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Claudine Hengstenberg (Hrsg.): Der Bologna-Prozess: Pro und Contra der Hochschulreform

Cover Claudine Hengstenberg (Hrsg.): Der Bologna-Prozess: Pro und Contra der Hochschulreform. Fastbook Publishing VDM Publishing House Ltd. (Beau Bassin) 2009. 160 Seiten. ISBN 978-6-130-10039-1. 49,00 EUR.

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Thema

Die derzeitige Hochschulstrukturreform ist stark in die Kritik geraten. Während einige am liebsten wieder zu den alten Abschlüssen zurückkehren würden, verlangen andere eine „Reform der Reform“. Dabei bleibt es oft intransparent, welche Veränderungen tatsächlich auf den Bologna-Prozess zurückzuführen sind, welche eher nationalen Eigenarten oder auch hochschul- oder fachbereichsspezifischen Charakteristika zuzuschreiben sind. Auch der globale Kontext des Bologna-Prozesses muss mitgedacht werden, um zu verstehen, warum die Zielsetzungen eine solche Durchschlagkraft entwickelt haben, obwohl die Bologna-Erklärung eigentlich nicht völkerrechtlich bindend ist. Nicht zuletzt liegen unterschiedlichen Auffassungen über die Reform auch unterschiedliche Auffassungen zu Bildung zu Grunde. Auch hier sind Differenzierungen notwendig, um zu einem sachgerechten Urteil zu gelangen. Die Publikation erhebt als „Flashbook“ nicht den Anspruch, sehr weit in die Tiefe zu gehen, vielmehr soll ein Überblick über die Bologna-Reform gegeben werden. „Flashbook“ ist jedoch scheinbar eine neue Umschreibung für „Copy-Paste-Collage “. Dem Informationsbedarf, der hinsichtlich des Bologna-Prozesses besteht, soll Folge geleistet werden, indem dem Leser die Mühe abgenommen wird, sich selbst bei Wikipedia zur Thematik umzuschauen. Welch pfiffige Idee!

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in neun Abschnitte, die jeweils eine unterschiedliche Anzahl an Unterabschnitten beinhalten. Da es sich größtenteils um per Copy-Paste aus Wikipedia hergestellte Texte handelt, ist es eigentlich müßig, hier eine Inhaltsangabe zu liefern. Da für die Rezension mit dieser langweiligen Arbeit einer Zusammenfassung von enzyklopädisch aufgezählten Fakten bereits begonnen wurde, bevor auffiel, dass es sich vor allem um Wikipedia-Artikel handelte, sei bis Abschnitt 6 diese Arbeit den Lesern der Rezension nicht vorbehalten. Die Eintönigkeit der Aufzählung spiegelt dabei lediglich die Eintönigkeit einer solcherart entstandenen Publikation wieder, kann also auch gerne übersprungen werden.

  1. Aktualität. Hier wird als eine Art Vorwort die aktuelle Relevanz der Publikation erklärt und ihr Zweck für die Hilfe bei der Bildung eines eigenen, informierten Urteils hervorgestrichen.
  2. Europäische Hochschulreform. Der Bologna-Prozess wird hier in einen allgemeineren Kontext gebettet. Insbesondere wird er im Zusammenhang mit der Lissabon-Strategie (in der BRD der Agenda 2010) betrachtet, wie auch seine historische Einbettung in der BRD in einer Abfolge von Hochschulreformen erläutert.
  3. Ziel. Im dritten Abschnitt erfolgt eine Erläuterung der in Bologna deklarierten Ziele der Reform, der Schaffung eines europäischen Hochschulraumes und eines europäischen Forschungsraumes.
  4. Initiatoren. Europarat und UNESCO werden als Initiatoren der Hochschulsstrukturreformen vorgestellt. Es werden sehr detailliert die Organisationsstrukturen erklärt, ihre geschichtlichen Entwicklungen sowie Zielsetzungen.
  5. Auslaufendes nationales System. Hier wird noch einmal das durch den Bologna-Prozess zunehmend abgelöste Studiensystem betrachtet. Die Eigenschaften des Diplom-Studiengangs in Deutschland und Österreich, die etymologische Bedeutung des Diploms und seine Bedeutung als akademischer Grad für Deutschland und Österreich und die wachsende Ersetzung durch den Bachelor- und Masterabschluss in Folge des Bologna-Prozesses werden aufgeführt. In ähnlicher Weise und noch etwas ausführlicher wird auch auf den Magister-Abschluss eingegangen. Nachträgliche Anmerkung: Bei Wikipedia findet sich im Artikel „Magister“ der Hinweis: „Dieser Artikel oder Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (bspw. Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst gelöscht. Hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.“ Dennoch wurde gnadenlos kopiert. Ein Abschnitt wurde bei Wikipedia mittlerweile verschoben, da sich die enthaltenen Informationen nur auf Österreich beziehen, bei Hengstenberg findet sich offenbar noch eine ältere Wikipedia-Version, bei der von „einigen europäischen Ländern“ die Rede ist.
  6. Eingeführtes europaweites System. Zunächst wird das European Credit Transfer System (ECTS) erklärt. Die Bedeutung der Credit-Points und der relativen ECTS-Noten werden dargelegt sowie Umrechentabellen vom relativen zum traditionellen absoluten Notensystem werden zur Verfügung gestellt (Nachträgliche Anmerkung: werden von Wikipedia zur Verfügung gestellt). Weiterhin finden sich in diesem Abschnitt Informationen zu dem durch den Bologna-Prozess relevant gewordenen Begriff „Modul“. Es wird erklärt, was einen konsekutiver Studiengang im Verglich zu einem nicht-konsekutiven Studiengang ausmacht (jener steht in einem fachlichem Zusammenhang zum grundständigem Studium). Nachdem im vorherigen Kapitel die traditionellen Abschlüsse zum Thema gemacht wurden, findet sich in diesem Kapital nun auch eine in etwa äquivalente Auseinandersetzung mit dem Bachelor. Etymologie, historische und aktuelle Bedeutung finden ebenso Berücksichtigungen wie nationale Besonderheiten beim Bachelor-Abschluss. Auch zum postgradualen Studium und zu Vertiefungsfächern finden sich Informationen. Der Master als akademischer Abschluss wird ebenso erläutert und wie auch beim Bachelor werden in Deutschland mögliche Master-Abschlüsse aufgezählt. Das „Diploma Supplement“ wird im letzten Unterabschnitt erklärt.
  7. Nationale Vertretung und Umsetzung. Hier finden sich Wikipedia-Artikel zu den Stichworten „Hochschulrektorenkonferenz“, „Kultusministerkonferenz“, „Bundesministerium für Bildung und Forschung“, Deutscher Akademischer Austauschdienst“, „Freier zusammenschluss von studentInnenschaften“, „Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände“, „Gewerkschaft Erzeihung und Wissenschaft“, „Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland“ und „Studentenwerk“.
  8. Pro-Argumente. Die Wikipedia-Artikel „Bildungsökonomik“, Beschäftigungsfähigkeit“, „Wettbewerbsfähigkeit“, „Humankapital“, „Braindrain“, „Langzeitstudent“ und „Studienabbrecher“ erscheinen hier als Pro-Argumente.
  9. Contra-Argumente. „Konvergenztheorie“, „Berufsakademie“, „Klassenunterricht“, „Humboldtsches Bildungsideal“, und „Studium generale“ sind in Form von Wikipedia-Artikeln offensichtlich Contra-Argumente.

Diskussion

Das Buch will als „Flashbook“ „blitzartig“ einen Überblick geben. Dies gelingt größtenteils. Jedoch wäre genau der selbe Überblick auch bei einem kostenlosen Besuch bei Wikipedia möglich. Die Informationen sind präzise und nach jedem Abschnitt geben Literaturhinweise und Weblinks die Möglichkeit weiterer Recherche. Dies zeichnet Wikipedia aus, das als Online-Enzyklopädie mancherorts wahrscheinlich einen schlechteren Ruf besitzt, als es verdient. Auch bei den Querverweisen, graphischen Darstellungen und Auflistungen hat sich die Publikation einfach bei Wikipedia bedient. Die breite und eher Fakten fokussierende Darstellung bringt einen gewissen Mangel an Tiefe wohl unausweichlich mit sich und dieser Mangel wird aus Wikipedia mit übernommen. Beispielsweise wird Adorno zugeschrieben, er habe sich zum Humboldt‘schen Bildungsideal bekannt. Dies ist zwar nicht eindeutig falsch, aber doch in einem hohen Maße vereinfacht. Jedoch kann Wikipedia auch hier mit weiterführenden Artikeln dienen; zu Adorno, Kritischer Theorie und „Halbbildung“. Hengstenberg hat sich diese Mühe wahrscheinlich nicht gemacht. Stattdessen bleibt es bei einem Hinweis im Kleingedruckten, dass manche Informationen "misleading or wrong" sein könnten. Die Angabe "some documents" seien aus Wikipedia ist eine Untertreibung. Zwar finden sich manchmal geringfügige Abweichungen vom Wikipedia-Wortlaut, jedoch wird nicht ersichtlich, ob diese auf eine Modifikation der Artikel bei Wikipedia selbst oder auf Hengstenberg zurückzuführen sind. Zudem ist der Hinweis zur Abstammung „einiger“ Texte leicht zu übersehen und aus dem Klappentext wird die Herkunft des größten Teils der Texte auch nicht ersichtlich. Tatsächlich ist bis auf das Vorwort wahrscheinlich alles aus Wikipedia kopiert.

Auch die Aufführung von Wikipedia-Artikeln als „Pro- und Contraargumente“ lässt einige Fragen offen. Beispielsweise erscheint es etwas merkwürdig, „Humankapital“ als Pro-Argument für den Bologna-Prozess aufzuführen. Bei der Humankapital-Theorie handelt es sich eher um eine ökonomische Betrachtungsweise des Ganzen, aus der sich dann mehrere Argumente für den Bologna-Prozess ableiten ließen. Somit ist die Aufführung von „Humankapital“ als „Pro-Argument“ zwar nicht völlig danebengegeriffen, es fehlen jedoch Erläuterungen, wie genau die „Theorie“ mit dem Bologna-Prozess in Verbindung gebracht werden kann. Im offenbar tatsächlich selbstverfassten „Vorwort“ mit der Überschrift „Aktualität“ wird zwar der Versuch einen Erläuterung unternommen, jedoch die falsche Annahme vertreten, mit „Humankapital“ seien die Arbeitskräfte selbst gemeint. Die Lektüre des Wikipedia-Artikels (nicht nur das Kopieren) hätte hier bereits Abhilfe geschaffen.

Im Abschnitt zu den Pro-Argumenten wurde zudem offensichtlich vergessen S. 105 einer Korrektur zu unterziehen. Hat die „Herausgeberin“ ihre eigene hübsche Kollektion eigentlich selbst gelesen? Bei Wikipedia sind einige Fehler und seltsame Ausdrücke noch immer genauso zu finden.

Und inwiefern sollen die Wikipedia-Artikel zu „Klassenunterricht“ und „Studium generale“ Contra-Argumente sein? Lässt sich hier vielleicht noch eine indirekte Verbindung zu möglichen Einwänden gegen den Bologna-Prozess erahnen, so ist es noch schwieriger zu ermitteln, in welcher Verbindung der Artikel zu Berufsakademien zu etwaigen Einwänden gegen den Bologna-Prozess stehen könnte. Ein unbeholfene Versuch einer Verknüpfung findet sich wieder im Einführungskapitel, der jedoch die Auswahl der Artikel nicht weniger willkürlich erscheinen lässt. Man kann also resümieren, dass nicht einmal die Auswahl und das Sortieren der Wikipedia-Texte besonders durchdacht sind.

Dass bei der Rezension erst recht spät auffiel, welchen Ursprungs die Inhalte sind, liegt sicherlich auch daran, dass ein derartiges Verständnis von „wissenschaftlichem Arbeiten“ ziemlich abwegig ist und in einem nicht ganz billigen Buch nicht erwartet wurde.

Fazit

Auf diese Weise kann Hengstenberg natürlich eine Publikation vorweisen und der Verlag Geld verdienen. Sollte es sich der potentielle Leser jedoch nicht zur persönlichen Aufgabe gemacht haben, sein Geld auszugeben, um den VDM-Verlag zu unterstützen und Hengstenberg eine Freunde zu machen, sei ihm ganz dringend an dieser Stelle vom Kauf abgeraten. Wikipedia hingegen ist zur schnellen Information zum Thema „Bologna-Prozess“ vielleicht tatsächlich gar nicht die schlechteste Adresse. Das gesparte Geld kann dann auch lieber Wikipedia gespendet werden!


Rezensentin
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 09.01.2010 zu: Claudine Hengstenberg (Hrsg.): Der Bologna-Prozess: Pro und Contra der Hochschulreform. Fastbook Publishing VDM Publishing House Ltd. (Beau Bassin) 2009. ISBN 978-6-130-10039-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8750.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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