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Michael Behnisch, Michael Winkler (Hrsg.): Soziale Arbeit und Naturwissenschaft

Cover Michael Behnisch, Michael Winkler (Hrsg.): Soziale Arbeit und Naturwissenschaft. Einflüsse, Diskurse, Perspektiven. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 244 Seiten. ISBN 978-3-497-02052-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 45,50 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit.
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Autoren und Überblick

Die Herausgeber des Sammelbandes arbeiten als Hochschullehrer für Soziale Arbeit. Prof. Michael Behnisch lehrt Methoden und Konzepte der Sozialen Arbeit an der FH Frankfurt a. M. Prof. Michael Winkler ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik am Institut für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Einzelbeiträge wurden vorwiegend von Vertretern aus dem Hochschulbereich verfasst, vorwiegend aus geisteswissenschaftlichen Disziplinen.

Aufbau

Der vorliegende Band ist neben einer ausführlichen Einleitung zum Verhältnis von Sozialer Arbeit und Naturwissenschaften in zwei Hauptabschnitte unterteilt.

  1. Im ersten Teil werden naturwissenschaftliche Positionen in verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit formuliert.
  2. Teil zwei beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld veränderten sozialpädagogischen Denkens im Zusammenhang von Sozialpolitik und Menschenbild vor dem Hintergrund neuerer naturwissenschaftlicher Befunde.

Teil 1

Die Herausgeber Michael Behnisch und Michael Winkler greifen im Einleitungskapitel die Geschichte und Entwicklung des Verhältnisses zwischen Sozialer Arbeit und Naturwissenschaften auf. Dieses ist, so belegen die Autoren durch zahlreiche Quellen, gebrochen und pendelt (e) zwischen „Faszination und Ablehnung“ (10). Einführend erfolgt die Beschreibung des Gegenstands der Naturwissenschaft und die Begründung der Relevanz für die Soziale Arbeit, bevor in einem längeren Abschnitt die Diskursgeschichte zwischen den beiden Wissenschaftsbereichen und deren gegenwärtiger Stand erörtert werden. Dabei wird die Deutungsmacht naturwissenschaftlicher Erkenntnisse für die gesamten Humanwissenschaften, von ihren frühen Formen in der griechischen Antike bis hin zu pädagogischen Strömungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert dargelegt. Gesellschaftliche Entwicklungen vor dem Hintergrund von Technisierung und Entwicklungen im Bereich der Medizin werden in ihrer Bedeutungswirkung kurz aufgegriffen. Beispielgebend werden diese Entwicklungen auf die Veränderungen im pädagogischen Denken, etwa in den Arbeiten Montessoris und Piagets beschrieben, für deren Denkansätze eine biologische Anthropologie grundlegend gewesen ist. Als einen wesentlichen Bruch in der Rezeptionsgeschichte naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in Pädagogik und Sozialer Arbeit beschreiben die Autoren die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, die zu einer „nachhaltige(n) Skepsis in der pädagogischen Rezeption von Naturwissenschaften“ (19) geführt haben.

Der Diskurs zwischen den beiden Wissenschaftsbereichen ist, so Behnisch und Winkler auf zwei Ebenen angesiedelt: auf der inhaltlichen Relevanzebene, wo Fragen ob, wie und wenn ja welche Bedeutung naturwissenschaftliche Erkenntnisse für pädagogische Zusammenhänge haben, ob sich hier eine Bestätigung, ein Widerspruch oder eine Widerlegung ergeben und eine diskursive Verhältnisebene, die nach der öffentlichen Gültigkeit der jeweiligen Wissensformen fragt, nach Deutungshoheiten und damit nach der Reichweite von wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Fachwelt und der Gesellschaft. Beide Diskursebenen werden im folgenden Einführungstext zu Einzelaspekten (etwa den Lehr-Lernprozessen, der biologischen Determiniertheit menschlicher Entwicklung vs. Sozialen Lernens, die Frage der Willensfreiheit) überblicksartig dargestellt. Die Autoren werfen hier einen kritischen Blick auf diese Diskurspraxis, der u. a. dadurch gekennzeichnet sei, dass (z. B. auf Seiten der Geisteswissenschaften) naturwissenschaftliche Befunde eine z. T. unkritische Rezeption erfahren, welche durch Fehldeutungen, Kategorienfehler, unzulässige Verallgemeinerungen und Vereinfachungen imponiert, auf der anderen Seite ein Deutungsanspruch der Naturwissenschaften und –wissenschaftler auszumachen ist, etwa wenn über die Relevanz der Neurowissenschaften für die Pädagogik ausschließlich Hirnforscher befragt würden und damit „Wissenschaftler öffentlichkeitswirksame Urteile über die Leistungen einer anderen Disziplin“ (25) aussprechen. Damit ist, so Behnisch und Winkler die historisch verankerte Dominanz naturwissenschaftlicher Erklärungsansätze, welche sich durch die Macht der harten Fakten behauptet auch heute, inkl. der darauf aufbauenden Monopolansprüche, noch existent. Die Soziale Arbeit, insbesondere die Wissenschaft der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik steht hier vor einer zusätzlichen Schwierigkeit, da sie als junge Wissenschaft „erhebliche Schwierigkeiten hat, ihre eigene Identität … gegenüber Soziologie und Psychologie, vielleicht sogar gegenüber der Erziehungswissenschaft zu wahren“ (30), was u. U. zu einer zusätzlichen Abwehrhaltung gegenüber weiteren (natur)wissenschaftlichen Beständen führt. Diese „labile Lage im Wissenschaftssystem“ (31) werde auch dadurch verschärft, dass die Disziplin Soziale Arbeit kaum in der Lage ist, naturwissenschaftliche Befunde ernsthaft in ihrer Geltung zu hinterfragen und auf ihre Verlässlichkeit zu prüfen. Einfacher stellt sich die Situation in der Profession Soziale Arbeit, vor allem in konkreten Arbeitsfeldern dar. Hier wird die Rezeption naturwissenschaftlicher Fakten problemloser bewältigt, da anwendungsbezogene Fragestellungen und Probleme in direkter Anwendung qua Fallverstehen und der Organisation konkreter Settings umgesetzt und in ihrer Wirkung eingeschätzt werden können, bzw. müssen. Behnisch und Winkler plädieren abschließend, dass sich die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession den durch naturwissenschaftliche Forschung aufgeworfenen Fragen stellen muss. Diese Herausforderung liegt in den Feldern

  • „Förderung von Lernen und Entwicklung/neurobiologisch inspirierte Lernkonzepte
  • Körperbildung und Körperwahrnehmung
  • Gesundheitsvorbeugung und Prävention
  • Entwicklungsverzögerungen und abweichendes Verhalten
  • Sozialpolitik als ‚Biopolitik und Regierung der Risiken‘
  • Erziehungsphilosophie und Menschenbild“ (35).

Als Position für eine solche Auseinandersetzung, für die Annahme der Herausforderung formulieren die Autoren abschließend, dass jede Soziale Arbeit auf individuelle Subjektivität verwiesen ist und so, im Sinn eines bio-psycho-sozialen Grundkonzepts auf eine „menschliche Begegnung angewiesen bleibt, welche sich weder natur- noch sozial- oder geisteswissenschaftlich reduzieren lässt.“

Dem Einleitungskapitel schließt sich der erste Fachteil des Bandes an, in dem anhand verschiedener Praxisfelder das Spannungsverhältnis von Sozialer Arbeit und Naturwissenschaften aufgezeigt wird. Die Einzelbeiträge streifen die Arbeitsbereiche frühe Kindheit, Jugendhilfe, Jugendpsychiatrie, Gesundheitsprävention und –förderung, Erwachsenenbildung und Altenarbeit. Damit werden entlang biografischer Abschnitte relevante Arbeitsgebiete Sozialer Arbeit angerissen und die dort aktuellen Diskussions- und Bezugspunkte zwischen Natur- und angewandter Sozialwissenschaft offengelegt. Zwei Kapitel des neun Einzelbeiträge umfassenden Abschnitts zeigen besonders deutlich die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung und die Möglichkeiten eines wechselseitigen Einbezugs der Sozialen Arbeit und der Naturwissenschaften: Stephan Sting hinterfragt die Rolle der Sozialen Arbeit als Erfüllungsgehilfin der Gesundheitswissenschaften im Rahmen der Gesundheitsprävention und –förderung im Kindes- und Jugendalter.

Susanne Maurer und Lars Täuber beschreiben die Übersetzungsmöglichkeiten neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in die sozialpädagogische Praxis unter dem Fokus auf körperbezogene Wahrnehmung.

Sting formuliert eingangs die These, dass die Soziale Arbeit auf der Grundlage einer engen Beziehung zwischen gesundheitlichen und sozialen Fragen von jeher mit Gesundheitsthemen konfrontiert war. Auffällig sei jedoch die Zurückhaltung der Sozialen Arbeit im Diskurs um die Gesundheit von Erwachsenen, welche im „Vergessen des Gesundheitsbezuges der Sozialen Arbeit“ (86) liegt. Dieses Vergessen führe zu einer Verdrängung der Sozialen Arbeit aus gesundheitlichen Themen und Fragestellung, andere wissenschaftliche Disziplinen würden Zustände und Aufgaben definieren und der Sozialen Arbeit gesundheitsbezogene Aufgaben zuweisen, wodurch diese zur „Erfüllungsgehilfin der Gesundheitswissenschaften“ (86) werde. Sting seziert im weiteren Text das Phänomen der Abwesenheit der Sozialen Arbeit in den Gesundheitswissenschaften: der Sozialen Arbeit nahe Themen wie etwa das umfassende Gesundheitsverständnis der WHO, welches neben dem körperlichen auch das psychische und soziale Wohlbefinden umfasst, würden nur zögerlich aufgegriffen und konzeptionell weiter entwickelt. Als zentralen Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit gesundheitlichen Fragestellungen definiert Sting den Körper, der in den Entwicklungs- und Bildungsprozessen eine wesentliche Rolle spiele. Die Rahmenbedingungen der Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit im Spannungsverhältnis von biologischer Entwicklung, gesellschaftlichen Körperbildern und Selbstverfügung über den Körper böten der Sozialen Arbeit mannigfaltige Zugänge zur Thematik, würde jedoch kaum aufgegriffen. Ausgehend von der vom Robert-Koch-Institut Berlin durchgeführten Studie zur Kinder und Jugendgesundheit (KiGGS-Studie) beschreibt Sting weiter die aktuelle Gesundheitssituation von Kindern und Jugendlichen, insbesondere die zu Tage tretenden Gesundheitsprobleme. Die dort erhobenen Befunde, etwa der belegte Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit, zwischen sozioökonomischen Bedingungen und gesundheitlichem Risikoverhalten und zwischen Gesundheit und sozialen Problemen sind an sich schon Zündstoff für die Sozialarbeit und bieten Grundlagen für sozialarbeiterische Theorie- und Methodenentwicklung. Der „Zusammenhang von sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit macht deutlich, dass die Bearbeitung gesundheitlicher Fragestellungen eine komplexe … Aufgabe darstellt, bei der auch Zugänge der Sozialen Arbeit relevant sind“ (94). Denkbar sind hier Ansätze, die auf eine generelle Verbesserung der Lebensbewältigung und der Verbesserung der Teilhabechancen zielen. Sting weist abschließen auf den normativen Charakter des gegenwärtigen Gesundheitsdiskurses hin. Neue Krankheitsgruppen werden so als Massenphänomen („die Übergewichtigen“) definiert und sind Anlass für komplexe, i. d. R. medizinisch orientierte Interventionsmodelle, welche normgeleitet („dick ist ungesund“) Formen der individualisierenden Problembearbeitung vorantreibt. Aufgabe und Funktion Sozialer Arbeit könnten darin liegen, auf die Gleichzeitigkeit individueller Probleme und gesellschaftlicher, sozialer Phänomene hinzuweisen und diese insgesamt zum Gegenstand von Präventions- und Behandlungsprogrammen zu machen. Derartige Zusammenhänge legen „ein breites Vorgehen nahe, bei dem die Soziale Arbeit in ihren eigenen Feldern durch pädagogische, sozialintegrative und strukturbildende Zugänge gesundheitsfördernde Akzente setzen“ (98) könnte. Die Soziale Arbeit wäre so auch nicht nur „Türöffner zu schwer erreichbaren Zielgruppen“ (100), sondern könnte sich eigenständige Zugänge zur Bearbeitung gesundheitlicher Fragen erschließen.

Ausgehend vom körperpsychotherapeutischen Hintergrund der Biosynthese beschreiben Maurer und Täuber zunächst das theoretische Modell des Verfahrens, das sich auf spezifische Körpertheorien stützt und als praktische Verfahrensweise auf Erkenntnisse der Neurobiologie und ihre Bedeutung für Entwicklungsprozesse und Resonanz-Phänomene in sozialen Kontexten fokussiert. Das Verhältnis zwischen Natur- und Geistes-/Sozialwissenschaften ist die gegenseitige Bereicherung, in der „neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse … ein bestimmtes Wissen über Körperprozesse beisteuern, pädagogisches Denken … dieses Wissen in Bezug zu realen, alltäglichen sozialen Praktiken“ (154) führt. Die AutorInnen betonen hier ihren Anspruch die künstliche Trennung zwischen Körper und Geist zu hinterfragen und stellen ihre Überlegungen in den Kontext sozialpädagogischer und feministischer Herrschaftskritik und der Kritik gesellschaftlicher Normalisierungsprozesse. Im Zusammenhang mit der Biosynthese beschreiben Maurer und Täuber die somatische Resonanz als die wahrnehmbare Reaktion des eigenen Körpers auf (soziale) Situationen, welche qua Wahrnehmung des eigenen Körpers und Beeinflussung physiologischer Zustände, etwa in der Interaktion mit einem Gegenüber beobachtet werden können. Im weiteren Text stellen Maurer und Täuber biopsychologische Grundlagen und ihre Bedeutung für die Veränderung somatischer Phänomene, Gefühle und Kognitionen vor. Mit Verweis auf Damasio begründen die AutorInnen den Zusammenhang zwischen Reiz, cerebralen Repräsentationen, physiologischen Zuständen und beobachtbaren Verhaltensformen. Konkrete Situationen und Interaktionen führen demnach zu somatischen Resonanzen, komplexen Vorgängen im Frontalkortex, wobei spezifische Körperregionen von spezifischen Nervenzellen repräsentiert werden (Damasio spricht hier von „Körperkarten“). Die Bedeutung dieser Prozesse liegt darin „dass die bewusstere Wahrnehmung von Körperrückmeldungen, das Spüren des eigenen körperlichen Zustandes, eine wertvolle Informationsquelle darstellen kann“ (158). Die Bedeutung der Spiegelneurone für das Verständnis von Körperreaktionen in sozialen Situationen spielt bei der Biosynthese eine wesentliche Rolle. Spielgeneurone sind Nervenzellen, die im Gehirn während der Betrachtung eines Vorgangs die gleichen Potenziale auslösen, wie sie entstünden, wenn dieser Vorgang nicht bloß passiv betrachtet, sondern aktiv gestaltet würde. Durch dieses Phänomen ist das Individuum in der Lage, eine „verkörperte Vorstellung des Beobachteten“ (159) auszubilden. Anhand eines Praxisbeispiels „Psychomotorische Gewaltprävention“ beschreiben Maurer und Täuber die Umsetzungsmöglichkeiten biophysiologischen Wissens in pädagogischen Zusammenhängen. Die körperbezogenen Interventionen zielen hier auf die funktionale Reorganisation organismischer Prozesse, die psychophysiologische Stressregulation und insgesamt auf die Verbesserung der Körperwahrnehmung. Neues Verhalten wird hier vor dem Hintergrund einer „produktiven Verstörung gebahnter Erregungsbereitschaften“ (162) ermöglicht. Voraussetzung dafür ist die Schaffung eines Gesprächs- und Erlebensklimas in der Präventionsarbeit, in dem die Auseinandersetzung mit biografisch bedeutsamen Beziehungserfahrungen, vor allem deren körperlich-leibliche Ebene ermöglicht wird und in dem insbesondere Konfliktsituationen, das Erleben von und der Umgang mit Belastungen reflektiert werden können. Ziel ist hier die Entwicklung eines „veränderten Umgangs mit den eigenen Körperimpulsen“ (163) und eine differenziertere Wahrnehmung sozialer Phänomene.

Teil 2

Der zweite Abschnitt des Sammelbandes befasst sich mit dem Zusammenhang von Sozialpolitik und Menschenbild vor dem Hintergrund naturwissenschaftlicher Diskurse und Deutungspraktiken. Beispielhaft für die Verzahnung von Naturwissenschaft, (Sozial)politik und Sozialer Arbeit belegt z. B. Fabian Kessl anhand neuerer sozialpolitischer Phänomene den zunehmenden Einfluss gesetzlicher Regelungsmaßnahmen für die Gesundheit und den Körper einzelner Individuen (er spricht hier von „Körperregierung“ ) und beschreibt deren Einfluss auf die sozialpädagogische Handlungsebene. Katharina Schumann vertieft dieses Phänomen der Deutungsmacht naturwissenschaftlicher Forschung in ihrem Beitrag „Das Menschenbild des Neurophysiologischen Determinismus“ und formuliert „Mögliche Entgegnungen und deren Implikationen für den Erziehungsprozess“. Die Annahme der körperlichen Vorbestimmtheit menschlicher Entscheidungsmöglichkeiten (dazu der Diskurs um den „freien Willen“) führt in der Folge zu Konsequenzen im Menschenbild und in der pädagogischen Praxis, welche dringend hinterfragt werden müssen. Wie eine natur- und sozialwissenschaftliche Diagnostik und Behandlungsplanung gelingen kann, beschreibt Oliver Bilke am Beispiel der operationalisierten psychodynamischen Diagnostik für Kinder und Jugendliche(OPD-KJ), welche Grundlage für interdisziplinäre Intervention bei Kindern und Jugendlichen ist. Das mehrachsige Diagnoseverfahren fokussiert auf die Bereiche Beziehung, Konflikt, Struktur und Behandlungsvoraussetzungen/Ressourcen. Diese mehrdimensionale Diagnostik ermöglicht, neben der Erhebung der aktuellen Symptomatik, auch schwerer zugängliche Langzeitphänomene wie Leistungsstörungen, psychische Konflikte und soziale Phänomene zu erarbeiten.

Diskussion

Die strukturierte Auseinandersetzung Sozialer Arbeit mit „den“ Naturwissenschaften ist auch nach Jahrzehnten der Diskursgeschichte eine Herausforderung und Notwendigkeit. Den Herausgebern gelingt es durch die Darstellung der Grundlagen einer solchen Auseinandersetzung und der Hinführung an naturwissenschaftlich angestoßenen Thematiken, eine Basis dafür zu schaffen. Damit entwickeln Behnisch und Winkler eine Grundhaltung der Sozialen Arbeit, welche auf dem bio-psycho-sozialen Paradigma der Disziplin beruht. Durch die Darstellung der Relevanz naturwissenschaftlicher Befunde in den einzelnen Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit gelingt eine sehr gute Übersicht, wie dieser Wissenschaftstransfer und die kritische Einbeziehung naturwissenschaftlicher Befunde in konkreten Arbeitszusammenhängen gelingen kann. Auch wenn die Vielzahl der Einzelbeiträge oft keine neuen Erkenntnisse formulieren, auf bereits zuvor Veröffentlichtes verwiesen wird und teilweise der Bezug zu neuestem Datenmaterial (etwa zum 13. Kinder- und Jugendbericht) nicht ausreichend hergestellt wird, ist das Buch wertvoll für die in Disziplin und Profession notwendige –kritische- Auseinandersetzung mit „den Naturwissenschaften“. Damit ist der Band auch eine hilfreiche Orientierungshilfe für jede/n Sozialarbeiter/in, der nicht in unreflektierter Abwehrhaltung, oder unkritischer Übernahme naturwissenschaftlicher Themen verbleiben will. Das Buch gibt in seinen Einzelbeiträgen keine Antworten auf das Wie der Integration naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und die notwendige Hinterfragung und Abgrenzung. Der Band vermittelt aber zentrale Positionen in diesem Diskurs, der aus Sicht der Disziplin Soziale Arbeit dringender denn je ist.

Zielgruppe

Die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung der Sozialen Arbeit mit den Naturwissenschaften zieht sich von der Ausbildung über die einzelnen Praxisfelder bis hin zu Forschungsfragen. Entsprechend empfiehlt sich der Einsatz des Bandes, der Grundlagen und konkrete Praxisphänomene skizziert in Ausbildungszusammenhängen und für alle an Reflexion interessierten KollegInnen in der Praxis. Das Buch wirft grundlegende Fragen zur Positionierung der Sozialen Arbeit gegenüber den Naturwissenschaften auf und ist damit auch Quelle für Forschungsfragen der Wissenschaft Sozialer Arbeit.

Fazit

Früherkennung und Prävention von Entwicklungsstörungen, Medizinisierung und Pädagogisierung der frühen Kindheit, Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter, AD(H)S im Spannungsfeld von Erziehungswissenschaft und Naturwissenschaften, das Verhältnis von Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie unter sozialwissenschaftlicher und psychiatrischer Perspektive: Der Band greift relevante Arbeitsbereiche Sozialer Arbeit auf und Beschreibt den Diskursrahmen im Spannungsfeld zwischen Sozial- und Naturwissenschaften. Eine Vielzahl von Posititionen, Einschätzungen und die Diskursgeschichte werden meist gut lesbar vorgestellt. Die kritische Auseinandersetzung der Sozialen Arbeit mit den Naturwissenschaften ist heute angesichts der raschen Zunahme naturwissenschaftlicher Erkenntnisse dringlicher denn je. Von daher ist der Band jedem mit Ausbildung, Praxis und Forschung Sozialer Arbeit Beschäftigten zu empfehlen.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 26.02.2010 zu: Michael Behnisch, Michael Winkler (Hrsg.): Soziale Arbeit und Naturwissenschaft. Einflüsse, Diskurse, Perspektiven. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-497-02052-2. Reihe: Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8728.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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