socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Edeltraud Koller, Barbara Schrödl u.a. (Hrsg.): Exzess. Vom Überschuss in Religion, Kunst und Philosophie

Cover Edeltraud Koller, Barbara Schrödl, Anita Schwantner (Hrsg.): Exzess. Vom Überschuss in Religion, Kunst und Philosophie. transcript (Bielefeld) 2009. 214 Seiten. ISBN 978-3-8376-1192-2. 18,80 EUR, CH: 33,90 sFr.

Reihe: Kultur- und Medientheorie.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Kulturkritik ist (gesellschaftliche) Lebenskritik, ist Zivilisationskritik, ist Kulturkritik

Die Entwicklung von Gesellschaften, Zivilisationen und Menschenbildern zu beobachten und zu kritisieren, gehört zu den ureigenen Beschäftigungen von Philosophen, Soziologen und Gesellschaftsmenschen, die den Anspruch vertreten, Alternativen zu den traditionellen Vorstellungen und Bräuchen von menschlichen Gemeinschaften aufzuzeigen; gewissermaßen gegen die entweder von göttlichen, oder von menschlichen Mächten gesetzten Normdiktate vorzugehen und anderes Denken zu wagen. Wartete auf sie in den Zeiten der absoluten und unantastbaren Wahrheitsregime der Scheiterhaufen, das Schwert oder der Giftbecher, so ist spätestens seit der Aufklärung und der Kantischen „Kritik der reinen Vernunft“ Kritik an gewissen Maßlosigkeiten in der gesellschaftlichen Entwicklung eine intellektuelle Herausforderung.

Entstehungshintergrund und AutorInnen

Die Assistentinnen und Assistenten der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz in Österreich, das sind junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem Weg in die Hochschulkarriere, entweder zur Vorbereitung ihrer Doktorarbeiten, im Rahmen ihrer post-doktoralen Forschungen, sowie ihrer Bereitschaft und Schulung zum wissenschaftlichen, interdisziplinären Dialog, haben sich für ihren „Studientag“ (2008?) eine brisantes Fragestellung vorgenommen: Exzesse als Teil unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit und als zentrales Phänomen unserer (westlichen) Kultur. Der Begriff „Exzess“ als Ausschweifung, Maßlosigkeit …, macht ja bereits deutlich, dass es sich dabei um (Grenz-)Überschreitungen von Normen und Verhaltensweisen handelt, die individuell und gesellschaftlich unterschiedlich wahr genommen, gewichtet und gewertet werden und damit in einem Spannungsverhältnis menschlicher Verhaltensweisen, zwischen Bedrohung und Befreiung, Persönlichkeitsentfaltungen und –gefährdungen, egoistischen und sozialen Anforderungen, alltäglichen und exzeptionellen Situationen, stehen. Exzesse, so könnte man auch formulieren, sind die schwarzen Löcher im emotionalen Gerüst der Menschen, die, individuell, lokal- und globalgesellschaftlich das Zusammenleben der Menschen auf der Erde beeinflussen und bestimmen. Als Herausgeberinnen des Diskussionsforums zeichnen die Moraltheologin Edeltraud Koller, die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Barbara Schrödl und die Religionslehrerin Anita Schwantner. Der Sammelband wird in fünf Kapitel gegliedert:

  1. Im ersten Teil geht es um „den maßlosen Blick ins fremde Schlafzimmer“;
  2. im zweiten um „exzessives Sammeln";
  3. im dritten wird danach gefragt, „wenn Gott sein Maß verliert“;
  4. im vierten werden „Formen von Exzess in der virtuellen Welt“ aufgezeigt; und
  5. im fünften Kapitel werden „Exzesse in Literatur und bildender Kunst“ diskutiert.

Aufbau und Inhalt

Anita Schwantner reflektiert mit ihrem Beitrag vom „Sinn und Unsinn der maßlosen Neugier“ die ambivalente Bedeutung der Neugierde im Denken und Handeln der Menschen. Dabei konfrontiert sie die Volksweisheit „Neugierige Leute sterben bald“ mit kreativitätsorientierten und marktstrategischen Formen der „Unersättlichkeit der Neugier“, indem sie den Begriff und die verschiedenen Ausprägungen und Phänomenen von menschlichem Neugierverhalten historisch, kulturanthropologisch und philosophisch herleitet, um dann den Zeigefinger auf die Wunden des „neugiertötenden schulischen Lernens“ zu legen, das es mit dem systembedingten, organisatorischen und curricularen Lern- und Leistungsdenken darauf anlegt, den Kindern das „Warum?“ – Fragen abzugewöhnen. Ihr Plädoyer für „maßvolle Neugierdsnasen“ ist gleichzeitig eine Herausforderung, „der eigenen Neugier immer wieder nachzugehen, um vor allem ihr lebensförderliches Potential in Zeiten von Krisen und Unsicherheit zu entfalten“.
Edeltraud Koller setzt sich, angesichts des Öffentlichkeitswahns, wie er sich in vielfältigen Formen intimen und gesellschaftlichen Präsentierens zeigt, mit der ethischen Bedeutung des Schutzes der Privatsphäre auseinander. Die „Skandalierung von Privatheit“ in der Öffentlichkeit bedarf der besonderen Aufmerksamkeit (vgl. dazu auch die Rezension zu Christian Pundt: Medien und Diskurs. Zur Skandalisierung von Privatheit in der Geschichte des Fernsehens, transcript (Bielefeld) 2008). Die Herausforderungen für eine „Kultur des Privaten“ sind gefordert.

Das zweite Kapitel „Exzessives Sammeln“ wird vom Diplom-Theologen Ansgar Kreutzer mit handlungstheoretischen, theologischen und kulturkritischen Bezügen zum Lesen eingeleitet. Ihm fällt auf, dass der (deutsche) Büchermarkt eine merkwürdige, exzessive Entwicklung durchmacht: Während auf der einen Seite „Bücher immer noch (das werbewirksam genutzte) Versprechen eines phantasieanregenden, kontemplativen, entschleunigten und auf verarbeitbare sinnliche Eindrücke reduzierten Mediums“ beinhalten, zeigen andererseits „Vermassung, Beschleunigung und Ökonomisierung… deutliche Züge des Exzesses“. Der Autor entwickelt „Grundlagen einer Lesetheologie“ und diskutiert Formen des Lesens „als Exzess der Langsamkeit in einer rasenden Gesellschaft“.
Der Kulturwissenschaftler Jürgen Rath macht an zwei Fallbeispielen, des österreichischen Adligen Nepomuk Graf Wilczek (1837 – 1922) und des Linzer Domkapitulars Friedrich Pesendorfer (1867 – 1935), auf exzessives Sammlerverhalten aufmerksam. Dabei arbeitet er gemeinsame Merkmale heraus, die Sammlerleidenschaft und Selbstdarstellung der Sammler charakterisieren.

Im dritten Teil, mit der provozierenden Titelung „Wenn Gott sein Maß verliert“, reflektiert der Theologe Michael Zugmann „Ausschweifung und Maßlosigkeit“ am Beispiel (s)einer neutestamentlichen Bildergalerie. Es seien die Kardinaltugenden, wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, die den Lastern, den sieben Hauptsünden – Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Trägheit – gegenüber stünden. Die Bildinterpretationen verdeutlichen die „Botschaft vom exzessiv liebenden Gott“.
Ebenfalls der Theologe Andreas Telser macht sich daran, eine „fundamentaltheologische `Entgegnung` auf die Rede von der exzessiven Liebe Gottes“ vorzunehmen. Dabei setzt er die Absolutheit der „grenzenlosen Liebe“ Gottes zu den Menschen in das Spannungsverhältnis sowohl einer „transformierend-bestärkenden“, als auch einer „übergriffig-einengenden“ Gottesliebe und warnt vor Selbsttäuschungen menschlicher Vollkommenheit.

Das vierte Kapitel behandelt „Formen von Exzessen in der virtuellen Welt“. Über „exzessive Gewaltästhetik bei Computerspielen aus pastoraltheologischer Sicht“ denkt Helmut Eder nach. Gegen Gewaltauswirkungen, wie sie bei Computerspielen und virtuellen Phantasmen in die Welt kommen, sind tendenziell zwei Reaktionen geläufig: Totalverbot oder Infragestellung eines Zusammenhangs zwischen einer Gewalttat, etwa dem Amoklauf und von Killerspielen (vgl. dazu auch die Rezension zu Peter Langman, Amok im Kopf. Warum Schüler töten, 2009). Eder zeigt mit seinem Beitrag einen dritten Weg auf. Er analysiert das Rezeptionsverhalten und die Wirkungen von exzessiven Gewaltspielen und schlägt medienpädagogische und pastoraltheologische Alternativen vor.
Die Studentin für Kunstwissenschaft und Philosophie, Sandra Kratochwill, verdeutlicht mit der Kunstausstellung „@xess“ die virtuelle Bewusstseinswelt „Second Life“. Deutlich wird das Verschwimmen der Grenze zwischen Fiktion und Realität auf der Plattform, das nicht selten bei den mittlerweile weltweit millionenfach Beteiligten zur Leugnung der Wirklichkeit führt, weil „das reale Leben ( ) unseren Erwartungen selten gerecht (wird)“. Die in der Ausstellung gezeigten künstlerischen Arbeiten setzen sich mit diesen Phänomen der Wirklichkeitsverweigerung auseinander.

Im fünften Teil „Exzesse in Literatur und bildender Kunst“ greift Barbara Schrödl in ihrem Beitrag das Phänomen auf, das sich die Metapher „Kreativität“ mittlerweile als identitätsstiftende „kreative“ Tätigkeit im Bewusstsein und als Lebensgefühl von vielen Menschen zeigt. Gewissermaßen mit der Besitzergreifung des Beuys` Wortes: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Kunst, populärer Kultur, Kitsch und Kommerz und vermindern eher die notwendigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, als dass sie sie förderten.
Der Philosoph Artur R. Boelderl reflektiert zum Schluss des Kapitels am Beispiel des Werks des österreichischen Schriftstellers Werner Kofler das Verhältnis seiner Landsleute zur Literatur und Kunst. Soll Kunst die Wirklichkeit zerstören oder darstellen? Diese uralte Frage ist Gegenstand von Boelderls Nachdenken über Koflers Literatur, die er mit den Kunstwerken von Marcel Duchamp vergleicht und, angelehnt an Derrida, zur Entdeckung kommt: Etwas schreiben, herstellen, gestalten… heißt, „Dinge speichern heißt sie wiederholen, Wiederholung aber bedeutet zugleich Entfremdung, bedeutet einen Überschuss an Bedeutung zuzulassen…“.

Fazit

Die Werkstattberichte des Studientages der wissenschaftlichen Assistentinnen und Assistenten der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz in Österreich zum Thema „Exzess“ stellen Reflexionen über Überschüsse in unseren gesellschaftlichen Wirklichkeiten dar, als Maßlosigkeiten und Ambivalenzen. Die gesellschaftskritischen Anlässe dafür bieten uns die Realitäten im Alltag, in der Kultur und Kunst; und sie erfordern Handlungsperspektiven. Der Sammelband stellt einen interdisziplinären Beitrag zur Diskussion der individuellen und sozialen Relevanz von Exzess im gesellschaftlichen Leben dar.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.12.2009 zu: Edeltraud Koller, Barbara Schrödl, Anita Schwantner (Hrsg.): Exzess. Vom Überschuss in Religion, Kunst und Philosophie. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1192-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8782.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung