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Rainer Zech, Claudia Dehn u.a.: Organisationen in der Weiterbildung

Cover Rainer Zech, Claudia Dehn, Katia Tödt, Stefan Rädiker, Martin Mrugalla, Jürgen Schunter: Organisationen in der Weiterbildung. Selbstbeschreibungen und Fremdbeschreibungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 270 Seiten. ISBN 978-3-531-17038-1. 29,90 EUR.
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Thema

Autorinnen und Autoren

Die AutorInnen sind aus der Forschungsgruppe des ArtSet-Instituts aus Hannover um Rainer Zech. Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Qualität von Weiterbildungsorganisationen.

Entstehungshintergrund

Das Buch von Zech u.a. stellt den Gesamtansatz der Forschungsgruppe theoretisch und methodisch dar und präsentiert die Ergebnisse des zweijährigen Projektes. Es skizziert die systemtheoretischen Leitplanken der Organisationstheorie als regelgeleitete, operativ geschlossene Entscheidungssysteme.

Thema

Thema ist das Zusammenspiel von Selbst- und Fremdbeschreibungen von Organisationen in der Weiterbildung. Zech weist bereits im Vorwort darauf hin, dass die durch seine Forschungsgruppe analysierten Weiterbildungsorganisationen nicht so sind, wie sie in diesem Buch beschrieben werden. Was mich zunächst irritierte, stellte sich bald als systemtheoretisches Forschungsparadigma heraus, das auf dem Diktum beruht, dass Gegenstände erst durch den Unterscheidungsgebrauch ihrer Beobachtung als Konstruktion des Beobachters erscheinen.

Bei der hier beschriebenen Organisationsforschung geht es um Muster der Selbstpräsentation, die sich gewissermaßen subkutan in den Selbstbeschreibungen der Organisationen durchsetzen. Organisationale Identität konstituiert sich – Luhmann zufolge – durch Selbstbeschreibung. Texte sind das Gedächtnis sozialer Systeme; in der Selbstbeschreibung konstituiert sich das System als Einheit aller seiner Operationen. Die Funktion von Selbstbeschreibungen liegt darin, die laufend anfallenden Selbstreferenzen zu bündeln und zu zentrieren, um deutlich zu machen, um welches »Selbst« es bei der Identität der Organisation geht. (S.25)

Interessant ist die methodische Herangehensweise an die Organisationsforschung. Sie beruht, kurz gesagt, auf der Schichtung von Beobachtungsverhältnissen. Die Forschung konnte auf ein großes Sample von umfangreichen Selbstbeschreibungen von Weiterbildungsorganisationen zurückgreifen, aus dem gemäß eines institutionellen Clusters fünf Selbstbeschreibungen in der wissenschaftlichen Analyse dekonstruiert und in einer darauf aufbauenden Fremdbeschreibung rekonstruiert wurden. Die Weiterbildungsorganisationen hatten mit ihren Kategorien der Praxis sich selbst und ihre Umwelt bzw. sich selbst in ihrer Umwelt beobachtet und darüber Selbstbeschreibungen angefertigt. Die Forschungsgruppe hat diese Texte danach mit ihrem wissenschaftlichen Unterscheidungsgebrauch einer Beobachtung zweiter Ordnung unterzogen, um auf dieser Basis eine Wiederbeschreibung der Selbstbeschreibung anzufertigen. Im Sinne Luhmanns wurde also die Praxis von der Wissenschaft aus einer „inkongruenten Perspektive“ beobachtet, wodurch es gelang, das beobachtete System „mit einer für es selbst nicht möglichen Komplexität“ zu überziehen, die auch Perspektiven und Einblicke ermöglicht, die für die Praxis so nicht möglich sind.

Damit erklärte sich die zunächst verwirrende Einschränkung des »Wahrheitsgehaltes« der Forschung. Organisationen erscheinen eben unterschiedlichen Beobachtern unterschiedlich.

Die Selbstbeschreibungen präsentieren sich in dieser Perspektive als Denk- und Praxisformen der Weiterbildungsorganisationen, und es wird unterstellt, dass diese auch ihr Alltaghandeln strukturieren. Damit kann noch das Habituskonzept von Bourdieu in den Forschungsansatz eingebaut werden. In der Analyse dieser Texte gelingt es den Forschenden dann, fünf so genannte habituelle Organisationstypen herauszudestillieren, die als familiärer, dienender, narzisstischer, funktionaler und souveräner Typ zusammengefasst werden. Hier ist allerdings Achtung geboten, denn es handelt sich nicht – wie man vielleicht schnell vermuten könnte – um Idealtypen Weberscher Provenienz. Vielmehr geht es der Forschungsgruppe darum, das Typische der analysierten Einzelfälle auf den Begriff zu bringen; es handelt sich also um so genannte Singularitätstypen.

Aufbau und Inhalt

Nachdem die theoretische Perspektive und der Forschungszugang im ersten Hauptkapitel von Zech ausführlich dargestellt wird, widmen sich die anderen AutorInnen inhaltlichen Bereichsstudien.

Claudia Dehn beschreibt, wie die Weiterbildungsorganisationen der fünf Organisationstypen ihre Kundenkommunikation beschreiben. Katia Tödt stellt dar, wie sie ihre Lehr-Lern-Prozesse konstruieren. Stefan Rädiker widmet sich der Art der Beschreibung der Evaluation der Bildungsprozesse. Martin Mrugalla rekonstruiert die Selbstbeschreibungen der organisationalen Steuerung. Jürgen Schunter präsentiert die Beschreibungen des Personals.

Das abschließende Kapitel von Rainer Zech fasst zusammen, was diese Forschung für eine Theorie der Weiterbildungsorganisation gebracht hat. Er spricht hier in Anlehnung an Baecker ausdrücklich von „Grundlinien einer allgemeinen Theorie der Form der Weiterbildungsorganisation“, um nachträgliche Ontologisierungen der Wirklichkeit durch die Wissenschaft zu vermeiden. Nachdem zunächst – unter Rückgriff auf die Bereichsstudien – die fünf Organisationstypen ausführlich präsentiert werden, wird auf einer höheren Abstraktionsebene danach gesucht, was die fünf Typen gemeinsam haben, was also der Vergleich für eine allgemeine Theorie der Weiterbildungsorganisation erbracht hat und heuristisch weiterhin bringen kann. Es geht u.a. darum, wie die Organisationen das sie konstituierende Verhältnis von pädagogischer Interaktion des Unterrichts auf der einen Seite und den Systembedingungen von Organisation auf der anderen Seite konstruieren. Hier findet sich z.B. bei der familiären Organisation eine Pädagogisierung der Organisation und umgekehrt bei der funktionalen Organisation eine Technologisierung der Pädagogik. Andere Ergebnisse beziehen sich auf die Frage, was Weiterbildungsorganisationen als Wissens- bzw. Expertenorganisationen auszeichnet oder wie diese Organisationen gemanagt und gesteuert werden können.

Diskussion

Innovativ ist vor allem die von den AutorInnen entwickelte forschungsmethodische Vorgehensweise, die ausführlich beschrieben wird (S.25-35). Durch die Wiederbeschreibung von Selbstbeschreibungen wird hier also eine Theorie der Weiterbildungsorganisation entwickelt. Hier gelingt ein theoretischer Brückenschlag, der auf systemtheoretischer Grundlage des operativen Konstruktivismus u.a. die Diskursanalyse von Foucault integriert. Die Selbstbeschreibungen werden also als semantische Diskurse behandelt, die zwar keine notwendige Sicht der Dinge wiedergeben, dafür aber einen bestimmten Sinn artikulieren, der den Beteiligten als wahr gilt und dadurch bestimmte Folgen zeitigt. Sehr interessant sind auch die Schlussfolgerungen in Bezug auf unterschiedliche Organisationstypen.

Fazit

Das Buch ist zunächst für systemtheoretische OrganisationsforscherInnen interessant – schon wegen des ungewöhnlichen empirischen Vorgehens. Aber auch für systemische BeraterInnen bietet es viele Anregungen, geht es doch darum, die Selbstbeschreibungen von Kundenorganisationen mit Fremdbeschreibungen aus der Beraterperspektive zu konfrontieren, um eine angemessene Verstörung zu initiieren. Das ist dem Buch gelungen; möglicherweise können sogar die Praktiker der Weiterbildungsorganisationen etwas über sich selbst lernen, wenn sie bereit sind, sich auf diese fremde Perspektive einzulassen.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 20.10.2011 zu: Rainer Zech, Claudia Dehn, Katia Tödt, Stefan Rädiker, Martin Mrugalla, Jürgen Schunter: Organisationen in der Weiterbildung. Selbstbeschreibungen und Fremdbeschreibungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17038-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8705.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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