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Heike Delitz: Architektursoziologie

Cover Heike Delitz: Architektursoziologie. transcript (Bielefeld) 2009. 144 Seiten. ISBN 978-3-8376-1031-4. 11,50 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Einsichten.
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Autorin

Heike Delitz (Dipl.Ing., Dr. phil.) lehrt Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Architektursoziologie, soziologische Theorie sowie französische Lebensphilosophie und Soziologie

Entstehungshintergrund

Parallel zur Wiederentdeckung des Raumes als soziale Kategorie hat sich jüngst die Architektursoziologie als neuere soziologische Disziplin entwickelt, die zusehends den Weg in die Curricula der Bachelor- und Master-Studiengänge der Soziologie und auch der Architektur findet. Mit diesem Band steht nun eine kompakte Einführung in dieses neue Lehr- und Forschungsgebiet zur Verfügung.

Aufbau

  1. Das Werk gliedert sich in sechs Kapitel:
  2. Einleitung: Konkurrenz & Ignoranz von Architektur und Soziologie
  3. Zur Geschichte der Architektursoziologie avant la lettre
  4. Neuere Ansätze der Architektursoziologie
  5. Herausforderungen der soziologischen Theorie
  6. Fallstudien zur Architektur als Medium des Sozialen
  7. Folgen für Architektur und Soziologie

Inhalt

Stellvertretend für den gesamten Inhalt werden hier etwas ausführlicher das erste Kapitel beleuchtet, und sodann ein kürzerer Blick in das zweite und sechste Kapitel geworfen.

Im ersten Kapitel rollt die Autorin das spezielle Verhältnis zwischen Architektur und Soziologie auf und verweist auf den interessanten Umstand, dass die Soziologie zu einer Zeit entstanden ist, als die Architektur sich anfangs des 20. Jahrhunderts aufmachte, die Gesellschaft mit neuen technischen Möglichkeiten und vollständigen neuartigen Bauweisen zu „ordnen“. Dies mit der Folge, dass nahezu alle der neuen Architekturen sowohl heftige Anti-Effekte erregen als auch begeisterte Mitstreiter finden. Zur selben Zeit geht es der Soziologie darum, die moderne Gesellschaft theoretisch und praktisch zu verstehen. Indem sie auf ihre Weise die Gesellschaft ordnen will, tritt nun aber die moderne Architektur in direkte Konkurrenz zur Soziologie. Die Soziologie andererseits hat kein rechtes Verhältnis zu den Artefakten gefunden. Sie entfaltet vielmehr eine antiästhetische und antitechnische Haltung. Selbst die Stadtsoziologie hat weder theoretisch noch empirisch kein systematisches Interesse für die Architektur etabliert. Sie hat z.B. keine Methoden entfaltet, die der Architektur als nichtsprachliches Medium in ihrem Körperbezug, als Artefakt adäquat sind. Vielmehr ist ihr Gegenstand das Soziale in der Stadt.

Die Autorin plädiert nun dafür, dass die Architektursoziologie die Expressivität der Architektur einbeziehen muss: ihre symbolische Eigenlogik und ihrer Affektivität. Eine soziologische Theorie der Architektur auch des Symbolischen und der Kreativität wäre am ehesten in der Kultursoziologie zu suchen gewesen. Erst aktuell entdeckt aber die Soziologie das kreative Subjekt, die kreative Stadt und überhaupt Kreativität. Es bedarf für die Architektursoziologie offenbar nichts weniger als eine Neujustierung der allgemeinen Soziologie: eine Neujustierung der Grundbegriffe des Sozialen. Für eine soziologische Beobachtung ist das „Gebaute“ der Gegenstand. Angesichts der Brisanz der Architektur, ihrer Bedeutung für das menschliche Leben ist die Architektursoziologie – so die Autorin - eine grundlegende soziologische Theorie- und Forschungsrichtung.

Im zweiten Kapitel präsentiert die Autorin die Ergebnisse einer eigentlichen Recherche nach der Geschichte der Architektursoziologie, denn nach dieser müsse man «graben wie nach Trüffeln» (S. 24). Diese im deutschen, angelsächsischen und französischen Sprachraum angelegte Suche verlief durchaus ertragreich, finden sich doch als «Architektursoziologen» Namen von Simmel bis Elias, Goffmann bis Sennett, Durkheim bis Bourdieu. Die Autorin beschreibt hier die «Architektursoziologie in der Architektur» im Sinne der gesellschaftsrelevanten Theoriebildung aus der Architektur hinaus.

Kapitel 6 ist den Folgerungen für die Architektursoziologie gewidmet. Die Autorin vertritt hier die Meinung, dass die Soziologie eine analytische Distanz zur Architektur braucht und sich insbesondere ästhetischer Urteile enthalten muss. Hingegen kann sich die Architektursoziologie fruchtbringend in die Reflexion der Disziplin einbringen. Ausserdem kann sie sichtbar machen, welche Kommunikation die Gebäude selbst vollziehen und schliesslich kann sie bei der Frage behilflich sein, welche Nutzungen eine Architektur ermöglicht.

Diskussion

In dichter Form breitet die Autorin eine Palette verschiedener Zugänge zu einer Fachrichtung aus, die bisher erstaunlich wenig thematisiert, geschweige denn ausführlich beschrieben wurde. Dies in einer Sprache, die sowohl für Angehörige der Disziplinen Architektur und Soziologie als auch für interessierte Laien problemlos nachvollziehbar ist. Einzelne Kapitel bauen aufeinander auf, andere wiederum haben den Charakter eigenständiger Artikel (zum Beispiel die Fallstudien im Kapitel 5)

Fazit

Nachdem bereits in den 1970er Jahren eine Zeitlang soziologische Themen prominent ins Architekturstudium eingeflossen waren, um anschliessend wieder zu verschwinden, ist heute eine eigentliche Blüte der Zusammenarbeit der beiden Disziplinen in der Lehre und in der Praxis zu beobachten. Doch in der Praxis zeigt sich immer noch eine gewisse Ratlosigkeit bezüglich der Rolle der Soziologie, wenn es darum geht, interdisziplinär (städte)bauliche Projekte zu entwickeln und durchzuführen. Insofern stellt dieses Buch eine gute Grundlage dar, welche die Möglichkeiten und Grenzen dieser Fachrichtung aufzeigt. Besonders verdienstvoll, weil auch besonders rar, ist die ausgiebige Beschäftigung der Autorin mit der Geschichte und dem Stand des Wissens von Architektur und Soziologie in 3 Sprachgebieten. Da bietet sich dem/der geneigten Leser/in eine wahre Fundgrube an Quellen und Zugängen in den verschiedenen kulturellen Kontexten.


Rezensent
Prof. Alex Willener
(MSc, Sozialwissenschaftler, Dipl. Sozialarbeiter, Dipl. Supervisor)
Dozent und Projektleiter im Kompetenzzentrum für Regional- und Stadtentwicklung an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch
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Zitiervorschlag
Alex Willener. Rezension vom 28.04.2010 zu: Heike Delitz: Architektursoziologie. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1031-4. Reihe: Einsichten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8717.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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