Bundesjugend im DSB e.V. (Hrsg.): Netzwerke für hörgeschädigte Kinder und Jugendliche
Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 25.02.2010
Bundesjugend im DSB e.V. (Hrsg.): Netzwerke für hörgeschädigte Kinder und Jugendliche in Regelschulen. median-verlag (Heidelberg) 2009. 107 Seiten. ISBN 978-3-941146-03-7. 15,60 EUR.
Thema
Das Buch ist ein Tagungsband mit den Referaten eines Symposiums, das 2008 durch das Projekt "In-Ohr" veranstaltet wurde. Träger des Projekts, welches auch über eine ständige Webseite verfügt (http://www.in-ohr.de/), ist die Bundesjugend im Deutschen Schwerhörigenbund.
Herausgeber
Die Bundesjugend im Deutschen Schwerhörigenbund bezeichnet sich als "einzige Selbsthilfeeinrichtung für junge schwerhörige Menschen in Deutschland". Sie vertritt eine sehr offene Linie im Sinne der "Selbstbestimmt Leben"- Bewegung und verfolgt "… das Leitziel einer "totalen Kommunikation"…, d.h. es werden alle Kommunikationshilfen angeboten (technische Hilfen zur verbesserten akustischen Wahrnehmung, visuelle Hilfen wie z.B. Beamer, Schrift- und Gebärdensprachdolmetscher). So kann und soll jeder hörbehinderte Mensch selbst entscheiden, welche Hilfe für ihn die beste ist." (S. 6).
Aufbau
Der Band enthält auf etwas mehr als 100 Seiten 12 Beiträge.
Der erste stellt die Bundesjugend vor, der zweite leitet den Tagungsband ein (Petra Blochius), der dritte gibt eine kurze Übersicht über das Projekt "In-Ohr" (Nina Morgenstern). Danach folgen ein kurzer Erfahrungsbericht einer hörbehinderten Schülerin, welche aus der Regelschule in eine Schwerhörigenschule gewechselt hat (Christina Pöhler). Dem folgt ein längerer Beitrag von Manfred Hintermair zur "Identitätsarbeit" hörbehinderter junger Menschen. Der nächste Beitrag schildert Elternerfahrungen aus Regelschulen (Cordula Thröner), danach referiert Annette Leonhardt die Ergebnisse verschiedener Münchner Studien zur schulischen Integration hörbehinderter Kinder. Die folgenden Beiträge behandeln die Tätigkeit mobiler Dienste (Karin Sellin), das Training sozialer Kompetenzen bei hörbehinderten RegelschülerInnen (Petra Blochius), sowie die Lehrerausbildung (Jürgen Wessel). Es folgt ein Beitrag zum "Nachteilsausgleich aus ganzheitlicher Sicht" (Gerhard Weiß) und als letzter eine kurze Zusammenfassung einer abschließenden Diskussionsrunde zu den Bedürfnissen hörbehinderter RegelschülerInnen (Petra Blochius, Nina Morgenstern).
Inhalt
Das inhaltliche Spektrum der Beiträge enthält neben der Einleitung und den Vorschlägen aus der Diskussion beschreibende Kurzdarstellungen (zur Bundesjugend, zum genannten Projekt), Erfahrungsberichte (Christina Pöhler, Elternerfahrungen, mobile Dienste, soziale Kompetenzen, Lehrerausbildung, Nachteilsausgleich), zum größten Teil mit daran anschließenden Folgerungen bzw. Vorschlägen für die persönliche Lebensgestaltung bzw. die praktische Arbeit in den angesprochenen Tätigkeitsfeldern bzw. die Organisations- und Institutionsentwicklung. Daneben stehen zwei wissenschaftliche Beiträge (Hintermair und Leonhardt).
Als wesentliche Elemente der Erfahrungsberichte erscheinen die bewusste Arbeit an der eigenen Identität ("zu sich selber finden"), das Ansprechen der Hörbehinderung in allen sozialen Umgebungen ("sich zu sich selber bekennen"), die Wichtigkeit der Selbsthilfegruppen für SchülerInnen wie Eltern, die Zusammenarbeit mit den LehrerInnen, Schulleitungen bzw. mobilen FördererInnen und die Thematisierung von Inklusion und spezifischen Bedürfnissen verschiedener Behindertengruppen in der Lehrerausbildung.
Hintermair und Blochius beschreiben die aus ihrer Sicht entscheidenden Bedingungen für erfolgreiche Identitäts- bzw. Sozialkompetenzentwicklung, Leonhardt referiert Befunde aus lautsprachorientierter Integration.
Diskussion
Der im Titel genannte Netzwerkbegriff taucht ausdrücklich fast nie auf; dass Netzwerke existieren oder vielleicht auch deren Einrichtungen und Zusammenarbeit gestärkt werden soll, erschließt sich nur aus den einzelnen Beiträgen.
Etwas aus dem appellativ-rationalen Rahmen des Bandes fällt der Artikel von Weiß, der unter "ganzheitlich" auch sogenannte "außersinnliche", "höhergeistige" Phänomene und deren "Schwingungen" verstanden haben will (so mechanistisch sollte man z.B. die für die menschliche Entwicklung ganz wichtige emotionale Basis nicht umdeuten).
Besonders sei auf das gelungene Umschlagbild verwiesen, welches zum Nachdenken bzw. Meditieren einlädt.
Fazit
Wer sich über die Sicht einer engagierten Selbsthilfeorganisation auf die Integration/Inklusion lautsprachorientierter SchülerInnen in Regelschulen bzw. über die Situation verschiedener Selbsthilfegruppen und im Bereich der Schwerhörigkeit arbeitender Institutionen informieren will, kann das mit dem vorliegenden Buch tun. Es ist keine wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas, aber es liefert ein Bild aus Sicht der Betroffenen und der an Schwerhörigenbildung Beteiligten.
Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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