socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anke Grube: Gesund werden im Krankenhaus

Cover Anke Grube: Gesund werden im Krankenhaus. Eine Frage der Passung zwischen subjektiven Erwartungen und angebotenen Widerstandsressourcen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2009. 260 Seiten. ISBN 978-3-8255-0742-8. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR.

Reihe: Münchner Studien zur Kultur- und Sozialpsychologie - 18.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Frage nach möglicher Ergänzung der biomedizinischen Behandlung bei der Gesundheitsentwicklung und –unterstützung von PatientInnen in Krankenhäusern ist eine wichtige Frage für alle beteiligten patientenorientierten Berufsgruppen. Dabei hat der institutionelle und durchstrukturierte Rahmen von Krankenhausbehandlung bisher wenig die subjektiven Erwartungen und individuellen Krankheitskonzeptionen von PatientInnen im Blick. Das ausschließlich biomedizinische Behandlungsparadigma ist wissenschaftlich und fachlich überholt, die notwendige Einbeziehung von sozialen und psychischen Faktoren sowie ein subjektorientierter Therapiezugang werden immer offensichtlicher.

Die diplomierte Sozialpädagogin Anke Grube beschäftigt sich in ihrer hier vorliegenden Dissertation mit den möglichen Ressourcen und Unterstützungsleistungen von Kliniken und hat dazu elf PatientInnen interviewt und methodisch die Ergebnisse empirisch qualitativ analysiert.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Theoretischer Rahmen
  3. Forschungsprozess
  4. Portraits der Interviewpartnerinnen und –partner
  5. Auswertung
  6. Implikationen für das Krankenhaus

2 Theoretischer Rahmen

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Grube nach einer kurzen Einleitung mit unterschiedlichen theoretischen Konstruktionen hinsichtlich einer Annäherung an die Begriffe Krankheit und Gesundheit. Dazu beschreibt sie historische Entwicklungslinien der naturwissenschaftlichen Sichtweise auf Krankheit und die damit verbundene bio-medizinische Schwerpunktsetzung. Dieses „ätiologische Modell“ (6) im Sinne einer möglichen kausalen und reduktionistischen Erklärung von Krankheitsentstehung sei bis heute im Gesundheitswesen weit verbreitet. Weiterhin nimmt sie Bezug auf die medizinsoziologische Erweiterung des Begriffes von Erkrankung und erläutert damit verbundene soziale Anpassungsstörungen. Das führt Grube nun zur Vorstellung des biopsychosozialen Krankheitsmodelles von George L. Engel, das die psychosozialen Erweiterungen in diesem Modell als Konsequenz zu den bio-medizinischen Einschränkungen begreift. Körperfokussierung, Individualisierung von Krankheit, Reduktionismus und „Dogmatismus“ (9) sind hier die wichtigsten Kritikpunkte. Die nachvollziehbare und ausführliche Beschreibung führt dann zur Betrachtung der Gesundheits- und Krankheitsdefinition der World Health Organisation (WHO) von 1948 mit der Ergänzung um die Ottawa Charta von 1986. Leitgedanke war hier der Paradigmenwechsel von Problem- zur Ressourcenorientierung, „statt um passiv-reflexiver Behandlung […] aktiv-gestaltende Menschen“ (11).

Im folgenden Abschnitt geht Grube auf subjektive Vorstellungen von Gesundheit und Erkrankungen ein. Diese haben einen wichtigen Einfluss auf die Behandlungssettings in Krankenhäusern, werden aber in der Praxis von TherapeutInnen kaum wahrgenommen. Deutlich wird in ihren Ausführungen, dass PatientInnen mit unterschiedlichen Konzepten Erklärungen für die eigene Erkrankung suchen. Subjektive Theorien sind dann weitere abstrakte Möglichkeiten, Verursachung, Therapie und Krankheitsfolgen aus Sicht von Betroffenen zu verstehen (16). Die Rückführung auf Emile Durkheim ermöglicht Grube im Folgenden die Darstellung der Bedeutung von sozialen Repräsentationen, d.h. der Blick auf kollektive Beurteilungen von Krankheit und Gesundheit.

Zur vollständigen Betrachtung von Gesundheit und Krankheit darf hier natürlich das salutogenetische Modell von Antonovsky nicht fehlen. Sehr ausführlich stellt Grube uns die einzelnen Komponenten vor. Dazu gehören das Gesundheits-Krankheitskontinuum als Alternative zu einem dichotomen Krankheitsmodell, die transaktionale Stresstheorie, generalisierte Widerstandsressourcen und das Kohärenzgefühl (21-49).

Das Krankenhaus als Institution und Ort von Genesung bzw. Linderung wird im nächsten Abschnitt betrachtet. Die Autorin rekonstruiert zuerst die „historische[n] Wurzeln“ moderner Krankenhäuser (50). Dabei ist die Entwicklung von Asylen bei Krankheit und Armut über die ersten organisierten Behandlungsstätten bei Krankheit zu betriebswirtschaftlich agierenden Unternehmen. Auch die Rollenveränderungen von Krankenhausbeschäftigten und PatientInnen wird kritisch diskutiert. Somit kommt Grube schließlich zur Situation von Krankenhäusern in ihren aktuellen Organisationsformen.

Zur eigentlichen Situation der Erkrankung im Krankenhaus geht sie im Folgenden ein und beschreibt den Behandlungsprozess und damit verbundene rollentheoretische Erkenntnisse. Dazu gehören auch berufliche Identitäten von Medizin, Pflege und anderen Berufsgruppen, wobei die Soziale Arbeit als Spezialistin für die sozialen Faktoren in der Gesamtbehandlung kaum Berücksichtigung findet. Die Darstellung der spezifischen Situation von onkologischen PatientInnen ist dann der Abschluss des ersten Kapitels.

3 Forschungsprozess

Das dritte Kapitel umfasst die transparente und auch intersubjektiv nachvollziehbare Auswahl der Forschungsmethodik. Grube begründet zuerst die Wahl qualitativer empirischer Sozialforschung mit ihrem Interesse an den subjektiven Perspektiven von betroffenen KrebspatientInnen (88). Als zweites Kriterium nennt sie die hohe Komplexität der Fragestellung und die mögliche unzulässige Reduktion durch quantitative Verfahren sowie zuletzt die Intention einer „Theoriegenerierung“ (89).

Die Auswahl von onkologischen PatientInnen erfolgte hinsichtlich der Berücksichtigung eines „kritischen Lebensereignisses“ (93) und erhöhten Wahrscheinlichkeit, in vielen Lebensbereichen bzw. in der sozialen Teilhabe Einschränkungen zu erfahren.

Das Theoretical Sampling zur Darstellung der konkreten Auswahl von PatientInnen erfolgt transparent und ausführlich. Schließlich wurden elf Personen interviewt, davon drei Männer. Grube nutzte Leitfäden im Rahmen von Problemzentrierten Interviews nach Witzel und auch hier bleibt ihr Zugang zu den Interviewten, die Leitfadenkonstruktion, die eigentlichen Interviews und die Auswertung nach Kriterien des Zirkulären Dekonstruierens für die Leser des Buches kein Geheimnis.

4 Portraits

Die Autorin portraitiert die teilnehmenden InterviewpartnerInnen und leitet diese mit kurzen anamnestischen Daten ein. Danach beschreibt sie das jeweilige Verhältnis bzw. die gemachten Erfahrungen mit der Institution Krankenhaus, um somit der Ausgangsfrage nach der Passung zwischen den individuellen Erfahrungen und den gegebenen Widerstandsressourcen näher zu kommen und daraus resultierende Kategorien zu kennzeichnen.

5 Auswertung

In ihrer Auswertung kommt Grube zu der Erkenntnis, dass die unterschiedlichen Aspekte der jeweiligen PatientInnengeschichten, ausschließliche und zentrale (Behandlungs-) Wünsche zu formulieren, so nicht funktioniert. Ihr geht es eher um die Suche nach dem „Matching“ (141), also dem Zusammenpassen von Subjektorientierung und den Bedingungen im Krankenhaus. Hier umfasst die Auswertung die unterschiedlichen Erwartungshaltungen, subjektive Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen, Interpretation von Krankheitsphasen, frühe Erfahrungen mit Krankenhausbehandlung und jeweilige Bedürfnisse. Dazu kommen dann noch Passung auf generalisierte Widerstandsressourcen, die Kategorie Wissenserwerb bei PatientInnen zur Reduzierung von Unsicherheiten, weitere Coping-Strategien und die Fragestellung konkreter Sozialler Unterstützung durch Netzwerke, andere erkrankte Personen und professionell Tätige im Krankenhaus. Die Fokussierung auf spezifische Widerstandsressourcen und mögliche Stärkung des Kohärenzgefühls durch das Krankenhaus erfolgt im Anschluss.

6 Implikation für das Krankenhaus

Grube kommt im letzten Kapitel zu der Überlegung, wie man die Erkenntnis, dass die subjektiven Sichtweisen von PatientInnen im Behandlungssetting einen größeren Raum einnehmen sollten, in die Behandlungsstrukturen integrieren kann. Hier nimmt sie nochmals Bezug auf ihre InterviewpartnerInnen und skizziert die „Expertenrolle“ (211) der Betroffenen hinsichtlich von Verbesserungsvorschlägen in der Krankenhausbehandlung. Schließlich gelangt Anke Grube durch ihre Forschungsarbeit zu der Ansicht, dass auch „kleine Dinge große Wirkung für schwer erkrankte Patienten und Patientinnen haben können“, allerdings nur, wenn sie „im Sinne von Widerstandsressourcen“ mit den subjektiven Erwartungen von PatientInnen zusammenpassen (216).

Diskussion

In ihrer Dissertation hat sich die Autorin mit der Fragestellung der Passung von PatientInnenerwartungen und dem vorgegebenen Strukturen bzw. Rahmenbedingungen in Krankenhäusern beschäftigt. Dazu entschied sie sich für ein transparentes empirisch-qualitatives Forschungsdesign und einer in sich schlüssigen theoretischen Einbindung in schon vorhandene Erkenntnisse. Allerdings fehlen mir konsequenterweise die subjektiven Sichtweisen von KrankenhausmitarbeiterInnen zum besseren Abgleich von Passungsmustern. Insofern hätte dieser Arbeit möglicherweise auch die Nutzung von Experteninterviews gut getan und auch die stärkere Berücksichtigung Sozialer Arbeit im Krankenhaus, die letztlich in ihren Beratungsinhalten erheblichen Einfluss auf die poststationäre Versorgung und die Aktivierung Sozialer Unterstützung nimmt. Ein weiteres Manko ist der nur eingeschränkt dargestellte ethische und mit wenig Zahlen staffierte Kontext Krankenhaus mit all den dramatischen Veränderungen für Betroffene und MitarbeiterInnen in den letzten Jahren. Daher muten die Forderungen dieser Arbeit für Insider etwas anachronistisch an, entbehren aber nicht einer gesundheitsorientierten Logik.

Fazit

Ich halte das Werk von Grube insgesamt für die Zielgruppen Studierende im Gesundheitswesen und im Krankenhaus tätigen Berufsgruppen für gut geeignet, eine qualitative Forschungsarbeit nachzuvollziehen. Auch motiviert das Buch, vermehrt auf Erwartungen und Bedürfnisse von PatientInnen im vollstationären Behandlungszeitraum einzugehen und im Behandlungskontext konzeptionell zu verankern.


Rezension von
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
E-Mail Mailformular


Alle 20 Rezensionen von Stephan Dettmers anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 14.04.2010 zu: Anke Grube: Gesund werden im Krankenhaus. Eine Frage der Passung zwischen subjektiven Erwartungen und angebotenen Widerstandsressourcen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2009. ISBN 978-3-8255-0742-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8755.php, Datum des Zugriffs 02.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung