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Hans Morschitzky: Angststörungen

Cover Hans Morschitzky: Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Springer (Berlin) 2009. 4., überarbeitete u. erweiterte Auflage. 730 Seiten. ISBN 978-3-211-09448-8. D: 69,95 EUR, A: 69,95 EUR, CH: 108,50 sFr.
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Thema

Angststörungen betreffen Jeden. Laut aktuellen Studien (z.B. NCS- & NCS-R-Studie, zit. nach Morschitzky S. 185-86) leidet jeder vierte Mensch im Laufe seines Lebens an einer diagnostizierbaren Angst, sei es eine spezifische Angst, oder eine so genannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), unspezifische Panikattacken oder generalisierte Ängste. Somit ist die Chance selber direkt oder indirekt durch Freunde oder Verwandte mit Angststörungen konfrontiert zu werden, hoch. Hans Morschitzky bietet in seinem Standardwerk einen Überblick über sämtliche angstassoziierten Störungsbilder, deren Ursachen und die therapeutischen Möglichkeiten. Das Buch erscheint in der mittlerweile vierten, überarbeiteten und erweiterten Auflage, in die aktuelle epidemiologischer Daten, neue theoretische Konzepte (z.B. zur sozialen Phobie und der generalisierten Angststörung), neue therapeutische Vorgehensweisen (z.B. Achtsamkeitstherapie und Akzeptanz- und Commitmenttherapie), aktuelle Daten zu Therapieeffizienz und neuere pharmakologische Entwicklungen eingearbeitet wurden.

Autor

Dr. phil. Hans Morschitzky ist klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut. Seit 1983 in der oberösterreichischen Landes-Nervenklinik Wagner –Jauregg in Linz angestellt, arbeitet er zudem in eigener Praxis mit dem Schwerpunkt Angststörungen, Burn-Out und psychosomatische Störungen.

Entstehungshintergrund

Der Autor pflegt bereits seit Jahren eine hochfrequentierte Internetseite zum Thema Ängste. Diese ist auch bei Laien mittlerweile so beliebt, dass der Autor 1998 entschloss, ein umfassendes Werk zu schreiben, dass den Ansprüchen von Fachleuten und Laien gleichzeitig gerecht zu werden. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wurde zwecks besserer Lesbarkeit beispielsweise auf die regelmäßige Nennung von Namen und Jahreszahlen bei der Verwendung von Populär- und Fachliteratur verzichtet. Für Interessierte wurde ein relativ umfangreiches Literaturverzeichnis am Ende des Buches angefügt.

Aufbau und Inhalt

Grundsätzlich unterteilt der Autor das Buch in die vier Bereiche, die im Untertitel angegeben werden:

Diagnostik

Dieser erste Teil des Buches ist mit knapp 200 Seiten sehr umfangreich. Nach einer grundlegenden Einführung in das Thema Angst (Normale und krankhafte Ängste) beschäftigt sich der Autor mit den konkreten Angststörungen:

  • Agoraphobie
  • Panikstörung
  • Generalisierte Angststörung
  • Spezifische Phobie
  • Soziale Phobie
  • Zwangsstörung
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Akute Belastungsstörung
  • Substanzinduzierte Angststörung
  • Angststörung aufgrund eines medizinischen Krankheitsfaktors und
  • Angststörungen im Kindes- und Jugendalter (dieses Thema wird nur kurz angerissen, der Autor verweist hier auf das hier http://www.socialnet.de/rezensionen/1401.php rezensierte Buch von Silvia Schneider, das mittlerweile leider vergriffen ist.).

Anschließend stellt er Ängste bei anderen Grunderkrankungen (z.B. bei Hypoglykämieängste bei Diabetes mellitus) dar. Abschließend werden epidemiologische Daten zu Häufigkeit und Verlauf von Angststörungen dargestellt.

Konzepte

Hier werden die umfassenden Erklärungsmodelle für Angststörungen dargestellt. Einen breiten Raum nehmen zunächst mit gut 100 Seiten die (neuro-) biologischen Erklärungsmodelle ein. Anschließend wird im Sinne der frühen verhaltenstherapeutischen Modelle Angst als erlerntes (konditioniertes) Verhalten erläutert, bevor auf aktuellere kognitive Konzepte eingegangen wird. Diese genannten Erklärungsmodelle führt Hans Morschitzky dann im Rahmen eines biopsychosozialen multikausalen Erklärungsmodells kurz zusammen. Auf die traditionellen und umfassenden analytischen Erklärungsmodelle geht er als gelernter Verhaltenstherapeut ebenfalls ein. Abschließend stellt er kurz und prägnant das interaktionell-systemische, sowie das humanistische Modell dar, bevor Entwicklungspsychologische Aspekte und geschlechtsspezifische Themen erläutert werden. Dieser Teil des Buches wird abgerundet durch das Thema Angst im Zeitalter der Globalisierung (Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes).

Therapie

Als gelernter Verhaltenstherapeut stellt der Autor vor allem selbige Konzepte zur Therapie dar. Hier beschreibt er zunächst die therapeutischen Grundprinzipien bevor jeweils das therapeutische Vorgehen bei konkreten Störungsbildern (z.B. Agoraphobie) darstellt. Im weiteren Verlauf werden Erfolge und Perspektiven der Verhaltenstherapie (z.B. Commitment-Therapie und Achtsamkeitstherapie nach Kabat-Zinn) dargestellt. Abschließend geht er auf das Vorgehen im Rahmen von Persönlichkeitsstörungen ein.

Selbsthilfe

Dieser Teil des Buches richtet sich direkt an den interessierten Laien bzw. den Betroffenen. Im Abschnitt Selbsthilfe bei Angststörungen stellt Morschitzky folgende Methoden dar:

  • Bibliotherapie
  • Selbstdiagnostik mittels Fragebogen (vom Autor entwickelt)
  • Problem- und Zielanalyse
  • Entspannungstraining
  • Atemtraining
  • Achtsamkeitstraining
  • Akzeptanz- und Commitmenttraining
  • Angstbewältigungstraining
  • Kognitive Strategien der Angstbewältigung
  • Panikbewältigungstraining
  • Bewältigungsstrategien bei sozialen- und generalisierten Ängsten sowie bei Zwangsstörungen
  • Selbsthilfegruppen für Angst- und Zwangskranke

Anschließend gibt er noch Ratschläge für Angehörige zwangs- und angsterkrankter Menschen.

Abgerundet wird das Buch mit jeweils einem Kapitel zum Thema medikamentöse Behandlung bei Angststörungen sowie Phytotherapie (pflanzliche Mittel) bei Angststörungen.

Diskussion

Bei dem mittlerweile in der vierten Auflage erschienen Buch von Hans Morschitzky handelt es sich wohl um das umfassendste Werk im deutschsprachigen Raum. Das Buch richtet sich laut Autor sowohl an interessierte Laien als auch an Fachpersonal. Diesen Spagat hinzubekommen, ist ein hochgestecktes Ziel, das sich nicht immer voll erreichen lässt. So geraten einige Abschnitte für Laien viel zu umfangreich und anspruchsvoll, andere sind für ausgebildete Psychologen oder Ärzte eher redundant. Beispielsweise ist vor allem der Abschnitt über Angst als biologisches Geschehen sehr umfangreich (knapp 100 Seiten) geworden. Für Laien werden neuropsychologische Vorgänge so komplex geschildert, dass das Lesen an dieser Stelle eher frustran werden dürfte. Als Psychologe hatte ich an dieser Stelle eher das Gefühl, mein gesamtes im Studium erlerntes Wissen zum Thema Biopsychologie aufzufrischen. Gerade für Laien hätten in diesem Abschnitt weniger Text und grafische Abbildungen das Verstehen erleichtern können. Das, was beispielsweise an dieser Stelle zu umfangreich geraten ist, hätte ich mir an andere Stelle umfangreicher gewünscht. So wird beispielsweise auf den gesamten Bereich der Angststörungen im Kindes- und Jugendalter nur auf einer (!) Seite eingegangen. Der Autor verweist zwar auf das Standardwerk von Silvia Schneider (2003), dieses Buch ist aktuell jedoch vergriffen. Eine Neuauflage ist derzeit auch lt. Verlag auch nicht in Planung. Des Weiteren wird auf Testverfahren und Fragebögen im Abschnitt Diagnostik auch nicht eingegangen. In diesem wird dafür sehr umfassend die Diagnostik nach den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV dargestellt. Besonders postitiv hervorzueheben ist jedoch die Aktualität des Buches: So geht der Autor auf aktuelle vielversprechende therapeutische Verfahren wie beispielsweise die Achtsamkeitstherapie (Kabat-Zinn), die Akzeptanz- und Committmenttherapie (Hayes et al.) und am Rande auch EMDR nach Shapiro ein. Des Weiteren werden aktuellste Studien, so z.B. die derzeit kritisch diskutierten Meta-Studien von Kirch zur Wirksamkeit von Antidepressiva dargestellt. Der Selbsthilfeteil des Buches bietet Handlungsanweisungen für Betroffene, wie man sie sich besser nicht wünschen kann.

Fazit

Das Buch von Hans Morschitzky bietet einige Hürden: Den interessierten Laien mag es sowohl im Hinblick auf Umfang als auch inhaltlich und preislich überfordern. Dem Fachpersonal mag der Inhalt zum Teil redundant erscheinen. Dennoch bleibt festzuhalten: Wer sich darauf einlässt, es ganz zu lesen, der lernt viel Neues und auch Bekanntes. Zum Thema Angststörungen ist es sicherlich das umfassendste und beste Buch, was der Markt derzeit zu bieten hat.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 23.03.2010 zu: Hans Morschitzky: Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Springer (Berlin) 2009. 4., überarbeitete u. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-211-09448-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8804.php, Datum des Zugriffs 18.02.2020.


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