Kollektiv Rage (Hrsg.): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei
Rezensiert von Fabian Gödeke, 22.12.2009
Kollektiv Rage (Hrsg.): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei. Assoziation A (Berlin) 2009. 280 Seiten. ISBN 978-3-935936-81-1. 16,00 EUR.
Thema
Die AutorInnen des Sammelbandes beschäftigen sich - ausgehend von den Unruhen in den französischen Banlieues im Jahr 2005 - mit den sozialen und ökonomischen Verhältnissen in sogenannten „Problembezirken“. Auf der Rückseite des Buches wird dieses treffend als eine „Collage“ beschrieben. So geht es den AutorInnen auch nicht um eine Rekonstruktion der mittlerweile vier Jahre zurückliegenden Ereignisse, sondern darum, ein differenziertes Bild der französischen Banlieues zu zeichnen und ihre Geschichte einer gründlichen Analyse zu unterziehen.
Autorinnen und Autoren
Der Band versammelt die Stimmen von AutorInnen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen. Dies soll hier anhand zweier AutorInnen kurz verdeutlicht werden.
Ingrid Artus ist Soziologin und arbeitet an der Universität Erlangen-Nürnberg. Zur Zeit der Revolte war sie im Rahmen eines Forschungsaufenthalts in Frankreich.
Steen Thorsson, welcher im Sammelband mit einem Beitrag über die Regierung von Problembezirken anhand des Berliner Weddings vertreten ist, ist freier Autor, Journalist, DJ und Filmemacher und lebt in Berlin. Er hat drei Jahre im Wedding in einer politischen Gruppe gearbeitet, die einen Stadtteilladen betrieb. Außerdem hat er in weiteren politischen Stadtteilprojekten in Santiago de Chile, Caracas und Buenos Aires gearbeitet.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in insgesamt 13 Aufsätze und Interviews, die durch eine Chronologie der Unruhen in den Banlieues von 1971 bis 2009 abgerundet werden. Die AutorInnen beschäftigen sich mit so unterschiedlichen, aber miteinander verwobenen Themen wie prekären Beschäftigungsverhältnissen in Frankreich und dem „Verhältnis von Rap und Revolte“ (RIAD: 207).
Nach dem obligatorischen Vorwort und einem Interview mit einem Bewohner einer Pariser Banlieue, liefert Ingrid Artus mit ihrem Aufsatz „Die Novemberrevolte in den Französischen Banlieues – Blinde Wut oder soziale Bewegung?“ eine Analyse der Aufstände vom November 2005. Sie geht zunächst auf die Umstände des Todes von Bouna und Zyed ein, welche der aktuelle Anlass der Unruhen, aber keinesfalls ihr alleiniger Grund waren. So macht die Autorin deutlich, dass sich die Wut der Jugendlichen vor allem gegen die Institutionen Polizei und Schule richtet. Diese erleben sie als Kontrollinstitutionen, die ihnen ihre soziale Ausgrenzung täglich vor Augen führen.
Diese Ausgrenzung der revoltierenden Jugendlichen und ihrer Familien verläuft anhand der drei Exklusionsmechanismen Klasse, Ethnizität und Wohnraum. So wird die Diskriminierung der BanlieuebewohnerInnen durch ihren Wohnort noch weiter verstärkt. Anhand dieser historisch gewachsenen Diskriminierungsformen macht die Autorin deutlich, dass es sich nicht um ein Ereignis handelt, welches nur durch den vorhergegangenen Polizeieinsatz zu erklären ist.
Die auf diesen folgenden Unruhen lassen sich in drei Phasen einteilen:
- In der ersten Phase fanden die Unruhen in der Pariser Region statt. Die Revolte fand nicht den Weg in die Innenstadt und die besser situierten Viertel.
- Nach einigen Tagen dehnte sich die Revolte nach und nach über ganz Frankreich aus. So gab es u.a. Unruhen in Lille, Strasbourg, Montpellier, Bordeaux und Lyon.
- Die dritte Phase trat am 8. November nach 12 Nächten der Unruhen ein, als Premierminister de Villepin den Ausnahmezustand ausrief. Bürgermeistern von 25 Départements wurde damit erlaubt zu entscheiden, ob sie den Ausnahmezustand ausrufen wollen um damit Demonstrationsverbote und nächtliche Ausgangssperren durchzusetzen. Sieben Bürgermeister entschieden sich dafür. Die Unruhen flauten langsam ab.
In Verbindung mit Emmanuelle Piriots Beitrag „Die Banlieues als politisches Experimentierfeld des französischen Staates“, in dem die staatlichen Maßnahmen zur „Gestaltung“ der Banlieues seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erläutert werden, klärt Steen Thorsson mit seinem Aufsatz „No Go Areas in Berlin: Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ über die neuen Techniken des Regierens in den oft als „Problembezirken“ bezeichneten Vierteln auf. Wird der Begriff der begrenzten Staatlichkeit sonst häufig in den Diskussionen um failing states benutzt, so geht es hier um ein „Herrschaftsparadigma […]das sowohl neue Sozialtechniken der Selbstführung beinhaltet, als auch auf neuen Sicherheits- und Kontrollfunktionen basiert“ (Thorsson: 230). Beschreibt Piriot in ihrem Aufsatz, wie in den Banlieues seit den 80er Jahren im Gefolge des von Allain Tourraine ausgerufenen Paradigmas der Inklusion/Exklusion die nicht mehr an der Mehrheitsgesellschaft teilhabenden Gruppen durch eine von oben verordnete Zivilgesellschaft in Kombination mit einer verstärkten Polizeipräsenz ruhiggestellt werden sollten, so richtet Thorsson seinen Blick auf den Berliner Wedding, wo er drei Jahre in einem politischen Stadtteilladen arbeitete. Der Autor greift in seinem Aufsatz auf dort geführte Interviews zurück und zeichnet das Bild eines ökonomisch brachliegenden Stadtteils, in dem versucht wird durch Maßnahmen des dort installierten Quartiersmanagements und der Förderung „sogenannter SOS-Dienstleistungen (Sauberkeit, Ordnung, Sicherheit)“ (ebd.: 247) disziplinierend auf die BewohnerInnen einzuwirken und gleichzeitig das schlummernde (soziale) Kapital des Viertels nutzbar zu machen. Gerade in Verbindung mit den Schilderungen Piriots ergibt sich so die Möglichkeit ein tiefer gehendes Verständnis von neuen Techniken des Regierens zu gewinnen,
Diskussion
Die Stärken des Buches liegen in seiner Vielschichtigkeit und der Gründlichkeit der Analysen. Trotz der Vielseitigkeit des Buches hat man nie den Eindruck, dass dieses keinen roten Faden aufweist. So bieten bspw. die oben beschriebenen Aufsätze von Piriot und Thorsson gute Einblicke in neuere Herrschaftstechniken, wobei zu wünschen ist, dass speziell Thorssons Beitrag für die weitere Diskussion um die Transformation des Staates fruchtbar gemacht wird. Es ist äußerst fraglich, ob angesichts seiner aktivierenden Rolle die Rede vom Neoliberalismus und dem Rückzug des Staates weiter aufrecht erhalten werden sollte.
Die Interviews mit dem Banlieuebewohner Eric und den Soziologen Laurent Mucchielli und Mathieu Rigouste lockern die Lektüre auf und helfen ein tiefer gehendes Verständnis vom Leben und den Unruhen in den Banlieus und der Rolle der Ethnizität zu gewinnen.
Leider fällt der Text des RuhrgebietsInternationalismusArchivs Dortmund (RIAD) über das Verhältnis von Rap und Revolte qualitativ hinter den meisten anderen Beiträgen zurück und erschöpft sich stark in der Aufzählung verschiedener MusikerInnen und Songtexte. Dies ist besonders schade, da die Prägung der Jugendlichen der Banlieues durch die Hip-Hop Kultur ein äußerst spannendes Thema ist.
Fazit
Der Band kann jedem empfohlen werden, der sich mit den Pariser Banlieues und den Unruhen von 2005 auseinander setzen möchte. Des Weiteren liefert er wie bereits beschrieben einen Beitrag zur Diskussion um veränderte Herrschaftstechniken und trägt zur Diskussion um die Situation der Banlieuebewohnerinnen bei. Aufgrund des stark normativen Charakters der einzelnen Beiträge sind diese besonders diskussionsanregend.
Rezension von
Fabian Gödeke
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