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Sabine Flick, Annabelle Hornung (Hrsg.): Emotionen in Geschlechterverhältnissen

Cover Sabine Flick, Annabelle Hornung (Hrsg.): Emotionen in Geschlechterverhältnissen. Affektregulierung und Gefühlsinszenierung im historischen Wandel. transcript (Bielefeld) 2009. 181 Seiten. ISBN 978-3-8376-1210-3. 20,80 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Gender studies.
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Thema

Ob in Comedy-Shows, der alltäglichen Erziehungspraxis von Kindern oder medialen Diskursen: Die Ordnung der Geschlechter entlang von Gefühlsmustern scheint nahezu ungebrochen. Der von Sabine Flick und Annabelle Hornung im Jahr 2009 im transcript-Verlag herausgegebene Sammelband „Affektregulierung – Gefühlsinszenierung – Intimität. Emotionen im Geschlechterverhältnis“ bietet eine interdisziplinäre Zusammenstellung kritischer Perspektiven auf die geschlechtliche Ordnung von Gefühlen. Dabei interessieren sich die beteiligten Autorinnen – so Christel Eckart im Rahmen ihrer Einleitung in den Band – insbesondere dafür, wie Geschlechterverhältnisse zur Strukturierung, zur Inszenierung und Regulierung von Gefühlen genutzt werden. Gleichzeitig werden Gefühlsmuster als geeignete Folie verstanden, um über deren Analyse dichotome Geschlechterkonstruktionen und den Umgang mit diesen zu verdeutlichen.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Das Buch ist aus dem interdisziplinären Workshop „Affektregulierung – Gefühlsinszenierung – Intimität. Emotionen im Geschlechterverhältnis“ hervorgegangen, der im Mai 2008 an der Universität Kassel stattfand. Der Workshop war im Rahmen des, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten, Graduiertenkollegs „Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse – Dimensionen von Erfahrung“ veranstaltet worden. Die unterschiedlichen Zugänge der Workshopteilnehmerinnen haben sich dabei – wie im Vorwort des Bands beschrieben – in einem „Work in Progress“ herausgeschält und zu drei zentralen Zugängen zur Thematik verdichtet:

  1. Der Frage nach den Konjunkturen der Emotionsforschung,
  2. der Frage nach der Bedeutung von Emotionen für Selbstverhältnisse und Intersubjektivität sowie
  3. zur Frage nach den sprachlichen Inszenierung von Gefühlen.

Inhalt

In einem ersten Zugang geht Katharina Scherke in ihrem Beitrag „Auflösung der Dichotomie von Rationalität und Emotionalität? Wissenschaftssoziologische Anmerkungen“ den Konjunkturen des Themas „Emotionen“ im wissenschaftlichen Diskurs nach. Dazu gibt die Soziologin zunächst einen Überblick über die zentralen wissenschaftlichen Positionen zum Verhältnis von Rationalität und Emotionalität und unterscheidet hier zwischen konventionellen Sichtweisen (die Rationalität und Emotionalität als zwei getrennte Bereiche definieren), kritischen Sichtweisen (die Emotionen als notwendige Zielgeberinnen für rationales Handeln verstehen) sowie radikalen Sichtweisen (innerhalb derer die Rationalität selbst als Konglomerat spezieller Emotionen verstanden wird). Allerdings habe gerade die Mehrdimensionalität des Themas „Emotionen“ dessen Behandlung im Wissenschaftssystem erschwert. Am Beispiel der Soziologie zeigt die Verfasserin auf, wie all jene Themen, die nicht klar einer Disziplin zugeordnet werden können, vernachlässigt wurden und erst mit einer Ende der 1980er Jahre einsetzenden interdisziplinären Öffnung in den Forschungsfokus befördert werden konnten.

In dem zweiten Beitrag der Philosophin Catherine Newmark „Weibliches Leiden – männliche Leidenschaften. Zum Geschlecht in älteren Affektlehren“ wird der Frage nachgegangen, ob es bereits vor der Durchsetzung der bürgerlichen Geschlechterordnungen eine geschlechtliche Zuordnung von Emotionen gab. Die Verfasserin begibt sich dazu auf Spurensuche in die philosophische Passionslehre, die vor dem 19. Jahrhundert als Leitwissenschaft für die Lehre von den Emotionen galt. Das Ergebnis ihrer Analyse: Im Theoriekontext der Passionslehre ist die Abwesenheit geschlechtlicher Zuordnungen auffällig. Zugleich verdeutlicht Newmark, dass die Debatten der Passionslehre stärker moralisch denn psychologisch ausgerichtet waren und sich mehr für den Umgang mit den Emotionen als für deren Empfindung interessiert haben. Erst mit dem Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden Interesse an Empfindungen und Gefühlen sei eine Zuordnung des Emotionalen zum weiblichen Geschlecht erfolgt – diese allerdings weniger als Zusprechung von Emotionalität denn vielmehr als Abrede von weiblicher Rationalität.

Im Rahmen des zweiten Zugangs des Sammelbandes zum Oberthema „Selbstverhältnisse und Intersubjektivität“ geht es den Autorinnen vor allem um die Bedeutung von emotionalen Erfahrungen in der Entwicklung von Subjektivität und dem Verhältnis zu Anderen. So zeigt die Philosophin Frauke Annegret Kurbacher in ihrem Beitrag „Geschlechtliche Liebe als Basis philosophischer Ethik – Reflexionen zu Christian Thomasius´ Konzept einer `vernünftigen Liebe‘“, wie durch die Konzeption einer geschlechtlichen Liebe in den frühaufklärerischen Ideen von Thomasius eine sozial-philosophische Ethik begründet werde. Durch die geschlechtliche Codierung des ethischen Bezugs trete die Uneinholbarkeit des rational und emotional Anderen deutlich hervor und werde dadurch zum Anlass für eine ethische Liebeshaltung.

Nina Degele und Stephanie Bethmann nehmen im Rahmen ihres Beitrags „Gewusst wie: Richtig Lieben und Leiden“ die sozialen Konstruktionsprozesse, die bestimmen, was in den Bereichen Liebe und Schmerz als normal gilt, kritisch in den Blick. Dazu machen sie in einem ersten Schritt deutlich, wie Emotionen mit Hilfe von – zumeist unbewussten – kulturellen und sozialen Wissensbeständen konstruiert werden. Die Rekonstruktion dieser impliziten Wissens-Konzepte von Emotionen ist Gegenstand eines Forschungsprojekts, in dem die beiden Soziologinnen als Ergebnis der interpretativen Auswertung von Gruppendiskussionen vier Wissensebenen unterscheiden, anhand derer sich die Akteure Gefühle von Liebe und Schmerz verfügbar machen: Die Ebene des verkörperten Wissens, das verobjektivierte Selbstwissen, die Ebene des geteilten Wissens, das in Interaktionen und Kollektiven erarbeitet wird und einem generalisierten Wissen, das aus Medien und populärwissenschaftliche Diskursen entstammt. Von diesen vier Wissensbeständen gehe – so Degele und Bethmann - eine normalisierende Macht aus, die zur Exklusion von Personengruppen führe. Wie insbesondere Geschlecht und Kultur als Wissenskategorien eingesetzt werden, um über Inklusionen und Exklusionen Normalität von Liebe und Schmerz herzustellen, wird an einem abschließenden Beispiel eindrücklich verdeutlicht.

Sabine Flick verfolgt in ihrem Beitrag „Selbst(für)sorge und Gefühle. Emotionale Anforderungen in subjektivierten Arbeitsverhältnissen“ die These, dass mit dem Wandel der Arbeitsverhältnisse von den Subjekten zunehmend ein Gefühlsmanagement eingefordert werde, das sich in Formen verstärkter Selbstkontrolle und Selbstrationalisierung ausdrücke. Auf die daraus resultierende Frage, wie sich Frauen und Männer zu den Arbeitsanforderungen verhalten können, kommt die Soziologin mit Rückgriff auf eine empirische Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Emotionen strategisch in den Dienst von Arbeitsanforderungen gestellt werden: Zum einen, um die aus der Arbeit resultierenden Anforderungen zu meistern, zum anderen aber auch, um die eigene Lebenssituation bewerten und eine (möglicherweise auch kritische) Idee vom guten Leben entwickeln zu können.

In dem dritten Zugang des Bandes geht es um die „Sprache der Gefühle“. Hier wird insbesondere mit Bezug auf literaturwissenschaftliche Beispiele aufgezeigt, wie Gefühle geschlechtsspezifisch inszeniert und auch dekonstruiert werden. In dem ersten Beitrag von Andrea Sieber „Der Fall Achilles: Begehren und gender-Dynamik im mittelalterlichen Antikenroman“ geht es um die literarische Inszenierung von Emotionen in der Achillesepisode. Dabei erhalte das Spannungsverhältnis zwischen Figuren und RezipientInnen neben dem literarischen Arrangement von Elementen wie Körperlichkeit oder Raum-Zeit durch Gender-Distinktionen eine zusätzliche Komplexität.

In ihrem Beitrag von liebe und leide – Begehren und Leid(en) des Gralskönigs Anfortas im Parzifal von Wolfram von Eschenbach“ geht die Germanistin und Kunstgeschichtlerin Annabelle Hornung insbesondere solchen Inszenierungen von Emotionen und Geschlecht nach, die nicht kongruent codiert sind. So werde bei der Figur des Gralskönigs Anfortas durch die fehlende „Deckungsgleiche“ von Begehren und Geschlecht die heteronormative Ordnung in Frage gestellt. Der Gralskönig werde als queerer Charakter inszeniert und auch die Sphäre des Grals könne vor diesem Hintergrund als eigentümlich queere Ordnung gelesen und verstanden werden.

In dem abschließenden Beitrag von Jennifer Villarama: „`Ein herz bedenkt nichts/das Lieb´und Eifers voll.‘ Liebe und Intrige in Friedrich Christian Bressands `Hercules unter denen Amazonen‘ (1963) – die Amazone als Leit- und Idealbild im 17. Jahrhunderts“ beschäftigt sich die Germanistin Villarama mit der Darstellung der Amazone in der frühen Oper. Am Beispiel des Singspiellibrettos „Hercules unter denen Amazonen“ macht die Autorin deutlich, dass hier zwar eine unabhängige und aktive Frau entworfen wird, diese aber trotzdem dem Mann nicht gleichgestellt sei, weil sie ihre Affekte nicht in gleicher Weise regulieren könne. Zugleich werde die Position des Hercules, der die soziale Geschlechterordnung wieder herstellt, positiv besetzt und zur Identifikationsfigur stilisiert.

Diskussion

Der von Sabine Flick und Annabelle Hornung herausgegebene Sammelband „Emotionen im Geschlechterverhältnis“ bietet einen ebenso interessanten wie anregungs- und perspektivreichen Einblick in die kulturelle Ordnung von Gefühlen und die Konstruktion geschlechterdifferenter Gefühlsmuster. Eine Stärke des Sammelbandes ist, dass den LeserInnen deutlich wird, auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen Gefühlsmuster geschlechtsspezifisch inszeniert und geordnet werden. Ob in literarischen Texten, den aus subjektivierten Arbeitsverhältnissen stammenden Anforderungen zum Gefühlsmanagement, philosophischen Aufklärungsideen und im Rahmen der normativen Konstruktion von Emotionen wie Liebe und Schmerz: Immer erweisen sich die Konstruktionsprozesse von Gefühlen als geschlechtlich verfasst. Zugleich wird aber auch deutlich, wie die Konstruktionen durch die Subjekte – abhängig von den jeweiligen sozialen und historischen Kontexten – immer wieder in Frage gestellt und verschoben werden. Dem Sammelband gelingt es damit, der von Katharina Scherke in ihrem Beitrag hervorgehobenen unhintergehbaren Mehrdimensionalität des Themas „Emotionen“ und dessen notwendiger Kontextgebundenheit gerecht zu werden. Etwas schade ist, dass die LeserInnen von dem im Vorwort angedeuteten „Work in Progress“ des Workshops nichts erfahren, bzw. die Diskussionen der Vertreterinnen unterschiedlicher Disziplinen sich nicht in den veröffentlichten Aufsätzen niedergeschlagen. Wenngleich der Sammelband unterschiedliche Disziplinen zusammenbringt, werden die Themen selber weiterhin nur aus einer Disziplin beleuchtet.

Fazit

Der von Annabelle Hornung und Sabine Flick herausgegebene Sammelband bietet einen gelungenen Einblick in aktuelle Forschungsperspektiven auf die geschlechtliche Konstruktion von Emotionen und die kulturelle Regulierung von Affekten. Mein „emotionaler“ Leseeindruck: sehr interessant!


Rezension von
Prof. Dr. Melanie Plößer
Professorin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Bielefeld
Homepage www.fh-bielefeld.de/sozialwesen/ueber-uns/personenv ...
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Zitiervorschlag
Melanie Plößer. Rezension vom 03.03.2010 zu: Sabine Flick, Annabelle Hornung (Hrsg.): Emotionen in Geschlechterverhältnissen. Affektregulierung und Gefühlsinszenierung im historischen Wandel. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1210-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8723.php, Datum des Zugriffs 19.01.2020.


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