutet den vorletzten Hauptteil des Lehrbuchs ein. Oliver Wilhelm und Olga Kunina beginnen ihren Aufsatz mit einer Definition der Diagnostik unter besonderer Berücksichtigung des pädagogisch-Psychologischen Bedarfs und stellen unterschiedliche Ansätze dar, je nach Erkenntnisinteresse. Beispielsweise seien Prozess- vs. Statusdiagnostik genannt, die einen quer-oder längsschnittlichen Hintergrund haben. In einem nächsten Teil stellen die Autoren unterschiedliche Anwendungsgebiete, wie Einschulung, Diagnostik von Teilleistungsstörungen, Hochschulzugang oder die berufliche Weiterbildung vor und liefern wertvolle Hinweise zur Beurteilung diagnostischer Verfahren im Hinblick auf deren Gütekriterien wie Reliabilität, Validität und Objektivität. Eine kurze Einführung in testtheoretische Ansätze ist ebenso vorhanden, wie eine Darstellung diagnostischer Daten - seien es Lebensdaten, Zensuren oder durch Selbstberichte gewonnene Einsichten. Abschließend stellen Wilhelm und Kunina beispielhaft Aufgaben eines Intelligenztestverfahrens (IST 2000 R nach Amthauer) vor.

Daran anschließend gibt Olaf Köller im folgenden Kapitel einen Abriss der Evaluation pädagogisch-psychologischer Maßnahmen. Nach einer Einleitung, in der unterschiedliche Arten von Evaluation skizziert werden, beschreibt Köller acht Schritte einer wissenschaftlichen Evaluation, vom Entstehungszusammenhang über den Begründungs-, bis hin zum Verwertungszusammenhang. Dabei thematisiert er Aspekte, wie die theoretische und konzeptuelle Fundierung, oder die Hypothesengewinnung. In einem nächsten Teilabschnitt betrachtet der Autor die Überprüfung der Wirksamkeit von Interventionen unter Zuhilfenahme statistischer Methoden und erläutert diese näher sowie er auf methodische Probleme bei Evaluationen eingeht. Beispielhaft stellt Köller seiner Übersicht eine wissenschaftlich saubere Evaluation ans Ende.

Barbara Drechsel, Manfred Prenzel und Tina Seidel befassen sich in Kapitel 15 mit Nationalen und internationalen Schulleistungsstudien und berücksichtigen damit einen ebenfalls aktuellen Aspekt der Pädagogischen Psychologie. Der Kern des Kapitels ist in der Klassifikation verschiedener Vergleichsstudien und der Darstellung von drei beispielhaften Studien – PISA sei genannt – zu sehen. Die Verfasser weisen auf Fragen des Designs und der Stichprobenauswahl hin, beziehen deren theoretische Konzepte mit ein und berücksichtigen testtheoretische Fragen wie Itementwicklung, Itemanalysen und Skalenentwicklung. Weiterhin befassen sie sich mit den Ergebnissen der genannten Schulleistungsstudien und führen Beispiele zur Verdeutlichung auf. Das Kapitel endet mit Hinweisen zu Ergänzungen und Vernetzungen von Vergleichsstudien und es wird ein Ausblick auf die Zukunft gegeben - hin zu Untersuchungen von Erwachsenen oder den Arbeitsbedingungen von Lehrkräften.

Teil VI: Intervenieren

Der letzte Teil des Buches beschäftigt sich mit den Fragen der Intervention.

Frühförderung ist das heiß diskutierte Thema der Arbeit von Judith Gerber. Nach einer einleitenden Begriffsbestimmung und der Definition von Frühförderung in Zusammenhang mit der Prävention von Behinderung, stellt die Autorin einzelne Phasen der Frühförderung in Anlehnung an die beiden Klassifikationssysteme IDC-10 und DSM-IV vor. Nach einer generellen Zusammenschau der Ziele und Prinzipien von Frühförderung geht Gerber näher auf einzelne Aspekte ein. So beschäftigt sie sich mit Frühförderung bei körperlichen Behinderungen - insbesondere mit Körperbehinderungen, Seh- und Hörschädigungen, bei kognitiven Beeinträchtigungen, Verhaltensstörungen und psychosozialen Risiken. Die Verfasserin stellt außerdem jeweils dazu entwickelte Maßnahmen, wie Bobath-Therapie, Elterntrainings, oder das „Head Start“-Programm näher vor.

Diesen Aspekt vertiefen Stefan Fries und Elmar Souvignier im siebzehnten Kapitel zum Thema Training. Auch sie geben einen einleitenden Überblick über Begrifflichkeit und Klassifikationsmöglichkeiten und widmen sich im Folgenden unterschiedlichen Trainingsarten zu kognitiven Grundfunktionen, Verbesserung der Motivation, Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen sowie dem Training des Lesens und Schreibens. Die einzelnen Aspekte werden durch die übersichtliche Darstellung vorhandener Trainings und deren beispielhafte Erläuterung vertieft. Im Hinblick auf die praktische Relevanz solcher Trainingsmaßnahmen schließen die Autoren mit einer Diskussion über die Implementierung der Trainings und stellen ein Drei-Stufen-Modell zur erfolgreichen Implementation vor.

Das letzte Kapitel zum Thema Pädagogisch-Psychologische Beratung wurde von Birgit Pikowsky und Elke Wild verfasst. Pädagogisch-Psychologische Beratung hat zur Aufgabe, einzelne „Personen oder Gruppen aus dem erzieherischen Feld in die Lage zu versetzen, ihr Problem zu lösen um Entwicklungsprozesse zu optimieren.“ (S. 431) Die Verfasser legen dar, aus welchen Gründen eine Beratung in Anspruch genommen werden kann und legen den steigenden Bedarf näher dar. Da Beratung als Unterstützungsangebot bezeichnet werden kann, stellen Pikowsky und Wild grundlegende Prinzipien für eine erfolgreiche Inanspruchnahme von Beratung dar und beschreiben praxisrelevante Verfahren und Vorgehensweisen in Abhängigkeit der zu beratenden Partei, seien es Einzelne, Gruppen oder Institutionen mit jeweils unterschiedlichen Fragestellungen. Den Abschluss bildet eine Skizzierung wichtiger Aspekte der Qualifikation und Qualitätssicherung zur Gewährleistung und Überprüfung kompetenter und lösungsorientierter Beratung.

Das Lehrbuch „Pädagogische Psychologie“ endet mit einem umfassenden Glossar, den einzelnen Kapiteln zuordenbaren Verständnisfragen sowie einem Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Ein neu konzipiertes und in erster Auflage erschienenes Lehrbuch zur Pädagogischen Psychologie wird es nicht leicht auf dem Markt haben, muss es sich doch gegen etablierte, teilweise über lange Jahre hinweg entwickelte, ausgearbeitete und überarbeitete Standardwerke durchsetzen. Dies kann ein Buch nur dann leisten, wenn es etwas Neues beinhaltet, wenn es einen anderen Blickwinkel aufweist, oder wenn es einfach gut ist. Das vorliegende Buch kann einige dieser Aspekte für sich beanspruchen und ist somit als Ergänzung zum bisherigen Angebot sinnvoll.

Zum Einen besticht es durch das Autorenteam, welches auf wohltuende Weise aus „alten Hasen“ und jungen Autoren und Wissenschaftlern besteht. Aus diesem Grund wartet das Lehrbuch nicht nur mit tradierten Erkenntnissen auf, sondern beinhaltet neue Impulse und Herangehensweisen, die beim Lesen einzelner Kapitel spürbar werden. Je nach Erkenntnisinteresse kann das Gebiet der Pädagogischen Psychologie vergleichsweise trocken sein, erst recht, wenn man sich damit „zwangsweise“ beschäftigen muss. Dem wirken die Herausgeber und Autoren entgegen.
Einen weiteren, bei anderen Büchern häufig zu findenden Vorwurf muss sich dieses Buch nicht gefallen lassen - die mangelnde Berücksichtigung praktischer Impulse und Implikationen. Auch wenn die Verfasser aus der akademisch-wissenschaftlichen Psychologie stammen und allesamt an Forschungseinrichtungen tätig sind, sorgt nahezu jeder Autor für ein praktisches Verständnis in seinem ihm anvertrauten Gebiet und erhöht damit das Verständnis der Theorie, aber auch den Erkenntnisgewinn beim reinen Lernen.

In diesem Zusammenhang lässt sich positiv hervorheben, dass sich das didaktische Konzept und die damit verbundene Aufbereitung des Buches bezahlt machen. So sorgen die eingangs aufgeführten Beispiele für einen verständlichen Einstieg in das jeweilige Kapitel und weitere Elemente, wie Beispiele oder Exkurse fördern den Lesefluss und das anwendungsbezogene Lernen und Studieren. Positiv fallen diesbezüglich auch die vielen Abbildungen – oft auch als Mindmaps – auf, die Überblick und Orientierung erleichtern. Das zweispaltige Layout sowie die zweifarbige Gestaltung fügen sich ebenso positiv in den optischen Gesamteindruck ein.

Negativ lässt sich vielleicht anmerken, dass die Güte der einzelnen Kapitel schwankt – wie es in einem Mehrautorenwerk fast üblich ist. Dies bezieht sich zum Einen auf den ausgewählten und transportierten Inhalt, der je nach Erkenntnisinteresse des Autors auch hätte anders gewählt werden können und auf die Lesbarkeit einzelner Beiträge. So bemerkt man mitunter Schwankungen bezüglich des Schweregrades und des Textverständnisses. Unter Berücksichtigung des ansonsten (subjektiv empfundenen) hoch anzusiedelnden Schwierigkeitsgrades von Büchern des Springer Verlags liest sich dieses Werk jedoch insgesamt sehr flüssig und gut verständlich, so dass es zur Prüfungsvorbereitung und zum begleitenden Lernen gut eingesetzt werden kann.

Ein weiterer Kritikpunkt lässt sich dahingehend formulieren, dass vertiefende Aspekte, bspw. im Hochschulkontext oft nur am Rande angesprochen werden und sich das Lehrbuch hauptsächlich auf den Kontext Schule bezieht. Auch treten traditionell pädagogische Gebiete, wie Erziehung oder Erwachsenenbildung in den Hintergrund. Dennoch blicken die Herausgeber über den Tellerrand des Subsystems Schule und beziehen Familie und Peergroup mit ein, oder Betrachten einzelne Aspekte des universitären Unterrichts.

Weiterhin positiv anzumerken ist der konsequente Einbezug von Querverweisen, die Hypertexten ähnlich das vertiefte und vernetzte Lernen erleichtern und überhaupt erst möglich machen. So können einzelne Kapitel interessensgeleitet angelesen werden und an entsprechenden Stellen der Sprung in andere Themengebiete vollzogen werden.

Dem Lehrbuch ist darüber hinaus eine Website zugeordnet worden, unter der man vertiefende Informationen zu den Autoren abrufen, im Glossar blättern, oder im Lerncenter weiter studieren kann. Für Dozenten ist der Abruf von Lehrmaterialien, wie sämtlicher Abbildungen möglich.

Fazit

Das Lehrbuch Pädagogische Psychologie bietet einen umfassenden und aktuellen Überblick über das Themengebiet der Pädagogischen Psychologie. Unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte – Lernen, Lehren, Motivieren, Interagieren, Diagnostizieren und Intervenieren – erhält der Leser eine fundierte und verständliche Einführung in das Fach. Aufgrund der guten Didaktik, der hohen Praxisrelevanz und der guten Verständlichkeit ist das Buch nicht nur Psychologen und Psychologiestudenten vorbehalten, sondern sei auch allen anderen Interessierten empfohlen.


Rezension von
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Psychologischer Psychotherapeut (VT);Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
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Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 19.03.2010 zu: Elke Wild, Jens Möller (Hrsg.): Pädagogische Psychologie Medienkombination. Springer (Berlin) 2009. ISBN 978-3-540-88572-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8702.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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