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Lotte Rose, Benedikt Sturzenhecker (Hrsg.): "Erst kommt das Fressen ...!"

Cover Lotte Rose, Benedikt Sturzenhecker (Hrsg.): "Erst kommt das Fressen ...!". Über Essen und Kochen in der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 316 Seiten. ISBN 978-3-531-16090-0. 24,90 EUR.
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Thema

Obwohl „Essen und Kochen“ den Alltag der Sozialen Arbeit vielfach mitbestimmen, finden weder Essen noch Kochen Aufmerksamkeit im Fachdiskurs. In ihrer Einleitung „Warum die Beschäftigung mit Essen und Kochen Potentiale für die Soziale Arbeit enthält?“ machen Lotte Rose und Benedikt Sturzenhecker dementsprechend deutlich, dass sie mit dem vorliegenden Sammelband eine fachliche Auseinandersetzung mit den vielen Facetten des Themas überhaupt erst mal eröffnen möchten. Wie vielschichtig der Bezug zur Sozialen Arbeit ist, zeigen die HerausgeberInnen indem sie eine beeindruckende Systematisierung mit sehr treffenden Erläuterungen vornehmen: Ernährungsnotlagen als Wurzel der Profession, Nahrungsmangel heute: Tafelprojekte und Hartz IV, Die übergewichtige „neue Unterschicht“, Soziale Einrichtungen als Orte öffentlicher Verpflegung, Essstörungen als „Faszinosum“, Ernährungserziehung als Gegenstand der Gesundheitsförderung, Ernährungsweisen als Lebensweltkoordinaten usw. Lotte Rose und Benedikt Sturzenhecker plädieren für eine eigene Impulssetzung der Sozialen Arbeit, wenn sie nicht in der überwiegend normativen ernährungsbezogenen Gesundheitsförderung „konturenlos“ aufgehen will. Gesundheitsförderung brauche Ansätze aus der Sozialen Arbeit wie das Empowerment und die Perspektive der lebensweltlichen Eigensinnigkeit der Subjekte im Co-Konstruktionsprozess.

Aufbau und Inhalt

Insgesamt sind in der Publikation 20 verschiedene Beiträge versammelt. Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, die jeweils zwischen zwei und sechs Artikel enthalten:

  1. „Kochen und Essen in der Geschichte der Sozialen Arbeit“
  2. „Kochen und Essen als Ereignisse im Alltag der Sozialen Arbeit“
  3. „Essthetische Geschmacksbildung“
  4. „Empirie und Ethnografie zum Kochen und Essen in sozialen Einrichtungen“
  5. „Ernährungspolitik, Sozialpolitik, Gesundheitspolitik“

Der erste Teil „Kochen und Essen in der Geschichte der Sozialen Arbeit“ beginnt mit einem Beitrag von Lotte Rose und Kathrin Schäfer: „Literarisches Tuttifrutti: Erzählungen zum Essen in Klassikern der Sozialpädagogik“. Dieser Artikel erweist sich als eine Zusammenstellung interessanter Textauszüge von Stefania Wilszynska, Anton S. Makarenko , Anna Freud und Dorothy Burlingham, Bruno Bettelheim und Alexander S. Neill. Ein weiterer Beitrag zur Geschichte „Je besser die Ernährung, desto zufriedener und verträglicher auch der Geist der Kranken. Ernährung, Heilung und Pflege in den Anstalten für Epileptiker zu Bielefeld im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ von Bernd J. Wagner und Thomas Niekamp führt in die Bedeutung von stationärer Krankenpflege vor und während der Industriealisierung sowie die Einrichtung spezieller Heilanstalten in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Im Zentrum stehen dann die Diskurse um die Krankenhausernährung am Beispiel der Anstalt Bethel.

Die sechs Beiträge des zweiten Teils „Kochen und Essen als Ereignisse im Alltag der Sozialen Arbeit“ bilden verschiedene Arbeitsansätze und – felder der Sozialen Arbeit ab: Elternbildung mit benachteiligten Müttern, Heimerziehung, Sozialpädagogische Familienhilfe, Gemeinwesenarbeit, sozialräumliche Gesundheitsförderung und Ganztagsangebote für Schulkinder. Der Artikel von Benedikt Sturzenhecker „Das Frühstück der Mütter – Elternbildung mit benachteiligten Müttern in Hamburger Eltern-Kind-Zentren“ zeigt die konzeptionelle Bedeutung eines niedrigschwelligen Angebots, des gemeinsamen Frühstücks, für die (Selbst)bildung der teilnehmenden Frauen. Der Beitrag von Christian Meineke und Christina Gorol über „Das Suppenfest als multikulturelles Ereignis der Gemeinwesenarbeit“ weckt sofort die Motivation auf dieses Fest in Marburg-Richtsberg zu gehen und dort Suppen zu probieren bzw. Suppe(n) zu kochen. Ein Auszug aus dem Rezeptbuch zum Suppenfest informiert anhand eines Beispiels einer sauren Linsensuppe mit Mangold über Syrien, welche Erinnerungen der Koch mit der Suppe verbindet, darüber wo die Zutaten erhältlich sind und letztlich wie die Suppe zubereitet wird.

Im dritten Teil „Essthetische Geschmacksbildung“ stehen Kochen und Essen im Zusammenhang mit Kreativität und Inszenierungen. Christoph Riemers Idee der „spirituellen Garküche“ wird vom Initiator selbst und von Gerhard Marcel Martin als einem in verschiedenen Projekten Beteiligten in einem zweiten kommentierenden Beitrag vorgestellt. Riemer bezeichnet seine Idee als spezielle Situationsinszenierung für aktiv beteiligte Gäste. Die Gäste kochen, riechen, essen, hören, lesen – die „Geschmacksproben“ sind entsprechend kulinarisch, visuell, akustisch und literarisch. Marc Schulz analysiert die „Cookie Opera“-Performance eines Fluxus-Künstlers und eine Rauminszenierung eines Baseler Künstlers in seinem Beitrag „Kochen und Essen als Aufführung – Speisen als Skulptur. Die Irritation des Selbstverständlichen als Bildungsimpuls“.

Der vierte Teil „Empirie und Ethnografie zum Kochen und Essen in sozialen Einrichtungen“ beginnt mit zwei Beispielen ethnografischer Forschung: Kirsten Kullmann wertet ihre teilnehmende Beobachtung in einem Jugendhaus aus, in dem drei Jugendliche mit einer pädagogischen Fachkraft über ihren Wunsch verhandeln, das beim geplanten gemeinsamen Kochen und Essen Pizza auf dem Speiseplan steht. Lotte Rose und Kathrin Schäfer veröffentlichen ihre ethnografischen Notizen zu einem Mittagessen in der Schule. Beide Texte lassen sich über die Inhalte hinaus als anschauliche methodische Beispiele der Ethnografie lesen. Dem Beitrag von Melanie Plößer „Richtiges Kartoffelpüree, Urmohrrüben und Getränk nach Wahl. Überlegungen zum pädagogischen Gehalt des Essen-Gebens am Beispiel der Drogenberatung Bielefeld“ liegen drei Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern der Einrichtung zugrunde. Plößer macht deutlich, dass das Essen nicht „erst“ kommt, sondern Teil der sozialen Praxis ist. Dem Titel der gesamten Veröffentlichung (nach Bertold Brecht) „Erst kommt das Fressen…und dann“ wird hier entgegengesetzt: Niedrigschwellige Essensangebote durch die die Mahlzeiten zubereitenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter werden gleichzeitig als soziale Angebote verstanden und inszeniert, sie beinhalten eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten und Potenzialen.

Im fünften und letzten Teil „Ernährungspolitik, Sozialpolitik, Gesundheitspolitik“ ist besonders der Artikel von Kathrin Ottovay und Friedrich Schorb hervorzuheben: „Von der Ernährungskrise zur Ernährungsrevolution – Wenn der Fernsehkoch Jamie Oliver Sozialpolitik macht“. Am Beispiel der Auseinandersetzungen um gesundes Essen an Schulen in Großbritannien zeigen die AutorInnen anschaulich die Zusammenhänge von Ernährung und sozialer Frage. Wie durch Jamie‘s School Dinners die Versorgung an Schulen zusammenbrach, durch unbezahlten Mehraufwand der ehrenamtlichen Köchinnen, Zusammenbruch des Zeitmanagements, knappe Budgets, teureres Schulessen und hungrig bleibende Kinder wird gut nachvollziehbar beschrieben. Die folgende Analyse der „Frittenrevolte“ im nordenglischen Rawmarsh und der Darstellung der „Junk-Food“-Mütter in den Medien ist hervorragend. Darüber hinaus wird der Diskurs um die Ernährungskrise der Unterschicht in das Paradigma des aktivierenden Sozialstaats eingearbeitet.

Fazit

Die kreative und sehr gelungene Veröffentlichung greift ein in der Fachdiskussion bislang vernachlässigtes Thema auf: die Bedeutung von Kochen und Essen in der Sozialen Arbeit. Die vielen Facetten des Themas ziehen sich durch das gesamte Buch, durch die verschiedenen Perspektiven bleibt die Lektüre auch bei 20 Beiträgen sehr spannend. Die Publikation bietet Anregungen, Reflexionen und Analysen für Studierende, Berufspraktiker und –praktikerinnen sowie Lehrende an Hochschulen. Das Ganze wird abgerundet durch Rezepte: die Angaben zu den Autorinnen und Autoren enthalten deren jeweiliges Lieblingsrezept.


Rezension von
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 18.02.2010 zu: Lotte Rose, Benedikt Sturzenhecker (Hrsg.): "Erst kommt das Fressen ...!". Über Essen und Kochen in der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16090-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8744.php, Datum des Zugriffs 17.05.2021.


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