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Ian Morton: Die Würde wahren [...] (Demenz)

Cover Ian Morton: Die Würde wahren. Personenzentrierte Ansätze in der Betreuung von Menschen mit Demenz. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2002. 220 Seiten. ISBN 978-3-608-91039-1. 24,00 EUR.
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Vorbemerkungen

Der Ansatz der personenzentrierten Demenzpflege- und Betreuung kann im deutschsprachigen Raum noch nicht als etabliert angesehen werden, wird aber von Verbänden und Praktikern zunehmend interessiert aufgegriffen und umgesetzt. Der personenzentrierte Ansatz stellt die Person mit Demenz und ihr Erleben in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. In der Geschichte der Demenzpflege stand zuerst die Institution im Mittelpunkt und deren Interessen wurden wahrgenommen. Danach verschob sich das Interesse zu den Angehörigen, deren Wünschen und deren Erleben. Nun verschiebt sich die Aufmerksamkeit zu den Menschen mit Demenz selbst und versteht sie als Personen mit Gefühlen und Wünschen, deren Erfüllung eine bessere Lebensqualität bedeuten. So geht der personenzentrierte Ansatz bei Demenz davon aus, dass diese Behinderung nicht automatisch eine geringe Lebensqualität bewirkt, sondern dass durch soziales Eingebundensein und eine den Bedürfnissen angepasste Umfeldgestaltung ein Wohlbefinden erreicht werden kann, welches die Lebensqualität erheblich steigert.

Damit wird ein neues, erweitertes Paradigma zum Verständnis der Demenz entwickelt, welches das alte medizinische Paradigma, in dem Demenz als eine organisch bedingte psychische Erkrankung verstanden wird, abgelöst.

Der personenzentrierte Ansatz zum Verständnis der Demenz hat sich in Großbritannien schon weiter etabliert, als dies im deutschsprachigen Raum bisher der Fall ist. Daher ist die vorliegende Übersetzung von Ian Morton besonders interessant, denn hier wird geschildert, welche Entwicklungsetappen der personenzentrierte Ansatz in Großbritannien durchlebt hat, welche Gründe für eine Weiterentwicklung vorlagen und vor allem auch, in welchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einzelne Entwicklungsetappen vollzogen wurden.

So wird für den Leser der personenzentrierte Ansatz bei Demenz entwickelt und eine Standortbestimmung der deutschen Demenzpflege- und Betreuung wird durch die Reflexion der britischen Entwicklung möglich.

Der Autor

Ian Morton ist Philosoph und arbeitet als Manager und Dementia Care Mapping Koordinator einer Tagespflegeeinrichtung für Personen mit Demenz. Er ist professionell in die Entwicklung des personenzentrierten Ansatzes in Großbritannien eingebunden und reflektiert auch seine eigenen Erfahrungen. Er hat in verschiedenen Fachzeitschriften publiziert.

Morton benutzt in diesem Buch eine angenehm unkomplizierte Sprache und legt Wert auf eine nachvollziehbare Argumentationskette. Das Buch ist angenehm zu lesen.

Die Inhalte

Ian Morton stellt in 5 Kapiteln verschiedene Entwicklungsschritte personenzentrierter Pflege- und Betreuung für Menschen mit Demenz dar.

  • Die Ursprünge
  • Hier wird der theoretische Ansatz von Carl Rogers als Ursprung des personenzentrierten Ansatzes dargestellt.

    Der Umfang dieses Kapitels beträgt 21 Seiten.

  • Validationstherapie
  • Das Kapitel beginnt mit der Entwicklung des Validationsansatzes von Naomi Feil und anderen im historischen Kontext des Verständnisses der Demenz der siebziger Jahre in den USA. Der Werdegang der Validationstherapie bezogen auf Feils theoretische Aussagen wie auch die praktischen Aspekte und Erfahrungen der Validationstherapie werden dargestellt. Ausführlich wird weiter diskutiert, welche Unklarheiten und unlogischen Schlüsse in der theoretischen Arbeit Feils zu verzeichnen sind. Aus den Praxiserfahrungen des Autors werden abschließend Einzel- und Gruppenvalidationsansätze besprochen.

    Der Umfang dieses Kapitels beträgt 65 Seiten.

  • Resolutionstherapie
  • In diesem Kapitel wird der erste britische Versuch geschildert, eine personenzentrierte Sichtweise in die Demenzpflege einzubringen. Diese Darstellung belegt in erster Linie den plötzlich einsetzenden Wunsch der betreuenden Berufsgruppen im Demenzumfeld, eine Neuorientierung zu vollziehen, die emotionales Verstehen und angemessene Umfeldanpassung beinhaltet.

    Dieses Kapitel umfasst 10 Seiten.

  • Tom Kitwood, die Bradford Dementia Group und Spring Mount
  • Dieses Kapitel beschreibt die Weiterentwicklung des personenzentrierten Ansatzes bei Demenz von Tom Kitwood. Auf den theoretischen Hintergrund wie auch auf die praktische Arbeit mit Dementia Care Mapping wird eingegangen. Ebenso enthält dieses Kapitel viele Hintergrundinformationen der geschichtlichen Rahmenbedingungen, in denen Kitwood und die Bradford Dementia Group gegen Widerstände angehen mussten. Deutlich wird hier beschrieben, wie das personenzentrierte Paradigma allmählich anerkannt wird und das bisher vorherrschende Medizinische Paradigma der Demenz ablöst. Recht kurz wird am Ende auf den Verbesserungsprozess der Demenzpflege in Spring Mount eingegangen

    Der Umfang dieses Kapitels beträgt 65 Seiten.

  • Proutys Prä-Therapie
  • Hier wird ein Therapieansatz vorgestellt, der in der Demenzbetreuung noch neu ist. Mit dieser therapeutischen Methode sollen Personen mit Demenz, die kaum Zugang zu ihrer eigenen Gefühlswelt haben wieder in die Lage versetzt werden, Kontakt zu ihren Gefühlen zu erhalten und dadurch auch in Kontakt zu anderen Menschen treten zu können. Dieses Kapitel ist von Ian Morton und Dion Van Werde gemeinsam entwickelt worden. Dion Van Werde ist ein auch in Deutschland bekannter Vertreter der Prä-Therapie.

    Der Umfang dieses Kapitels beträgt 33 Seiten.

  • Auf dem Weg zu einer personenzentrierten Kultur der Demenzpflege?
  • In diesem Kapitel setzt sich Morten abschließend mit verschiedenen personenzentrierten Aspekten auseinander, wie der Bedeutung subjektiver Erfahrung oder der Authentizität zwischenmenschlicher Beziehungen. Er geht hier der Frage nach, was dieser Verständnisrahmen für die Menschen bedeutet, die mit Personen mit Demenz Kontakt haben und beschreibt die Erfahrungen verschiedener Praktiker.

    Der Umfang diesesKapitels beträgt 12 Seiten

Fazit

Diese Übersetzung füllt eine wesentliche Lücke in der deutschsprachigen Literatur, die zum personenzentrierten Ansatz bei Demenz bisher kaum Fachliteratur bietet. Das Buch ist für alle professionellen Berufsgruppen geeignet, auf einen ausgrenzenden Fachjargon wird verzichtet. Da der personenzentrierte Ansatz bei Demenz als eine multiprofessionelle Verständnis- und Handlungsgrundlage verstanden wird, erfüllt die allgemein verständliche Sprache diese Anforderungen.

Die praktische Bedeutung des Buches für den deutschsprachigen Raum besteht in der zunehmenden Aufmerksamkeit gegenüber dem personenzentrierten Ansatz bei Demenz. Im Rahmen dieses Ansatzes wird auch Dementia Care Mapping zunehmend in Einrichtungen der stationären Altenpflege angewandt und von einigen Bundesländern bereits als Qualitätssicherungsinstrument empfohlen. Ebenso werden verschiedene Großprojekte zur Verbesserung der Pflegequalität bei Demenz mit Dementia Care Mapping durchgeführt. Daher ist Ian Mortons Darstellung der Entwicklung personenzentrierter Ansätze als Grundlagenliteratur sehr zu empfehlen.

Persönliche Schlussbemerkung

Diese Zweitrezension entstand als Reaktion auf die früher zu diesem Buch veröffentlichte Rezension, die eine grundlegend kritische Haltung zum personenzentrierten Ansatz einnimmt und fehlende Wissenschaftlichkeit postuliert. Tatsächlich ist zu den theoretischen Hintergründen und praktischen Veränderungspotentialen des personenzentrierten Ansatzes bei Demenz ein umfangreicher wissenschaftlicher Forschungsbestand vorhanden. Beforscht wurde der personenzentrierte Ansatz hauptsächlich in den USA, Australien und Großbritannien. Auf eine Darstellung der Ergebnisse muss hier natürlich verzichtet werden, da diese den Raum einer Rezension deutlich sprengen.

Die zwei vorliegenden Rezensionen stehen quasi stellvertretend für die befürwortende und die ablehnende Haltung zum personenzentrierten Ansatz bei Demenz, wie sie auch in Ian Mortons Buch im Rahmen der Entwicklung personenzentrierter Ansätze bei Demenz beschrieben wird.


Rezensentin
Dr. rer. medic. Christine Riesner
Leiterin des Referats "Grundsatzfragen der Pflegewissenschaft- und pädagogik / Modellstudiengänge" Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
Homepage www.dzne.de
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Zitiervorschlag
Christine Riesner. Rezension vom 17.06.2003 zu: Ian Morton: Die Würde wahren. Personenzentrierte Ansätze in der Betreuung von Menschen mit Demenz. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2002. ISBN 978-3-608-91039-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/878.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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