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Petra Focks: Leitfaden für eine geschlechtsbewusste Pädagogik

Cover Petra Focks: Starke Mädchen, starke Jungs. Leitfaden für eine geschlechtsbewusste Pädagogik. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2002. 180 Seiten. ISBN 978-3-451-27788-7. 11,90 EUR.
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Einführung

Bereits im Vorschulalter werden wesentliche Impulse für den Erwerb der Geschlechteridentität bei Mädchen und Jungen gesetzt. Ausgehend von der Geschlechterforschung ist schon seit langem bekannt, dass Präsentationsweisen von "Weiblichkeit" und "Männlichkeit" keine angeborenen Attribute, sondern sozial und kulturell zugeschriebene und erworbene Verhaltensweisen darstellen. Kindertageseinrichtungen, wie Kindergärten, -tagesstätten und -horte stehen als wichtige Sozialisationsinstanzen vor der Herausforderung konzeptionelle Veränderungsprozesse für eine geschlechtsbewusste Pädagogik zu entwickeln, die geschlechtliche Selbstbilder und Handlungsmöglichkeiten von Mädchen und Jungen erweitern, Vorurteile abbauen und Benachteiligungen entgegenwirken.

Dr. Petra Focks ist Professorin an der Katholischen Fachhochschule für Sozialwesen in Berlin. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich im Rahmen ihrer pädagogischen Praxis mit Mädchen und Jungen sowie in Forschung, Fortbildung und Lehre mit geschlechterbewusster Pädagogik.

Aufbau und Inhalt

"Starke Mädchen, starke Jungs" versteht sich als ein Leitfaden für eine geschlechtsbewusste Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Aufbauend auf theoretischen Fundierungen, die mit vielfältigen Beispielen aus dem Alltag verdeutlicht werden, entwickelt Petra Focks ein Baukasten-Modell zur Umsetzung einer situationsbezogenen geschlechtsbewussten Pädagogik in der eigenen Einrichtung.

In ihrer Vorbildfunktion schreibt die Autorin Erzieherinnen und Erziehern eine zentrale Rolle zu, da sie sich dem "doing gender" nicht entziehen können und Geschlecht als soziales Konstrukt vorleben. Kinder als aktive Gestalter ihrer Entwicklung ernst nehmen und aufmerksam begleiten zu können, die Unterschiedlichkeit von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, erfordert von den pädagogisch tätigen Kräften ein pädagogisches Selbstverständnis, das die eigene Reflexions- und Handlungskompetenz und die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechter- und Berufsrolle voraussetzt. Eine aufgeklärte Mädchen- und Jungenarbeit wird als generelles Arbeitsprinzip vorgestellt, das losgelöst von pädagogischen Konzepten den Alltag der Kindertageseinrichtung bestimmt.

In Kapitel eins:"Warum brauchen wir eine geschlechtsbewusste Pädagogik?" sensibilisiert Petra Focks für eine geschlechtsbewusste Pädagogik und beleuchtet Hintergründe. Sie diskutiert die soziale Konstruktion von Geschlechtlichkeit ("gender") durch Zuschreibung und eigenen aktiven Erwerb ("doing gender") durch Interaktion. Sie beleuchtet Geschlecht als gesellschaftliches Strukturprinzip und verweist auf seine Wirkungen.

In Kapitel zwei: "Die theoretischen Grundlagen geschlechtsbewusster Pädagogik" wird das theoretische Fundament für pädagogische Interventionen abgebildet. In Kurzform stellt die Autorin Grundlagen, Ziele und möglichen Perspektiven von Gleichstellungs-, Differenzansätzen und (de)-konstruktivistischen Perspektiven vor.

Das dritte Kapitel: "Zur Bedeutung von Sozialisation und lebensweltlichen Zusammenhängen" zeigt auf, wie Geschlecht im Laufe der Kindheit erworben und Geschlechtsidentität aufgebaut wird. Aufbauend auf Ergebnissen der Sozialisationsforschung werden individuelle und gesellschaftliche Auswirkungen von geschlechtstypischen Verhaltensweisen dargestellt und ihre Wirkungen problematisiert.

In Kapitel vier: "Die Praxis der geschlechtsbewussten Pädagogik" widmet sich die Autorin der Grundhaltung für eine geschlechtsbewusste Pädagogik. Sie unterstreicht, dass geschlechtsbewusste Pädagogik nicht als fertiges System, Modell oder Konzept zu verstehen ist, sondern als geschlechtssensible Haltung, die unterschiedliche Handlungsansätze und Arbeitsformen erfordert. Diese Grundhaltung einzunehmen bedeutet " ... die Unterschiedlichkeit unter Mädchen und unter Jungen zu berücksichtigen und sie als aktive Gestalter ihrer Entwicklung ernst zu nehmen und zu fördern." S.92

Aufbauend auf der theoretischen Erörterung werden im letzten Kapitel fünf Bausteine für eine geschlechtsbewusste Pädagogik für Kindertageseinrichtungen vorgestellt. Beispiele und praxisnahe Anregungen beziehen sich nicht nur auf die Arbeit mit den Kindern, sondern auch auf die Auseinandersetzung mit sich selbst, im Team, mit den Eltern und auf die Öffnung der Kindertageseinrichtung zum Gemeinwesen und weiteren Umfeld.

Fazit

Petra Focks ist es gelungen einen praxisnahen Leitfaden zur geschlechterbewussten Pädagogik zu entwickeln, der einen wichtigen Beitrag zum Gender-Mainstreaming in Kindertageseinrichtungen leistet. Aufbauend auf kurzgefassten theoretischen Hintergründen wird ein Bausteinsystem entwickelt, das die große Praxisnähe der Autorin wiederspiegelt. Dabei ermuntert die Autorin Erzieherinnen und Erzieher durchgehend dazu, als Identifikationspersonen eigenes geschlechterüberwindes Verhalten zu praktizieren und Mädchen und Jungen darin zu stärken, sich geschlechtsuntypisch zu verhalten.

"Starke Mädchen, starke Jungs" richtet sich nicht nur an Erzieherinnen und Erzieher, sondern an alle Personen, die mit Kindern arbeiten oder sich für eine geschlechtsbewusste Pädagogik interessieren.

Zu diesem Buch liegt bereits eine weitere Rezension vor.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy


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Zitiervorschlag
Elke Katharina Klaudy. Rezension vom 06.05.2003 zu: Petra Focks: Starke Mädchen, starke Jungs. Leitfaden für eine geschlechtsbewusste Pädagogik. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2002. ISBN 978-3-451-27788-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/881.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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