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Günter Burkart: Weg ins Heim (Altenpflegeheim)

Cover Günter Burkart: Weg ins Heim. Lebensläufe und Alltag von BewohnerInnen in der stationären Altenhilfe. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 322 Seiten. ISBN 978-3-531-17022-0. 39,90 EUR.
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Thema

Günter Burkart beschreibt ein Lehrforschungsprojekt aus den Jahren 2004 bis 2006 des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/a.M, welches unter Anwendung unterschiedlicher Forschungsmethoden die verschiedenen Zugangswege alter Menschen in das Pflegeheim, auslösende Faktoren für den Umzug ins Heim, die von ihnen empfundene Lebensqualität und mögliche Zusammenhänge mit der Lebensbiographie der alten Menschen untersucht.

Burkarts Untersuchung bedient sich einer Methoden-Triangulation, die auf sehr interessante Weise quantitative Forschungsmethoden mit qualitativen Methoden (hier: Ethnomethodologie und narrativ-biographische Interviews) verknüpft.

Im Rahmen dieser Feldstudie, hier in einer hessischen Altenhilfeeinrichtung, wird unter der Überschrift “Weg ins Heim oder weg ins Heim? folgenden Fragestellungen nachgegangen:

  • Wie gelangen alte Menschen in ein Pflegeheim und was erwartet sie dort?
  • Entscheiden sie sich für ein Leben im Heim oder bleibt ihnen nichts anderes übrig?
  • Und wenn es dann soweit gekommen ist, was erwartet sie in solch einer Einrichtung?
  • Ist das Heim für die Bewohner ein Ort der Abgeschobenen, Einsamen und Verzweifelten, oder finden sich Anzeichen für einen aktive und selbstbestimmte Gestaltung der Lebensphase Alter?
  • Ist das Altenpflegeheim eine totale Institution

Neben der Verfolgung der eigentlichen Forschungsfragestellung werden unterschiedliche Forschungsmethoden ausführlich erläutert und auf ihre Wirksamkeit hin untersucht.

Autor

Der Autor, Dr. Gunter Burkart, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Funktion „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung, Fachbereich Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main und unterrichtet dort seit 1998 auch Methoden der empirischen Soziaforschung. Er besitzt Felderfahrung u.a. aus der Arbeit im Sozialdienst eines Altenpflegeheimes.

Zielgruppe

Zielgruppe des Buches sind WissenschaftlerInnen in den Bereichen Sozialwissenschaften, Methodenlehre, Pflegewissenschaften und Gerontologie, sowie EntscheidungsträgerInnen im Bereich der Altenhilfe.

Entstehungshintergrund

Das Forschungsprojekt fand ab Juni 2004 im Rahmen von Veranstaltungen zu Methoden der empirischen Sozialforschung an der Goethe-Universität/ Frankfurt statt. Am begleitenden Seminar „Qualitative und quantitative Methoden in der Pädagogik“ nahmen regelmäßig rund 100 Studierende teil.

Die zwei Feldphasen im Wintersemester 2004/2005 und im Sommersemester 2005 des Lehrforschungsprojektes wurde kontinuierlich in einem einzelnen Altenpflegeheim mit 94 BewohnerInnen durchgeführt. Dabei flossen die Daten aller BewohnerInnen in die quantitative Erhebung ein, ebenso waren alle BewohnerInnen Teil der ethnolgischen Untersuchung. Mit 22 BewohnerInnen wurden narrative Interviews durchgeführt. An den Feldphasen nahmen etwa 120 Studierende teil. Durch die recht große Teilnehmerzahl am Forschungsprojekt konnte eine umfangreiche Datenmenge zur Auswertung generiert werden.

Aufbau und Inhalt

Zwischen „Persönliche Vorbemerkung“, welche einige Grundlagen des Forschungsprojektes sowie die Rolle des Autors im Projekt beschreibt, und „Zusammenfassung /Ausblick“ gliedert sich das vorliegende Buch in fünf Abschnitte.

Im ersten Abschnitt beschreibt der Autor detailliert, auf welcher Grundlage die Forschungsfragestellung entstand und welche Grundannahmen der Konzeption des Forschungsprojektes zugrunde liegen. Dabei werden auch statistische Daten (BRD) zum Phänomen Hochaltrigkeit und Pflegebedürftigkeit und zur Versorgungssituation zur Verfügung gestellt.
Dem folgen eine ausführliche Beschreibung des Seniorenzentrums, in dem das Forschungsprojekt durchgeführt wurde, sowie die Beschreibung des Standes sozialwissenschaftlicher Forschung. Dabei werden vor allem aktuelle Aussagen sozialwissenschaftlicher Literatur, welche das Feld „Altenpflegeheim“ beschreiben, als theoretische Orientierung gekennzeichnet, aber auch Goffmans mehr als 30 Jahre alte Theorie von der totalen Institution wird von unterschiedlichen Seiten beleuchtet.
Auf dieser Basis entwickelt der Autor die Konzeption des Forschungsprojektes, welches das Ziel hat, typische Ausformungen im Lebenslauf alter Menschen zu entdecken, die für diese zur Übersiedlung in ein Pflegeheim führten. Weiterhin soll untersucht werden, was diese Menschen nach dem Übergang ins Heim dort erwartet, wie sie sich mit den Verhältnissen dort arrangieren und wie dies von Seiten der Einrichtung reguliert wird. Um diese Innensicht zu erhalten bedient sich das Forschungsprojekt dreier methodischer Zugänge: einerseits biographisch orientierten Methoden des narrativen Interviews, andererseits ethnographischen Methoden der Feldbeobachtung und schließlich quantitativen Aussagen über alle BewohnerInnen der Einrichtung.

Der zweite Teil widmet sich ausführlich den methodischen Überlegungen. Zum eine wird gründlich das Verhältnis quantitativer und qualitativer Sozialforschung beleuchtet und überlegt, wie die in früheren Jahren recht gegensätzlich diskutierten Forschungsrichtungen gut miteinander in Verbindung gebracht werden können.
Die vorgesehenen Forschungsmethoden, also quantitative Erhebungen, ethnographische Feldbeobachtung und narrativ-biographische Interviews, werden vorgestellt und hinsichtlich ihrer Chancen und Risiken diskutiert. Dabei wird auch die Rolle der Interviewer und Feldforscher ausführlich eingegangen.

Der dritte Abschnitt beschreibt die Vorbereitung des Projektes, die Einbindung in den Lehrbetrieb der Universität, sowie die Vorbereitung, Organisation und Integration der Feldphase in das Altenpflegeheim. Dabei beschreibt der Autor auch wie einzelne Ergebnisse und Interpretationen aus dem gesamten Datenmaterial generiert wurden.

Der vierte Teil des Buches ist der umfangreichste und beschreibt die Ergebnisse der Untersuchung. Grundlagen der Ergebnisse sind

  • eine Datenmatrix für alle BewohnerInnen im SPSS-Format
  • 246 Tagesprotokolle
  • Bewohnerbiographien aller 94 BewohnerInnen
  • Kurzbiographien zu allen BewohnerInnen
  • Einzelinterviews zu 22 BewohnerInnen

Die Ergebnisse im quantitativen Fokus beschreiben Alter, Geschlecht, Dauer des Heimaufenthaltes, letzter Wohnort, Wohnort der Angehörigen, Anzahl der Besuche, sowie Mobilität, Pflegstufen, räumliche und situative Orientierung, Korrelationen zwischen Alter und Orientierung. Dabei werden auch in Form von Streudiagrammen einzelne Parametern bei interviewten und nicht-interviewten BewohnerInnen vergleichend dargestellt.
Die Darstellung der Ergebnisse im ethnographischen Fokus erfolgt auf der Basis eines im Projekt entwickelten Kategoriesystems, in dem folgende Meta-Kategorien gebildet wurden:

  • Essbereiche und Flur,
  • Veranstaltungsräume und Veranstaltungen,
  • das Café,
  • öffentliche Flächen und Räume,
  • die Zimmer der BewohnerInnen,
  • die Welt „draußen“,
  • Forschungsfolgen.

Die einzelnen Meta-Kategorein werden teilweise mit weiteren Kategorien unterlegt, z.B. zu a.) Essbereiche/Flur: gegenseitige Unterstützung, Konflikte und Streit, PflegemitarbeiterInnen und Bewohner (Aushandlung von Hilfe), Mahlzeiten, Desorientierung, Angehörige.
Die Beobachtungen in den einzelnen Kategorien werden durch Auszüge aus den Tagesprotokollen belegt. Auf dieser Basis entsteht eine vorläufige Interpretation des in der jeweiligen Kategorie Beobachteten.
Auch zur Bearbeitung der Ergebnisse im biographischen Fokus – 21 Bewohner wurden je dreimal zu unterschiedlichen Phasen ihres Lebens ca.15- 30 Minuten lang von den Studierenden interviewt - wählt das Forschungsprojekt eine Kategoriebildung:

  1. Kategoriekomplex: Welche Krisen führen in ein Heim?
  2. Kategoriekomplex: Welche Konstellationen führten speziell in dieses Heim?
  3. Kategoriekomplex: Welche Krisen werden im Heim erlebt?

Im Folgenden werden 13 BewohnerInnen anhand ihrer Lebensgeschichte jeweils mit Auszügen aus den Interviews vorgestellt. Anschließend wird jeweils gezeigt, welche Beiträge des Interviews zur Kategoriebildung beitragen.

Die so gewonnen Daten werden zu unterschiedlichen Interpretationen und Auswertungen herangezogen. Eine vorgenommene Typenbildung ist die Grundlage für weitere multivariate Auswertungen, sowie für den Vergleich mit einer quantitativ begründeten Typisierung.
Da in der Auswertung der ethnographischen Texte wie auch in den Interviews viele Aussagen auf eine problematische Personalsituation im betreffenden Seniorenzentrum hindeuten, gibt der Autor zum Schluss dieses Abschnitts noch einen Einblick in die Personalbemessungspraxis und zeigt am Beispiel des Seniorenzentrums eine aus seiner Sicht deutliche Diskrepanz zwischen Hilfe- und Betreuungsbedarfen der BewohnerInnen und dem eingesetzten Personal auf.

Im fünften Abschnitt findet eine Rückbesinnung auf die Forschungsfragestellung sowie eine Gesamtbewertung der Methoden statt. In Form einer vorläufigen Interpretation der Ergebnisse gibt der Autor Antworten auf folgende Fragen:

  • Ist das Pflegeheim ein Ort der Abgeschobenen?
  • Sind weitgehende Einschränkungen von Autonomie und Kommunikation durch die Konstitution der BewohnerInnen bestimmt?
  • Gibt es Lebensqualität im Pflegeheim?
  • Das Seniorenzentrum, eine totale Institution?
  • Methodenkombination: Was bringt die Kombination der drei Foki im Forschungsprojekt unterm Strich?

Dem fünften Abschnitt folgt eine kurze Zusammenfassung, ein Ausblick welcher beschreibt, was aus einzelnen beschriebenen BewohnerInnen geworden ist und welche weitere Entwicklung das beschriebene Seniorenzentrum genommen hat.
Das Buch schließt mit einer Danksagung an die am Forschungsprojekt Beteiligten.

Diskussion

Die Ergebnisse, welche des vorliegenden Buches zu den o.g. Fragestellungen präsentiert, überraschen im Grund nicht, sondern bestätigen einmal mehr, dass man nichts pauschalieren kann. Es gibt nicht „das Altenpflegeheim“ und „den/die BewohnerIn“, sondern wir haben es mit einer sehr komplexen Lebenswelt und sehr unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Ansprüchen, Bedürfnissen und Problemlagen von alten Menschen und ihren Pflegenden im Heim zu tun. Dennoch oder gerade deshalb ist die vorliegende Untersuchung hilfreich, an dieser Stelle noch einmal genauer die Augen zu öffnen und schärfer hinzusehen. Dem Autor gelingt es auf diesem Weg zumindest einige auch zum Teil in der gerontologischen Literatur verbreitete Klischees zu widerlegen. Mit Hilfe der ethnologischen Betrachtungsweise wird eine Innensicht erreicht, die in der einschlägigen gerontologischen Literatur derzeit noch wenig verbreitet ist. Dabei wird auch eine Affinität zum Forschungsfeld spürbar und zumindest zum Ende des Buches verlässt der Autor gelegentlich die wissenschaftliche Distanz, in dem er auch politisch für eine verbesserte Personalsituation in der stationären Altenpflege Stellung bezieht.
Die geschilderte Kombination von drei Forschungsmethoden ist sicher recht aufwendig, für die Studierenden in einem Lehrforschungsprojekt aber eine ausgesprochen spannende und erkenntnisreiche Form der Auseinandersetzung sowohl mit dem Forschungsfeld wie auch mit den Forschungsmethoden.
Sehr glaubwürdig transportiert das Buch auch, dass die gewählte Vorgehensweise ein Gewinn für die untersuchte „Ethnie“, also die betroffenen BewohnerInnen des Seniorenzentrums, war.

Fazit

Das Buch beschreibt auf gelungene Art und Weise ein recht komplexes multiperspektivisches Lehrforschungsprojekt. Dabei wird sowohl das Konzept dieses Forschungsprojektes nachvollziehbar beschrieben und diskutiert, wie auch im Ergebnis einige Bilder über die stationäre Altenhilfe korrigiert werden können.

Der Aufbau des Buches ist logisch und nachvollziehbar. Es ist - vielleicht mit Ausnahme der Auswertungen der quantitativen Ergebnisse – gut und flüssig lesbar. Der Autor scheut sich nicht die kritische Distanz zumindest in Fußnoten zu verlassen und persönliche Bewertungen einzuflechten, was den Spaß an der Lektüre jedoch durchaus erhöht.


Rezensent
Dipl. Soz. Gerontologe Peter-Christian König
Sozialarbeiter, Leiter der Stabsabteilung Altenhilfe im Ev. Johanneswerk e.V. Bielefeld
Homepage www.johanneswerk.de
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Zitiervorschlag
Peter-Christian König. Rezension vom 13.01.2010 zu: Günter Burkart: Weg ins Heim. Lebensläufe und Alltag von BewohnerInnen in der stationären Altenhilfe. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-17022-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8733.php, Datum des Zugriffs 16.11.2019.


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