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Thomas Schumacher: Soziale Arbeit als ethische Wissenschaft

Cover Thomas Schumacher: Soziale Arbeit als ethische Wissenschaft. Topologie einer Profession. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2007. 308 Seiten. ISBN 978-3-8282-0421-8. 32,00 EUR.

Reihe: Dimensionen sozialer Arbeit und der Pflege - Band 11.
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Thomas Schumacher: Soziale Arbeit als ethische Wissenschaft - Topologie einer Profession. (Dimensionen Sozialer Arbeit und der Pflege, Bd. 11) Lucius & Lucius (Stuttgart), 2007, 308 Seiten, ISBN 978-3-8282-0421-8. 32.- €

Thema

In diesem Band entwickelt der Autor eine umfassende Professions- und Wissenschaftstheorie der Sozialen Arbeit. Ausgehend von der Diskussion der letzten beiden Jahrzehnte, die u.a. durch die Arbeiten von E.Engelke, A.Mühlum, H.Thiersch und besonders von S.Staub-Bernasconi geprägt ist, stellt Schumacher die Ethik ins Zentrum des wissenschaftlichen Selbstverständnisses von Sozialer Arbeit. Dabei wird die breite philosophische und theologische Dimensionalität der Ethik umfassend in den Blick genommen und auf die konkreten Aspekte der sozialarbeiterischen Profession und ihrer jeweiligen Bezugswissenschaften bezogen. Dies geschieht in drei Hauptschritten: Zunächst geht es um die Frage der Wissenschaftlichkeit von Sozialer Arbeit an sich, dann erläutert der Autor den zentralen Stellenwert wissenschaftlicher Ethik im Selbstverständnis von Sozialer Arbeit und schließlich wird die eigentliche These des Buches erläutert, dass nämlich Soziale Arbeit selbst als Ethische Wissenschaft zu verstehen sei. - Im Verlauf seiner Arbeit setzt sich Schumacher auch kritisch mit dem durch die Berufsverbände (DBSH und IFSW) entwickelten und teilweise als zu eng beurteilten Professions- und Ethikverständnis von Sozialer Arbeit auseinander. Als Ergebnis wird im Anhang des Buches eine eigene, aus der gedanklichen Arbeit Schumachers entwickelte Grundlegung einer sozialarbeiterischen Berufsethik vorgestellt.

Autor

Dr. phil. Thomas Schumacher ist seit 2000 Professor für Philosophie in der Sozialen Arbeit an der Kath. Stiftungsfachhochschule München. Nach langjähriger Tätigkeit in der Stationären Jugendhilfe hat er seit 2000 eine größere Zahl von Untersuchungen zum Professions- und Wissenschaftsverständnis von Sozialer Arbeit veröffentlicht.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung (S. 1-6) führt der Autor in die Problemlage der Diskussion um die Soziale Arbeit als Wissenschaft und Profession ein. Dabei umreißt er Ansatzpunkte der gegenwärtigen Diskussion, geht auf die Problematik des Berufsverständnisses der Sozialen Arbeit ein und benennt schließlich die Aufgabe seiner Untersuchung: Wert und Ansehen des Berufs Soziale Arbeit als Ausgangspunkt und Ziel und konstruktive Weiterführung des Diskurses über das sich wandelnde Selbstverständnis dieses Berufs.

Im Ersten Hauptteil (S. 7-80) geht es in fünf einzelnen Kapitel um Soziale Arbeit als Wissenschaft.

  • Kap. 1: Das wissenschaftliche Wesen der Sozialen Arbeit (S.9-20) behandelt in fünf Abschnitten und einer Zusammenfassung allgemeine Wissensbezüge der Sozialen Arbeit, hebt die für die Wissenschaftlichkeit besondere Bedeutung der Evaluation hervor, befasst sich mit dem spezifischen Erkenntnisanliegen der Soz. Arbeit und betont, dass die Wahrheitsfrage an den Menschen als Erkenntnissubjekt gebunden sein muss.
  • Kap. 2: Kriterien einer Sozialen Arbeit als Wissenschaft (S. 21-37) gibt den Stand der Theorieüberlegungen und der Diskussion über die Bestimmung des Gegenstandes wieder. Aus der Begriffs- und Theoriediskussion ergibt sich das Prinzip, den Begriff der Soz. Arbeit als sinnvolles und notwendiges Handeln im Gesellschaftsverständnis strukturell zu verankern, wissenschaftlich zu begründen und in Theorie und Praxis auf ethische Bezugspunkte zu beziehen.
  • Kap. 3: Das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Sozialen Arbeit (S. 39-50) bezieht die wissenschaftliche Begründungs- und Reflexionsebene auf die Praxis und entwickelt eine Vermittlungstheorie beider Ebenen.
  • Kap. 4: Zum Verständnis Sozialer Arbeit als Praxis (S.51-66) geht vom spezifischen Verständnis des Hilfebegriffs aus, entwickelt die Aufgabenstellung der Soz. Arbeit und die sich daraus ergebende Theorie der Methodik sowie des Verhältnisses von Praxis und Sittlichkeit.
  • Kap. 5: Die Funktionen der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft (S. 67-80) erörtert die Frage nach dem gesellschaftlichen Mandat, nach dem Prinzip von Solidarität und Subsidiarität sowie nach der einerseits in der Gesellschaft verankerten andererseits aber nicht von gesellschaftlichen Ansprüchen bestimmten Funktion der Soz. Arbeit.

Im Zweiten Hauptteil (S. 81-172) geht der Autor - wieder in fünf Einzelkapiteln - der Frage nach der Ethik als zentralem Kennzeichen Sozialer Arbeit nach.

  • Kap. 6: Das vernachlässigte Ethikprofil (S. 83-100) nimmt Defizite im ethischen Diskurs der Gegenwart in den Blick, insbesondere Nachwirkungen der Deformationen in der NS-Zeit und der in der DDR eingetretenen Ideologisierung, ferner die zu Allgemeinplätzen führenden Einwirkungen von Interessenkonstellationen sowie die bisweilen zu beobachtende Beschränkung auf Selbstverständlicheiten.
  • Kap. 7: Die zwei Dimensionen sozialarbeiterischer Ethik (S. 101-114) geht auf die doppelte Dimension des Verantwortungsbegriffs ein, einmal bezogen auf das konkrete Handeln in der sozialarbeiterischen Praxis, zum andern auf die konzeptionelle Gestaltung im allgemeinen Handlungsrahmen. Entsprechend differenziert wird dann auch der Begriff des Mandats behandelt.
  • Kap. 8: Bezugspunkte und Quellen der Ethik in der Sozialen Arbeit (S. 115-133) sind alle Ethikansätze, die menschliches Handeln in Wertebezüge einbinden, ferner induktive Ansätze, die deduktiven Ableitungsverfahren gegenübertreten ebenso wie individuelle Ansätze, die allgemeinen Vernunftbegründungen gegenüberstehen. Hier sind auch theologische normative Begründungsmuster zu nennen, die dem Menschenverständnis von Sozialer Arbeit entgegenkommen. Den Akteuren des sozialen Handelns kommt die Aufgabe zu, im Rahmen des allgemeinen Diskurses ihren jeweils eigenen ethischen Geltungsanspruch über das beruflich-professionelle Selbstverständnis zu formulieren.
  • Kap. 9: Ethik als Merkmal der Praxiswissenschaft Soziale Arbeit (S. 135-149) reflektiert zunächst den Begriff der Praxiswissenschaft und damit bisweilen verbundene Oberflächlichkeiten. Sozialarbeiterische Ethik vermittelt Wissenschaft und Praxis in einer normativen Absicht, die letztlich über die Sittlichkeit des gesellschaftlichen Zusammenlebens begründet ist. Damit kommt auch der Begriff der Kultur in den Blick, mit dem zugleich auch transkulturelle Aspekte verbunden sind.
  • Kap. 10:Die Notwendigkeit einer ethischen Bestimmtheit Sozialer Arbeit (S. 151-172) betont die Unverzichtbarkeit von Grundregeln des Sozialen Handelns angesichts einer bewegten gesellschaftlichen Situation und der Vielfalt lebensweltlicher Besonderheiten. Dabei wird ein dreifacher Pflichtbegriff zugrunde gelegt: Die pflichtgemäße Erfüllung des Mandats, die Bindung an einen verpflichtenden Wertebezug, die normative Ausrichtung des Handelns, die, ideal gesprochen, eine allgemeine Sittlichkeit zu realisieren hilft.

Der dritte Hauptteil (S. 173-275) nimmt - auch hier in fünf Einzelkapiteln - Soziale Arbeit als ethische Wissenschaft in den Blick.

  • Kap. 11: Ethik als Theorieanliegen in der Sozialen Arbeit (S. 175-191) erinnert an die Ursprünge der ethischen Orientierung in der Sozialen Arbeit (Elberfelder System / A.Salomon), die zugleich den Beginn der wissenschaftlichen Vertiefung darstellen. In der weiteren Entwicklung erweist sich Ethik als Grundmotiv aller sozialarbeiterischen Handlungstheorie.
  • Kap. 12: Die Synthese von Ethik und Wissenschaft (S. 194-211) wird als funktionale Verbindung beschrieben, deren Aufgabe es ist, Widersprüche und Bruchstückhaftes miteinander zu einem Ganzen zu verbinden. Der kulturelle Rahmen dieser Synthese gibt - in der Form religiöser und philosophischer Traditionen - ganzheitliche Lösungsmuster vor, die dann ihrerseits auch den Blick auf andere Kulturen ermöglichen.
  • Kap. 13: Das ethische Selbstverständnis Sozialer Arbeit (S. 213-236) geht vom Menschenbild als vernunftbegabtem, sozialem Wesen aus, dem die Demokratie als Lebensform entspricht. Hierin begründet sich das Recht zur Einmischung auf der Basis von verfassungsmäßig verankerten Menschenrechten. In einem Exkurs zur Diskussion um die Sterbehilfe wird dieser Ansatz konkretisiert und zugespitzt. Dabei erweisen sich theologisch-religiöse Orientierungen und säkulare Wertbezüge nicht als Widerspruch sondern erläutern sich gegenseitig.
  • Kap. 14: Ethische Handlungsprofile (S. 237-258) werden auf der Grundlage des zwischen der Sozialen Arbeit und der Ökonomie geschlossenen Friedens entwickelt. Denn das öffentliche Handeln der Sozialen Arbeit repräsentiert selbst eine ökonomische Position. Von da aus werden Perspektiven des Sozialen Handelns in Politik und Zivilgesellschaft entwickelt, die auf dem doppelten Prinzip von Führung und Mitgefühl beruhen. Über die einzelnen Handlungsmethoden hinaus geht es dabei auch um Integrative Kulturarbeit und letztlich um eine Berufsethik als unerlässliche Handhabe des Sozialen Handelns.
  • Kap. 15: Soziale Arbeit als Profession (S. 259-275) nimmt das gesellschaftliche Mandat zur sozialen Problemlösung an. Sie legitimiert sich einerseits aus ihrer wissenschaftlichen Kompetenz, andererseits aus ihrer Begründung in einer Ethik, welche als Basis allen Denkens und Handelns Soziale Arbeit letztlich als ethische Wissenschaft begründet. Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit fügen sich so ganz in die Konturen der modernen Zivilgesellschaft ein, deren konstitutive Werte auch das Sozialarbeitsdenken erfüllen.

Im Anhang (S.279-284) beschreibt der Autor vor dem Hintergrund der von ihm entwickelten Gedanken Grundlegende Merkmale einer sozialarbeiterischen Berufsethik.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis (S.285-297) und ein Sach- und Personenregister (S. 299-304/305-308) bilden einen hilfreichen Apparat zur Benutzung des Buches.

Zielgruppe

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zum ethischen Diskurs in der Sozialarbeitstheorie, der für alle in der einschlägigen Forschung Tätigen, aber auch für die am öffentlichen ethischen Diskurs Beteiligten von großem Wert ist. Darüber hinaus ist es auch ein wichtiger Beitrag zum allgemeinen gesellschaftsethischen Diskurs über die fachinterne Diskussion hinaus.

Studierende - insbesondere im Master- und ggf. Promotionsstudium - werden dieses Buch vor allem dann mit Gewinn lesen, wenn sie an einer hoch differenzierten Gesamtschau der gegenwärtigen Problemlage der Sozialarbeitsethik interessiert sind.

Als Lehrbuch ist es vor allem da zu empfehlen, wo Interesse an einer prinzipiellen Systematik der Sozialarbeitstheorie besteht.

Diskussion

Der Untertitel "Topologie einer Profession" weist auf die Besonderheit der Arbeit von Thomas Schumacher hin: Basierend auf der ethischen Diskussion in der Sozialarbeitswissenschaft der letzten zwei Jahrzehnte, aber darüber hinaus weit ausgreifend in die Tiefendimensionen der theologischen und philosophischen Ethik entwickelt Schumacher eine grundlegende Systematik der Sozialen Arbeit und ihres Professionsverständnisses. Damit führt er die Diskussion wirklich weiter und stellt die Sozialarbeitstheorie auf eine neue Diskursebene: Ohne den Blick auf den Praxisbezug zu verlieren wird die Theorie auf die gesellschaftswissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Theoriebildungen bezogen und kann so zu ihnen in eine selbst bewusste Wechselbeziehung treten. Insbesondere der Ansatz von S.Staub-Bernasconi wird so in seiner bereits dort angelegten Intention weitergeführt.

Fazit

Das bereits 2007 erschienene Buch von Thomas Schumacher stellt eine hervorragende Grundlage für den intra- wie interdisziplinären Diskurs über wissenschaftliche und ethische Grundlagen der Sozialarbeitswissenschaft in ihrem Bezug zu allgemeinen gesellschaftswissenschaftlichen und ethischen Theorien dar. Über aktuelle Bezüge hinaus enthält es grundlegende Überlegungen von allgemeiner Gültigkeit. Für anspruchsvolle Studierende ist es ebenso von großem Wert wie für Lehrende und am theoriewissenschaftlichen Diskurs Beteiligte. Der nicht immer einfach zu lesende Text wird durch übersichtliche Strukturierung, zusammenfassende Textpassagen sowie durch ausführliche Apparate erschließbar gemacht, sodass das Buch auch als Handbuch zu einzelnen Fragen gut benutzbar ist. - Sehr empfehlenswert.

Rezensent

Prof. Dr. Michael Brömse, Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 15.03.2010 zu: Thomas Schumacher: Soziale Arbeit als ethische Wissenschaft. Topologie einer Profession. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-8282-0421-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8773.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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