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Georg Glasze, Annika Mattissek (Hrsg.): Handbuch Diskurs und Raum

Cover Georg Glasze, Annika Mattissek (Hrsg.): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. transcript (Bielefeld) 2009. 334 Seiten. ISBN 978-3-8376-1155-7. 19,80 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema

Man kann sich einen menschenleeren Raum vorstellen, aber keinen Menschen ohne Raum (Kant).

  • Wann wird ein geographischer oder physikalischer Raum zu einem sozialen Raum?
  • Mit welchem Raumverständnis können und müssen wir zukünftig in den Kultur- und Sozialwissenschaften gesellschaftliche Verhältnisse analysieren und unter welchen Bedingungen reproduzieren Menschen ein spezifisches Verständnis ihrer Lebensräume und konstruieren ihre Wirklichkeiten?
  • Und: Welches Verständnis von einem gesellschaftlich geprägten und von Menschen besetzten, weil von ihnen gestalteten und angeeigneten Raum hat die Humangeographie und welchen Beitrag leistet dazu der Diskurs als Methode?

Diese Fragen beschäftigen in den letzten Jahren viele der Kultur- und Sozialwissenschaften, zumal Räume auch ihre eigene Logik der Integration und Ausgrenzung entwickeln und ihr spezifischer Charakter in den Effekten deutlich wird, die sie auf das Verhalten der in ihnen integrierte Menschen haben. Man wird nicht nur in einen Raum integriert, sondern durch ihn, durch die von ihm gesetzten Rahmenbedingungen der Deutungen und Bedeutungen.

Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Georg Glasze ist Professur für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Universität Erlangen-Nürnberg. Politische Geographie, geographische Stadtforschung und interdisziplinäre Diskursforschung zählen zu seinen Schwerpunkten.

Annika Mattissek ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geographischen Institut in Heidelberg mit den Schwerpunkten politische Geographie, geographische Stadtforschung und Stadtpolitik.

Die Autorinnen und Autoren kommen allesamt aus den großen Bereichen der Human- und Sozialgeographie, aus der Stadtgeographie und -forschung und aus den Bereichen der politischen Geographie.

Aufbau

Das als Handbuch konzipierte Buch umfasst 15 Beiträge, die wie folgt untergliedert sind:

  • A. Theorien und Konzepte der Diskursforschung in der Humangeographie
  • B. Diskurstheorie und Raum
  • C. Methoden und empirische Praxis der Diskursforschung in der Humangeographie

Eingeleitet wird das Handbuch von dem/der Herausgeber/in mit einem einführenden Überblick über die Diskursforschung in der Humangeographie.

Die mit dem Buch verbundene These ist, "dass Ansätze der Diskursforschung die Chance bieten, die gesellschaftliche Produktion von Bedeutungen… und spezifischer sozialer und räumlicher Wirklichkeiten sowie die damit verbundenen Machteffekte zu konzipieren." (S. 11).

Diskurstheoretische Ansätze verfolgen ja das Ziel, die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit auch machttheoretisch zu "entmythologisieren". Diskurse haben immer auch diesen Aspekt der (Definitions)macht. Was ein Raum ist und wie er verstanden werden soll, geschieht nicht unabhängig von den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, unter denen die Akteure in diesem Raum handeln - und die sind auch immer positional "besetzt".

Die/der Herausgeber/in möchte mit dem vorliegenden Handbuch zwei Gruppen ansprechen:

  • Studierende und Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich der Potentiale der Diskursforschung vergewissern wollen.
  • Diejenigen, die sich für eine interdisziplinäre Diskursforschung interessieren. Für diese Gruppe bieten die in Teil B zusammengefassten Beiträge einen geeigneten Rahmen.

Potentiale der Diskursforschung sehen die beiden Verfasser in der in den 80er Jahren begonnenen Theoriedebatte, die gleichsam einen Paradigmenwechsel einleitet. Nicht mehr der objektive Raum und seine Strukturen stehen im Vordergrund der Analysen, sondern der gesellschaftlich konstituierte Raum, die gesellschaftliche Konstruktion der räumlichen Wirklichkeit. Denn auch die objektive Raumstruktur ist nicht einfach und schon immer da, sie ist auch gesellschaftlich konstruiert - in ihren objektiven Strukturen als auch in ihren Deutungen und Bedeutungen.

So entstehen Grenzziehungen und Territorialisierungen über raumbezogene Identitäten. Der Raum steuert das Verhalten und es entstehen raumbezogene Traditionen und gesellschaftliche Praktiken.

Aber auch die Diskursforschung muss erklärt werden. Diskurse sind dort notwenig und sinnvoll, wo objektive Verhältnisse und Strukturen zusammengeführt werden müssen mit deren Deutung durch die Akteure. Es geht um intersubjektive Verständigung über die Bedeutungen, die wir den objektiven Strukturen geben.

A. Theorien und Konzepte der Diskursforschung in der Humangeographie

In diesem Teil werden zentrale Begriffe und Ansätze der Diskursforschung vorgestellt.

Während Anke Strüver die Grundlagen der Foucault“schen Diskurstheorie erläutert und die Zusammenhänge von Wissen Macht und Körper thematisiert, richtet sich der Beitrag von Henning Füller und Nadine Marquardt auch auf einen Foucault„schen Begriff: der Gouvernementalität. Wenn sich Strategien der Stadtentwicklung und der Ausbildung von lokalen Identitäten an der Basiskategorie der Macht entschlüsseln lassen, dann wird der Diskurs im Zuge von Gouvernementalität zu einem Aushandlungsprozess, zu einem Diskurs über das, was realistisch ist aufgrund von Machtkonstellationen. Es geht also nicht mehr um Regieren im Verständnis rationaler Herrschaft (Weber), sondern um Regieren über Kommunikation und Selbststeuerung. Rationale Diskurse entstehen aus relationalen Beziehungsgeflechten - und diese werden immer auch Machtkonstellationen sein.

Der dritte Beitrag dieses Teils von A. Strüver und Claudia Wucherpfennig beschäftigt sich mit dem Begriff der Performativität. In einer diskursiv erzeugten Wirklichkeit wird Identität über einen raumbedingten Darstellungsprozess erzeugt. Es geht um Identitätsdarstellung im sozialräumlichen Kontext des Sozialisationsmilieus, der Orte, in denen Kommunikation identitätsstiftend und integrierend sind.

Unter dem Titel Diskursanalyse als Gesellschaftsanalyse diskutieren Bernd Belina und Iris Dzudzek das gesellschaftspolitische Potential der Diskursanalyse - auch unter ideologiekritischen Gesichtspunkten. Gesellschaft ist Kommunikation (Luhmann)? Gesellschaftliche Formationen und Strukturen lassen sich auch immer sprachlich vermitteln und werden auch so gedeutet. Die Logiken der Integration und Ausgrenzung, die Normen, die damit verbundenen Institutionen sind Ergebnis eines Diskurses, aus dem sie im Laufe der Geschichte entstanden sind und wirken.

Georg Glasze und Annika Mattissek nennen ihren Beitrag "Die Hegemonie- und Diskurstheorie von Laclau und Mouffe". Die Frage ist dabei, wie sich Identitäten konstituieren. Die beiden genannten Autoren sagen: indem Grenzen gezogen werden und Themen zu Themen der politischen Arena werden. Identitäten entstehen in der Auseinandersetzung mit dem jeweils anderen als einem Anderen. Diese Überlegungen werden insofern immer relevanter, als sich im Zuge der Auflösung nationalstaatlicher Strukturen ein neues Konzept der Konstitution kollektiver Identitäten herausbilden muss, das z. B. im Regionalismus liegen kann, aber nicht muss.

Judith Miggelbrenks und Antje Schlottmanns Beitrag "Diskurstheoretisch orientierte Analyse von Bildern" analysiert das Verhältnis von Bildern und Sprache, von Bild und Text. Bilder tragen eigenständig zur Konstruktion von Wirklichkeit bei - sie bilden die Wirklichkeit nicht einfach nur ab. Das für die Geographie wichtige Medium Bild muss sich also auch sprachlich vermitteln lassen; umgekehrt lässt sich über Sprache alleine Wirklichkeit nicht konstituieren.

B. Diskurstheorie und Raum

In diesem Abschnitt geht es um die für die Humangeographie wichtigen diskurstheoretischen Ansätze und deren Entwicklung in den letzten Jahren.

Verana Schreiber nennt ihren Beitrag: "Raumangebote bei Foucault". Hier wird noch einmal ausführlich das Raumverständnis Foucaults diskutiert und in seinen Facetten differenziert erläutert:

  • Raum hinsichtlich seiner Ökonomie der Ortsgebundenheit zur Sortierung der Gesellschaft;
  • Raum als Strukturdarstellung von Ordnungen der Ein- und Ausschließung in Verbindung mit diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken.

Georg Glasze bemüht in seinem Beitrag noch einmal den Raumbegriff bei Laclau in Blick auf die Frage, ob dieses Verständnis von Raum ein Weg zu einem politischen Konzept von Räumen ist. Dem Konzept Laclaus, dass Räume zunächst auch unpolitisch verstanden werden müssen, setzt Glasze ein Konzept entgegen, dass Räume immer auch politisch konstituiert werden.

Sybille Bauriedl beschäftigt sich mit "Impulse(n) der geographischen Raumtheorie für eine raum- und maßstabskritische Diskursforschung". Es geht ihr um konzeptionelle und methodische Differenzierungsangebote der raumtheoretischen Debatte. Dabei thematisiert sie den Raum als Ort und Territorium sozialer Ordnung, die raum-zeitliche Perspektive in der Diskursforschung und den Raum als Ensemble relationaler Lokalisierungen von Diskursen. Dabei kommt es ihr darauf an, in relationale Kontexte nicht nur Identitäten mit einzubeziehen, sondern auch Orte und sozialräumliche Formationen und Strukturen. Weiter diskutiert sie Raum als geographische und politische Maßstabsebene.

C. Methoden und empirische Praxis der Diskursforschung in der Humangeographie

Der Abschnitt umfasst die methodologischen und praktischen Erfahrungen und Probleme mit der Diskurstheorie und dem darin verankerten Raumbegriff in der Humangeographie.

"Verfahren der lexikometrischen Analyse von Textkorpora diskutieren I. Dzudzek, G. Glasze, A. Mattissek und H. Schirmel. Dabei geht es um "quantitative Beziehungen zwischen lexikalischen Elementen in geschlossenen Textkorpora, deren Definition, Zusammenstellung und Abgrenzung klar definiert und die nicht im Laufe der Untersuchung verändert werden." (S.233)

Thilo Felgenhauer nennt seinen Beitrag "Raumbezogenes Argumentieren: Theorie, Analysemethode, Anwendungsbeispiele". Hier werden Begründungen, Rechtfertigungen und Argumente als Praktiken der Welt- und Raumkonstruktion aufgefasst. Argumentationsanalyse ist dementsprechend die Rekonstruktion einer alltäglichen Praxis. Diese Analyse wird an praktischen Beispielen erläutert und in das humangeographische Methodenspektrum eingeordnet.

A. Mattissek setzt sich mit der Aussagenanalyse als Mikromethode in der Diskursforschung auseinander. Wie verorten sich Menschen sprachlich in einen sozialräumlichen Kontext? Wie setzten sie sich rein sprachlich ins Verhältnis zu Anderen? Dies wird nach einigen theoretischen und analytischen Anmerkungen am Fallbeispiel empirisch überprüft. Das Resultat ist, dass Aussagen einer solchen Verortung mehrdimensional sind und entschlüsselt werden müssen.

Georg Glasze, Shadia Husseini und Jörg Mose diskutieren "Kodierende Verfahren in der Diskursforschung". Hier geht es um die vor dem Hintergrund der interpretativ-hermeneutischen Theorie entwickelten qualitativen Inhaltsanalysen und Ansätze der grounded theory. Dabei können Kodierungsverfahren helfen, Regeln des Diskurses und damit der Konstitution von Bedeutungen aufzudecken.

Im letzten Beitrag von Jörg Mose und Anke Strüver geht es um die "Diskursivität von Karten - Karten im Diskurs" Karten sind die soziale Konstruktion räumlicher Vorstellungen. Sie sind Texte, die entschlüsselt und interpretiert werden müssen; sie entstehen vor dem Hintergrund der Deutung von Welt und bedürfen der Deutungsmuster, um sie zu rekonstruieren. Sie sind in Macht-Wissens-Komplexe verstrickt und sind an der Produktion und Rezeption der Vorstellungswelt aktiv beteiligt. Das sind wichtige Grundlagen ihrer Diskursfähigkeit.

Das Buch schließt mit einem Index ab, der sowohl Personen als auch Begriffe umfasst.

Diskussion

Wie sehr sich die Geographie als Human- und Stadtgeographie sozial- und kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Diskussion annähert, erfahren wir in diesem Buch. Und es wird deutlich, dass es in der Tat einen Paradigmenwechsel im Raumverständnis der (Human)geographie gibt - und der wird auch in seinem Prozess, im "Weg dorthin" nachgezeichnet.

Es ist ein hervorragendes Beispiel interdisziplinärer Annäherung an eigentlich zwei Gegenstände:

  • an den Gegenstand "Diskurs" als Verständigung über das, was Raum und Raumbeziehungen heißen können, und zwar in den unterschiedlichen Bezugswissenschaften;
  • an den Gegenstand "Raum" als soziale Konstruktion der Wirklichkeit, als gesellschaftlich konstituierter Raum und als Beziehung von Raum und Akteuren in diesem Raum.

Das Buch ist eine Bereicherung einer Debatte, die vor allem in der Stadtentwicklung und -planung, aber auch in der Gestaltung ländlicher Räume unter dem Gesichtspunkt der Gouvernementalität immer bedeutsamer wird. Denn mit Gouvernementalität sind Diskurse erforderlich, in denen es einerseits um ein Aushandeln von subjektiver Deutung eines Raumes unter sozialstrukturellen und sozialräumlichen Bedingungen und objektiven Strukturen andererseits geht, die von Menschen gestaltet sind und also auch veränderbar sind.

Fazit

Es ist ein Handbuch, das den Gegenstand und den Stand seiner Diskussion hervorragend und auf einem relativ hohen Diskussionsniveau erfasst. Die mit interdisziplinären Diskursen Vertrauten werden es als eine Bereichung der Diskussion schätzen.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 28.12.2009 zu: Georg Glasze, Annika Mattissek (Hrsg.): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1155-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8718.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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