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Nicola Liebert, Barbara Bauer: Die Globalisierungsmacher

Cover Nicola Liebert, Barbara Bauer: Die Globalisierungsmacher. Konzerne, Netzwerker, Abgehängte. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2007. 111 Seiten. ISBN 978-3-937683-14-0. 8,50 EUR.

Reihe: Le monde diplomatique - No. 2.
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Von Heuschrecken, Gewinnern und Verlierern: Globalisierung wird gemacht

Die Analysen, Prognosen und Warnungen, dass die sich in der immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt ausbreitende Markt-Macht, der „entfesselte Weltmarkt“, mittlerweile nicht mehr nur die traditionellen Verlierer in den ärmeren Ländern der Erde bedrohe, sondern in zunehmendem Maße auch die bisherigen Gewinner und Wohlhabenden, nehmen zu. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat bisher nicht dazu geführt, dass die etablierten Formen und Systeme des „Marktradikalismus“ sich ändern (Atlas der Globalisierung vgl. die Rezension in Socialnet in Socialnet); die weitgehend gescheiterten Verhandlungen beim Klimagipfel in Kopenhagen lassen keinen globalen Bewusstseinswandel erkennen. Aber Globalisierung fällt nicht vom Himmel, sondern sie wird gemacht – von multinationalen Konzernen, von Produzenten und Händlern, von Politikern und Regierungen, von Arbeitern, Wissenschaftlern und Gewerkschaften, von internationalen Organisationen und NGOs, von jedem von uns also mit mehr oder weniger Macht. In der Auseinandersetzung stehen sich die Befürworter der lokalen und globalen, freien Marktwirtschaft (vgl. dazu: Sebastian Dullien, u.a., Der gute Kapitalismus… und was sich dafür nach der Krise ändern müsste, transcript Verlag 2009, vgl. die Rezension in Socialnet) und die Vertreter einer kritischen Internationalen Politischen Ökonomie (Eva Hartmann u.a., Hrsg., Globalisierung, Macht und Hegemonie, Verlag Westfälisches Dampfboot 2009, vgl. die Rezension in Socialnet) diametral, unversöhnlich und mit wenig Hoffnung auf eine zukunftsfähige Lösung gegenüber. Dabei sprechen die Fakten eine deutliche Sprache! Doch die Anstrengungen, die schädlichen Wirkungen einer globalisierten Weltwirtschaft zu bändigen und zu einer humanen Gestaltung der Globalisierung zu gelangen, werden allzu zögerlich angegangen. Die Argumente, Analysen, Statistiken und Worte liegen schon lange auf dem Welttisch; doch an den Taten mangelt es.

Aufbau und Inhalt

Diese Klage führt Nicola Liebert vom Verlag Edition Le Monde diplomatique im zweiten Heft des dem Globalisierungsatlas ergänzenden Informations- und Argumentationsmaterials. In sieben Kapiteln wird dargelegt, was Globalisierung ist und wer sie macht; etwa der US-Konzern „General Electric“ als Global Player, der „Kapitalismus zum Shareholder-Value-Prinzip (macht), das nur die Rendite der Anteilseigner im Blick hat“, die Supermarktkette „Wal-Mart“, der als größter Arbeitgeber der Welt vor macht, wie eine globalisierte Wirtschaft funktioniert: „Die Gewerkschaften bekämpfen, die Produktion verlagern, die Lieferanten unter Druck setzen – und mit Hilfe von Kommunikationsexperten für eine weiße Weste sorgen“; der Möbelmulti „Ikea“, der zwar mit einem „globalen Verhaltenskodex“ sein (Verkaufs-)Image aufpoliert, aber die Hersteller und Subunternehmer seiner Erzeugnisse ausbeutet. Dabei haben die Vereinten Nationen 1999 den „Global Compact“ veröffentlicht, mit dem das globale Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen geschärft werden soll. Es sind zehn Prinzipien , die zu einem sozial- und umweltverträglichen globalen Wirtschaften verpflichten: Einhaltung der Menschenrechte, der Arbeitsnormen, des Umweltschutzes und der Korruptionsbekämpfung. Rund 3000 Unternehmen haben mittlerweile den Globalen Pakt unterzeichnet. In einer ersten Bestandsaufnahme 2007 jedoch stellen die Vereinten Nationen fest, dass nur ein verschwindend kleiner Teil der Unterzeichner die Versprechen in der Realität einhält (nach dem neuesten Stand haben sich bis Mitte 2009 rund 7.000 Teilnehmer, davon 5.000 Unternehmen verpflichtet, sich an die Prinzipien des Global Compact zu halten).

Im zweiten Kapitel geht es um die Hedgefonds, Pensionsfonds und die „Herren des Geldes“, die mit ihrem Kapital immer reicher werden, es immer skrupelloser einsetzen und die Weltwirtschaftskrise damit produzieren. Kaum bekannt z. B. ist es, dass der reichste Mann der Welt ein Mexikaner ist: Carlos Slim Helú mit einem Vermögen von § 53 100 000 000. Er hat sein Geld überwiegend mit Spekulationen auf dem Aktienweltmarkt verdient. In der Welt-Hit-Liste folgt ihm der indische, in London lebende Unternehmer Lakshmi Mittal mit $32 000 000 000. Nach wie vor aber leben die meisten Milliardäre, nämlich 415 in den USA, gefolgt von 55 deutschen und 53 russischen Kapitaleignern.

Das dritte Kapitel zeigt „das globale Proletariat“, in den Bananenplantagen Ecuadors, die billigen Haushaltshilfen für die Wohlhabenden, die mit Hungerlöhnen bezahlten „Gastarbeiter im Internet“. Sie sind es, die von der Globalisierungswelle weggeschwemmt werden und als Stabilisatoren für die Wellenreiter dienen.

Im vierten Kapitel wird das Grundproblem des entfesselten Marktes diskutiert: Es sind die Arbeitsbedingungen, unter denen Menschen für das Kapital schuften, und es sind die machtlosen Gewerkschaften, die den Arbeitern in der globalen Textilindustrie und in den Zulieferbetrieben der Konzerne weder Schutz noch Rechtsbeistand zu leisten vermögen.

„Die Beherrscher der Ressourcen“ sind es, die im fünften Kapitel dargestellt werden: Erdöl, Erdgas, Energie, Wasser. Am Beispiel von Coca Cola in Indien wird „der Siegeszug… (als) ein Raubzug gegen die Wasserreserven „ dargestellt.

Als die „Herren der Schöpfung“ werden die Chemie- und Pharmakonzerne im sechsten Kapitel betitelt; etwa der US-Saatgutkonzern Monsanto und seine Geschäfts- und Kapitalisierungsstrategie bei der Propagierung und beim Einsatz von gen-manipulierten Getreidesorten, wie Soja (in Argentinien), Baumwolle (in Mali), sowie beim Einsatz und Testen von neu entwickelten Pharmaprodukten bei Menschen in den Ländern des Südens. Es ist die „absurde Welt des Agrarhandels“, mit den katastrophalen Folgen, wie sie beim letzten FAO-Welternährungsgipfel im November 2009 in Rom öffentlich geworden sind: Die Zahl der hungernden und unterernährten Menschen in der Welt beträgt derzeit rund eine Milliarde Menschen, das sind 105 Millionen Hungrige mehr als 2008. Und die Statistiker haben ausgerechnet, dass alle 30 Sekunden weltweit fünf Kinder wegen Unterernährung sterben.

Schließlich werden im siebten und letzten Kapitel die „Organisierten“ vorgestellt: Zum einen die „Kaderschmieden der Entwicklungspolitik“, also der zukünftigen Globalisierungsmacher im Sinne der westlichen, ökonomischen und politischen Strategien, die sich allzu gerne den Button „Good Governance“ anheften und dafür sorgen, dass sich die „Reproduktionsstrategien“ auf dem weltmarktkapitalistisch definierten Terrain fortsetzt. Mit dem Slogan „Eine andere Welt ist möglich“ macht die Gegenbewegung Attac Front gegen die neoliberale Globalisierung. Doch die Frontstellung ist ausgerichtet auf einen „konstruktiven Dialog zwischen Kritikern der Globalisierung und den gewählten Amtsinhabern“; denn nicht alle seien Handlanger des Neoliberalismus, sondern „viele sind eher ratlos. Sie warten auf konkrete, unmittelbar umsetzbare Vorschläge“.

Fazit

Beim ersten Durchblättern des Argumentationshefts hat man den Eindruck, dass die dargestellten Aspekte über „Globalisierung und wer sie macht“ eher zufällig zusammen gestellt sind. Aber in der Summe der Belege und Beispiele wird deutlich: Der Kreis schließt sich, und das Ziel, allgemeinverständlich das schwierige Problem der Globalisierung zu vermitteln, gelingt; zumal, gewissermaßen eingeschoben zwischen die einzelnen Kapitel, die Portraits der Theoretiker des ökonomischen Denkens, von Adam Smith, über David Ricardo, Karl Marx, John M. Keynes, Joseph A. Schumpeter, Karl Polanyi, Friedrich A. von Hayek, bis Milton Friedman, eine „Chronik der Globalisierung“ aufzeigen. Wer in der Bildungs- und gesellschaftlichen Aufklärungsarbeit tätig ist, sowohl in der Schule, in der Erwachsenenbildung, Politik und in der wissenschaftlichen Ausbildung, der sollte das Heft „Die Globalisierungsmacher“ bereit liegen haben.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.01.2010 zu: Nicola Liebert, Barbara Bauer: Die Globalisierungsmacher. Konzerne, Netzwerker, Abgehängte. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2007. ISBN 978-3-937683-14-0. Reihe: Le monde diplomatique - No. 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8775.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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