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Miriam-Irene Tazi-Preve (Hrsg.): Familienpolitik. Nationale und internationale Perspektiven

Cover Miriam-Irene Tazi-Preve (Hrsg.): Familienpolitik. Nationale und internationale Perspektiven. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 161 Seiten. ISBN 978-3-940755-45-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.

Familienforschung – Schriftenreihe des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) SR 20.
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Ausgangspunkt

Das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) der Universität Wien führt anwendungsorientierte Studien und Grundlagenforschung zur Struktur und Dynamik von Familien, Generationen, Geschlechtern und Partnerschaften durch.

Diesem „Buch liegt die Idee zugrunde, aus Sicht der Familienforschung zu einem Diskurs beizutragen, der die Komplexität des Verhältnisses zwischen Familie, und damit der Mikroebene, und Politik, also der Makroebene, grundsätzlich thematisiert“ (Auszug aus dem Klappentext).

Dabei ist der Forschungsgegenstand Familie eine interdisziplinäre Querschnittsmaterie.

„Die disziplinären Zugänge der AutorInnen als Soziologinnen, Historiker, und Politologin reflektieren unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen. […] Thematisch finden in diesen Bericht Beiträge Eingang, die für Österreich und Deutschland die aktuelle politische Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgreifen sowie die grundsätzliche Verfasstheit der großen österreichischen Parteien in Fragen der Familie skizzieren. Weitere Sujets sind spezifischen familienpolitischen Steuerungsinstrumenten aus ländervergleichender Sicht gewidmet“ (S. 12).

Aufbau

Das Buch umfasst fünf Hauptgliederungspunkte:

  1. ÖVP,SPÖ und die Familie. Eine Analyse der Grundsatzprogramme von 1945 bis 1998
  2. Die Vereinbarungslüge. Von der Unvereinbarkeit der Ansprüche von Staat, Familie und Arbeitswelt aus system- und geschlechtskritischer Sicht.
  3. Beteiligung der Väter am Elternurlaub. Ein Vergleich der Inanspruchnahme, Rahmenbedingungen, Hemmnisse und Motivation in Island und Österreich.
  4. Familienähnliche Kinderbetreuung in vier europäischen Wohlfahrtsstaaten, Österreich, Frankreich, Schweden und Großbritannien im Vergleich.
  5. Kulturaustausch oder Kinderbetreuung? Implizite Familienpolitik in den USA am Beispiel Au-pair.

Zu 1.

Rudolf Karl Schipfer führt aus: Wie nicht anders zu erwarten ist in beiden Parteien, wenn auch mit unterschiedlicher Betonung des Geschlechterthemas im Sinne der Gleichberechtigung von Frau und Mann, ein „Änderung der Programmatik hin zu mehr Modernität seit den 1970er Jahren festzustellen“ (S.55). Dies bedeutet auch eine Änderung des sprachlichen Duktus, es gibt weniger „imperative Formulierungen“, die Breite der Aussagen nimmt zu und der Umfang und die Vielfalt der Programme vergrößern sich im Sinne der Orientierung an den „Vorstellungen präsumtiver Wählerinnen und Wähler“ (ebd.).

Zu 2.

Ziel dieses „Beitrages von Mariam Irene Tazi-Preve ist es, „die Debatte um Vereinbarkeit von Familie und Beruf kritisch zu reflektieren und die in den medialen und politischen Debatten ungenügend oder kaum deklarierten Annahmen und Prämissen sichtbar zu machen“ (S.58).

Die Autorin will die „vorhandenen Denkschemata aufbrechen“ und aufzeigen, wie sich in Österreich neben „der Ideologie des traditionellen Mutterbildes und dem der „Karriere-Mutter“ ein neuer Typus als gesellschaftliche Norm entsteht, [nämlich der]der „in Teilzeit berufstätigen Frau, die Beruf und Familie zu vereinbaren hat“, die sog. „Vereinbarerin“ (ebd.).

Zu erkennen ist aus ihrer Sicht die Durchökonomisierung des familialen Bereichs, die Arbeitswelt dringt in den privaten Bereich ein, gleichzeitig sind es dennoch ungefähr zwei Drittel aller Frauen, die den Haushalt alleine bewältigen, mit oder ohne Kinder, was große Auswirkungen auf die Erwerbschancen, Einkommen und Karriere hat (vgl.S.63).

Frauen müssen divergierende Ansprüche erfüllen, durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten erhöht sich zumeist das Pensum an täglicher Arbeitszeit bei Berufstätigkeit.

Mütter werden folgende Optionen offeriert:

  • „das Hausfrauendasein, das den männlichen Ernährer voraussetzt,
  • die mittels Teilzeit Berufstätigkeit und Familie Vereinbarende, die wiederum aufgrund des geringen Einkommens den Partner als „Ernährer“ voraussetzt,
  • oder die durch Mutterschaft, Hauhalt und Beruf dreifachbelastete „Karrierefrau““ (S.64).

Im Prinzip wird politisch suggeriert, dass Frauen gleiche Chancen wie Männer hätten. Formale, rechtliche Gleichheit bedeutet aber nicht soziale Gleichheit.

Die Tendenz zur „Hausfrauisierung“ (Werlhof) werde auch heutzutage weitergeführt. Hierarchisierung und Ungleichheit habe nach wie vor geschlechtlichen Charakter.

In der Vereinbarkeitsdebatte werde argumentiert, wenn genügend Betreuungsplätze für Kinder aller Altersstufen vorhanden wären, dann würde sich die Unterschiede nivellieren. Doch dies gehe von einer geradlinigen Lebens- und Erwerbsbiographie aus, die nicht mehr der Lebensrealität von heute entsprechen würde: Die Lebensrealität sei jedoch von „unausgesetzten Brüchen gekennzeichnet wie Krankheit des Kindes, eigene Krankheit oder die des Partners, Betreuung der älteren Generation, persönliche und familiäre Krisen“ (S.72).

Auch monetäre Ersatzleistungen bei Geburt eines Kindes, Angebote der institutionellen und familienähnlichen Kinderbetreuung und die Umgestaltung der Arbeitszeit, u.a. der Forderung nach mehr Teilzeitarbeit (S.73) würden in der „vergeschlechtlichten“ Gesellschaft nicht an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern ,letztlich gäbe es zwar eine neue politische Familienrhetorik, die jedoch auf eine Ökonomisierung des Sozialen abziele.

Im Prinzip bleibe es bei der „Vereinbarungs-Lüge“, da die „Vereinbarkeit zweier divergierender Systeme propagiert wird, die einander per se ausschließen, dem des familialen Bereichs und den Anforderungen des Arbeitsmarktes. Es bestände die „Notwendigkeit einer fundamentalen Systemkritik einschließlich ihrer Vorannahmen und a priori gesetzten Begrifflichkeiten: die Unterwerfung des Menschen unter die wirtschaftsliberalen Zielsetzungen eines ungebremsten Wachstums“ (S.80).

Zu 3.

Im dritten Teil erfolgt ein Vergleich der Väter im Elternurlaub in Island und Österreich. Nach Sonja Dörfler kann Island dabei „nach der Typologie der Familienpolitik von Bahle (1998) dem skandinavischen Modell“ zugerechnet werden, „das sich durch ein gut ausgebautes Angebot sozialer Dienstleistungen für Kinder, umfangreiche Arbeitszeitrechte sowie ein Fokus auf die Gleichheit der Geschlechter auszeichnet“ (S.85).

Österreich wiederum sei durch eine „Verbindung marktwirtschaftlicher Dynamiken, konservativen Wertstrukturen und Leitbilder“ (ebd.) geprägt. In beiden Länder sei es die Zielsetzung, die Beteilung der Väter an der Betreuung der Kleinkinder zu erhöhen durch Elternurlaub und Elterngeld.

Auffallend ist, dass die Fertilität in den Ländern extrem unterschiedlich ist, in Island im Jahre 2005 pro Frau bei 2,1 Kindern liegt, in Österreich hingegen bei 1,4.

Auch die Erwerbsquote liegt in Island deutlich über der Erwerbsquote von Männern und Frauen in Österreich. Österreich hat „im Vergleich zu einigen skandinavischen Ländern ein geringes Ausmaß der Väterbeteiligung am Elternurlaub bzw. dem Geldleistungsbezug“ (S.92).

Insgesamt weist „Island einen rund zehnmal so hohen Anteil an Vätern am Elterngeldbezug auf wie Österreich.“ Island ist damit „führend unter allen skandinavischen Ländern“ (S.94).

Der gesamte Erziehungsurlaub und der Geldleistungsbezug sind in Island jedoch deutlich kürzer als in Österreich. Die arbeitsrechtliche Beurlaubung für Eltern ist in Österreich mit 24 Monaten deutlich länger als in Island mit neun Monaten. „Bezüglich eines eigenständigen Väteranteils an der Karenzzeit ist Island mit drei Monaten führend; in Österreich gibt es keinen Anteil am Elternurlaub, der nach dem Prinzip „use it or lose it“ ausschließlich für den Vater vorgesehen ist, dafür sind allerdings drei, vier oder sechs Monate des monetären Transfers ausschließlich für den Vater vorgesehen“ (S. 102).

In Island sind jedoch die monetären Leistungen im Regelfall deutlich höher als in Österreich, dort werden 80% des Einkommens erstattet, in Österreich ein Fixbetrag unabhängig von der vorangegangenen Einkommenssituation bezahlt. Voraussetzung in Island ist aber die Unterbrechung oder Reduktion der Erwerbstätigkeit.

Die finanziellen Einbußen sind auch der Grund für die Nichtinanspruchnahme in Österreich.

In beiden Ländern existieren Widerstände der Arbeitgeber, diese sind aber offensichtlich in Österreich erheblich größer was die Beanspruchung der Karenzzeit betrifft.

„ Die angeführten Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass sich ein eigenständiger Anteil für Väter am Elternurlaub nach dem Prinzip „use it or lose it“ in Kombination mit der derzeit diskutierten Einkommensersatzleistung auf die Beteiligung der Väter positiv auswirken kann“ (S.103).

Zu 4.

Im vierten Teil werden von Sonja Dörfler die familienähnlichen Kinderbetreuungsformen in Österreich, Frankreich, Schweden und Großbritannien miteinander verglichen. Familienähnliche Betreuungsform wird hier als „entweder in Privathaushalten stattfindende Betreuung oder als Betreuungsform, die von den Eltern selbst organisiert und gestaltet wird“ (S.107) verstanden.

Die vorgestellten Länder wurden deshalb ausgesucht, da sie ein unterschiedliches Verständnis familienpolitischer Leistungen repräsentieren. Während Schweden auf eine gleichberechtigte Teilnahme am Erwerbsmarkt und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf abziele, sei in Österreich Familie zwar ein „deklarierter politischer Wert“, allerdings werde gerade im Bereich der Kinderbetreuung „eher wenig effektiv gehandelt“ (ebd.).

Frankreich hingegen verfüge über ein großzügiges staatliches System außerfamilialer Kinderbetreuung und effektive politische Maßnahmen.

In England wiederum werde die Familie als Privatangelegenheit betrachtet. Hier werde nur eingegriffen, wenn die Existenz bedroht sei, was sich dann in einer „Vielzahl von Leistungen für bedürftige Familien“ (S.108) äußern würde. Die Analyse ergibt äußerst unterschiedliche Bilder:

  • Österreich fördert eher im monetären Bereich. Frankreich hat eine große Variationsbreite von familienähnlichen Betreuungsformen wie Tageseltern und BetreuerInnen im eigenen Haus bis hin zu Krippen und zur Vorschule (Ecole Maternelle) reichend.
  • In Großbritannien ist die Betreuung primär Privatangelegenheit und wenn, dann „vorwiegend von kommerziellen Anbietern getragen“ (S.128).
  • In Schweden gibt es ein gut ausgebautes institutionelles Angebot, Tageseltern sind mehr „Lückenfüller“ in abgelegenen ländlichen Gebieten. Elternkooperationen nehmen hier deutlich zu und fallen durch innovative Betreuungskonzepte auf.

Zu 5.

Der abschließende 5. Beitrag von Christine Geserick setzt sich mit der Familienpolitik in den USA am Beispiel Au-pair auseinander. Die Autorin verdeutlicht „während in den meisten europäischen Staaten aktuell vor allem der Geburtenrückgang und die Vereinbarkeitsfrage zu Familie und Erwerb thematisiert werden, hat die US-amerikanische Familienpolitik einen komplett anderen Fokus. In Politik und Forschung fokussieren die USA vor allem auf die Armutsbekämpfung bei Müttern und ihren Kindern“ (S.134). Es gäbe in den USA „keine Familienpolitik, die ein universell ausgerichtetes Bündel konkreter Familienleistungen zur Verfügung stellt“ (ebd.). Die Autorin spricht hier von einer impliziten Familienpolitik, es gibt keine dezidierten, familienpolitischen Maßnahmen.

Das Au-pair-Programm bietet nun einkommensstärkeren Familien eine Chance zu einer attraktiven Form der Kinderbetreuung, „wobei ansonsten kein effektives Ansinnen einer Politik zur Kinderbetreuung zu erkennen ist“ (S.139). Sie arbeitet dezidiert heraus, wie der Au-pair-Aufenthalt organisiert und durchgeführt wird, welche detaillierten Regelungen dafür gelten und welche Chancen diese Form der Kinderbetreuung für alle Beteiligten bietet. Aupairs gelten nicht primär als Arbeitskräfte, sondern sind Teilnehmer/innen eines akademisch-kulturellen Austauschprogramms.

Fazit

Ein informatives, engagiertes Buch, das insbesondere Studierenden und Praktikern im Bereich der Elementarerziehung, neben familiensoziologischen Grundüberlegungen zum Verhältnis von Geschlecht, Familie und Erwerbsarbeit, zusammenfassende Darstellungen über familienorientierte Leistungen in unterschiedlichen Ländern bietet. Schade, dass Deutschland nur am Rande in die Überlegungen miteinbezogen wurde.

Doch dies schränkt den Gehalt des Buches nur zum Teil ein, denn auch der Blick über den Tellerrand ist sinnvoll. Es treten prägnant die Unterschiede der Unterstützung von Familien hervor als Grundmuster der Ziele der jeweiligen Sozialpolitik. Also auch für sozialpolitisch engagierte Personen zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 09.01.2010 zu: Miriam-Irene Tazi-Preve (Hrsg.): Familienpolitik. Nationale und internationale Perspektiven. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-940755-45-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8827.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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