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Heinrich Küfner: Die Zeit danach

Rezensiert von Prof. lic. phil. Urs Gerber, 19.06.2010

Cover Heinrich Küfner: Die Zeit danach ISBN 978-3-8340-0596-0

Heinrich Küfner: Die Zeit danach. Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für Betroffene nach Entwöhnung und Selbsthilfegruppe. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 9. erweiterte Auflage. 198 Seiten. ISBN 978-3-8340-0596-0. 13,00 EUR. CH: 23,30 sFr.
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Thema

Gute Selbsthilfebücher zu schreiben ist eine hohe Kunst. Zwei gelungene Beispiele sind die Bücher von Insoo Kim Berg und Scott D. Miller „Die Wunder-Methode: Ein völlig neuer Ansatz bei Alkoholproblemen“ und von Matthias Gottschaldt „Alkohol und Medikamente: Wege aus der Abhängigkeit“.

Im Gegensatz zu den vorgenannten Publikationen bemüht sich Heinrich Küfer in seinem Buch „Die Zeit danach“ um eine Methodenpluralität und eine wohltuende Vertiefung von lebenspraktischen Fragen, die sich Betroffenen stellen. Daraus ergibt sich eine grosse Fülle und Reichhaltigkeit von Informationen und Erfahrungen. Ein Vorteil davon ist, und das ist vom Autor bewusst gewählt, dass der Leser, die Leserin ein breite Palette von Ansatzpunkten geboten wird, um selbständig für sich Fortschritte machen zu können. So auch der Tipp des Autors in der Einführung: Einfach mal los schnüffeln im Inhaltsverzeichnis und was einem interessiert lesen!

Das Buch schliesst eine wichtige Lücke im Behandlungsangebot. Es liefert den Betroffenen eine Anleitung für den wichtigen Übergang zwischen stationärer Entwöhnungsbehandlung zur ambulanten Weiterbehandlung. Aus eigenen Forschungen weiss der Autor, wie wichtig dieser Übergang ist, und dass viele genau an dieser Stelle scheitern. Auf eine kluge Art und Weise werden in seinem Buch Grundsatzfragen gestellt und hierauf Methoden vorgestellt, mit denen man an sich selbst weiterarbeiten könnte. Er überlässt es den Betroffenen, ihren eigenen Weg zu finden. Eine wesentliche Leistung dieses Buches ist sicher die Beschreibung von ganz lebenspraktischen Problemen, mit denen Betroffene sich konfrontiert sehen.Autor

Der Autor ist ein bekannter und renommierter Forscher im Alkoholbereich und Leiter der Forschungsgruppe Diagnostik und Therapieevaluation des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München.

Aufbau

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert.

Im ersten Kapitel, Die Situation am Ende der Entwöhnungs- oder Rehabilitationsbehandlung, beginnt mitAbschied und Trennung aus der Einrichtung von Mitklienten und Behandler. Dann folgt eine Bilanz hinsichtlich Suchtverhalten, Gesundheit, Aussehen, Ernährung, materielle Situation und Sicherheit, Therapieerfahrungen, innere und äussere Autonomie und Bindungen (Herkunftsfamilie, Partner, Freunde und weitere soziale Beziehungen). „Wo stehe ich heute?“ Aus diesem individuellen Profil ergeben sich die Ziele und Aufgaben für die erste Zeit nach dem Austritt. Zusätzlich werden noch neue Anforderungen dazu kommen: „Wie integriere ich mich wieder in meine Familie, in meinen Bekanntenkreis, in meine Arbeits- oder Beschäftigungswelt, etc.?“ Zur Unterstützung werden immer wieder Fragen und Checklisten angeboten.

Im zweiten Kapitel, Die Situation danach, wird einfühlend beschrieben, wie nach der Entlassung einem alles fremd vorkommen kann und man sich völlig neu orientieren muss. Der Alltag muss neu strukturiert werden: Nach welchen langfristigen Ziele und Werte richtet ein Betroffener sich nun aus? Wie reagiert er bei Rückfällen, wie bei Selbstwertkrisen, wie bei einer depressiven Krise, wie bei einer suizidalen Krise, wie bei Angst, übermässigen Belastungen und Schwierigkeiten mit dem Partner oder Partnerin?

Anschliessend werden Prüflisten für die verschiedenen Bereiche angeboten, die den Betroffenen helfen sollen, ihre persönliche Lebenssituation besser erfassen zu können.

Im dritten Kapitel wird das Bindungs-Autonomie Modell dargestellt und seine Implikationen für die Suchttherapie.

Im vierten Kapitel, Wie kann ich die Zeit danach nutzen? beginnt der Autor mit einer Anleitung zurSelbstanalyse, führt über zur Darstellung des Veränderungsprozesses und beschreibt wie mit Gefährdungen durch Suchmitteln im Alltag umgegangen werden könnte. Dann folgen Fragen zum Selbstwert, Probleme mit Kontakt mit anderen und der Umgang mit Gefühlen. Dieses Kapitel ist in seiner Fülle von Anregungen sehr lohnenswert zu lesen.

Im fünften Kapitel, Selbsthilfe, professionelle Beratung und Therapie, wird zuerst die Frage nach der Art und Weise der Unterstützung und Hilfe, die ein Betroffener braucht, gefragt. Im zweiten Teil wird das professionelle Hilfesystem und die Selbsthilfe vorgestellt.

Im sechsten Kapitel, Krisen in Selbsthilfe und professioneller Therapie, werden Leitfragen angeboten, die einem helfen können, sich zu orientieren. Wiestellt man zu Beginn fest, ob sich die Gruppe für einen eignet oder nicht? Wie merkt man, dass man eine Behandlung abschliessen kann? Was macht man, wenn man sich nicht akzeptiert fühlt in der Gruppe? Was wenn man Probleme mit dem Gruppenleiter hat? Oder Auseinandersetzungen mit anderen Gruppenmitgliedern? Wenn sich die Gruppe auflöst? Bei Paarbildungen innerhalb der Gruppe? Wenn man bei sich eine geringe Therapiebereitschaft feststellt? Was wenn man sich durch die Gruppe eingeengt fühlt oder die eigene Betroffenheit durch Probleme der anderen zu gross ist?

Im siebten Kapitel, Religion und Sucht, werden differenzierte Überlegungen angestellt, in welchem Verhältnis transzendentale Werte, vor allem religiöse Überzeugungen, zur Behandlung und zur Psychotherapie stehen. Diese Einordnung und Kategorisierung ist lesenswert und wertvoll für die Orientierung der Betroffenen. Religion wird als eine mögliche Werteorientierung in Konkurrenz zu anderen Werten angesehen, während sich Behandlungen unter den Gesichtspunkten von Effektivität und Effizienz beurteilen lassen müssen.

Im Anhang, das achte Kapitel des Buches, werden die zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker aufgeführt, dann werden Hinweise zum Konstruieren seiner persönlichen Biographie gegeben. Weiter folgen der Fagerström –Test zum Rauchverhalten, Hinweise zur Überprüfung des Essverhaltens, Hinweise zur Traumdeutung und eine kurze Anleitung zur Progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson. Den Abschluss bilden ein Adress- und ein Literaturverzeichnis.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich anBetroffene. Für Berufseinsteiger in das Feld der Suchtarbeit ist das Buch ebenfalls gut geeignet. Erfahrene in der Suchtarbeit werden einige Anregungen in ihren beruflichen Alltag integrieren können.

Diskussion

Ob dieses Buch erfolgreich ist, hängt nicht von der Beurteilung der Professionellen in der Suchtarbeit ab, sondern von den Betroffenen, die es kaufen und lesen. Sie entscheiden, ob es für sie einen Nutzen bringt. Das das Buch schon in der neunten Auflage erscheint, zum ersten Mal 1991, ist ein Indikator, dass es einem Bedürfnis der Betroffenen entspricht.

Das Buch greift die wichtige Erkenntnisse in der Suchtarbeit auf: Ohne eigenes Bemühen und der Beschäftigung mit existentiellen Fragen, werden wohl die wenigsten Betroffenen Erfolg haben bei der Bewältigung ihrer Sucht. Betroffene müssen ihre Suchtgeschichten integrieren in ihre Lebensgeschichte, nur so können sie versuchen ihre eigenen inneren Anteile in Zukunft sinnvoll zu steuern. Sobald ich als Betroffener einen Sinn in einer abstinenten Lebensführung erkenne, kann der Erfolg nachhaltig sein.

Schön ist die breite Palette an Vorgehensweisen, die vorgeschlagen wird. So besteht eine grosse Auswahl von Möglichkeiten. Auf diese kann der Leser oder die Leserin seinen oder ihren individuellen Weg durch den Dschungel des Behandlungs- und Therapieangebotes finden. Gut ist dabei, dass die Selbsthilfegruppierungen einen wichtigen Stellenwert einnehmen.

Hilfreich wäre ein Schlagwortregister, in dem man Themen, die einem interessieren, gleich nachschlagen könnte, wie zum Beispiel kontrolliertes Trinken.

Wertvoll und bereichernd sind auf die eingestreuten Aphorismen.

Fazit

Ein Buch, das in Behandlungseinrichtungen für die Betroffenen aufliegen sollte. Auch für Fachleute ist es interessant, um Tipps und Anregungen für ihre tägliche Arbeit daraus zu ziehen.

Rezension von
Prof. lic. phil. Urs Gerber
Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, Olten
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Es gibt 11 Rezensionen von Urs Gerber.

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Zitiervorschlag
Urs Gerber. Rezension vom 19.06.2010 zu: Heinrich Küfner: Die Zeit danach. Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für Betroffene nach Entwöhnung und Selbsthilfegruppe. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 9. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8340-0596-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8771.php, Datum des Zugriffs 15.08.2022.


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