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Rainer Thomasius, Frank Häßler u.a.: Wenn Jugendliche trinken

Cover Rainer Thomasius, Frank Häßler, Thomas Nesseler u.a.: Wenn Jugendliche trinken. Auswege aus Flatrate-Trinken und Komasaufen: Jugendliche, Experten und Eltern berichten. Trias (Stuttgart) 2009. 159 Seiten. ISBN 978-3-8304-3521-1. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 33,00 sFr.
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Thema

Die Autoren Thomasius, Häßler und Nesseler wenden sich mit ihrem Buch „Wenn Jugendliche trinken“ an Eltern, Lehrer und jeden, der mit Jugendlichen zu tun hat. Sie verbinden mir ihrem Buch den Anspruch dieser Leserschaft Orientierungshilfen, Perspektiven und Rat rund um das Thema „Jugend und Alkoholkonsum“ zu bieten. Die Autoren möchten zudem Begeisterung für die Suchtprävention und für frühe Hilfestellungen vermitteln.

Autoren

  • Prof. Dr. Rainer Thomasius ist ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er gilt als wichtiger Experte zum Thema Jugend und Sucht. Ein Schwerpunkt seines Wirkens ist die Familienperspektive.
  • Dr. phil. Thomas Nesseler ist Hauptgeschäftsführer und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP). In dieser Funktion initiierte er u.a. mit Berliner Schulen den „Schülerkongress“ beim jährlichen DGPPN-Kongreß.
  • Prof. Dr. Frank Häßler ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter des Universitätsklinikums Rostock.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in fünf Blöcke, die wiederum zahlreiche Unterabschnitte aufweisen:

Der erste Block behandelt das Thema „Jugendliche und Alkohol“ und bietet Informationen zu der Verbreitung und zu den Merkmalen riskanten, missbräuchlichen und abhängigen Alkoholkonsums bei Jugendlichen.

Im sich anschließenden Abschnitt unter dem Titel „Was Jugendliche beeinflusst“ werden konsumfördernde Aspekte unserer Trinkkultur und einige der familiären Einflussfaktoren, die riskantes Trinken bei Jugendlichen begünstigen, thematisiert.

Ein „Absturz“ bzw. eine Alkoholvergiftung ist der Ausgangspunkt der sich hier anschließenden Überlegungen zu in solchen Situationen hilfreichen Verhaltensweisen von Eltern und es werden auch weiter führende, sehr intensive Hilfen, insbesondere psychotherapeutische, detailreich zur Darstellung gebracht.

Der nächste Abschnitt widmet sich der Prävention, die Autoren differenzieren hier zwischen Verhältnis- und Verhaltensprävention. Maßnahmen der Verhältnisprävention (vor allem politische Maßnahmen) sind übersichtlich in einer Tabelle dargestellt und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit eingeordnet.

Ein Einblick zu Ansätzen der Verhaltensprävention wird durch exemplarische Darstellungen einiger der in Deutschland umgesetzten Programme gegeben. Hierbei werden vor allem schul- und webbasierte Programme und Maßnahmen, die in Sportvereinen umgesetzt werden, skizziert.

Die Texte sind aufgelockert angeordnet und das Buch orientiert sich in seinem Erscheinungsbild an einer Broschüre. Empfehlungen und kleine Exkurse werden in farbig hinterlegten Kästchen präsentiert, Kapitel mit alltagssprachlich formulierten Fragen eingeleitet und der Leser und die Leserin immer wieder direkt angesprochen. Zudem kommen in recht ausführlichen, wörtlichen Zitaten Experten aus dem medizinischen Fach, Eltern und Jugendliche zu Wort.

Diskussion

Das Buch greift ein äußerst aktuelles und medial hoch beachtetes Phänomen unserer Gesellschaft auf. Informationen und Fakten hierzu sind lesefreundlich aufbereitet und ermöglichen einen unangestrengten Lesefluss.

Kritisch muss aber die streckenweise etwas einseitige Betonung der medizinischen Perspektive, die an das Thema angelegt wird, betrachtet werden. Riskante Trinkformen, insbesondere eine Alkoholvergiftung, erscheinen in den Darstellungen tendenziell als ein per se psychopathologisches Phänomen. Soziale und gesellschaftliche Ursachen ausufernder Trinkmuster und die sozialen Kontexte riskanten Trinkens sind zwar angesprochen, aber die Schwerpunkte der Ausführungen liegen auf der medizinischen und psychopathologischer Perspektive. Gleich zu Beginn des Buches wird ausführlich zu den Unterschieden zwischen Missbrauch und Abhängigkeit Stellung genommen. In dem Abschnitt „Hilfe suchen – wo anfangen?“ wird der Kurzintervention ein Absatz gewidmet, während der psychotherapeutischen Behandlung zehn Seiten zukommen. Unweigerlich muss der Eindruck bei Eltern, die die primäre Zielgruppe der Lektüre darstellen, entstehen, dass eine psychotherapeutische Behandlung oder zumindest intensive und lang angelegte Beratungen die angemessene Antwort auf eine Alkoholvergiftung eines Jugendlichen sei. Dies entspricht aber weder den häufig anzutreffenden Motivationen der betroffenen Jugendlicher und ihre Eltern noch deren realen Bedarfslagen.

Bei der Vorstellung und Diskussion des HaLT-Projektes, ein Ansatz, der sowohl auf Gemeindeebene als auch individuumszentriert riskanten Alkoholkonsum bei Jugendlichen bearbeitet, entsteht der Eindruck, dass die ärztliche Versorgung eines Krankenhauses bei einer Alkoholvergiftung eines Jugendlichen Ausgangspunkt und Koordinationsstelle aller weiteren Aktivitäten im sozialen Raum des Jugendlichen ist. Das HaLT-Projekt wurde hingegen als originär sozialpädagogischer Ansatz entwickelt und etabliert und wird vor allem durch Fachkräfte der Sozialarbeit und Sozialpädagogik mit ihrem spezifischen, professionseigenem Methodenrepertoire erfolgreich an zahlreichen Standorten in Deutschland umgesetzt.

Das Buch richtet sich sowohl an pädagogische Fachkräfte wie auch an Eltern. Für eine sachgerechte Information für pädagogische Fachkräfte verbleibt die Lektüre leider zu oft an der Oberfläche. So fehlen im Abschnitt „Was Jugendliche beeinflusst“ wichtige familiäre Risikofaktoren, die riskante Konsummuster begünstigen. Etwas irritierend wirken die zum Teil recht ausführlichen Interviewauszüge aus Gesprächen mit Jugendlichen und Eltern. Es wird nicht deutlich, in welchen Kontexten diese Äußerungen entstanden sind, nach welchen Kriterien die Jugendlichen bzw. Eltern ausgewählt wurden, mit welchen Fragestellungen sie angesprochen wurden und wie die Auswertung des Materials vorgenommen wurde.

Ob Eltern sich von diesem Buch ansprechen lassen, falls in ihrer Familie ein Kind eine Alkoholvergiftung erleidet, bleibt fraglich. Eltern bevorzugen in der Regel kompaktere Broschüren, wie sie zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kostenfrei zur Verfügung stellt.

Fazit

Das Buch bietet einen gut lesbaren Einblick in die Thematik des riskanten Trinkens bei Jugendlichen. Leider wird dieses aktuelle Thema etwas einseitig zu Gunsten der medizinischen und psychopathologischen Perspektive verhandelt. Gerade die Soziale Arbeit hat in den vergangenen Jahren entscheidende Impulse für die Bearbeitung dieser Problemstellung gegeben. Schade, dass dies nur wenig gewürdigt wird und sich statt dessen an mehreren Stellen der Eindruck ergibt, bei starkem Trinken von Jugendlichen handle es sich um ein medizinisches oder psychopathologisches Problem. Bei dem Versuch, Eltern und pädagogische Fachkräfte gleichermaßen zu erreichen, steht zu befürchten, dass das Buch für viele Eltern zu umfassend und kompliziert ist, während es für pädagogische Fachkräfte wichtige Fragen offen lässt.


Rezension von
Prof. Dr. Marion Laging
Professorin für Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit mit psychisch kranken Menschen und mit Menschen mit riskantem/schädlichem Drogenkonsum
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/marion-laging.html
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Zitiervorschlag
Marion Laging. Rezension vom 26.04.2010 zu: Rainer Thomasius, Frank Häßler, Thomas Nesseler u.a.: Wenn Jugendliche trinken. Auswege aus Flatrate-Trinken und Komasaufen: Jugendliche, Experten und Eltern berichten. Trias (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8304-3521-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8742.php, Datum des Zugriffs 08.12.2021.


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