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Bernd Schorb, Günther Anfang u.a. (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik

Cover Bernd Schorb, Günther Anfang, Kathrin Demmler (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. Medienpraxis. kopaed verlagsgmbh (München) 2009. 311 Seiten. ISBN 978-3-86736-099-9. 19,80 EUR.

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Thema

Wer sich mit Fragen der Medienpädagogik beschäftigt, stößt sehr schnell auf den von Jürgen Hüther und Bernd Schorb herausgegebenen Band „Grundbegriffe Medienpädagogik“, der im Jahr 2005 in vierter Auflage erschienen ist (vgl. die Rezension). Das Buch darf als eines der Standardwerke der Medienpädagogik in Deutschland gelten. Vier Jahre später hat Bernd Schorb zusammen mit zwei weiteren Herausgebern, nämlich Günther Anfang und Kathrin Demmler, erneut ein Buch zu Grundbegriffen der Medienpädagogik vorgelegt, diesmal mit dem Zusatz „Praxis“. Die Herausgeber[1] führen aus, der Band sei speziell auf die medienpädagogische Praxis zugeschnitten und wolle Medienpädagogen Informationen liefern, die für ihre praktische Arbeit nützlich seien. Das neue Buch solle das ältere Buch langfristig ergänzen (S. 7).

Was auf den ersten Blick unkompliziert und plausibel erscheint, erweist sich bald als nicht ganz so unkompliziert und wirft schon konzeptionell die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis auf. Kommt ein Medienpraktiker ohne theoretische Kenntnisse und Überlegungen aus? Auch praktisch tätige Medienpädagogen haben bestimmte Vorstellungen von den Medien, mit denen sie arbeiten: Welche Chancen oder „Gefahren“ sind mit Medien verbunden? Wie wirken Medien? Auch wenn vielleicht nicht jeder Medienpraktiker über solche Fragen ständig nachdenkt, so lässt er sich doch von „impliziten Theorien“ in seiner Tätigkeit leiten. Wie die thematische Auswahl der Beiträge zeigt, sind sich auch die Herausgeber des Buches bewusst, dass eine klare Trennung zwischen „theoretischen“ und „praktischen“ Erkenntnissen oder von Informationen, die für „Theoretiker“ oder für „Praktiker“ hilfreich sind, nicht immer möglich ist. So bietet das Buch Aufsätze zu einem breiten medienpädagogischen Themenspektrum an. Man findet nicht nur Artikel zur aktiven Medienarbeit und zur handlungsorientierten Medienpädagogik, sondern auch Aufsätze über einzelne Medien oder über das theoretische Konzept der Medienkompetenz. Neben Artikeln über Jungenarbeit, Gruppenarbeit und Fotoarbeit stehen Beiträge über Gegenöffentlichkeit, Gewalt und Sozialisation.

Herausgeber

Bernd Schorb ist Professor für Medienpädagogik und Weiterbildung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig und Vorsitzender des Trägervereins für das „JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis“ in München. Zusammen mit anderen gibt er die Zeitschrift „merz | medien + erziehung“ heraus. Günther Anfang ist Medienpädagoge. Er leitet am JFF die Abteilung Praxis und ist Mitglied der Redaktion von „merz“. Die Medienpädagogin Kathrin Demmler ist Direktorin des JFF und leitet dort gemeinsam mit Günther Anfang die Abteilung Praxis.

Aufbau

Auf 311 Seiten enthält das Buch rund 80 alphabetisch angeordnete Aufsätze zu medienpädagogischen Themen. Außer den drei Herausgebern tragen etwa weitere 60 Fachleute zu dem Band bei, darunter Hans-Dieter Kübler, Sonja Moser, Horst Niesyto, Ingrid Paus-Hasebrink, Ida Pöttinger, Franz Josef Röll, Horst Schäfer, Fred Schell, Wolfgang Schindler, Klaus Schwarzer, Dieter Spanhel, Rüdiger Steinmetz, Helga Theunert, Gerhard Tulodziecki, Ralf Vollbrecht, Ulrike Wagner und Hartmut Warkus.

Die einzelnen Beiträge bieten ausgewählte Literaturempfehlungen, am Ende des Buches findet sich ein Gesamtliteraturverzeichnis, das nach Autorennamen geordnet ist. Außerdem enthält der Band ein vierseitiges Sachregister.

Inhalt

Bei aller Vielzahl der behandelten Themen fällt auf, dass die Autoren und Herausgeber darum bemüht sind, einen klaren Begriff ihres Faches Medienpädagogik zu entwickeln. So werden konkurrierende Begrifflichkeiten erläutert und verglichen: „Medienbildung“, „Medienerziehung“, „Medienkompetenz“ und „Medienpädagogik“. In den Beiträgen wird deutlich, dass eine Abgrenzung von „Medienbildung“ und „Medienkompetenz“ eine eher künstliche Unterscheidung ist, die sich nur dann halten lässt, wenn man einen eingeschränkten Begriff von Medienkompetenz verwendet, der sich dann einem umfassenderen Begriff von Medienbildung gegenüberstellen lässt.

Bernd Schorb weist dabei auf ein Phänomen hin, welches für medienpädagogische Diskussionen charakteristisch ist: Die Fachleute sind in ihren Überlegungen oft viel weiter als die Debatte in den Medien selbst – zugleich ist Medienpädagogik eine Wissenschaftsdisziplin, der es gelingt, von Wirtschaft und Politik wahrgenommen zu werden. In der Öffentlichkeit mag mitunter tatsächlich ein sehr enger Begriff von Medienkompetenz verwendet werden, nämlich eine Verkürzung auf Anwendungswissen oder technische Fertigkeiten. Demgegenüber hat die Medienpädagogik als Wissenschaft Modelle von Medienkompetenz entwickelt, die mehrere Dimensionen umfassen. Das bekannteste deutsche Modell der Medienkompetenz dürfte von Dieter Baacke stammen, der zwischen den Dimensionen Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung unterscheidet. Der Medienkunde und der Medienkritik sind in dem Buch eigene Beiträge gewidmet.
Schorb unterbreitet schließlich einen Vorschlag, wie man „Medienbildung“ und „Medienkompetenz“ voneinander abgrenzen kann, ohne einen der Begriffe aufzugeben oder abzuwerten: „Medienbildung und Medienkompetenz müssen sich dann nicht ausschließen, wenn man erstere als Ziel medienpädagogischen Handelns sieht, zu dessen Erreichen Medienkompetenz als Bündel von Fähigkeiten ausgebildet werden muss. Medienkompetenz kann, um im Bild zu bleiben, als die Schrittfolge auf dem Weg zur Medienbildung gekennzeichnet werden.“ (S. 189)

Im Artikel über „Medienkompetenz“, den Helga Theunert verfasst hat, findet man grundlegende Positionen zur Medienpädagogik, die als programmatisch für das Buch gelten können. Theunert sieht es als Ziel der Medienpädagogik an, „Menschen für ein souveränes Leben mit Medien stark zu machen“ (S. 199). Dies bedeute ein Leben mit Medien, nicht gegen oder ohne sie. Die Propagierung medienfreier Entwicklungsstadien oder Lebensfelder erweise sich in Anbetracht einer weitreichenden Mediatisierung als reine Ideologie.

Ähnlich argumentiert Horst Niesyto in seinem Beitrag „Medienkritik“. Er grenzt sich ausdrücklich von einer „kulturpessimistischen Medienkritik“ ab, welche als Alternative zu problematischen Mediennutzungsformen Aktionen empfehle, die ganz ohne Medien auskämen. Dagegen fördere die Medienpädagogik den „kritischen, selbstreflexiven und sozial verantwortlichen Umgang mit Medien“ (S. 207).

Niesyto gelingt es in seinem Beitrag, seinen theoretischen Standpunkt durch konkrete Beispiele für medienpädagogische Projekte zu verdeutlichen und damit eine Brücke von der Theorie zur Praxis zu schlagen. So regt er Vorhaben an, in denen sich Jugendliche mit stereotypen Rollenbildern in Daily Soaps und mit den Möglichkeiten von Inszenierungen in Dokumentarfilmen und Nachrichtensendungen auseinandersetzen. Niesyto schlägt weiter vor, Jugendliche könnten neue Kinofilme in Filmjurys oder auf Internetportalen bewerten. Wichtig ist ihm ebenfalls die Medienkritik im Rahmen der „aktiven Medienarbeit„: Jugendliche drehen eigene Filme, befassen sich selbstkritisch mit ihren Werken und gehen auf Publikumsreaktionen ein.

Was Horst Niesyto in seinem Beitrag nur kurz erwähnen kann, behandeln andere Autoren in Artikeln ausführlicher, die sich auf einzelne Medien oder Methoden beziehen. Fred Schell stellt die „aktive Medienarbeit“ vor, Sabine Sonnenschein erläutert die „rezeptive Medienarbeit“, Bernd Schorb führt in die „handlungsorientierte Medienpädagogik“ ein, und Jan Keilhauer macht die Leser mit der „themenzentrierten Medienarbeit“ vertraut. Manchmal wünschte man sich hier eine noch konkretere Beschreibung einzelner Projekte – so könnte plastischer hervortreten, welche Möglichkeiten sich der Medienpädagogik bieten, aber auch, auf welche Schwierigkeiten sie stößt.

Neben Artikeln zu einzelnen Medien (unter anderem Hörfunk, Film, Fernsehen, Mobiltelefon, Internet, Computerspiele), zu methodischen Ansätzen und zu theoretischen Konzepten enthält das Buch Beiträge zu Themen, die für die medienpädagogische Praxis wichtig sind: Es finden sich zum Beispiel die Stichwörter „Gender“, „Migration“, „Behinderung“ und „Identität“.

Diskussion

Das von Schorb, Anfang und Demmler herausgegebene Buch „Grundbegriffe Medienpädagogik – Praxis“ ist umfassend angelegt und erlaubt vielfältige Einblicke in medienpädagogische Themen. Die einzelnen Beiträge umfassen oft nur drei Seiten: Dies hat den Vorzug, dass man sich kurz und knapp über ein Gebiet informieren kann. Der Nachteil liegt auf der Hand: Wer längere Darlegungen zu einzelnen Themen erwartet, wird enttäuscht. So muss der lesenswerte und fundierte Artikel von Ingrid Paus-Hasebrink über das Fernsehen mit zweieinhalb Seiten auskommen und ist damit kürzer als ein Beitrag über exemplarisches Lernen. Bei allen Handbüchern und Lexika kann man sich über Auswahl und Umfang der Stichwörter streiten. Man vermisst dieses oder jenes Thema oder hält ein Thema, das aufgegriffen wird, für überflüssig oder zu breit dargestellt. Die Herausgeber könnten solche Einwände in diesem Fall durch die Bemerkung entkräften, dass es sich bei dem Band nur um den ergänzenden Praxisband zum älteren Band „Grundbegriffe Medienpädagogik“ (ohne den Zusatz „Praxis“) handele. Gleichwohl seien einige Hinweise gestattet.

Die Herausgeber vertreten einen nachvollziehbaren, aufgeklärten Begriff von Medien und von Medienpädagogik. Wie sie selbst feststellen, sind manche Beiträge zu öffentlichen Debatten jedoch keineswegs von einem solchen Medienverständnis geprägt. Auch die Praxis der Medienpädagogik etwa in Kinder- und Jugendfreizeitstätten sieht sich mit Vorstellungen von Medien und ihren Wirkungen konfrontiert, die weit hinter den reflektierten Positionen der Herausgeber und Autoren zurückbleiben. In den Köpfen vieler Sozialarbeiter und auch vieler Studenten von Medienfächern herrschen oft gerade die Vorstellungen, die die Mitarbeiter des Buches kritisieren: Man wünscht sich medienfreie Freizeitbeschäftigungen herbei und sieht „die Medien“ als Ursachen für alle möglichen angeblichen Fehlentwicklungen in der Gesellschaft. Die in der wissenschaftlichen Medienpädagogik längst überholt geglaubte Bewahrpädagogik ist fester Bestandteil der Alltagstheorien etlicher Politiker, Sozialpädagogen und Studenten. Für engagierte Medienpädagogen sind solche Vorstellungen ein beträchtliches Hindernis in der praktischen Arbeit. Insofern wäre es wünschenswert, wenn ein Buch, das sich der medienpädagogischen Praxis zuwendet, in einem eigenen Beitrag auch solche medienfeindlichen Alltagstheorien analysierte.

Auffällig ist schließlich, dass sich der Band auf medienpädagogische Debatten und Begrifflichkeiten in Deutschland konzentriert. Es könnte nicht schaden, auch einen Blick auf Projekte, Konzepte und Diskussionen in anderen Gegenden der Welt zu werfen. So ist in angelsächsischen Ländern und in Asien nicht von „media competence“ die Rede, sondern die Debatte kreist um Begriffe wie „media literacy“, „media literacy education“ oder „media education“. Auch praktisch arbeitende Medienpädagogen könnten vielleicht von anderen Ländern lernen.

Fazit

Die kritischen Überlegungen trüben indessen nicht den sehr guten Gesamteindruck, den der Band hinterlässt. Das Buch „Grundbegriffe Medienpädagogik – Praxis“, das von Bernd Schorb, Günther Anfang und Kathrin Demmler herausgegeben wurde, gewährt einen fundierten Einblick in wichtige Themen der Medienpädagogik und hat das Zeug, sich ebenso wie der ältere Band der „Grundbegriffe“ zum medienpädagogischen Standardwerk zu entwickeln. Auf einer durchdachten theoretischen Grundlage bietet der Band wichtige Informationen für medienpädagogische Praktiker, aber auch für alle, die sich mit Grundfragen der Medienpädagogik auseinandersetzen wollen.


[1] Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird im Text stets die maskuline grammatikalische Form verwendet, gemeint sind immer Menschen beider Geschlechter, also Medienpädagoginnen und Medienpädagogen, Studentinnen und Studenten usw.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Buchloh
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Homepage www.ph-ludwigsburg.de/kumebi


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Zitiervorschlag
Stephan Buchloh. Rezension vom 08.12.2010 zu: Bernd Schorb, Günther Anfang, Kathrin Demmler (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. Medienpraxis. kopaed verlagsgmbh (München) 2009. ISBN 978-3-86736-099-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8811.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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