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Wilhelm Schwendemann, Hans-Joachim Puch (Hrsg.): Armut – Gerechtigkeit

Cover Wilhelm Schwendemann, Hans-Joachim Puch (Hrsg.): Armut – Gerechtigkeit. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2009. 304 Seiten. ISBN 978-3-932650-36-9. 15,00 EUR.

In Zusammenarbeit mit Richard Edtbauer und Alexa Köhler-Offierski. Evangelische Hochschulperspektiven Band 5.
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Thema

Armut und Gerechtigkeit haben als gesellschaftliche Themen Konjunktur. Wie über dieses Thema gesprochen wird, ist wichtig weil dadurch schon vorab Weichenstellungen in der Wahrnehmung getroffen werden. Armut und Reichtum bekommen durch das gesellschaftliche Reden über sie ihr Gesicht. Ungerechte Praxis, so die Herausgeber, kann in biblischer Sprache als Sünde charakterisiert werden. Als zentrales Thema des Sammelbandes wird genannt: Die Verbindungslinien von Armut und Gerechtigkeit zu bestimmen und die Verhältnisbestimmung als Partizipationsgerechtigkeit auszulegen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die Herausgeber, W. Schwendemann und H.-J. Puch, und die AutorInnen, insgesamt 24, sind oder waren alle an evangelischen Fachhochschulen zur Sozialen Arbeit tätig. Am Ende des Buches gibt es eine Aufstellung über Publikationen der vier Hochschulen.

Entstehungshintergrund

Der fünfte Jahresband der vier evangelischen Hochschulen will nach eigenen Angaben Absolventinnen und Absolventen für Soziale Arbeit jenseits eines mittelschichtorientierten Blicks für soziale Notlagen sensibilisieren.

Aufbau

Ein Sammelband mit 19 Beiträgen, die etwa jeweils knapp zehn Textseiten umfassen, ist ein schwieriges Format zwischen Wörterbuch, Handbuch und Diskussionsband. Die Herausgeber gliedern es in vier unterschiedlich umfangreiche Teile und nehmen dabei erhebliche Abgrenzungsschwierigkeiten in Kauf.

Inhalt

I Philosophische, theologische, sozial- wirtschaftspolitische Grundlagen

Der erste Teil des Buches (Seite 19 bis 122) diskutiert ausgehend von den Denkschriften der EKD verschiedene Fragen sozialer Gerechtigkeit (Offene Settings, Mindestlöhne, Zugänge, Grundsicherung, Bildung). Kirchliche Geschichte(n) führen zu Überlegungen wie Kirchengemeinden sich gegenüber Armut und der Praxis des Ausschließens von Menschen verhalten. Claudia Schulz reflektiert, wie wenig die Beteiligungsmuster der Ortsgemeinden zu Vorstellungen von Teilhabegerechtigkeit passen.

II Sozial- politikwissenschaftliche Theoriebildung und Reflexion.

Mit vier Beiträgen (Seite 125 bis 171) wird versucht sich dem Thema zu nähern: Präsentiert werden Texte zu Fragen von Armut und Alter, den Schwachstellen des deutschen Sozialstaates (Gisela Kubon-Gilke verweist darauf, dass Wohngeld zu einer Umverteilung von arm zu reich führt), Beispielen für Entscheidungsprozesse in der Wohnungslosenhilfe und die Idee, einen theologisch sozialpolitisch begründeten Eid für die kirchliche Sozialarbeit zu etablieren.

III Juristische Fokussierungen

Hier wird mit zwei Beiträgen (Seite 175 bis 192) auf das Recht als Kategorie der gesellschaftlichen Vermittlung eingegangen. Im ersten Beitrag wird die Ende 2008 in Kraft getretene „Unterstützte Beschäftigung“ nach §38a SGB IX diskutiert, die für behinderte Menschen die Möglichkeit schafft außerhalb von Werkstätten sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu finden. Der zweite Beitrag bezieht sich auf das gemeinsame Sozialwort der beiden großen Kirchen „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ und diskutiert Teilhabe und Selbstbestimmung im Sozialrecht. Die kritische Bestandsaufnahme von Hans-Ulrich Weth führt zu Forderungen an die Politik und den Gesetzgeber die Rechtsansprüche auszubauen und benennt konkrete Ziele.

IV Empirie und Handlungsfelder Sozialer Arbeit

Die sechs Beiträge dieser Rubrik (Seite 195 bis 262) bieten einen Einblick in: Armut und Pflegebedürftigkeit (Margret Flieder stützt sich auf ein Forschungsprojekt), Kinderarmut in indischen Elendsquartieren, seelischen Erkrankungen und sozialen Status, psychischen und alkoholbezogenen Probleme Wohnungsloser, einem Managementmodell für Unternehmen der Caritas und Diakonie sowie Überlegungen zur Sozialen Arbeit als Menschenrechtshandeln.

Diskussion

Der Band gibt einen differenzierten Einblick über die Beiträge von evangelischen Hochschullehrern Armut und Gerechtigkeit in Beziehung zu setzen, enthält aber wenig Neues über Armut. Eine systematische Diskussion des Zusammenhanges von Armut und Gerechtigkeit ist in dem Format, wie dieses Buch als Sammelband angelegt ist, nicht zu erwarten. Was man bekommt sind: ‚theologisch-sozialethisch begründete Vorstellungen von Gerechtigkeit‘ und evangelisch inspirierte Interpretationen von Gerechtigkeitskonzeptionen und ihre Bezüge zu Aufgabenfeldern der Sozialen Arbeit. Bezüge zu den Theorien und den Konzepten der Sozialen Arbeit kommen nicht vor. Die Stärke des Bandes liegt in seinem Einblick in einen Diskussionsstand – bei mir ist die Hoffnung auf eine thematisch stringentere Veröffentlichung entstanden. Aktuell geboten wird bereits: Anknüpfungspunkte, Brücken und Lehrstellen zwischen der evangelisch gerahmten Ausbildung in Sozialer Arbeit, evangelischer Theologie und der Arbeit in den Gemeinden. Daraus können nicht nur die genannten Hochschulen reflexiven Gewinn ziehen, sondern alle Einrichtungen, die sich mit der Aus- und Fortbildung von Professionellen in der Sozialen Arbeit beschäftigen. Denn wie über das Verhältnis von Armut und Gerechtigkeit gesprochen, bzw. nicht gesprochen wird ist höchstfolgenreich für Arme und Reiche, unser soziales Miteinander und viele Menschen in anderen Ländern.

Mein persönlicher Wunschkatalog ist:

  • Die Selbstreflexion kirchlich geprägter Sozialer Arbeit zu den Themen Armut und Gerechtigkeit könnte ehrlicher, deutlicher und ertragreicher ausfallen, z.B. thematisieren warum eine so fragwürdige Organisation wie die Arche soziale und öffentliche Bedeutung gewinnen konnte.
  • Weniger Perspektiven in einen helfenden Habitus münden zu lassen, der in einem aufklärerischen, kritischen Gewand daher kommt und konfliktfreie Optionen wie Bildung bevorzugt – mehr über Sünde und Sünder reden (z.B. die Initiative neue soziale Marktwirtschaft).
  • Mehr Aufmerksamkeit dem Zusammenhang zu widmen, dass die Kommunikation über die Armut und die Armen symbolischer Verhaltenssteuerung für die gesamte Gesellschaft beinhaltet und über die unmittelbar Betroffenen hinausgeht.

Der Band zeigt eine Diskussion, die sich dem Thema Armut entschieden verpflichtet fühlt – der Eindruck einer zusammenhängenden Perspektive im Rahmen der Sozialen Arbeit stellt sich nicht ein. Die wäre aber enorm wichtig in einer Gesellschaft, in der exponierte und kampagnenfähige Kräfte das Thema Armut aus dem Kontext Soziale Gerechtigkeit herausnehmen und unter dem Kontext Fehlanreize diskutieren wollen.

Fazit

Die Hochschulen leisten mit dem Band für die Profession und die Ausbildung einen wichtigen Beitrag – die hochschulübergreifende themenbezogene Kooperation ist hervorragendes Modell. Wer sich für den Diskurs von Armut und sozialer Gerechtigkeit an evangelischen Fachhochschulen interessiert, sollte nicht zögern den Band zu erwerben. Er erfährt hier viel über den Stand der Debatte und über Chancen und Risiken des Redens über Armut und Gerechtigkeit. Allerdings bei den Fragen: Welche Brücken zwischen Armen und Reichen, Armut und Reichtum, Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit können die evangelischen Theologie, die evangelischen Fachhochschulen und eine von ihnen beeinflusste Praxis der Sozialen Arbeit stiften, die sich von denen anderer Einrichtungen unterscheiden, sind die Antworten schwer zu entdecken.


Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 07.06.2010 zu: Wilhelm Schwendemann, Hans-Joachim Puch (Hrsg.): Armut – Gerechtigkeit. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2009. ISBN 978-3-932650-36-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8796.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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